Eugenio Montale, zweite Motette. Versuch einer Übersetzung.

(Für E.M.)

Viele Jahre, und eines war härter über dem flachen 15
fremden See, über dem die Abende brennen. 12
Da stiegst du aus dem Bergglühn, mir rückzutragen 12
Sankt Georg und den Drachen. 7

Die wollt ich auf die Reihe Fahnen prägen 11
deren Herzen im Peitschen des Grecale sich 12
zerflattern … Und hinabsteigen in einen Strudel 13
aus, unlöschlich, Treue für dich. 8

(Für I.B.)

Molti anni, e uno più duro sopra il lago 15
straniero su cui ardono i tramonti. 12
Poi scendesti dai monti a riportarmi 12
San Giorgio e il Drago. 7

Imprimerli potessi sul palvese 11
che s’agita alla frusta del grecale 12
in cuore … E per te scendere in un gorgo 13
di fedeltà, immortale. 8


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12 Responses to Eugenio Montale, zweite Motette. Versuch einer Übersetzung.

  1. In Klammern gesprochen. (Heimtücke des Titels.
    Lena, meine neue Freundin in Skype, fragte, wie das „nach“ denn gemeint sei. So daß ich sogar schon im Titel das Ende begriff. Briefe nach Triest: – nachdem Triest vorbei ist. Als ich ihn, den Titel zum ersten Mal hinschrieb, und all die dann folgenden fünf Male nicht, habe ich das nicht gewußt: daß eine Bestimmung des Orts zugleich Bestimmung von Zeit sein kann.)

  2. Avatar Eine Leserin sagt:

    Manchmal… Nein, meistens klingt es in Ihren Briefen so, als sei ab da alles Wichtige anders. Die Gewißheit, nicht noch einmal Vater zu werden, zum Beispiel. Daraus könnten Sie doch eine/Ihre neue Zeitrechnung machen… einer Lybischen. Nicht „n.Ch.“, sondern „n.Tr.“ zum Beispiel. Ly d isch natürlich.

    • @Leserin. Kluge Bemerkung von Ihnen. Danke. Auch ist die Idee wirklich reizvoll, aber durchgeführt, fürchte ich, würde sie sich schnell erschöpfe. Dennoch entspricht sie meinen derzeitigen inneren Vorgängen sehr. Nicht alles aber, was im Leben ist, läßt sich erfüllend ins Literarische übertragen, anderes wiederum, das in ihm funktioniert, ließe sich nicht hinreichend leben, oder immer nur sehr vorübergehend.
      Allerdings könnte Lenz auf diese Idee kommen; vielleicht übernehme ich sie auf dieser Weise. Oder der Briefautor schreibt sie ihm zu: „Es war, als hätte für Lenz eine neue Zeitrechnung begonnen.“ – Interessant außerdem, wie Ihre Idee mit >>>> Lenas zeitlicher Lesart – also des „nach“s im Romantitel – korrespondiert.

  3. Avatar Berliner sagt:

    Altersfrage? Zwar verstehe ich nicht, warum Sie alles selbst erleben müssen, um eine Fiktion zu schaffen. Aber ich habe es jetzt mal versucht.
    Sie verlinken hier einen auch in meinen Augen unsäglich beleidigenden Kommentar und erwähnen durchaus ehrlich, dass dieser Sie selbst in Zweifel bringt wegen Ihres Alters, das dieser Schreiberling erwähnt, um Sie zu verletzen.
    Ich selbst finde nicht, dass es nicht möglich ist, dass ein alter Mann eine Anziehung auf eine jüngere Frau ausübt. Was da aber wirkt, wäre doch interessant mitsamt der auch körperlichen Probleme, die man nicht weglügen kann.
    Ich traue Ihnen zumindestens zu, dass Sie da ehrlich sein können.
    An einer anderen Stelle las ich jedoch von Ihrer Planung, Lenz 45 Jahr alt sein zu lassen.
    Warum stellen Sie sich nicht einfach dem Problem, also Lenz ist 60 vielleicht und die „Sidhe“ sehr viel jünger?
    Denn dann könnten Sie doch wirklich und wahrhaftig eine Fiktion oder einen Roman schaffen, wo Sie sich auch auskennen.
    Bitte verstehen Sie meine Frage nicht als Provokation.

