Gleitendes Arbeitsjournal: Sonntag, der 30. Mai 2010. Amgarth in Buenos Aires. Samarkand.

11.31 Uhr:
[Amgarth. Hoher Ahorn über verwildertem Garten.]

„Du mußt trinken, einen Liter Flüssigkeit, dann ist der Kopfschmerz vorüber.” – Hat gestimmt. Und ich sitze an einem überladenen Damen-Schreibtischchen, trinke gefriergetrockneten Kaffee, in heißem Wasser gelöst, viel Milch dazu, das hat es lange nicht mehr gegeben: aus der Arbeitsroutine heraus. Engweit das Gemach, rundherum alle Wände, die Decke des Raumes sogar, in rotem fallenden, an der Decke gespanntem Samt. Es war fast halb drei, als wir hergekommen waren, der Profi hatte auf dem Grillfest gesessen, so hochgewachsen er ist, so achtels vorgebeugt, und zur Seite immer, während er an seiner Zigarette saugt. >>>> Sukov: Nein, ein Gästezimmer haben wir nicht mehr, das ist jetzt das Lager >>>> des Verlags, „doch wenn ihr mögt: dies ist ein freies Haus. Wir würden es eher genießen, wenn ihr auf unserem Sofa…”, im Wohnzimmer nämlich, dezent beschaut, so daß es näherlag, ein Taxi zu nehmen. Zumal auch Jensen da war, der Ochsenköpfige, der nur darauf wartete, wir würden uns entblößen und gäben Anlaß, innere Meldung zu machen. Es ist klar, daß solche Kassiber zum Einsatz kommen, irgendwann, wenn ich nicht mehr damit rechne. Wir erhalten die Rechnung für eleganteste Körper eines Tages unweigerlich serviert, des Profis achtsamer, skeptischer Blick ging auf Warnung. Auch Sobottke, der Marxist, war da, und Leverkühn: erzählte ich das schon? Ich hatte Shrimps mitgebracht, Calamari-Tuben, es gab einen exzellenten Kartoffelsalat jenseits aller Mayonaise, jenseits auch des Specks, und in solchen Knoblauch marinierte Balsamico-Tomaten, daß der Knoblauch an den Tuben nicht fehlte. Dazu weißes Brot, das ich brach.
Die Samarkand erschien gegen zehn, Leverkühn umwarb sie… nein, nein, Sie liegen falsch: nicht dieser, sondern ein Jener im Tennisschritt der postmodernen Philosophie, den Teufel zwar am kleinen Finger (links, wie sich das gehört), aber doch auch so anti-foucaultsch gesalbt, daß man meinen möchte, hier sei jenseits jeglich autoritären Gehabes ein Schritt in die Zukunft getan, der sie zu Recht auch verspricht. Darüber lag, über dem allen, ein entertainendes Lachen, bisweilen etwas zu aufgedreht, ein Lack gutgelaunter Gesellschaftlichkeit, die sehr wohl Mercedes Sosa erlaubte und den Fall in die Tiefe, die mich innig immer so lockt. Lena, die ebenfalls dawar, gewann: der Profi wurde Zeuge. Dann saß er auf dem Sofa, der edle Kopf der Samarkand an mir, dann saß Gesell gegenüber, schmal, diesmal ohne Anzug & Kawatte, sondern in legerer Windjacke, an wiederum ihm eine Art jugendliche Verbault, ironisch aufgebrezelt, man sah