Michel Serres. Die fünf Sinne. Eine Philosophie der Gemenge und Gemische.

Ich danke dir sehr für dieses Buch. Ich liebe es schon jetzt. Habe es noch im Zug aufgeschlagen. Bin bis Seite 29 gekommen. 2tes Kapitel. Nicht darüber hinaus, weil ich einzelne Textpassagen immer wieder las und lese. Schleppe es mit mir herum. Kritzele darin herum.

Wir hatten nie etwas anderes als das Duell, den Dualismus, die Perversität kennengelernt, lächerliche Liebhaber, grausam und in Eile. Ich umarme dich. Nein, meine Seele fliegt nicht um dieses zarte Netz herum, das wir beide um die Berührung spannen. Nein, das ist weder meine Seele noch die deine. Nein, das ist weder so einfach noch so grausam. Nein, ich mache dich nicht zum Objekt, ich lasse dich nicht zu Eis erstarren, ich binde dich nicht an mich, ich vergewaltige dich nicht, und ich behandele dich nicht wie der unsägliche Marquis. Noch auch erwarte ich, dass du seine Nachfolge antrittst.

Der Unsägliche? -Doch, kann man ruhig machen, seinen Namen aussprechen.

Unsäglich ist ja nur die eindimensionale Begriffsableitung des Sadismus. Der hat ja nicht nur einen Masochismus und Sadismus und die gegenseitige Wechselwirkung beschrieben sondern noch was anderes gemacht. Ganz plakativ Körper gegen Kopf anrennen lassen. Orgie gegen Disziplinierung. Ausschweifung gegen Strukturierung. Und umgekehrt. Und das auch nicht in Rollenverteilung. Sondern beides in eins konzentriert. Im Einzelnen.

Ich verbinde das mit eher skurrilen bis hin zu unfreiwillig komischen Bildern. Liegt natürlich an der Nichtteilnehmerperspektive die ich habe, weil ich mir es als Leser gerade einmal vorstelle. So wie er sie eben sich hat in Reihe stellen lassen, wie an einer Kasse im Supermarkt. Alle nackt: Frau hinter Mann hinter Frau hinter Frau hinter Mann hinter Mann… Egal! Und jeder irgendwas von sich im Anderen stecken.

Aber interessanterweise das ganze „Konstrukt“ in dieser Choreographie haltend, als wäre die gesamte Schlange Mensch ein dauerhaft erigierter Schwanz. Wahrscheinlich stand er sogar kurz da und hat darüber lachen müssen. Bei all dem Ernst. Das macht seine Denke doch sehr interessant, das unfreiwillig komisch Skurrile ist für mich sogar eine weitere Komponente die ergänzend hinzukommt. Da klingelt der Marquis bei mir durch. Wer würde da schon teilnehmen wollen? Du nicht. Ich nicht. Und doch, ist ja nur ein Stellvertreterbild, machen´ s alle mehr oder weniger im Alltag unter der, falls sie noch da ist, Wahrnehmung einer Unterwerfung eines Apparaten (der sicher nicht erigiert ist / sein kann). Alle leidlich stöhnend. Jammernd überall. Über dies oder das. Egal wo man ist. Das mache ich auch für mich geltend. Denn wer jammert, der sollte hinschmeißen, lässt sich nichts ändern. Oder weiter an der Schraube drehen. Doch wer weiterhin hinnimmt, hat den Mund zu halten. Klingt hart, sehe ich aber mittlerweile so.

De Sade hat nicht rumgemacht mit Ich und Du. Für mich war das auch ein Soziologe. Und solange er nicht im Kittchen oder im sog. Irrenhaus war, was ja irgendwie das Gleiche war zu der Zeit, war er auch noch in dieser Hinsicht Pädagoge für Adulte. In Gruppen hat er die durchgewunken. Ob sie nun was damit anfangen konnten oder nicht. Und dass der Mann natürlich jenseits von meinen Nachbarn oder Arbeitskollegen war, ist klar. In seiner Wahrnehmungsextreme, die versucht hat all das zu umspannen. Der hat seine Höllenkreise durchlaufen. Ganz sicher mehrere in seinem Fall. Ist auch besser! Von einem in den nächsten. In keinem hängen zu bleiben. Sich loslassen um hineinzufallen, um sich dann in diesem wieder loszulassen. Draußen und Drinnen. Drinnen und Draußen. Wo bin ich? Entscheidungen. Sonst bist du im Limbus. Wer guckt da noch nach Rechts und Links, nach den Nachbarn!? Ich würde es nicht tun. Die kann man ohnehin nicht als Begleiter mitnehmen. Das wäre grob fahrlässig. Nicht den Nachbarstellvertreterpappmann, nicht die Masse. Es sei denn, dein Nachbar / deine Nachbarin ist der Teufel in Person. Dann schon. Das war ihm wohl auch klar. Ansonsten nur den Einzelnen. Immer nur sich. Denn rein als Soziologe kannst du es nur monströs demonstrieren.

