Dichterfreundschaften. Ein skeptisches Räsontiment.


[Geschrieben für >>>> „Gutenbergs Welt“, WDR 3.
Ausgestrahlt am 8. September 2013.]

(…)
Mit welchen Dichtern war ich befreundet?

  • Früh mit Publius Vergilius Maro, einige wenige Jahre. Dann suchte er auch literarisch seinen Vater, während ich dabeiblieb, die Welt und mit ihr mich selbst zu erfinden, und die Verbindung kappte sich; er ging fortan den von mir abgelehnten realistischen Weg;
  • mit dem blutjungen Niccolò Machiavelli, einem damals, als ich ihn in Workshops kennenlernte, die ich mitgab, extrem begabten, noch sehr jungen Prosaautor; ihm, in der Tat, war ich Mentor. Eines Tages versuchte er, eine meiner kleinen Spottschriften zu zensieren, weil sie ihm gegenüber seinem Auftraggeber zu heikel war, und aus unserer, nun ja, Freundschaft wurde – und nicht ohne ziemliche Miesheit – Gegnerschaft; seine zunehmende Bedeutung im Betrieb gab ihm schließlich eine Macht, die mich selbst nie interessiert hat; heute ignorieren wir einander meist;
  • mit dem großen Lyriker Dante Alighieri, der sich über meine eigenen Gedichte klug nicht äußert; und ich, ebenfalls klug, frage ihn nicht um seine Meinung, versichere ihn aber meiner auch tatsächlich bestehenden ständigen Bewunderung; auf diese Weise läßt sich unsere Freundschaft balanzieren;
    (…)



[Der gesamte Text steht >>>> d o r t.]


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4 Kommentare zu Dichterfreundschaften. Ein skeptisches Räsontiment.

  1. Das Räsontiment insgesamt, der Dichterfreundschaften.

    [>>>> Podcast der Sendung.
    Dies hierunter ist die ungekürzte Originalfassung des Beitrags.]

    Wissen Sie… Dichterfreundschaften sind so eine Sache. Sind sie denn jemals frei vom Markt? Die Freunde müßten denn ganz ohne eigenes Wollen sein, oder der eine dient dem andren. Kann man das Freundschaft nennen?
    Oder was meinen Sie? Ein anderes sind Freundschaften von Künstlern, die in verschiedenen Sparten tätig sind, Freundschaften von Schriftstellern und Malern, Schriftstellern und Komponisten, Schriftstellern und Schauspielern, wenn sich der eigene Bereich mit dem des anderen nicht überschneidet oder die Bereiche sich sogar ergänzen. Das gilt sicher auch für Lyriker und Romancier – wehe aber, der eine betritt das Feld des anderen und hat dann auch noch mehr Erfolg – an so etwas sind ganze Schriftstellerehen zugrundegegangen; die indes sind ein eigenes Thema. Doch so etwas konnte und kann das Ende sogar einer wirklichen Liebe bedeuten.
    Ich habe befristete Weg-, sagen wir, –gefährtenschaften erlebt, auch enge, aber gehen die Wege ästhetisch auseinander, selbst unabhängig von gemeinsam ähnlichem Erfolg, geht die Freundschaft langsam ein. Zumindest fällt sie in Schlummer. Meist handelt es sich sowieso viel mehr um Mentorschaften: Ein jüngerer Dichter wendet sich an den älteren. Das ist nicht frei von Bewunderung, ja von „Fan“tum, worauf der Ältere, sofern er sich einläßt, zu einer Art Lehrer für den Jüngeren wird – ja, sein Vater, symbolisch, kann er sogar werden. Wobei die Symbolkraft weit über das Bild hinausweist, sogar lebensgeschichtlich prozessuale Kraft erlangt: Immer wieder werden Sie erleben, wie sich eines Tages der Jüngere, und nicht selten äußerst schroff, vom Älteren abwendet, ja ihn bekämpft – bis man aus der Pubertät heraus ist und gleichgezogen hat. Dann finden beide miteinander ihren Frieden oder lassen sich doch zumindest in Ruhe. Freundschaft aber kann man das nicht nennen, egal, wie wichtig für den einen der andere einmal gewesen ist. Die dann folgende Phase dauert oft lebenslang an. Kann sein, daß der Ältere irgendwann, weil er noch älter wurde, in den Zustand des Vergessenseins fällt. Dann mag es an dem Jüngeren liegen, gerechterweise einzugreifen, so daß nun er zum Mentor des Älteren wird und vielleicht sogar, nach dessen Tod, zu seinem Apologeten. Freundschaft ist das immer noch nicht. Vielmehr entspricht es dem Verhältnis schon lange erwachsener Kinder zu ihren greisen Eltern, vor allem dann, wenn diese nicht mehr geschäftsfähig sind.
    Ach, ich bin skeptisch. Dichterfreundschaften, alle, sind von der Konkurrenz der Werke bestimmt, und zwar einfach deshalb, weil es zwischen der Arbeit eines Künstlers und ihm selbst keine Differenz gibt. Eine Zurücksetzung der Arbeit wird immer als eine Zurücksetzung auch der Person empfunden werden, es sei denn, es gibt ein ideologisches, etwa politisches Drittes, dem sich die sogenannten Freunde verschrieben haben: also ein gemeinsames Ziel. Dann aber handelt es sich um Zweckbündnisse. Denken Sie an den berühmten Kreis der Surrealisten um André Breton. Darin war Mentor er: unangefochten Löwe. Wiederum die Gruppe 47 war mehr eine machtorientierte kunstpolitische Partei als ein Freundeskreis; nur zu gerne wurden hier die Daumen gesenkt.