schon die Zähne hinter den Lefzen, die sie, als ihren Rock, schürzte. Ein Spitzenhöschen, Zwanziger/Dreißiger Jahre. Ich war in der Stimmung, mich treiben zu lassen, hintreiben zu Haut, auch wenn Gesell selbstverständlich recht hatte, spätnachts, schon morgens fast, ein Weitres zu verweigern: „Ich spiele nie beim ersten Mal”, sagte er, lächelte, fuhr, als wir ins Taxi gestiegen waren, drei Minuten neben uns in seinem Flitzer her. Dann bog er ab, oder wir bogen ab, die Siegessäule sah aus, als wäre sie eingechristot, seltsam, dachte ich und schwieg, nun b e i d e die Frauen neben mir; ich wußte längst, ich würde… versagen ist das falsche Wort, sondern: entgleiten. Es gibt ein Miteinander von Frau und Mann, das wie die Wellen einer Dünung ist, die sich momenthaft heftig hebt, aber schon ausrollt im Sand, vor sich hinklätschelt einige Zeit, sich dann wieder hebt… eigentlich ein Akt der sinnlichen Meditation. Zumal, klugerweise, ein Kondom ins Spiel kam, sehr schnell, „du bist sehr schnell”, sagte ich, „aber bitte…” Wir bäumten uns, und wieder legte sich das Meer und dünte. So weiter, bis wir einschliefen. Ich versage mit Kondomen ja nahezu immer. Das Fenster geschlossen, so wachte ich alleträumelang auf, sah diesen Leib, ein Geschenk, betrachtete ihn, wie er schlief, schlief selbst wieder ein, wachte abermals auf, weil mir der Luftzug eines geöffneten Fensters fehlte, betrachtete wieder, lächelte, dachte: Freiheit. Alles, immer, ist körperlich, worauf es ankommt. Die Löwin wird ihre Krallen ausfahren, es wird fünf Striemen geben, ob ich mich nun wehre oder nicht. Selbstverständlich werde ich mich wehren, täte ich’s nicht, sie wäre enttäuscht. Aber wie spät auch immer es war, oder früh, irgendwann mußte ich hoch. Ich habe meinen Laptop dabei, hatte, als ich aufbrach, gedacht, möglicherweise schläfst du beim Profi; suchte nach Kaffee, nach einer Kaffeemaschine oder besser noch einer Bodum, fand nichts dergleichen, schlüpfte zur Samarkand, hauchte ihr zu: wie macht ihr Kaffee? Ich möchte etwas arbeiten. „Was hast du für eine Energie”, hauchte sie zurück; in der Tat gehört hinter den Ausruf ein Komma, ein Ausrufezeichen wäre zu laut. Ich sah ihr zu, wie sie mädchenhaft nackt diesen Schönen Tag von Clichy durchglitt, den Wassererhitzer füllte, gefriergetrockneten Kaffee in die Becher tat, aufgoß; ich trug das Geschöpf ins Bett zurück, dann holte ich die Becher. Jedes rauchte miteinander, eine Zigarettenlänge, dann schlief die Frau wieder ein. Sie schläft noch immer, gleitend, wie dieser Tag es bleiben wird. Du wirst mich anrufen irgendwann, und wirst fragen, ob ich abends heimkäme, und ich, meine Junge, werde sagen: Nein. Wir sehen uns morgen, Junior, nach der Schule.

