Acht.




Neun <<<<

Über Alban Nikolai Herbst

https://de.wikipedia.org/wiki/Alban_Nikolai_Herbst
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4 Antworten zu Acht.

  1. MelusineB sagt:

    Initiation in die Ausnahme Dass ich dieses Buch las, verdanke ich Ihnen. (Da kannten wir uns gar nicht.) Sie sprachen darüber mit einer, wie ich empfand, Mischung aus Faszination und Abscheu, die mich neugierig machte (nachdem mich das anbetende Geraune der Hubert-Fichte-Epigonen im Seminar eher von der Lektüre abgeschreckt hatte). Prägend konnte Hans Henny Jahnns Werk für mich nicht werden, denn damals, als Sie es vorstellten, war ich knapp 30 Jahre alt, gerade kurz hintereinander zweimal Mutter geworden.

    Das „Holzschiff“ führte mich zum „Fluss ohne Ufer“ – darüber schrieb ich, damals für die Schublade, mehr als ein Jahrzehnt später überarbeitete ich den Text, weil Phyllis Kiehl in ihrem Blog fragte, ob es sich lohne, Jahnn zu lesen. Es lohnt sich. Doch auch meine Abscheu blieb vor jener „Initiation in die Ausnahme“ durch die Ermordung der Frau und die Versenkung der symbolischen Mutter – die böse Komplizenschaft einer Künstlerbrut, die Kunst und Leben als unvereinbare Alternativen begreift.

    (Nur kurz zur Erklärung, weil die Formulierung zu Missverständnissen führen könnte: Hubert Fichte halte ich für einen großartigen Autor. Doch auf Groupies – in Pop oder Hochkultur – habe ich immer allergisch reagiert.)

  2. Hans-Henny Jahnn ODER Die schwülen Mysterien. Mit ein wenig Artaud, mehr Desnos und Péret, sowie Lautréamont. Nämlich die Sexualität.

    Wie wenn es aus dem Nebel gekommen wäre, so wurde das schöne Schiff plötzlich sichtbar. Mit dem breiten gelbbraunen, durch schwarze Pechfugen gegliederten Bug und der starren Ordnung der drei Masten, den ausladenden Rahen und dem Strichwerk der Wanten und Takelage. Die roten Segel waren eingerollt und an den Rundhölzern verschnürt. Zwei kleine Schleppdampfer, hinten und vorn dem Schiff vertäut, brachten es an die Kaimauer.

    1978 ging mein Zivildienst zuende, ich war jetzt dreiundzwanzig Jahre alt und blickte auf das – andernfalls wäre ich dreimal sitzengeblieben – abgebrochene Gymnasium zurück, auf meine Saufexzesse mit sechzehn/siebzehn mit angeschlossener KurzzeitsEinzelhaft, auf bestimmt schon tausend Seiten eigenen Textes, darunter zwei Romane und eine lange, mysto-kryptische, halb christlich, halb satanistisch verquaste, halb ge>>>kafkate Novelle und extrem sentimentale, tja, Gedichte kann man eigentlich nicht dazu sagen… auf extrem sentimentale Sowasse also, ja, das ist besser. Auf eine permanente UnglücksVerliebtheit zudem, deren Objekte freilich wechselten, so, wie man surft, aber sie war, letztlich, auf etwas gerichtet, das ich bis heute meine Anima nennen muß; Sexualität spielte dabei kaum eine Rolle, weil ich die ziemlich erfolgreich in meinen Voyeurismus abgespalten hatte; die Pornokinos bedienten sie mir. Das hat niemals ganz aufgehört; mein Verhältnis zum Pornofilm ist eng geblieben, auch dann, nachdem sie, Sexualität, wirklich, real, zu leben begann. In der „perversen Spirale“ war ich drin; Jahrzehnte später würde ich von einem Gift sprechen, nach dem es mich immer wieder verlangt. Liebe läuft getrennt davon, wiewohl es Überschneidungen, tiefe Teilmengen, gibt, die dann enorm erfüllend sind.

    Die inwendige Schuld sprang Georg Lauffer
    mit unwiderstehlicher Gewißheit an.

    Holzschiff, 215 (Erstausgabe).
    Es ist etwas Dunkles um die Sexualität; das Bewußtsein um die Mechanik rührt das nicht an, und kein Pragmatismus weiß es aufzuhellen; versucht man‘s, ist das eine Rationalisierung, die sich selbst schnell durchschaut. Sofern man nicht tumb ist. Deshalb war es mir von quasi Anfang an darum zu tun, sie zu poetisieren, meine Sexualität wie ihr Dunkles.
    Aber welch eine Sprache braucht man dazu.


