Abermals: Väter. Im Untriest 77: Donnerstag, der 30. April 2015. Darinnen Martynova & Jurjew.


Arbeitswohnung, 6.22 Uhr
Britten, Violinkonzert

Das hat mich, Geliebte,

durchaus ein bißchen an meine Grenzen gebracht, daß ich gestern tatsächlich mit dem Fahrrad an den Wannsee fuhr, nachdem ich mittags bereits meine anderthalb strammen Stunden geschwommen war… nein, (lacht), n i c h t im Wannsee. Dazu ist‘s nun doch noch zu kalt. Die Hinfahrt ging noch gut, aber dann, gegen 23 Uhr, nach den Weinen, die mir Höllerer immer wieder nachgoß… spätestens am Brandenburger Tor verlangte meine Muskulatur, die Gänge hinunterzuschalten; tatsächlich brauchte ich elf Minuten mehr als für die Hinfahrt nötig gewesen waren. Aber mittags das Schwimmtraining und dann abends und nachts noch mal zweiundfünfzig Kilometer Radelei ist für einen Tag ein immerhin gutes Tainingsergebnis. Und >>>> Olga Martynova und Oleg Jurjew, die den schönen Abend literarisch bestritten, freuten sich sehr, daß ich gekommen war, allerdings waren sie durch meinen gestrigen Eintrag schon darauf vorbereitet: „Bist du nun mit dem Fahrrad oder der SBahn gekommen?“ begrüßten sie mich. Und eine halbe Frankfurtmainer Phalanx saß dann beisammen: anfangs Katharina Hacker und ich draußen mit Sicht auf den See, schließlich Ulrike Kolb, Hans-Ulrich Müller Schwefe, der Suhrkamps literarische Ästhetik über Jahrzehnte hin maßgeblich mitbestimmt hat, Martynova, Jurjew, ich… – Wäre es zum Wannsee nicht wirklich so hundsföttisch weit, ich wäre sehr viel öfter da; seit Höllerer das dortige Geschehen leitet, sowieso. Auch wenn ich anfangs ein wenig melancholisch war, als ich über den See sah und mir unvermittelt Ursulas, >>>> der gegangenen Freundin, alte Anlegestelle vor den Augen stand und sich mir eine Szene auf die inneren Lider projezierte, wie der Profi ihr Boot zurück in den kleinen Hafen navigierte. Sie ist da schon sehr krank gewesen, doch daß sie sehr bald sterben würde, wußten wir noch nicht. Der See war vereist, als wir eine ihrer Urnen in ihn senkten; die Stelle hatte aufgehackt werden müssen. Und als sie zu Grund gesackt war, wurde ein Silvester-Feuerwerk, weil sie so etwas immer geliebt hat, neben dem Eisloch gezündet.
Endlichkeit. Aber daß sie, vielleicht nur sie, der Grund für all die Geschichten ist, die wir erfinden und erzählen, wenn wir Dichter:innen sind. In Sankt Petersburg, zum Beispiel, leben bleiben, auch wenn man woanders lebt –
– eigentlich in Leningrad sogar: zum ersten Mal hörte ich gestern abend von den Leningrader Halluzinationen und daß längst Verstorbene nach wie vor durch Petersburg gehen, daß man sie spüren kann und sich mit ihnen immer weiter unterhalten; ob dies, fragte ich mich während der Lesung, auch solche noch erleben, die von einer Leningrader Bohème nichts gewußt? Als dann noch erzählt wurde, wie sich Martynova und Jurjew kennengelernt haben, in einer Art literarischem Salon, und Jurjew aufstand („aus physikalischem Grund“, sagte er spöttisch), um auf Russisch ein Gedicht vorzutragen, hatte ich die beiden als ganz junge Dichter vor Augen, geradezu plastisch. Mir schien Olgas Blick, als sie ihn gestern ansah, während er – sehr rhythmisch, fast im Sprechgesang – vortrug, noch völlig derselbe zu sein wie jener, da er zum ersten Mal las, für sie nur, spürte sie, nur für sie, in jener Nun-Vergangenheit. Die Augen einer ganz jungen Frau, wie Kerzen, ohne daß sie es ahnte, entzündet; sie merkte es erst, als sie brannte.
Beide, selbst wenn sie Deutsch sprechen, sprechen Russisch weiterhin, Oleg noch ein wenig mehr als sie; sprechen sie leise, wozu besonders Matynova eine Tendenz hat, hört man es besonders. Anders als sie stellt er es aus; „das Deutsche läßt mich in Ruhe“, sagte er, „anders als das Russische will es nichts von mir: das ist beim Schreiben befreiend.“ Woraufhin sie: „Das kommt noch.“