12.25 Uhr:
Noch ging mein Iphönchen nicht. Ich beginne mit der Kleinen Theorie des Literarischen Bloggens, >>>> Abendschein hat geantwortet auf meine Frage gestern, ich habe die Idee, Print und Ebook s o zu nennen:

Alban Nikolai Herbst

Kleine Theorie des Literarischen Bloggens
Eine Erzählung.

>>>> etk-books.
Bern.

Ich will den Text so auch bearbeiten: ohne Links. Wie eine poetische Narration.

Es will wieder regnen, sanft sieht das aus: vorletzter Tag des Mais. Alle Pflanzen warten. Kräuterdüfte wehen herein, wie wenn sie schon naß wären. Direkt in meinem Blick gehen die moosbewachsenen Stufen hinauf, ich möchte nicht wissen, wohin, sondern das Geheimnis wahren.

12.44 Uhr:
Jetzt regnet es. Die Düfte werden berauschend.

16.31 Uhr:
[Arbeitswohnung. Henze, Zweites Klavierkonzert.]
Pfeife, Kakao.
Welch ein gütiges, milderndes Konzert… gütig, lindernd, weil, seit ich wieder an meinem Schreibtisch zurückbin, auch wieder der Schmerz da ist. Und doch auch das klare Bewußtsein bleibt, daß ich nicht länger, so sehr ich auch liebe, in diesem double bind aus Begehren, Vorschein von glücklicher Familie und Weggestoßenwerden, sondern angenommen leben möchte. Wenn du noch liebst, dir aber deutlich gesagt wird: „ich liebe einen anderen, und es wird zwischen uns keinen körperlichen Kontakt jemals mehr geben” – dann ist keine Basis für die Familie mehr da, auch wenn hundertfach versichert wird: „Aber die Familie ist mir das wichtigste.” Denn selbst die Hoffnung wird durchgestrichen, und du selber bist nicht mehr als eine entmannte Funktion.
So habe ich nun, und ein nächstes Mal, den Schmerz nicht nur um die für immer verlorene Liebe, sondern auch den um zwei verlorene Kinder. Ja, wäre denn zu glauben, immer nur, sowieso, zu glauben, daß wenigstens das Familiäre sicher wäre? Nein. Mein Sohn freilich, er bleibt mir, und ich bleibe ihm, auch wenn ihm nun, wie den Kleinen, zugefügt wird, was ich den Meinen niemals hatte zufügen wollen, schon gar nicht ein zweites, ein drittes Mal.
Und die Löwin ist verletzt. Sie schrieb per SMS: „Genieße Deinen Tag. Aber rufe mich nicht mehr an.” Ich hatte es morgens zweidreimal versucht. Per SMS kann ich nicht antworten, da das Versenden solcher Nachrichten in meinem Iphönchen nicht funktioniert. Jetzt weiß ich nicht: soll ich das akzeptieren? Was heißt „nicht”? Niemals? Oder warte ich „einfach” bis morgen? Oder übergehe ich die Aufforderung?
Nein, es wird uns n i c h t s geschenkt. Ich irrte.

Ich werde jetzt versuchen, mich auf meine Arbeit zu konzentrieren.

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11 Responses to Gleitendes Arbeitsjournal: Sonntag, der 30. Mai 2010. Amgarth in Buenos Aires. Samarkand.

  1. Avatar die Löwin says:

    Wird auch Zeit.

  2. Avatar LeanderSukov says:

    Wie außerordentlich erfreulich ist es, dass ein so schöner Abend, dass die Nacht, so gut in den Morgen geglitten ist, dass die ganze Chose hier so konveniert hat. Hier hat die Hälfte einen Kater (nicht ich), liegt erschöpft noch vor dem Fernseher, die Augen halb geschlossen. Der Regen draußen macht aus Berlin ein kleines Irland, so schwer fällt er und doch so leicht, so wenig grau ist das Licht, so stark duften die Pflanzen in das Haus hinein, als entsendeten sie ihre Gerüche zu Botschaft.
    Ich wünsche Dir, dass der Tag gut bleibt, besser wird sogar.

  3. Avatar vorsicht says:

    das schweigen das schweigen der sonst üppig kommentierenden
    (innerhalb von zwei stunden wurde 190 mal geklickt)
    das schweigen spricht bände, hier wird zugesehen
    die bewegung
    der mit der handfläche nach vorne aufgestellten hand
    am ausgestreckten arm
    hält sich schmerz vom leib,
    keine angriffsfläche bietet sich, keine lobmöglichkeit
    wie noch vor zwei tagen beim thema „macht“
    das hier ist was anderes, was soll man sagen, etwa „is normal“
    schulterzucken, tja, so ist das
    so ist das heute, auch wenn jemand auch den seinen etwas nie dies zumuten wollte
    (oder ist das fiktion? ist das glatteis? und warum kommentiert dann
    trotzdem niemand? oder ist vorsicht ein doof-leser, der meint, die chose sei echt,
    obwohl sie nur gespielt ist?)
    so ist das heute, und „leiden werden die kinder“
    wie schon in troja.
    jeder ist froh, nicht in jemandes gänsehaut zu stecken.
    der abend senkt sich über die welt
    aber n i c h t s geschenkt? doch, die nacht
    in der dunkelheit zeigt, wie hell es im herzen ist
    „fremd bin ich eingezogen, fremd geh ich wieder“
    herbstgefühle
    vorsichtig gedacht
    von hier nach dort

