„Das Schwarze Museum ODER Die Rache der Chassée.“ Aus der Ersten Fassung.

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Hinter vorgehaltenen Händen lief bald um, der Vertrag mit Frau Chassée werde nicht verlängert, sondern unmittelbar nach Eröffnung des Neuen Museums aufgekündigt werden. Sogar von einer fristlosen Kündigung war die Rede, die man so kurz vor der Eröffnung des Neubaus aber wohl nicht wagte. Daß sich, wie durchsichtig auch immer, irgend eine arbeitsrechtliche Verfehlung hätte finden lassen, steht erfahrungshalber außer Frage. Aber der Schaden für die Stadt wäre zu groß gewesen – ein selbst für Frankfurter Verhältnisse furchtbares Eigentor, bei dem eine möglicherweise gerichtlich erstrittene Wiedergutmachung, etwa in Form eines Schmerzensgeldes, noch das geringste Übel gewesen wäre. In jedem Fall war offenbar, daß der Magistrat mit Madame Chassée jemanden eingekauft hatte, deren selbst von Gegnern des KKMs anerkannte Bedeutung für die Durchsetzung dieses neuen Museums ideal genug war, um die hinter dem Projekt eigentlich stehenden Interessen in genau dem Schatten zu verbergen, den der Ruf dieser Frau ihnen warf. Und daß man ihn nach der Eröffnung, hätte die Mohrin ihre Schuldigkeit nur erst getan, billig überblenden wollte. Ihr selbst blieb nichts, als das auszuhalten.
So etwas ist nicht leicht. Ich nahm daher an, daß sie sich wenigstens symbolisch zur Wehr setzen wollte, als sie zur Eröffnung den eigentlichen Haupteingang des KKMs verschließen ließ, der zum Park, also nach hinten hinausging, um die Besucher nunmehr auf der Mainseite zu empfangen. Da es dort aber keinen Uferweg mehr gab, über den sich dieser Eingang erreichen ließ, wurden wir gezwungen – auch die Parteigrößen, die Vertreter der Kirchen und der Industrie; alledie nämlich kamen – , uns auf dem Fluß übersetzen zu lassen. Dazu pendelten eigens zwei Fähren, die aber kaum je zwanzig Leute faßten, allein weil der drübige Anleger so schmal war. Auf der rechten Mainkaiseite aber drängten sich die Leute trotz der Hitze fast übers ganze Ufer von der Untermainkaibrücke bis zum Eisernen Steg und nach hinten in die Innenstadt hinauf. So spielte zu meiner völligen Überraschung das Wetter gar keine Rolle. Alle erhofften sich den satten Skandal, in dem sich die angestauten Aggressionen endlich entladen könnten. Sogar Fahrzeuge nicht nur des Hessischen Rundfunk standen die Promenade entlang, nein, auch die anderer ARD-Anstalten, des ZDFs und einiger Privatsender. Kameras und riesige Leuchtanlagen wurden aufgebaut, egal wie sonnengleißend der Fluß sowieso reflektierte. Gleichsam vermeinte man, noch durch das wogende Reden und Rufen die Filmspulen schnurren zu hören.
Natürlich war das Unfug, kein Mensch filmt mehr auf Zelluloid.
„Um Gottes willen!“ rief Consuelo aus, als wir endlich einen Parkplatz gefunden hatten und bis in die untere Karmelitergasse vorgedrungen waren. „Du willst dich da wirklich reindrängen?“
Über der Szenerie lag etwas überaus Altes, quasi Urvorzeitiges, von dem auch ich nicht ahnte, wie zutiefst venerisch es war. Überdies waren die meisten Besucher in schwarzer Garderobe erschienen. Man konnte den Eindruck einer ungeheuren Beerdigung haben. Und Stunden würden vergehen, bis wir endlich drüben wären. Dennoch, ja, ich wollte mich reindrängen. So sehr sog die dunkle Front des Museums mich wie alle anderen an, als wären wir der Gravitationskraft eines Schwarzes Loches zu nahe gekommen.
Dabei wirkte das fensterlose Gebäude gar nicht viel größer als die anrainenden Museumsvillen links von ihm. Also schien irgendein optischer architektonischer Trick, den ich nicht durchschaute, die ungemeine Attraktion zuwegezubringen. Um so absurder kamen mir die den Schaumainkai nach Osten hinauf errichteten Büdchen vor, die Kunsthandwerkstände, dazwischen die aufgepumpten Wülste einer überdimensionierten, orange leuchtenden Hüpfburg. Hunderte Luftballons stiegen dort auf. Kinderschreie, Bratwurstduft. Und daran direkt der weltallschwarze Quader des kosmischen Museums. Als schnitte er ein ganzes Stück Wirklichkeit aus der Stadt einfach heraus.
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Über Alban Nikolai Herbst

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