So fällt mir auch Kurt Tucholsky ein und was er über Manns Untertan schrieb: Dieses Buch ist das Herbarium des deutschen Mannes. Hier ist er ganz: in seiner Sucht zu befehlen und zu gehorchen, in seiner Rohheit und in seiner Religiosität, in seiner Erfolgsanbeterei und seiner namenlosen Zivilfeigheit.

Habe meine Abiklausur über den Untertan geschrieben, musst du wissen. Verlange Einsicht. Was da wohl so steht?

Ich freue mich auf deine Antwort. Ich liebe Angebote. Sie zu machen, sie anzunehmen. Mehr kann man nicht tun, oder!?

Zartheit. Dezentheit. Auch das sind Extreme. Feinste. Keine leichten Leichtigkeiten. Aber die wundervollsten. Alles ist immer Durchdringung, Vermengung. Von Subjekt und Objekt. Eben, da muss man vom Soziologen wieder wegkommen. 1 Semester Soziologie. Das war nix für mich!

De Sade hat den Menschen ausgezogen. Tucholsky, in dieser einen Erzählung, (wie heißt sie noch? Werde sie lesen.) dagegen …, ja was: zärtlich entkleidet? Oder gar zärtlich angezogen?

Sag´ schon! Was? Was? Was? Ich geh´ dich an! Ichgehdichaninteresse. Bin Stürmer! Weil ich den Anderen vor die Brust schlagen muss. Kann gar nicht anders.

Denn der erste Satz allein: Feuer im Schiff bedeutet höchste Gefahr; es treibt dich hinaus. Den verstehe ich auch auf eine zweite sehr positive Weise.

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3 Responses to Michel Serres. Die fünf Sinne. Eine Philosophie der Gemenge und Gemische.

  1. Avatar Marsyas Spazier says:

    „Leuchtende Unordnung, aufscheinende Ordnungen“ (Petra Gehring) „Serres Schöpfungen nehmen die Kunst beim Wort wie den Alltag, die Religionen und das Handwerk auch. Er bedient sich ihrer aber als Rohstoff oder besser als Werkstoff: für die Philosophie und für eine Form der Modellierung von Gedanken, die man so in keiner Wissenschaft hat und auch in der Theoriegeschichte nicht kennt. Um Anschaulichkeit geht es dabei gar nicht. Vielleicht sollte man den Vergleich mit musikalischen Kompositionsverfahren wagen. Aus Einzelmotiven werden nicht Bilder zusammengesetzt, es wird eine Notenschrift geschaffen. Eine Partitur für etwas, das man,nachdem man es zu lesen lernte, spielen kann…. Seine Texte verzichten auf Gegner. Sie arbeiten Antworten aus. Sie konzentrieren sich. Sie fügen Dinge zusammen.“
    So Petra Gehring in ihrer Laudatio anlässlich der Verleihung des Meister Eckhart Preis 2012 an Michel Serres. Dies nur ein Hinweis !

    Zu Ihrem feinen Text fällt mir – nicht ganz zufällig – der Begriff Zufall ein. Der Zufall ist es, der oft jeglicher Planung und Kontrolle in den Arm fällt. Der den Fanatikern des Seriellen alle Serie zerstören kann. Im Zufall offenbart sich die Natur, die außer uns, für sich, ohne uns gut existieren kann. Sie stemmt sich offen, auch manchmal hinterhältig einer „aufscheinenden Ordnung“ entgegen, produziert Chaos, was der aufmerksame Beobachter dann als „Leuchtende Unordnung“ positiv für sich registriert.

    MS… auf dem Weg nach St. Petersburg , Puschkin im Gepäck

    • Avatar read An says:

      Das ist kein Buch der Erkenntnis für mich. Zumal alle Autoren doch eh mehr oder weniger im selben großen Teich der Bilder fischen, würde ich mal behaupten. Und nicht jeder ist ein guter Angler, Fischer oder Speerwerfer. Manche gehen auch ins Wasser und tauchen.

      Serres schafft es, als wäre es leicht, eine einfache und vielleicht daher sehr poetische Sprache zu finden, für das Chaos, die Ordnung. Ja, das stimmt! Ohne dringlich zu sein. Er pinselt den Menschen nicht in die Ecke. Er setzt sich in diese. Oder es treibt ihn in jene. Er nimmt einfach wahr und erzählt davon.

      Das Leben. Die Natur. Die verflucht geile Natur. Eros, Mr. Marsyas Spazier, das ist absolut korrekt, was Sie letztens sagten, jede Handlung des Menschen ist vom Eros motiviert. Wer weiß ob wir überhaupt Hände hätten, existierte diese Kraft, dieser Trieb nicht! Oder Augen und Münder. Ohren, Brüste, Schwänze, Mösen. Und Poren.

      Wie würde das aussehen und sich anfühlen ohne? Ziemlich >>>dicht! -Die Anästheten. (So nenne ich die Narkoseärzte immer, wenn sie vorbeikommen!) The next Generation?

      Wohl auch kein Zufall, dass der Mathematiker ist!

      Wünsche eine gute Zeit in St. Petersburg, mit oder ohne Puschkin, Stadt auf Sumpfgebiet gebaut. Ob die vielen vielen Seelen, die sie erbauten, sie sich irgendwann holen?

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