    • „Fremd bin ich eingezogen.“ Ich danke Ihnen sehr für Wilhelm Müller/Franz Schubert. Sehr.

      (Fremd zieh ich wieder aus.)

    • Avatar vorsicht says:

      gerne geschehen kennen sie die kreativitätstechnik
      (über die viele lächeln, weil sie so unmöglich scheint,
      die aber trotzdem unglaubliches schenkt (sic!))
      die kreativitätstechnik, verstorbene künstler um rat zu fragen?
      fragen sie schubert
      und hören sie
      was er ihnen rät
      sie werden das hören (es gibt auch leute, die nichts hören, aber SIE hören)
      fragen sie schubert und müller
      und wen sie fragen wollen
      lassen sie sich beschenken

    • Avatar iso says:

      fremd bin ich eingezogen… danke, für Schubert

      ich: lange Ehe, oft nicht befriedigend. Aber. 3 kinder.

      Beider klare Entscheidung: Verantwortung, die Kinder unbeschadet groß werden zu lassen.
      ist wohl geglückt, für mich allerdings wäre es anders besser gewesen. Trotzdem: es war richtig.

      Wie schrieben Sie: Am Wegesrand aufgelesen….

      Entschuldigen Sie das statement, ich fühle mich grenzüberschreitend in so sensibler „Sache“.

  4. Avatar MelusineB says:

    Wir wiederholen nicht. „This morning she left for Rome.“ – Der Stolz. Ein steifer Begriff von Ehre. – Es schmerzt zu gehen, aber auch: zu bleiben. „Wenn du noch liebst…“ – (Wer Kinder hat, bleibt gebunden.) Es gilt auch: Wir wiederholen nicht; wir leben, wenn überhaupt, ein Selbes anders.

    Trauern Sie. Leben Sie. Schreiben Sie.

    Es wird uns v i e l e s geschenkt. Nicht alles. Wir irren.

  5. Avatar vorsicht says:

    SEIN als schubert seinen freunden die winterreise
    vorgespielt und -gesungen hatte,
    waren diese ganz „verblüfft“.

    so wohl auch hier: mittlerweile fast 300 klicks, aber nur
    eine handvoll „kommentare“,
    die menschen scheinen verblüfft

    wenn es ums existenzielle geht,
    um die archaischen fragen des woher,
    wohin und wo überhaupt SEIN

  6. Avatar LeanderSukov says:

    Henze …
    Bei all den Verwerfungen meines Lebens, diesen Diskursen in tiefwaldige Irrpfade, in Trauer und auch in Verzweiflung, in die Moore des Daseins also, gelang es mir, den Kopf über dem Morast zu halten mit Musik. Tschaikowskys Violinen-Konzert in D-dur (es muss die Fassung mit David Oistrach an der Violine sein) war der Ast, den ich mir selbst hinhielt.
    Es ist ganz falsch zu glauben, Kunst, sei es nun Musik, Literatur oder Bildende Kunst, hätte keine Wirkung in die Gesellschaft. Denn es gibt ja Kausalitäten, der dialektische Zusammenhang zwischen Allem ist ja vorhanden. Und das Erleichtern von Leid, ist ja eine Tatsache, die nicht nur auf den wirkt, und nicht nur zeitlich begrenzt, welcher sich die Bürde mit dem Hilfsmittel der Kunst weniger wiegen lässt, sondern auch auf seine Handlungen und damit auf das Sein Aller.

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