III, 285 – pe-cu-liar

Zu den Wenigen, denen ich meine Peripetie recht dramatisch vortrug vor nunmehr Wochen schon (wann diese Wochenwerke begannen, vermag ich nicht mehr zu sagen, sie stellen sich jetzt eher als ein Kontinuum dar, dessen Entstehung im Dunkeln liegt (es war Nacht, aber davon, ob ein Mond schien, weiß er auch nichts mehr (die Fingernägel sprachen: es sei! und es ward. Und so schieden sie ein Davor von einem Danach.))), zählte auch Ulpia. Natürlich ein erfundener Name. Sie verhält sich eher wie eine getreue Faustina, sofern sie es denn tut. Dann aber ganz so, daß einem unbehaglich wird.
Da ihr Ähnliches mit der Haut geschehen, und wir uns schon lange kennen (auch sehr nah schon kannten), nahm sie sich’s – wie man so schön sagt – zu Herzen.
Fing an zu insistieren mit Dingen, die sie betroffen hatten, die sie aber nun auf mich projizierte hinsichtlich der Verhaltensweisen, drohte gar, mir eine Putzfrau zu besorgen (nachdem sie’s überstanden, fand mithilfe von Freundinnen bei ihr sofort eine Generalreinigung statt (also eine Art Ersatzhandlung)), bot mir an, mich zu beherbergen, um rechtzeitig morgens um 7 bei einer renommierten dermatologischen Klinik in Rom mein Nümmerchen für eine Untersuchung zu ziehen. Und ich solle überhaupt den Hautarzt wechseln.
Eine für meine Begriffe fürchterliche Einmischung. Wie froh ich doch sei, sagte ich mir, daß das Übel in der Walpurgisnacht nicht grad ins Juchhei der Besen sich verfangen, aber doch ein wenglein geläutert worden. Gelöst ist damit noch gar nichts. Bald soll es warm werden. Charon heißt das sich nähernde Hochdruckgebiet. Zwei Gewitter in den letzten beiden Tagen gaben ihm schon seinen Segen und meiner Sorge ums Modem den Rat, den Stecker herauszuziehen. Ich sollte meine Arme intensiver eincremen, um nicht dauernd zu einer Maximalbedeckung gezwungen zu sein. Zig (natürlich übertrieben) verstaubte, zum Teil aus dem vorigen Jahrhundert stammende und sowieso ungebügelte Hemden, weil ohne Schrank, aber nischt anzuziehen. Quod erat demonstrandum.
Mein Körper sei eine Rostlaube, und der Name Ulpia ist eh nicht belegt. Es gab einen römischen Juristen namens Ulpian.
Nicht zu vergessen Diarrhea Dee-lite (Pynchon, Gravity’s Rainbow – er wurde gestern 80) at Eastertide left aside. Ah, ich hab’s gefunden: Ul-pia / Would you think me mea cul-pia (im Original bei Pynchon: Ju-lia / Would you think me pe-cu-liar / If I should fool ya, / In-to givin’ me-just-a-little-kiss?, paßt irjndwie bezogen auf eine ganz bestimmte Situation, sofern man den Namen und den Situationen ihr jeweiliges Recht einräumen will. Dann bleibt vielleicht ein Übeltreter auf unsicherer Schwelle im Ungleichgewicht, Le miel que nul été / Ne peut mûrir. (Bonnefoy, Dans le leurre du seuil).
Mittlerweile aber weiß ich, warum ich damals zu Beginn des Studiums (mit meiner heutigen Rostlaube in der damaligen Rostlaube) keine Geschichtsveranstaltung besucht habe, obwohl ich mich fürs erste Semester dafür eingeschrieben als Nebenfach. Erst jetzt lese ich in der einbrechenden Senilità ein Geschichtswerk, Gibbons ‘Verfall und Untergang des römischen Imperiums’ in der neu erschienenen Ü von Michael Walter. Es liest sich leicht und man staunt über die Vielfalt der Quellen, zuweilen entspricht einer Seite Text eine Zweidrittelseite Fußnoten. Aber es bleibt die Aktenkundigkeit des Seins. Ihr entschwebt kein Geist. ‘Krieg und Frieden’ bleibt doch immer noch die bessere Geschichtsschreibung. Eine Frage der Authentizität.
Und nichts ist authentischer als der Mythos, und wenn man so will, auch die Bibel, sofern man sie als solchen auffassen will. Und natürlich Grimms Märchen. Usw. (I.e.: Ulpia singt weiter, was sie ja auch tatsächlich tut).

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