    • @Berliner zur „Altersfrage“. Selbstverständlich können 60jährige für jüngere und sogar sehr junge Frauen attraktiv sein; manchmal denke ich sogar, bisweilen stärker als jüngere Männer; jedenfalls ist das bei mir so gewesen und wohl auch immer noch so. Ich habe de facto kein Problem, für mein erotisches Leben Partnerinnen zu finden. Problematisch hingegen, ich schrieb’s schon anderswo, ist die Kinderfrage. Sie wird im Roman so zentral wie in meinem wirklichen Leben. Machen Sie sich einfach klar, daß jetzt noch einmal Vater zu werden, bedeutete, daß ich achtzig wäre, würde das Kind grade neunzehn. Ich mag jetzt so fit sein, wie ich will, rein statistisch ist es höchstwahrscheinlich, daß mich spätestens ab siebzig, dann ist das Kind nicht mal zehn, eine Krankheit erwischt. Zumal ich alles andere als gesund lebe, vom Training abgesehen, aber auch das betreibe ich als Leistungssport. Selbst junge Männer können schwere Schäden von dem leiden. (Noch habe ich, außer Kleinigkeiten wie einer angerissenen Achillessehne, körperliche Probleme nicht. Also die stehen, noch, wie gesagt, nicht in Rede.)
      Was die Romankonstruktion anbelangt, so ist der Briefschreiber also an die 60 und damit das, worin ich mich auskenne, erfüllt.
      Da ich aber auch die 45 erlebt habe (in dem Alter wurde ich Vater; die Mutter ist zwanzig Jahre jünger als ich), schreibe ich auch über Fünfundvierzigjährige von etwas, worin ich mich auskenne. Zumal darf Lenz nicht einfach nur ein „Spiegel“ des Briefautores sein. Es muß einiges geben, das die beiden radikal trennt, sowohl in ihren jeweiligen Lebenswelten als auch in ihren Psychen, Vorlieben, Kenntnissen, ihrer Weltsicht. Erst das macht es reizvoll, wenn sich die zwei verschleifen, unmittelbar aus dem Erleben des einen in das des andren gerutscht wird, bisweilen in ein und demselben Satz. Daß der Briefautor Künstler ist, Dichter sogar, soll hier, anders als ich’s in >>>> Meere tat, grundlegend sein, also auch die klare autobiografische Struktur. Lenz hingegen lasse ich einen Banker sein, weil es wohl kaum etwas gibt, das sich auch nur annähernd strikt vom Künstlersein unterscheidet. Allerdings greife ich auch hier auf etwas zurück, das ich kenne; ich bin viereinhalb Jahre lang bei einem großen US-amerikanischen Unternehmen, damals Prudential Bache Sec., Broker gewesen, von 1987 bis 1992.

      Die „Altersfrage“ geht übrigens in mir um, meistens tat sie’s latent, wurde aber dann manifest, seit ich die Idee >>>> des Sterbebuchs hatte, die in diesem Jahr fertiger Roman geworden ist. Im Herbst 2015 wird er als gebundenes Buch bei >>> Mare erscheinen.

  4. Ferber übersetzt s o:

    Viele Jahre, davon eines härter, über dem fremd- 14
    ländischen See in den Abendbränden. 10
    Von den Bergen stiegst du herab und brachtest mir wieder 14
    Sankt Georg und den Drachen. 7

    Auf die Flaggengala möcht‘ ich sie prägen, 11
    die, gepeitscht von nordöstlichen Winden, 16
    im Herzen erbebt … Und hinuntersteigen für dich, 13
    unsterblich, in einen Abgrund von Treue. 11

    Aus: >>>> Was bleibt, wenn es bleibt
    Eugenio Montale, Gedichte 1920-1980

    Dtsch. von Christoph Ferber
    Dieterich’che Verlagsbuchhandlung
    Mainz

  5. Avatar gast sagt:

    Hm… Sie sollten dem Original das „duro“ lassen und nochmals zählen!
    Btw: Mit dem nachgeschobenen, den Sinn verstellenden „für dich“ machen sie mich zumindest nicht glücklich. Bei „mir rückzutragen“ legt sich meine Stirn in Sorgenfalten.

    • @Gast zur Motette. Danke für den Auslassungshinweis.
      Über „rückzutragen“ werde ich nachdenken, kann aber Ihre Sorgenfalten nicht recht verstehen. In einer freien Version ließe sich möglicherweise sogar „heimzutragen“ schreiben – was aber dann eine Wiedervereinigung meinte, die so eben nicht stattgefunden hat. Aber hier sind tatsächlich noch Probleme.

      Weiterhin gut vertetbar, weil eben n i c h t sinnentstellend, finde ich den Ersatz von „für dich herabsteigen in einen Strudel von Treue“ durch „herabsteigen in einen Strudel von Treue für dich“. Welchen Sinn sehen Sie denn verstellt?
      Prinzipiell ließe sich Ihr Problem aber leicht lösen:

      Die wollt ich auf die Reihe Fahnen prägen (11)
      deren Herzen im Peitschen des Grecale sich
      (12)
      zerflattern … Und hinabsteigen für dich in einen
      (13)
      Strudel aus Treue, unlöschlich.
      (8)

      Am Abend will >>>> parallalie einmal schauen. Mal sehen, was e r sagt.

