PP49, 20. November 2013: Mittwoch. Das Traumschiff liegt vor Tanger. Traumschiff (3).

[Respighi, Semirama.]
Sich Musik wie einen Teppich unter die Füße zum Arbeiten unter die Gedanken legen, besonders in den Anfängen einer neuen Erzählung. Sie dürfte sogar, wären die Nachbarn nicht und hätten ein Recht auf ihren Schlaf, das Zimmer füllen als wäre es ein Aquarium aus Klang mit gläsernen Wänden; dazu paßten, statt Maske und Atemluftapparat, die Kopfhörer freilich: aber heute früh mag ich sie nicht auf den Ohren haben. Das liegt am Zahnschmerz, der nachts wieder, und zwar heftig, losging. So ganz fertig ist das mit den Zahnarztbesuchen noch nicht. Werde heute gleich wieder hinmüssen. Auch der grippale Infekt will sich noch nicht verabschieden, ich merk’s in Bronchien und Nase. Also weiterhin sportlos.
Dennoch schälen sich Szenen und Geschichte des Traumschiffs aus der „reinen“ Vornahme nun praktisch heraus. Ich brauche aber dringend Erde, das heißt: muß kennen, wovon ich schreibe. Leider hat sich von der Astor-Reederei immer noch niemand auf meine Anfrage gemeldet, doch fand ich vorhin noch eine weitere Adresse, an die ich gleich schreiben will. In jedem Fall nehm ich mir die Astor als Modell für das Traumschiff her. Die Kabinenpläne sind wichtig. Das da klebt jetzt rechts von mir an der Bilderwand:

Jeder handelnden Person ihre Kabine zuordnen, so daß ich die Wege kenne, die jeweils zurückzulegen sind. Es ist hilfreich, mehr als das, daß ich >>>> bereits auf diesem Schiff gefahren bin.
Wie ich gestern auf die Idee mit dem chinesischen Domino gekommen bin, dem Spiel, die Steine aus Walknochen geschnitzt, was ich wiederum >>>> bei Wikipedia gesehen habe. Naheliegend, daß nun auch der Kapuzenumhang aus dem venezianischen Karneval eine Rolle spielen wird, aber nur sehr am Rande.

Um halb sechs aufgestanden und rumgehustet. Wäsche waschen will ich nun doch erst morgen früh; sonst hängen nach meiner Rückkehr aus Weimar und Leipzig noch die ganzen Viren im Bettzeug. Weimar als erstes einmal >>>> annnonciert; auch für FB ist das noch zu tun. Wenn ich auch lesen will, >>>> Kjærstads Walker Brüder weiter, morgen während der Zugfahrt, darf ich jetzt auf keinen Fall mit dem Traumschiff mehr aussetzen, nicht in dieser frühen Phase. Immer wieder spazierte ich gestern im Zimmer herum und in die Küche und zurück und ließ es in mir denken, auch empfinden; das hat wenig mit gerichtetem Strukturieren zu tun, sondern ist ein Hin- und Herfließen. Plötzlich stehen Sätze im Hirnraum:

Ich habe immer gedacht, daß wir einander erkennen. Aber das stimmt nicht.

S o nun geht das los und nicht, wie ich das vorher formuliert hatte und wollte, n i c h t mit „Heute war ein guter Tag: Drei sind von uns gegangen.“ Sondern das steht nun erst auf der Typoskriptseite 3. Und wird sich noch weiter verschieben, nach hinten, vielleicht. Außerdem wurde mir klar, daß es völlig unrealistisch ist – im Sinn von nicht sinnlich glaubhaft –, wenn an Bord alle in ihr Sterben fahren; dazu sind einfach zu viele Passagiere auf solch einem Schiff, selbst auf einem kleinen, „klassischen“ wie der Astor. Sondern es sind zweiunddreißig wie die Steine dieses chinesischen Dominos. Für dieses brauche ich aber noch eine Lösung wegen der „Ränge“. Freilich gibt es auch Dominos mit sehr viel mehr Steinen, etwa ein 18er Domino. Die genaue Anzahl der Steine, das heißt der Sterbenden, wird mir erst im Lauf des Romans deutlich werden; ich könnte auch mit einem doppelten chinesischen Domino „spielen“, dessen Herkunft dann aber erzählt werden muß. Allerdings könnte ich die Steine dann, wie ich das gestern probehalber tat, statt in militärische und zivile Ränge in Gestorbene und Lebende teilen. Aber das ist mir alles noch sehr unklar. Ich müßte mich, dachte ich gerade, für den Roman zwei Monate lang irgendwo hin zurückziehen können. Doch das Zimmer mit Klang füllen, mein Kopfaquarium, in dem auch der Leib schwebt, hilft schon sehr.

Wir liegen vor Tanger. Monsieur Bayoun, der das Domino dem Erzähler hinterläßt, ist da schon nicht mehr. „Wir sind der Heimat nahe!“ hat er am Mittag ausgerufen, da war die Astor noch auf See. „Ich rieche sie.“


>>>> Traumschiff 4
Traumschiff 2 <<<<
(7.17 Uhr.
Semirama, atto due.)

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(Respighi, La Fiamma.)
Den Zahnarzt hinter mir; nächste Woche soll sich entscheiden, ob ich mich von dem Zahn werde trennen müssen. Falls ja, wird das dummerweise einem Kieferchirurgen übertragen werden müssen. Gefällt mir gar nicht. – Dann gleich in den Verlag; wegen weiterer Bestellungen der Argo-Sonderausgabe gleich drei weitere Exemplare mit ausführlichem Autographen versehen. Er habe, erzählte der Verleger, Rückmeldungen von meinen Berliner Lesungen bekommen: Die seien zweifellos toll gewesen, na klar, ABER es gefalle den Leuten überhaupt nicht, daß ich so über den Literaturbetrieb spreche. „Behalt doch vielleicht deinen Ärger einfach für dich, sag nicht immer alles.“ Das sei jetzt so die Richtung, erwiderte ich, daß es den Leuten nicht gefällt, wenn sich jemand wehrt. Es paßt besser in die Zeit, sich abzufinden und dann vielleicht doch irgendwie noch „gestreichelt“ zu werden. Moralische Renaissance des Wiener Kongresses; Widerstand ist „uncool“. Wer verletzt wird, soll das gefälligst für sich behalten; dann müssen sich nämlich auch die anderen nicht äußern, bzw. Haltung zeigen. Feigheit ist geil, Macht wird unangreifbar. >>>> „>>>> Komm, Heller, komm: Du mußt dich arrangiiiiiiiieren…“ – Bleibts mir doch vom Leib!

Weiter mit dem Traumschiff.
Um 19 Uhr Elternabend.

Eine große Kraft steckt in dieser Flammenmusik.

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3 Kommentare zu PP49, 20. November 2013: Mittwoch. Das Traumschiff liegt vor Tanger. Traumschiff (3).

  1. phyllis sagt:

    Einander erkennen: Da gibt es noch die alte, biblische Bedeutung. Die ich, im Sinne einer Doppelbelichtung des Kontextes, mitlas in Ihrem ersten Satz.

    • Sie haben@Frau Phyllis vollkommen recht. Obwohl ich diesmal gar nicht daran gedacht habe. In Ihrer Lesart wäre dann das sichErkennen dieser alten Menschen ein – Liebestod.
      Ein seltsam spannender Gedanke.

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