„Nimm sie hin denn“: Untriest 70. Montag, der 20. April 2015.


Arbeitswohnung, 8.55 Uhr
Stenhammar, Erstes Klavierkonzert


„Fürchten Sie sich davor; die Triestbriefe wieder aufzunehmen?“ fragte mich, Du Ersehnte, gestern die Löwin.

(Erster Morgencigarillo. Einen Moment lang nachdenken. Dabei der Musik zuhören. Im Rücken scheint mir die Sonne, in den Rücken aber noch nicht; wenn, dann werde ich vor dem hinter mir rechten Fenster die Jalousien hinunterziehen müssen, damit der Laptop-Bildschirm nicht überblendet werden wird. Einen zweiten Moment lang nachdenken.)

In der Tat wird zu spüren, ja mitzuerleben nicht schwer sein, wie ich die Arbeit an dem Briefroman immer wieder vor mir herschieben, auch wenn es dafür ständig neue Gründe gibt, objektive, meine ich. Aber habe ich mich früher um sowas geschert? Eher wohl nicht.
Offenbar ist meine Stimmungslage heikel; bisweilen steige ich luftig an, dann wieder deckt sich das Graue über mich und bettet diese Arbeitswohnung in, ja salbt sie mit Verlust. Das daran Schwierige ist für mich, daß sie doch immer Rückzugsort war, die, Du weißt doch, „Welt in der Welt“, die ich nun aber am liebsten flöhe – nicht anders, als ich die Oper fliehe, weil sie jetzt so besetzt ist, und eben ebenfalls mit Verlust; dabei wird gerade eines meiner Lieblingsstücke in Berlin gespielt. Denk dann, daß ich sogar unfähig war, über die letzten beiden Aufführungen, denen ich beiwohnte, noch zu schreiben. Und die Besetztheit weitet sich aus. Eine andere Stadt, denke ich, ein anderes Land – dort könnte ich alles, auch den Briefroman, zum Abschluß bringen. Den Stier selbst auf die Hörner nehmen. Der Stierkampf ist, wußtest Du das?, matriarchal, war ein Stierspiel. möglicherweise; die Hörner symbolisieren den auf- und den abnehmenden Mond, die Mondin also; daher die 13 Monate des Jahres (12 x 28). Usw. Seinerzeit habe ich dies alles das im >>>> Wolpertinger bis in den Aufbau der Kapitel durchgeformt.
Aber obwohl Zeit wäre, fehlt mir für Reisen das Geld. Außerdem stünde Triest an, und ich fürchte mich davor, Dir dort zu begegnen, immer noch und weiter, und aber ebenfalls: Dir dort n i c h t zu begegnen – wär‘s nicht ein ebensolches „Unding“? Also hänge ich hier fest und wippe zwischen Größenwahn, Zerknirschung, Hoffnung auf einen Erfolg des Traumschiffs, Geldsorgen, manchen, ja, immer noch, Begeisterungen, Verletztheit und Zweifeln ständig auf und ab. Schon daß ich derzeit so viel schlafe, ist ein Zeichen. Depressionen, aus therapeutisch gutem Grund, werden mit Schlafentzug behandelt, wobei „Depression“ ein falsches Wort ist, um es auf mich anzuwenden; es wäre, Herz, wohl liebeskrank ein „besseres“:

>>> Es kehret der Maien, es blühet die Au.
Die Lüfte, sie wehen so milde, so lau.
Nur ich kann nicht ziehen von hinnen.
<<<<

Beethovens „fünf Jahre“ kommen mir grad ziemlich realistisch vor. Immerhin weiß ich jetzt… Moment, ich sehe gerade, daß ich davon eine ganz bestimmt wundervolle Aufnahme habe… – Und in den Cassettenrecorder eingelegt:

[Beethoven, An die ferne Geliebte
Christoph Prégardien, Siegfried Mauser
live, Alte Oper Frannkfurtmain]


Ist es nicht bezeichnend, daß, wie ich gerade las, diese Kompositionen Beethovens als der erste Liedzyklus überhaupt gelten? Wie sich die entscheidenden Geschehen stets im Speziellen wiederholen und wiederholen und wiederholen in nahezu derselben und doch ganz anderen Gestalt. Auch Lanmeister sinnt darüber einmal nach. Und immerhin, wenn ich auch noch immer keinen Sport mehr treibe, weil ich irgendwie nicht weiß, wofür ich meinen Körper noch in Form halten soll, und deshalb mitunter drei Tage lang nicht dusche, so höre ich doch wieder Musik, und sie berührt mich:Dann vor diesen Liedern weichet
Was geschieden uns so weit,
Und ein liebend Herz erreichet
Was ein liebend Herz geweiht.

So sei, Geliebte, denn bei allem dennoch wohlgemut. Ich habe einen starken lebensnahen Willen. So lange ich Brot backe, bin ich bei mir. Und über mir, da sowieso, steht meine Arbeit. Sie hat mich noch immer aus den Sümpfen gezogen, in denen ich immer wieder bis zu den Knien stand.

Dein, heute,
Münchhausen

Über Alban Nikolai Herbst

https://de.wikipedia.org/wiki/Alban_Nikolai_Herbst
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