Blankgezogen: Den Nibelungen entgegen. Das Arbeitsjournal des Dienstags, dem 6. August 2013. Sowie weitres zu Christopher Eckers Fahlmann.

7.10 Uhr:
[Arbeitswohnung.]
Mord Mord Mord und Treue – wahrlich ein deutsches Verhängnis. Keine Ahnung, weshalb die Herausgeber der >>>> horen auf die Idee gekommen sind, eine Ausgabe den Nibelungen zu widmen; weshalb man wiederum mich fragte, etwas dazu zu schreiben, ist mir allerdings ahnbar. Nach >>>> meiner letzten Erfahrung mit Richard Wagners Bearbeitung bin ich allerdings noch abweisender gegenüber dieser Sage, bzw. einem Mythos, der Dumpfheit und Reinheit gleichsetzt und den Betrug als eine List nobilitiert; bei Wagner kommt eine fürchterliche sexuelle Verklemmung hinzu, die ebenfalls idealisiert wird. Zum Mythos wurde das Ding aber überhaupt erst im 19. Jahrhundert, als sogenanntes „Nationalepos“ der Deutschen; da schon liegt die Falschheit, insofern es eine organische deutsche Nation nie gegeben hat, vielmehr wurde sie von oben dekretiert, was aus meiner Sicht der Startschuß für fast alle der von den Deutschen verschuldeten Katastrophen war: daß man Kulturraum und Nation nicht auseinanderhielt und auseinanderhalten auch nicht wollte; mehr noch: daß „Nation“, statt ein gut praktikabler administrativer Begriff zu sein, zu einem ontologischen gemacht wurde; das ging allzugut, also entsetzlich schlimm, mit dem Rassebegriff zusammen. Man kann eben nicht einmal sagen, es seien alledie einer Nation, die gemeinsam-kultureller Herkunft entstammten, bzw. sie pflegen. Das ginge allenfalls für Europa als Abendland-insgesamt mit seinen Wurzeln in der Antike und deren Humus im Orient.
Also werde ich heute früh die Nibelungen noch einmal lesen, einmal in der Sagenform:


(Hans W. Fischer, Götter und Helden, Deutsche Buchgemeinschaft 1934)
zum anderen in einer der Versformen, bevor ich dann einen eigenen Text zu den Nibelungen verfasse, in dem ich, denke ich, das Unheil fokussieren werde, das gerade diese Dichtung und insbesondere ihr archaischer Treuebegriff für Deutschland bedeutet hat. Möglicherweise ging das deshalb so „gut“, weil die verschiedensten Sozialsysteme und auch Geschlechterverständnisse in den Nibelungen gleichzeitig präsent sind, sowohl archaische als auch – fürs Mittelalter – moderne, etwa bei Etzel; es sind sozusagen alle Möglichkeiten enthalten, für die sich Deutschland hätte entscheiden können. Daß es sich für das archaisch-Brutale entschied, ist mehr als nur bitter. Der Friedrich-Mythos, der zu gleicher Zeit hätte blühen und in ein tolerantes Europa-Verständnis münden können, wurde in einen Barbarossa-Mythos umgebogen (Kyffhäuser), auf dem dann Hitler und seine Mitmörder gediehen, die ein fast ganzes Volk waren. So gesehen, möchte ich mit meinem Friedrich-Romanprojekt den anderen Mythos sozusagen nachholen. Es ist insofern ganz gut, daß ich so sehr zu Beginn dieser Arbeit noch einmal mit den Nibelungen befaßt werde; ich betrachte das nun als eine kleine Vorarbeit zum Friedrichroman.

Um sechs Uhr auf, Latte macchiato usw. Plötzlich der Impuls: viertes Mauergedicht. >>>> D a steht es nun schon und macht mit der Idee eines Zyklus ernst. Auch fürs fünfte habe ich bereits zwei Zeilen notiert. Um zehn geht’s zum Krafttraining, auch wenn ich heute morgen leichte Bauchschmerzen habe. Ich dachte gestern nacht: nein, k e i n e Süßigkeiten – und stopfte Pflaumen in mich hinein.

Den >>>> Fahlmann weitergelesen und bis Seite 110 von 1026 gekommen. Nicht eine einzige Seite dieses Romans hängt bisher durch; statt dessen wird die Erzählung immer weiter, voll witziger, voll auch poetischer Einfälle. Wenn das so weitergeht, und ich bin sicher, das wird’s, handelt es sich um den mit Abstand besten Roman der Gegenwartsliteratur, den ich seit langem gelesen habe, bzw. zu lesen dabeibin: oft zum Schreien komisch, phantastisch, sinnlich, gegenwärtig, verspielt und elegant:

Gegen dieses Buch, bislang, sind die meisten anderen Bücher blutleer. Vielleicht werde ich nach Abschluß der Lektüre eine detaillierte Rezension schreiben; es kann nicht angehen, daß solch ein Roman einfach untergeht, während überall um einen her der gefühlige, moralische, sprachlich allenfalls halbtalentierte Realitäts-Quatsch preisbeworfene Urständ feiert. Gegen Christopher Eckert ist zium Beispiel Paul Coelho ein seit mindestens drei Wochen, und zwar in Gummistiefeln, getragener Strumpf, den man in Kunsthonig getunkt hat. Und um ihn herum stolzieren nackte Vasallen, die Leserinnen als Kaiser bejubeln. Fürwahr, was für halbseidene Kleider! Aus deren entblößter Mitte es obendrein – stinkt.

[Ernst Krenek, Zweite Sinfonie.]

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3 Responses to Blankgezogen: Den Nibelungen entgegen. Das Arbeitsjournal des Dienstags, dem 6. August 2013. Sowie weitres zu Christopher Eckers Fahlmann.

  1. Ihr Lob macht neugierig.

    • @Keuschnig zu Fahlmann. Unbedingt lesen! Es wäre großartig, bekäme Eckers Roman wenigstens von Ihnen eine Rezension. Ich selbst möchte auch noch drüber schreiben, gesondert, weiß aber nicht, wann ich’s schaffe, weil ich derzeit nicht die Zeit habe, nur allein dieses Buch zu lesen – wozu es mich aber enorm zieht.
      Hab >>>> vorhin noch mal dazu geschrieben, im Rahmen des Arbeitsjournals aber eben nur. Aber ich werd bei Volltext anfragen, ob man dort noch einen Artikel möchte – für die Ausgabe allerdings erst im Dezember; das würde ich wahrscheinlich hinbekommen.

      (Eines der seltenen Bücher, über die man nicht als von „der Soundso“ (Autorname), sondern „der SoSpeziell“ sagt, in diesem Fall eben nicht „der Ecker“, sondern „der Fahlmann“.)

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