So düster wie grandios. Christopher Eckers Roman „Der Bahnhof von Plön“.


[Geschrieben als Kurzrezension für http://amazon.de.
Dortseits nicht angenommen, weil sie gegen die
„Guidelines“ verstoße. Es ist mir unklar, warum,
und nachfragen läßt sich’s nicht.
ANH, Mai 2016]

Für mich gehört Christopher Ecker, vor allem seit seinem Roman >>>> Fahlmann, zu den herausragenden deutschsprachigen Romanschriftstellern der Gegenwart; möglicherweise steht er ganz vorne an der Front (ja, es ist eine) – wenn auch auf scheinbar verlorenem Posten, weil ihn weder die modischen politischen Correctnesse stören, noch daß er eine „Zielgruppe“ im Auge hätte. Im Gegenteil ist er allein seinen Themen und einer modernen, dabei aber ausgesprochen erzählerischen Form verpflichtet, und er hat keine Scheu, Positionen einzunehmen, mit denen man sich ungern identifiziert. Die Texte können also durchaus unangenehm werden – darin ähnelt er dem berühmten Bret Easton Ellis geradezu extrem, der als deutscher Autor ebenso untergebügelt worden wäre, wie es derzeit Christopher Ecker geschieht. Spätere Generationen werden es, ich bin mir gewiß, korrigieren.
Deshalb kann ich nur dringend empfehlen, sich auf das Abenteuer Ecker einzulassen, ganz besonders mit diesem Buch, dem so harmlos klingenden „Bahnhof von Plön“:


Unter diesem nämlich befindet sich eine Zwischenwelt, die jedes Gothic- und David-Lynch-Herz bangend höherschlagen läßt – eine Geschichte neben der Geschichte, quasi Urgeschichte neben der Neuzeit, parallel mit ihr laufend aber und in sie beklemmend eindringend. Dabei in einer klaren Sprache erzählt, zu der sich schnell Zugang finden läßt – auch wenn sie einen immer wieder foppt, dann überrascht und plötzlich schockiert, „man muß es sich als ein Haschen nach dem Winde peitschender und flatternder Möglichkeiten vorstellen“ (S. 190), und auch, wenn sich die Erkenntnis darüber, was e i g e n t l i c h erzählt wird, erst sehr allmählich einstellt, sozusagen wider Willen der Leserin/des Lesers – worin auch „Widerwillen“ mitschwingt. „Haben Sie je selbst erlebt, wie ein Fisch in Ihrer Hand zuckt, bevor Sie ihm den Griff des Messers über den Kopf ziehen? Metaphern sind nur brauchbar, wenn sie auf Erlebtem fußen“ (S. 252).
Was mich an diesem Roman so erstaunt hat, ist, wie geradezu organisch und darum nachvollziehbar, selbst Ungeheuer – oder das, was wir für solche halten – philosophieren, wie um Wahrheit sie bemüht sind. Insofern läßt sich dieser Roman auch als ein politisch-moralischer Kommentar zu den derzeit, m i t, drängendsten Fragen unserer Zeit lesen: zum Aufeinanderprallen einander diametral entgegengesetzter Kulturen und Moralverständnisse. Unter diesem Blickwinkel betrachtet, ist der Bahnhof von Plön ein geradezu erschreckend politisches Buch und dennoch (oder gerade deshalb?) voll des Gefühls der Versagung, des Entsagens und der Sehnsucht.
Ecker gehört zu den sehr wenigen Romandichtern der deutschsprachigen Gegenwart, die sich etwas w a g e n – und sich selbst wagen. Wir sollten es ihm gleichtun — und damit beginnen, indem wir ihn lesen.

Christopher Ecker
DER BAHNHOF VON PLÖN
Roman

Gebunden, 396 Seiten
22,95 EUR
Mitteldeutscher Verlag, Halle 2015
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7 Responses to So düster wie grandios. Christopher Eckers Roman „Der Bahnhof von Plön“.

  1. Avatar Phorkyas says:

    Was für ein Name! – Schreiben Sie absichtlich „Pön“ und „Plötz“ – ich war so sicher das sei eine Borges-Anspielung aber bei dem heißt es „Tlön“

    • Oje@Phorkyas… Möglicherweise hat mir da das automatische Korrekturprogramm, das ich eh hasse, einen Streich gespielt, und ich hab’s nicht gemerkt, – aber auch Ecker selbst offenbar nicht, der sich, nachdem er die Rezension gelesen hat, bei mir meldete.
      Ich hab es jetzt sofort korrigiert. Ganz ganz herzlichen Dank.

    • Avatar Phorkyas says:

      Bei meinen eigenen Texten. So kurz sie auch seien, überkommt mich der Kontrollwahn, dass alles korrekt sei und wie vor dem inneren Auge zuvor imaginiert, bis in die letze Silbe ins letzte Komma (mit denen hapert’s bei mir immer). – Aber je länger die Texte werden, desto unmöglicher wird’s doch sie fehlerfrei zu halten. Diese hier waren doch eher ein Schmuck, denn ein Makel –

      Kein Text ohne Druckfehler. Kein Programm ohne Bug.
      (S. auch die sinnlose Debatte: http://www.sueddeutsche.de/kultur/replik-auf-die-kritik-an-buchverlagen-der-lektor-schreibt-das-ende-und-holt-das-bier-1.3016528 ?)

    • Vielleicht@Phorkyas nicht gerade Schmuck, doch glomm ein gewisser Witz in ihnen, besonders im Wort „Plötz“, das etwas gewittrig Blitzhaftes hat. Aber wie ein solches eben blitzhaft ist, also schnell wieder fort, so sollte man’s halt dennoch korrigieren.
      Lächelnd: Ihr ANH

  2. Avatar Uqbar says:

    Titel Vielleicht waren es die beiden falschen Schreibweisen des Titels, die amazon vom Abdruck absehen ließen. Wäre irgendwie verständlich.

    • Avatar Uqbar says:

      Titel nochmal Ja, versuchen Sie es nochmal. Würde mich auch interessieren. Es kann ja inhaltlich gar keinen Grund für diese Ablehnung geben. Es sei denn, der Text ist denen zu intelligent. 😉
      Nee, es wird wohl was anderes sein. Bei allen Firmenportalen die Bewertungen zulassen, nicht nur bei amazon, werden mittlerweile sehr umfangreiche Kontrollen durchgeführt. Das hat den Grund darin, dass übermäßig viele Gefälligkeitsbewertungen abgegeben werden. Es gibt sogar Leute, die haben das Bewerten als Geschäftsmodell entdeckt und bewerten in großem Stil ganz nach Wunsch. Das entwertet natürlich in Wahrheit die Produkte und muss verhindert werden. Deshalb wird kontrolliert und gelöscht. Erste Frage könnte in Ihrem Fall gewesen sein: Ist er Kunde und hat der das Buch überhaupt bei uns gekauft? Zweite Frage: Ist das eine Freundschaftsbewertung, die er abgibt, weil er den Autor persönlich kennt? … Und vermutlich fallen Sie in beiden Fällen mit Ihrem Text durch. Sorry, thats the way.

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