    • Avatar parallalie sagt:

      da nun einmal gefragt, ecco: Die erste Strophe klingt bis auf das “rückzutragen”. Im “riportarmi” sehe ich auch ein “mich wieder zum heil’gen Georg werden zu lassen”. [den Bergen, trugst mir wieder zu / Sankt Georg …] Problematisch auf einer Bedeutungsebene das “flachen”, jedenfalls sehe ich unwillkürlich norditalienische oder auf jeden Fall Alpenseen mit Alpenglühen vor mir, die nicht unbedingt flach sind. Wird aber auch suggeriert durch dein “Bergglühn” (zwei Heber hintereinander). In der zweiten Strophe hatte ich zunächst Probleme mit “palvese”, ein Wort, das ich nicht kannte. Erste Bedeutung wäre (Leder-)Schild, zweite und seltene Bedeutung ist die Gleichsetzung mit “pavese” im Sinne von Fahnenschmuck eines Segelschiffes. Leider geben die Anmerkungen zu meiner Montale-Ausgabe nichts her. Nicht einsichtig ist der Verweis auf die Herzen dieser Fahnen, Ferber kommt dem durchaus näher. Für den letzten Vers schlag ich einen Genitiv vor “Strudel / unsterblicher Treue für dich” oder so ähnlich.

    • @parallalie zur Motette. „riportami“ – vielleicht, weil „rückzutragen“ an etwas auf dem Rücken Getragenes denken läßt? Es ist ja eigentlich nur eine Verkürzung von „zurückzutragen“ – aber offenbar brauche ich da ein Synonym.

      „flachen“: Das läßt sich g e r a d e der Berge wegen vertreten, gegen deren Erhebungen eine Seeoberfläche quasi um so flacher wirkt, gegenüber etwa einem See in einer Seenplatte oder sonstigen höhenlosen Landschaft. Es ist wohl auch tatsächlich ein See an der Grenze zur Schweiz oder in ihr gemeint. Tatsächlich habe ich deshalb „Bergglühn“ gewählt, das durch meine Verkürzung von „glühen“ zu „glühn“eben k e i n Zweiheber ist.

      „palvese“: Ich kannte das Wort auch nicht; der Dizionario Coletti verwies mich auf „pavese“, für das dort, unter anderem, folgende Erklärung steht: Tipo di addobbo costituito da bandiere disposte in fila sugli alberi (…) in segno die festa, so daß es sich eigentlich auch gar nicht um Fahnen handelt; es sind vielmehr Wimpel. Dieses Wort fügt sich aber nicht schön in den Gedichtklang, weshalb sich wohl auch >>>> Ferber für „Fahnen“ entschieden hat. Aber weshalb kommt das Herz seiner „Flaggengala“ Montales Versen näher? Ich denke eher an die Straßendekorationen, möglicherweise am Seeufer, eines Kleinstadtfestes, wie sie gerade in Italien immer wieder gefeiert werden.

      In den letzten beiden Verse wollte ich die direkte Übersetzung von „immortale“ bewußt vermeiden, weil „unsterbliche Liebe“ im Deutschen eine Kitschstanze ist. Allerdings stimme ich zu, daß ein Genitiv hier schöner wäre, etwa so:

      (/ – -) … Und hinabsteigen in einen Strudel 13
      der, unlöschbar, Treue für dich.
      8
      Dann „unlöschbar„, weil durch den Genitiv das Klang- und Bedeutungsspiel von „aus“ und „löschlich“, also indirekt „unauslöschlich“ nicht mehr funktioniert. Dafür gewinnen wir allerdings einen Klangreiz über die „r“s von „unauslöschbar“ zu „Treue“.

  6. Avatar parallalie sagt:

    irgendwie hab‘ ich’s heute abend mit freund rückert: auf deubel komm raus tischt er mir einen „gott amur“ auf, bloß um auf flur, spur und nur reimen zu können, sich mir aber bloß der fluß amur aufdrängt, an dem einst udssr und china sich bekriegten…

    • Amur @parallalie. Das würd ich ihm lächelnd durchgehen lassen und den Amor mir d e n k e n – für die Idee des Gedichts. Und schließlich würde ich ihn auch fühlen – völlig aufgehoben im gesamten Dichtwerk Friedrich Rückerts. Es ist, >>>> wie so oft, eine Frage der Bereitschaft. Aber ich gebe zu, daß das Faktische auf mich nie einen großen Sog ausüben konnte, nicht annähernd so wie das Imaginäre, das die Kraft des Möglichen hat und deshalb vermag, mehreres neues Faktisches, anderes, in die Welt zu bringen.

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