Mosselbay: mit Muscheln, aber ohne Stadt. Siebzehnter Tag der Großen Fahrt zur See. PP151, 17. April 2013, Donnerstag. Mozart jetzt dazu, d-moll.

(20.50 Uhr,
Mozart, Klavierkonzert Nr. 20, Haskil, Lamoureux.)

Der ganze Himmel, rundherum, beim Sonnenuntergang, ein einziger Regenbogen überm Meer. Da sind wir alle aber schon zurück, die einen von der Safari, die anderen von den Bergsichten, die nächsten aus der kleinen Stadt, ich aber, und Sam mit mir, von unter der See. Ich kann Ihnen vom Ort also gar nichts erzählen, nur ein offenes Restaurant empfehlen, das uns die hierüber gezeigte Sicht auf unser Schiff gab, und von der Diving Station erzählen, auf die ich es abgesehen hatte; nur wenige hundert Meter vom Hafen entfernt.
Alles schien morgens völlig unproblematisch zu sein, wär ich nur rechtzeitig von Bord. Doch es gab nur zwei „tenders“ – zwei Boote, um alle Passagiere ans Land zu bringen, und diejenigen, die sich für Exkursionen angemeldet hatten, hatten Vorr/gang: einsichtig, wenn man bedenkt, daß das Unternehmen an diesen Exkursionen verdient, nicht aber an den „inividuals“. Da es aber eben nur zwei Boote gab, die zwischen dem für die MS Astor viel zu lachen Hafenwasser und ihr hin- und herfuhren, wurde es immer später und später, und für den gesamten Aufenthalt waren nicht mehr als vier Stunden vorgesehen – das kann dann knapp werden, wenn man auf einen Tauchgang will, der möglicherweise seinerseits zeitlich terminiert ist. So schnürte ich wie ein Tiger auf Deck 4 auf und ab. Noch eine Gruppe. Und noch eine Gruppe. Ich sah den Tauchgang davonschwimmen.
Mit gewaltigem Auf und Ab brachte das Boot mich endlich hinüber.
Strahlender Tag, nachdem es gestern abend saukalt gewesen und meine Stimmung, aber aus anderen Gründen, sehr in den Keller gegangen war. Aber heute früh schaute ich aus meinen Fenstern, und magisch glitt die Küste, und sehr langsam, daran vorbei: Gischtnebel, der Funken unter den pastellenen Bergen warf.
Bereits am Hafen saß Sam, einer der Schiffshotel Trainees, Freunde erwartend. „Ich hab gehört, du willst tauchen. Vielleicht komme ich mit. Aber da sind meine Freunde halt.“ „Kann dauern, bis die ankommen. Hast du den Tauchschein?“ „Nein, aber hab schon mal schnuppergetaucht.“ „Laß uns mit denen reden.“
Ist leicht gewesen, mit ihnen zu reden. Wir waren überdies die einzigen, und die Kosten hielten sich wirklich in Grenzen; Sam mußte wegen der nötigen Einführung etwas mehr bezahlen, hatte nicht genug Geld mit, aber ich, in US-Dollars, die auch spontan angenommen wurden. Der Umrechnungskurs ist leicht: 1:10, übern Daumen.
Einmal wollte Sam noch abbrechen. „He‘s getting nervous“, schmunzelte mein Buddy. „Give him time“, sagte ich. Da war er auch schon wieder da, habe nur noch mal nach seinen Freunden sehen wollen. Und bekam jetzt seine Einführung: Mein eigener Tauchlehrer würde wahrscheinlich die Hände überm Kopf zusammenschlagen: per Video. Das wiederum, wie Sam dem zusah, wurde gefilmt, damit, „wenn wirklich mal was schiefläuft, wir beweisen können, daß er die richtigen Instruktionen hatte“. Na gut, Afrika. Dabei geht es nicht um die Haie, deren wir einige schon um die Astor hatten herumpaddeln sehen: kleine Hammerhaie, ein- vielleicht eineinhalb Meter Länge, harmlos. Sowieso. Sie seien ziemlich neugierig hier, erzählte der Tauchchef, und mein Buddy (das ist dejenige, den man als Tauchpartner hat: ein unbedingtes Gebot, auf das auch hier geachtet wird) erzählte, daß sie von Ammoniak angezogen würden. Und falls nun jemand mal muß… „na ja, dann kommen sie, und zwar direkt auf da unten zu. Also bleibt nichts, als sie am Kopf zu nehmen und sanft in eine andere Richtung zu heben.“ In der Tat eine der kuriosesten Geschichten und auch Ratschläge, die ich von Tauchern bislang gehört habe.


