III, 284 – aképhalos

Putten sind eben doch ein bißchen ‘putt, als ihnen die Flügel gleichsam aus dem Zwischenreich herauswachsen und zwischen Kopf und Himmelblau emporsprießen, als wäre die blaue Trauer der Türken (“Die Türken trauern blau” – Jean Paul, Museum IX) ihnen himmelfahrig genug (im Dom zu Amelia zwei von den Türken erbeutete Flaggen), d.h. dem Nichts, dem gern verhaßten, dem gern geschaßten, dem Leib zumal, so daß plötzlich eine Enthauptung sich wie eine Befreiung des Kopfes vom Leib anhört. Selten aber werde ein halber Teufel gezeichnet: “der Satan tritt immer ganz auf” (ebd.).
Das war am Vorabend des ersten Mais. In der Nacht hatten mir die Hexen auf dem Flug zum Blocksberg die roten dicken Schuppen vom Rücken weggemopst. Geblieben war am Morgen nur noch eine dünne kaum fühlbare Schicht. Womit zumindest in der Hinsicht Erträglichkeit einzog. Ganz ohne die von Hippokrates verschriebene Salbe, die ich anderen Händen hätte anvertrauen sollen. Wahrscheinlich lag es auch daran: keine anderen Hände an meinen Rücken heranlassen zu wollen. Und so unterließ ich es, nach zwei gescheiterten Versuchen (einmal zu voll, einmal zu spät) Äskulap wegen des hausärztlichen Rezeptes aufzusuchen. Zum Teil Arbeit vorschiebend, zum Teil den Unterleib, was sich in einer metaphorischen Aufgehobenheit von selbst aufhebt.
Weil der eben auch ins Erträgliche ein Un hineingepfuscht. Und der abermalige fromme Wunsch “Ich war ganz Kopf” (Jean Paul, Museum X) beschreibt bei ihm, Jean Paul, auch nur das Anfangsstadium als Fötus im Mutterleib, “als ich schon aus einem entschiedenen Nichts ein großer Kopf geworden war”, im Alter von zwölf Stunden, d.h. ein Verhältnis von ungefähr 46000 Halbtagen zu 1, ein genügend langer Zeitraum, um unterwegs in den Tag wie die Aurora in einer Erzählung von Alberto Savinio auf der römischen Via Flaminia nach und nach die Gliedmaßen zu verlieren (hatt’ ich mal übersetzt, weiß aber jetzt nicht, wo der Text liegt), um wieder ganz Himmelblau zu werden.

Barfuß aus Mondsand hervorschreitend,
Siedelst du, Aurora und Freude und Liebe,
Mit deinem Echo im irrenden All, und läßt hinter dir
Im Fleisch der Tage
Den ewigen Schleier einer Wunde wehen.

Von >>>>hier
Und es ist eine Art zu finden, all das zu “besprechen”. Ein Wort, daß man, ich weiß nicht ob heute noch, benutzte für die Praktiken einer mir verwandten Person von damals, die dafür bekannt war, die “Gürtelrose” durch “Besprechen” zu heilen. Geerbt habe diese Praxis meine ehemalige Nachbarin, mit der ich in der Pubertät oft und gern Monopoly spielte und die dann den Enkel besagter Verwandter geheiratet, der mein Couscousin ist, sich aber auf den letzten beiden Schützenfesten so verhielt, als ob er mich ignorierte.
Gestern beim Schließen der Fensterläden in der Küche schaute oben ein halber Mond vom Himmel. Ich hatte mir vorher eine Dokumentation über den Korea-Krieg angeschaut, natürlich very US. Auf den Landkarten erschienen die Stellungen der Amerikaner mit der UN-Flagge. Im Film sah man nur Stars and Stripes. Es sei doch aber gar nicht so verkehrt, meinen Körper mit dem Korea-Krieg zu vergleichen. Zuweilen fühlt man sich in die untere rechte Ecke von Pusan zurückgedrängt, zuweilen fordert man gar die Chinesen heraus, um dann wieder zurückgedrängt zu werden. Ich sollte mir eine koreanische Version dieser Geschichte heraussuchen. Denn was weiß man schon vom Korea-Krieg?
So auf der inneren Landkarte zum Halbmond zu finden, dem verlorenen Gleichgewicht des Körpers, der nicht mehr so funktioniert, wie er noch vor drei Monaten funktioniert hat.
Seit zwei Tagen sieht man den Tabaccaio wieder. Zwei-drei Wochen lang war nur seine Frau im Laden. Eine Erkundigung ward vage mit “Krankheit” beantwortet. Nun trägt er einen ‘jungen’ Bart, auf den ich ihn ansprach. Seiner sei schöner und ließ die Finger kurz an meinem streichen. Meiner aber, sagte ich, sei weißer.

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2 Kommentare zu III, 284 – aképhalos

  1. Les Chants de la mi-mort.

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