    Mit welchen Dichtern war ich befreundet?

    • Früh mit Publius Vergilius Maro, einige wenige Jahre. Dann suchte er auch literarisch seinen Vater, während ich dabeiblieb, die Welt und mit ihr mich selbst zu erfinden, und die Verbindung kappte sich; er ging fortan den von mir abgelehnten realistischen Weg;
    • mit dem blutjungen Niccolò Machiavelli, einem damals, als ich ihn in Workshops kennenlernte, die ich mitgab, extrem begabten, noch sehr jungen Prosaautor; ihm, in der Tat, war ich Mentor. Eines Tages versuchte er, eine meiner kleinen Spottschriften zu zensieren, weil sie ihm gegenüber seinem Auftraggeber zu heikel war, und aus unserer, nun ja, Freundschaft wurde – und nicht ohne ziemliche Miesheit – Gegnerschaft; seine zunehmende Bedeutung im Betrieb gab ihm schließlich eine Macht, die mich selbst nie interessiert hat; heute ignorieren wir einander meist;
    • mit dem großen Lyriker Dante Alighieri, der sich über meine eigenen Gedichte klug nicht äußert; und ich, ebenfalls klug, frage ihn nicht um seine Meinung, versichere ihn aber meiner auch tatsächlich bestehenden ständigen Bewunderung; auf diese Weise läßt sich unsere Freundschaft balanzieren;
    • mit dem zehn Jahre älteren Romancier Honoré de Balzac, dem gegenüber ich bis heute das Gefühl habe, jeder meine Arbeiten rechtfertigen zu müssen; mit zweiundzwanzig suchte ich ihn mir als meinen Mentor aus; ich werde darauf zurückkommen. Wir treffen uns schon einige Zeit lang nicht mehr, wiewohl wir in derselben Stadt leben. Doch als wir es noch taten, kam ich mir immer wie ein ewiges Kind vor;
    • mit der Romancière Daphne du Maurier, aber das steht – wie Freundschaften zu Frauen generell, also auch zu Dichterinnen – auf einem anderen, einem vor allem privaten Blatt; indessen hat es zu einem gemeinsamen Buch geführt, das ziemlich umstritten war; mit seinem Erscheinen ging auch die Freundschaft dahin, die wahrscheinlich niemals eine war, sondern eben – Obsession;
    • mit der um zweieinhalb Jahrzehnte jüngeren Erzählerin Gertrud von le Fort, die mir einst das Versprechen abnahm, niemals älter als 44 zu werden; seit ich es gebrochen habe, ist unser Verhältnis überhaupt erst das einer sanften Mentorschaft gew o r den; einige ihrer Texte habe ich, ohne Wissen ihres Verlags, lektoriert; wo sie aber andere Wege ging und geht als solche, die mir liegen, zeigt sie mir nicht mal die fertigen Bücher, und ich – gucke über sie hinweg. Das nun ist vielleicht eine Freundschaft, aber auch sie mußte sich dem Gesetz unterwerfen, daß erst einmal das Begehren erfüllt worden sein muß.