Uns begegnete aber kein Hai, leider. Oder vielleicht doch, und wir sahen ihn nicht (er dann sicher aber uns). Wegen des Sturms tags zuvor war das Meer aufgewühlt und sandgesättigt; Sichtweite ungefähr zwei Meter. Man muß dann schon aufpassen, daß man seinen Partner nicht verliert.
Korallen, massenhaft, knallerot, gelb:


Und Schwärme extrem neugieriger, drei Handteller großer, aber flacher Fische, die einem direkt in die Maske… ja, so ist es: glotzen. Als könnten sie‘s nicht fassen. Zwei riesige Gelbbäuche dann, dreiviertel Männerbeinlang und drei Männerschenkel dick; die warn aber scheuer, also die Fische, als die Schenkel. Sahen uns – und ab zurück ins Riff. Seesterne, die sich gewaltig verrenkten. Eine Muräne, deren Kopf das Ausmaß uralten Pythonschädels hatte. Nur halt keine Haie, jedenfalls keine, die nahe genug waren, um angeguckt zu werden. Und die Wale kommen erst im August. Aber das sei grandios, wenn man unter denen tauche…
Vor allem aber: schweben. Ich hab‘s Ihnen schon oft geschrieben, daß man beim Tauchen nicht schwimmt, sondern fliegt. Allerdings hatten sie mir zu viel Blei gegeben. Hatte ich erst nicht gewollt, aber der Tauchführer drauf bestanden. Also ging ich dauernd auf Grund, was bei sieben bis zehn Metern ein bißchen sinnlos ist und das Schweben sehr erschwert. Mit der Tarierweste dagegenhalten, klar. Kostet aber Luft. Immerhin motzten meine Ohren nicht, die mir bis etwa zehn Metern nicht selten Schwierigkeiten bereiten. Und ich kam sehr gut mit der Luft hin, wegen der geringen Tiefe; man verbraucht dann weniger als im Mittelmeer, wo es interessant erst unterhalb von fünfzehn/zwanzig Metern wird. In tropischen Meeren ist die Oberfläche prallevoll.
Fünfzig Minuten blieben wir drunten, dann ging es zurück: bei 50 bar noch in der Flasche, gibt‘s da kein Drumrum. Ich hatte zwar noch siebzig, aber Sam war irgendwie hochgegangen und kam nicht mehr runter. Trainingssache.
Mit viel Lachen und Scherzen machten wir uns nach nebenan auf, in das zur Bucht und sowieso offene, das heißt unüberdachte, auf Sandboden, Restaurant, in dem bereits ein Feuer brannte:


Lonely Planet empfiehlt es vor allen anderen in Mossel Bay. Und heiter war‘s, mit dem Wirt zu sprechen. „Soso, aus Deutschland kommst du. Meine Großmutter war Deutsche. Und wann mußt du wieder am Hafen sein? O, in einer dreiviertel Stunde? Wart mal.“ Ruft in die Küche, auf Afrikaans, unser „Mussel Pot“ habe Vorrang, wobei ich, wie er das aussprach, an „mazel tov“ dachte, ganz spontan.
Und dann mußten wir wieder zurück. Wie der Ort aussieht: keine Ahnung. Aber kurz bevor der Anker gelichtet wurde, hingen sie vorne alle weit überm Bug: Hammerhaie kucken::


Und weil ich, was Kapstadt angeht, das wir morgen früh erreichen werde, den Eindruck oder das Vorurteil habe, die Stadt sei ziemlich europäisch, geordnet, werde ich dort nochmals tauchen.
Wir verlassen den Indischen Ozean nun, das Kap werden wir am frühen Morgen umsegeln. Ich hatte gedacht: Das darf auf keinen Fall geschehen, daß ich über den ganzen Indischen Ozean geschippert bin und nicht ein einziges Mal getaucht.
Abgewendet. Toller Tag,
***

(Ihnen mehr zu schreiben, obwohl es mehr zu berichten gäbe, schaffe ich heute nicht. Und morgen werd ich überhaupt nicht zum Schreiben kommen, da wir den ganzen Tag über, ab morgens, in Kapstadt sein werden, bis in die Nacht. Aber übermorgen dann.)
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