Höre ich mir, Liebste, diesen Britten von 1939 an, das 1958 überarbeitete Violinkonzert nun schon mehrmals direkt hinterenander, wird, vielleicht eben wegen der Überarbeitung, die Nähe zu des späten Brittens speziellem Klang schließlich doch sehr deutlich; interessant, wie ich sie früher überhört haben konnte. Ich denke nun, daß etwas sehr Ähnliches für die Literatur gelten könnte, daß wir alle schon sehr früh quasi angelegt sind – so, wie man imgrunde bis etwa zur Pubertät, meinethalben noch in ihre Phase hinein, fertiggeprägt ist und alles Spätere stellt sich nur noch als Variation auf ein Thema dar, oder auf mehrere Themen; selbst die Verarbeitung späterer Rauscherlebnisse und Katastrophen wird nur noch variant geleistet, dieser unser Prägungsblick auf sie gerichtet und nach den Modi der Prägung geformt. M e i n Thema, dabei, ein Hauptthema jedenfalls, scheint mir Trennung zu sein, entsprechend auch Bindung, sowie, notwendigerweise, der Wiederverlust. Imgrunde bin ich wahrscheinlich nach wie vor nicht über die Scheidung meiner Eltern und das danach jahrelange Verschwundensein meines Vaters hinweg, das wie nichts sonst, als quasi Reaktion, mein eigenes Vater-Ich geprägt hat, das innere – zu realisierende – Vater-Ideal. Sogar meine nahezu instinktive Ablehnung von Autoritäten-qua-(sozusagen)-Amt ließe sich so deuten, und die nicht selten aggressive Auflehnung gegen sie, weil eben, daß sie es, Autoritäten, nur formal sind, sich als unzuverlässig erwiesen hat. Auf diese Weise entstehen sogar politische Haltungen, ebenso wie ich, bei allen Zwistigkeiten mit meiner Mutter, ja über Jahre unserer Feindschaft, dennoch aus ihr mein Frauenbild gewonnen habe, eines nämlich tatsächlich starken Geschlechts. – Ich schrieb es gestern an >>>> Zintzen, daß in nahezu allen meinen Büchern die Frauen es sind, die zum Beispiel den Widerstand tragen und/oder neue und wichtige, mit Blick auf Humanität, Bewegungen initiieren, während die Männer fast durchweg versagen, jedenfalls mehr Spielbälle der Geschehen als ihre Spieler sind. In diesen fast ideologisch antipatiarchalen Zeiten wundert es mich ein wenig, daß dies bisher so wenige bemerkt haben, sondern ich statt dessen als quasi Überbleibsel eines überkommenen Machismo dasteh. Jedenfalls verstelle offenbar ich als Person, das heißt als ihre Erscheinung, den Blick auf mein Werk; Zintzen schrieb von Inszenierung. – Du merkst, der gestrige Briefwechsel beschäftigt mich weiter.

Vom Verlag kam abends noch, ich sah es heute früh aber erst, die finale Version des Traumschiff-Umschlags. Sehr schön jetzt, bis auf eine Kleinigkeit, die aber möglicherweise gesetzt ist und es auch sein muß; ich hab‘s vorhin, in meiner Antwort, noch einmal angesprochen.
Jetzt aber mache ich mit den Triestbriefen weiter – noch einmal alles lesen, was ich bislang überarbeitet habe, dann die noch unüberarbeiteten Briefe weiter überarbeiten. Außerdem will ich >>>> die Veranstaltung der kommenden Woche vorbereiten; ich freue mich darauf, daß ich neben Anderswelt einmal wieder aus dem >>>> Wolpertinger vorlesen kann.

Fühl Dich in den Arm genommen
von Deinem

Alban

P.S.: Die Baguettes gestern sind mir übrigens furios mißlungen; offensichtlich hat meine wilde Hefe noch nicht die nötige Kraft, oder ich habe, als ich sie zu züchten begann, einen Fehler gemacht. Es gibt Bäckereien, die pflegen die ihre über Generationen – ein Gedanke, der mir gegen die Endlichkeit gefällt, ja eigentümlich nah ist. Also: nie nahlaaten!

Über Alban Nikolai Herbst

https://de.wikipedia.org/wiki/Alban_Nikolai_Herbst
Dieser Beitrag wurde unter Arbeitsjournal veröffentlicht. Setzen Sie ein Lesezeichen auf den Permalink.

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahren Sie mehr darüber, wie Ihre Kommentardaten verarbeitet werden .