    Jacques Péret, Die tollhütigen Oden (Les couilles encagées):
    Hosenschlitz ruht sich aus und führt seine Lippen spazieren
    auf der frischen Möse seiner Schwester Masturbeth von
    Vollvotz, die Schmetterlinge in ihrer Rille züchtet, um
    unaufhörlich genießen zu können. Aber diese brüderliche
    Zunge und seine Lippen! Es scheint ihr, eine Pfirsichblüte
    öffne sich zwischen ihren Beinen. Nach einigen Minuten
    der Erholung wiegt Hosenschlitz seine Eier und ergreift
    wieder das Wort:
    Sie muß das Verbotene berühren, ja in das Tabu selbst hineingehen. Es zu bezeichnen, genügt nicht. Sondern. Sie muß es sein. Denn das Tabu, offiziell, war aufgehoben spätestes mit 1969/70; das änderte aber nichts an seiner subversiven Weiterexistenz. Was nicht zu bedauern ist, im Gegenteil: nichts ist a-erotischer als die Sauna oder gar FKK. Aber man sieht viel Schönheit da. Weshalb ich es drauf anlegte, Sauna und FKK zu re-erotisieren, und zwar praktisch. Ich nahm die säkularisierten Tabus ins Visier, die demokratischen, aufgeklärten – was man heute so unter Correctness versteht. Einerseits tat ich das praktisch, was Mut kostete, vor allem mich, der ich zwar ein zorniger, aber eben auch ängstlicher Mensch war und vor allem: schüchtern. Anderseits begann ich, es in die Dichtung zu ziehen. Was man mir schon früh angekreidet hat. Als >>>> Die Verwirrung des Gemüts erschien, 1983, die ich von 1981 bis Ende 1982 schrieb – meinen nunmehr, mit sechsundzwanzig, vierten Roman; der dritte, der >>>> Dolfinger, wurde nur später veröffentlich -, weigerten sich bayerische Buchhandlungen, den Roman offen für ihre Kunden auszulegen, und nahezu jede Kritik dieser Jahre bemäkelt „pornographische Stellen“ – mit schließlich, bei >>>> Meere, der heftigsten Abwehr. Dabei kann es eigentlich an der Darstellung von Sexuellem nicht liegen, vielmehr, vermute ich, ist es der enge Zusammenhang zwischen Erkenntnis, politischer Aussage und, sexualbezogen, Tabubruch, was die Gemüter so erhitzt, daß es in großen Verlagshäusern meinetwegen schon zu Schreiereien und schlagenden Türen gekommen ist, was ich, da selbst nicht dabeigewesen, nachher hintertragen bekam: „Was machen dein Texte nur mit den Menschen?“
    Aber das fing 1977/78 an. Davor war ich verkitscht ein KryptoEsoteriker. Anders bekam ich das Dunkle noch nicht in den selbstbewußten Griff.
    Wer aber sonst hatte Zugang?
    >>>> Thomas Mann? Nein. Dem stand die Verklemmung im dünnen Schnurrbart. >>>> Aragon? Der war nibelungentreu seiner Frau (niemand hat schönere Liebeserklärungen geschrieben als er, wirklich niemand, dieser Fou d‘Elsa). >>>> Döblin gar? Zu katholensozialdemokratisch. Kafka fiel eh aus. Blieb >>>> Arno Schmidt? Nee, der reinste Schweißfuß, der seine Socken nicht lüftet, weil er nix weggeben will, nicht mal Geruch. – Sie merken schon: ein Vatermord jagt hier jetzt den nächsten –

    Und das gleiche gilt für die Flasche. Ist sie nicht die Frau,
    die sich im Augenblick, da sie von Krämpfen befallen
    wird, ganz gerade hält, und der fühllose Träumer im Wind
    und die Brust für den Mund des Liebhabers und der
    Phallus? Und auch der Federhalter. Wie obszön und sym-
    bolisch ist er doch in der Hand des Dichters! Und der Hut!
    Robert Denos, Freibeuter Sanglot
    Und selbstverständlich hatte ich Artaud gelesen, auch Apollinaire, Desnos, Péret, deren Ruten & tollhütig die Oden mir aber seltsam verdinglicht vorkamen, abstrakt geil, sozusagen und rein auf eine Provokation aus, die Sexualität zum M i t t e l, etwa der Befreiung, machte, ihr aber eigentlich nicht nahe kam, nicht dem Mysterium in ihr, das ich spürte, am eigenen Leib und im Begehren. Nichts von der dunklen Göttin, wovon ein >>>> Andersen viel mehr als sie gewußt zu haben schien. Dabei hatte ich Lautréamont, den anderen Engel, noch gar nicht gelesen, der alle Romantik im scharfen Sadismus aufhebt. Womit man erst mal klarkommen muß.