    Gut entsinne ich mich meiner ersten Begegnung mit einem bis heute von mir verehrten Dichter, nämlich mit dem schon damals sehr alten >>>> Manfred Hausmann, dem ich, meinerseits blutjung, nach der Lektüre seines Buches „Salut gen Himmel“ geschrieben und eine von mir nie veröffentlichte Novelle mitgeschickt hatte. Keine zwei Wochen später lud er mich zu sich ein, in sein völlig weißes Haus an der Unterweser: Der längst tiefgläubige Mann war voll der Geschichte und Güte und besaß eine sinnliche, lebendige Autorität; die harte Auseinandersetzung mit Thomas Mann lag lange hinter ihm, in der sich der Zwist zwischen innerer und tatsächlicher Emigration beispielgebend ausstritt, davor noch lag die Worpsweder Zeit. Er hielt mir gegenüber mit alledem zurück, konzentrierte sich nur auf meinen Text, in den er, herab von der Warte des Weisen, hineinsah: „Ein Geheimnis“, sagte er mir, dem Achtzehnjährigen, „läßt sich nicht konstruieren. Es ist da oder nicht. Das dürfen Sie niemals vergessen. Sie haben keine Macht darüber, sondern es hat die Macht über Sie.“ Und wie er dann, zweidrei Wochen später, in einem weiten Garten aus seinen Erzählungen vorlas… wie die Vögel bei Mozart sangen, bei Bach aber sämtlichst schwiegen -. Doch: Freundschaft? Nein.
    Und der damals so wilde Balzac, den ich so bewunderte, daß ich mich ihm, muß ich sagen, andiente, der damit aber gar nichts anzufangen wußte, der einfach mit Anhängern nichts anzufangen wußte und auch Bewunderer brüskierte. Er war ein ziemlich perverser Mentor, stellte mich in einer öffentlichen Veranstaltung bis auf die Knochen bloß. Zwanzig Jahre lang sah ich ihn nicht wieder. Eines Tages, ich hatte ein Stipendium in Olevano Romano, stand er plötzlich in der Tür, klopfte nicht an, nein, stand einfach drin, sah sich um, und das erste, was er sagte, war: „Ich wollte mal sehen, ob du nun endlich ein Schriftsteller geworden bist.“ Und am Morgen nach der ziemlich alkoholreichen Wiedersehensnacht: „Daß du ein Schriftsteller geworden bist, weiß ich nun, noch aber nicht, ob ein guter.“ – Freundschaft?
    Nein, alles zwischen jedenfalls männlichen Dichtern steht im Zeichen des Urteils. Die wirkliche Dichterfreundschaft beginnt erst mit dem Tod des anderen. Bis dahin mißt man sich aneinander, mißt nicht nur das Werk je selbst, sondern mißt auch den Erfolg. Zieht der den einen am anderen vorbei und weit voran, kann man intellektuell darüber stehen, wie man will: immer wird Bitterkeit bleiben. Um sie aufzulösen, braucht es sehr viel Reife, und diese braucht – Distanz. So daß an die Stelle der Freundschaft Weisheit tritt und Güte. Nicht aber Nähe, die eine Freundschaft braucht.

    Doch da ist jetzt etwas Neues: die Freundschaft nämlich übers Netz, die anderen Gesetzen zu unterliegen scheint – vielleicht deshalb, weil jeder andere als eine imaginäre Gestalt spricht, quasi aus einem selbst heraus, aber ohne, daß man gegen sich selbst Schach spielen müßte. Insofern ist etwas dran an dem für sich genommen bizarren Freundesbegriff bei, zum Beispiel, Facebook. Mit einem Mal macht man Bekanntschaften, die sich anders niemals ergeben hätten. So ging es mir mit dem seit knapp dreißig Jahren in Italien lebenden Lyriker und Übersetzer >>>> Helmut Schulze, der mich eines Tages in meiner eigenen Webpräsenz anschrieb. Dreivier Jahre später fuhr ich ihn besuchen, und daraus wurde eine Freundschaft, die jetzt zu einem gemeinsamen Buch geführt hat: >>>> der neuen Übertragung von James Joyces‘ frühen Notaten „Giacomo Joyce“, die wir jeder in einer eigenen Version nachgedichtet haben und dennoch gemeinsam bearbeitet haben: Ergebnis einer Dichterfreundschaft, die mir vorkommt, wie aus aller Welt herausgenommen.

    ANH, im August 2013.
    Berlin.
  2. PHG sagt:

    Hm … … was vom Leben übrigbleibt – ist ja immer die Frage.

    Vielleicht muss man auch nur einfach das ganze Schriftstellersein wieder los werden. Ich zumindest würde das als einen Fortschritt verbuchen.

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