Gedämpfte Nervosität. Das VorderMeereLesungsjournal des Mittwochs, den 4. Oktober 2017.


[Arbeitswohnung, 11.02 Uhr
Heinz Winbeck, Entgegengesang (1973)]

Tee. (Es ist Herbst).
Seit fünf auf, um sechs geduscht, angezogen, vorher eine Email an die Contessa geschrieben und durch Die Dschungel geschaut. Dann, um kurz vor acht, lag Meere in dem wunderbaren Lichthof des rbbs, ehemals SFBs:

Meeres Lichthof

Das Studiogespräch, live übertragen, war kurz und trefflich. Schon ging’s mit dem vom rbb gestellten Taxi wieder zurück, kleine Chaosfahrt, um Staus zu umgehen. Zwischendurch Absagen für heute abend: eigene Termine meist, so kurz vor der Messe. Andere Leute sagten zu.
Die übliche Nervosität, ob sich >>>> der Saal auch fülle.
Wunderbare Musik ist das, diese verhaltene, von >>>> Winbeck. Wir hatten auch mal Kontakt; er wußte mit meinen Arbeiten leider nichts anzufangen – so verlor er sich wieder.
Wie es mir damit gehe, aus dem ehemals verbotenen Buch nun wieder lesen zu können, fragte mich Anja Herzog, die Moderatorin. „Ich bin gedämpft”, antwortete ich. „Ganz hat es mich noch nicht erreicht.” Obwohl ich’s ja nun seit über einem halben Jahr weiß. Aber ich will mich nicht zu früh zu sehr freuen. Wie Freund M. zu meinem Sohn sagte: „Entweder wird das Buch jetzt ganz vergessen, oder es geht ab durch die Decke. Die Chancen stehen fiftyfifty.” Es sind zuviele, vor allem auch persönliche Unwägbarkeiten in diesem Betrieb.
Als ich an den Schreibtisch zurückkam, hatte ich immer noch keine Nachricht von Elvira M. Gross, meiner Kopf- und Herzlektorin, die heute abend, eigens aus Wien dafür angereist, moderieren wird. Doch eben eine SMS, Treffen um 16 Uhr in Mitte? Sie sei bereits in Berlin, wolle noch ein Atelier besuchen und sich danach im Hotel umziehen. Also werde ich sie dort abholen, dann sprechen wir und fahren anschließend gemeinsam ins Literaturhaus.
Zuvor will/muß ich die zu lesenden Passagen zusammenstellen; kann aber auch sein, daß sie Vorschläge oder Wünsche hat.
„Gedämpfte Nervosität”, ja, dies trifft es exakt… soweit „gedämpft” exakt sein kann. Dennoch der tägliche >>>> Ecker: Diesmal geht es um einen Gestaltwandler an Bord eines Raumschiffs, wobei er der Gestaltwandler möglicherweise gar nicht ist oder doch ist, es nur nicht mehr weiß. Jedenfalls bekommen wir ein kleines Lehrkabinett der Möglichkeitenpoetik zu lesen, die sich derart verzweigt, daß es zur Geschichte selbst nicht mehr kommt – noch kann es zu ihr kommen. Behauptet jedenfalls der Dichter.
Ich, möglicher-sic!-weise, sähe und sehe es anders.

[Winbeck, Denk ich an Haydn,
Drei Fragmente für Orchester (1982)]

Auf der Taxihinfahrt eine gräßliche Neuerung:

Taxiscreen



Solche Bildschirme werden jetzt in die Wagen montiert. Ich hatte Glück, er war nicht an. Normalerweise laufe dort Werbung. Die wird einem dann in kaum einem halben Meter Abstand in die Augen gehaun. Es gibt kein Entkommen. Aber vielleicht gibt es unterdessen Menschen, die eben das als wohltuend empfinden. Alle, Freundin, alle sind wir geprägt, die einen so, doch immer immer mehr sind’s anders.

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