    Ich habe mich auf dieses mir widerliche Buch später oft bezogen; für mein poetisches Bewußtsein ist es ein Eckpfeiler, der rechts neben dem Tor zur, nennt das Foucault, Übertretung aufgerichtet ist, zu der es mich selbst trieb, bereits mit dreiundzwanzig, aber noch, ohne es wirklich begriffen zu haben. Benns >>>> Vorstellung vom >>>> Doppelleben kam mir da vier Jahre später erst einmal recht, wiewohl ich alles andere als ein Freund der widerstandslosen „Inneren Emigration“ war. Eine Innere Emigration akzeptiere ich bis heute nur dann, wenn sie mit einem wie auch immer geheimen oder offenen Kampf gegen den Hitler verbunden war – was bedeutet: mit dem aktiven Widerstand gegen Masse, Manipulation und Massengeschmack oder mit dem Schutz Verfolgter. Dem, allerdings, kann eine Innere Emigration dienlicher sein als das Exil; sie ist dann auch härter von einem Risiko belastet, weil sie das eigene Leben gefährdet. Hieran, an nichts sonst, werden wir gemessen werden. – Nun werden Sie begreifen, w i e widerlich mir Mitläufer sind; für jeden Täter habe ich mehr Sympathie.
    Dem Mitläufer bleibt das Dunkle verschlossen.


    Als ein Außenseiter die Tür in mich öffnete und hereintrat mit einem Buch, das mir schwere Nächte bereitete.
    Ich war, >>>> über die Gründe schrieb ich am Rande schon, latent homophob. Nun zog mich ausgerechnet ein Buch, von dem ich nicht mehr lassen konnte, in die allerschwulste Schwülheit, die man sich nur denken kann – aber: das rührte an die Übertretung, das hatte nicht nur wenig von dem Dunklen, von dem ich gebannt und fasziniert war und das mich lockte, und es war genannt, vibrierte nicht nur untergründig, wie bei Andersen, mit. Es gab den 175er Paragrafen noch, vergessen Sie das nicht, und Hans Henny Jahnn, von dem ich hier spreche, hatte nicht nur nach anderer Männer Ärschen das intensivste Bedürfnis, nein, er poetisierte auch Sodomie in ihrer eben zweiten Bedeutung: das Pferdebuch, >>> Perrudja, legt davon Zeugnis ab. Ich las es noch v o r dem Holzschiff, das bereits wieder mit Kafka koaliert und sich dadurch nobilitiert – aber in der Folge wird es, Gustav Anias Horn 2 und 3, in dieselben Ungeheuerlichkeiten aufgetrieben, wie ein Bauch schwärt. Das macht so wenig vor dem Mord halt wie Maldoror, aber ist, anders als der, innig dabei… man spürt die Lust auf der Lippe, wenn man bei Jahnn den Dung riecht.
    Das ist Dichtung.
    Nicht immer eine gute, das merkte ich schnell; es gibt wahnsinnig verquaste Sätze, und der ganze hergewälzte Mythismus hat etwas klebrig Pubertäres, so wie man auch nicht wirklich von einer scharfen Konstruktion sprechen kann – aber eben das ist auch eine Stärke. An Hans Henny Jahnn begriff ich, wie das geht, das Feindliche zu überwinden, indem man es noch überhöht, aber aufs Eigene. So tut Jahnn es mit Frauen. Er ist misogyn bis ins Extrem. Das ist geradezu wahnhaft. Aber eben hierdurch entblößt er, was er beneidet. Die phallische Gerichtetheit zerfließt ihm völlig, bis er selbst – ich spreche vom mythischen Typos – Frau w i r d, Gebärende, aber doch ohne gebären zu können. Um so dunkler wütet er gegen den weiblichen – hier nicht mehr mythischen, sondern den konkreten – Leib. Es bereitet wirklich Schmerz, solche Stellen zu lesen:
    Doch mein Fleisch war weiser als ich, es gab mir die zähe Kraft
    einer gewalttätigen Überzeugung: daß ich ein wildes Recht ausübte,
    daß ich Blut mit Blut mischte, daß ich erst schweißnaß und
    erschöpft bekennen würde, dankbar und wunschlos zu sein.
    Sie ertrug den Überfall ohne Widerstreben. Sie war schmiegsam,
    bereit, ohne Dressur. Sie lachte nicht, sie weinte nicht. Ich war
    über ihr. Und es war ihr vorherbestimmt, daß jemand über sie
    kommen würde.
    Horn, 401

    Selbstverständlich durchziehen weitere Tabus, wie Schimmel in Brot, den Roman. Darin Andersen, Nabokov und Thomas Mann ähnlich, ist Jahnn pädophil, aber er sublimiert das nicht – also die Texte tun das nicht -, sondern trägt es leiblich aus. Hier wird nichts versteckt, alles ist schwer von dem Lehm an den Stiefeln. Wirklich dunghaft.
    Noch nirgendwo wie bei ihm habe ich so sehr erfahren, was Ambivalenz gegenüber einer Dichtung ist, die man, wenn man sich einläßt, im eigenen Leib s p ü r t, die man sich von ihm aber weghalten möchte und das dennoch nicht kann, weil Abwehr die falsche Antwort wäre. Die Dichtung, im Wortsinn, wird u/Ungeheuer – nicht einmal die Surrealisten, denen einiges gelang, hatten das geschafft und geschaffen. Jahnn ist der Antipode des Rationalismus und dennoch nicht faschistoid. Er ist Mörder, aber nicht Verbrecher. Genau das wird in ihm Dichtung.
    Selbstverständlich hat damals meine Verklemmtheit auf die seine reagiert, nur daß eben er mir zeigte, wie sich mit so etwas umgehen läßt: daß sie enorme Produktivkraft sein kann, auch ohne sie, wie Th. Mann meistens tut, ironisch zu verklären oder ins Abstrakte zu entheben. Und weil er so körpernah ist, ist er technikfeindlich. Sein engagierter Einsatz gegen die deutsche Wiederbewaffnung und sein früher und zäher Protest gegen die Nutzung der Atomenergie – lange, sehr lange vor der „Bewegung“ – beruht genau hierauf. Wohl wissend, was einem wie ihm trotz – und wegen – seines Blut und Bodens drohte, verließ er Deutschland bereits 1933, ein Umstand, der mir die Lektüre damals durchaus erleichterte; diese beiden, Blut und Boden, auch nur zu berühren, kam 1977 noch einer Tretmine gleich, auf die man mit voller Kraft draufspringt. Vor allem für mich, dem mit diesem Herkunftsnamen gezeichneten. Wie das mich geprägt hat, ist gar nicht zu ermessen.
    Wir schreiben das Jahr 1978. Der Sommer geht zu Ende. Ich bin in meiner ersten festen Beziehung. Die junge Frau ist klassische Gitarristin, ihr Vater Philharmoniker. Ein Referent des Bremer Kultursenats hat uns zusammengebracht: ob ich nicht mal eine Lesung mit einer Musikerin..?
    So ergab sich das. Denn anderthalb Jahre vorher nahm mich der Verband Deutscher Schriftsteller auf, so daß ich mich als solch einer fühle. Daß der „VS“ zu 7/8 aus Lehrern der GEW besteht, die in ihrer Freizeit schrieben, kapierte ich noch nicht, und aus Zoowärtern, zum Beispiel, Bänkelsängern, sowie einigen Journalisten. Hintergrund war, daß der Verband eine große Mitgliederzahl brauchte, um seine Interessen innerhalb der IG Druck, zu der er damals gehörte, wenigstens einigermaßen vertreten zu können. Selbstverständlich sind die KPDler mit am Drücker, die alles auszusitzen verstehen, politische Taktierer. Und ich komm da als Dichter rein. Aber auch Guntram Vesper ist dabei, Hugo Dittberner, der enorm sowohl kluge wie pfiffige Peter O. Chotjewitz, der immer den heute verbotenen Balkan Sobranie geraucht hat. Mein erstes Treffen, 1976 in Hannoversch Münden, wird die Quelle des >>>> Wolpertingers werden.
    Es ist eine wichtige Zeit, gar keine Frage, da im VS. Unsere Krankenabsicherung verdanken wir Schriftsteller dem. Eine historische Leistung. Dennoch, von Kunst keine Spur, sondern: strategischer Pragmatismus. Wenige Jahre später, unter Protest, verlasse ich den Verband wieder. Da bin ich aber schon ich.
    Noch werde ich‘s.
    Der Vormittag des Abendgymnasiums hebt an, und Hans Henny Jahnn versinkt in der Nacht. Anderthalb Jahrzehnte hernach begegnet er mir aber neu – >>> in der Gestalt Medeas.

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