Resilienzen. Das Arbeitsjournal des Sonnabends, den 4. November 2017. Nach dem Freundesbesuch.


[Arbeitsswohnung, 8.27 Uhr
Bach, Wohltemperiertes Klavier II (Gould)]

„Sie müsse resilieren”, sprach soeben, als ich sie wecken wollte, die Löwin. Wach war sie aber schon. „Mein Körper lebt noch immer in der Sommerzeit, also will er eine Stunde früher aufstehen, als die Zeitumstellung sagt.” „Was müssen Sie?” fragte ich; vielleicht habe ich auch „Was mußt du?” gefragt. Denn meines Wissens sind wir nach derart vielen Jahren nun doch bei diesem Du angelangt. In Der Dschungel freilich siezen wir uns weiter – kein Beharren auf Distanz zwischen uns, sondern gegenüber dem technischen Medium.
Das Sie zeigt an, daß es Medium bleibt. Wir werden uns nicht täuschen lassen.
Aber, jedenfalls, kannte ich das W o r t nicht, resilieren. „Sich wieder gesunden”, erklärte, nicht ohne Triumph über meine Kenntnislosigkeit, die Löwin und las, im Medium nachgeschaut, folgendes vor:

Fähigkeit eines Ökosystems, nach einer Störung zum Ausgangszustand zurückzukehren.

„Aber sieh (sehen Sie) selbst nach.”

Ecco:

Resilienz (von lateinisch resilire ‚zurückspringen‘ ‚abprallen‘) oder psychische Widerstandsfähigkeit ist die Fähigkeit, Krisen zu bewältigen und sie durch Rückgriff auf persönliche und sozial vermittelte Ressourcen als Anlass für Entwicklungen zu nutzen.

Also genau das, was mein guter Freund jetzt tun muß und seit vorgestern abend auch tut, dessen Seele so gesprungen war. Das, was lange Zeit auch ich tun mußte. So daß ich meine Arbeitsvorhaben jetzt >>>> auch erfülle und morgens viele grüne Häkchen ‚zeichnen‘ darf und muß nicht darob unruhig werden oder gar es bedauern, daß es gestern nacht, mit der Freundin und ihrem Gefährten, bis tatsächlich zwei Uhr dreißig ging. Eigentlich hatten sie gegen 23 Uhr wieder aufbrechen wollen. Ding-ding-ding machte per Whatsapp so ab diesem Zeitpunkt meine Contessa. Ich hab noch gar nicht nachgesehen, werde ich gleich tun. Um 23.30 Uhr rief dann auch mein Wiener Verleger noch tatenlustig an; nächste Woche werden wir uns sehen, hier in Berlin, und die Neuausgabe der AEOLIA besprechen.
Aber, liebste Freundin, dreieinhalb Stunden Nachtschlafs sind sogar für mich ein bisserl wenig. Wie ich grade merke. Am Restalkohol ändert auch die Sonne nichts, die nach dem gestriggrauen Tag soeben wieder durchkommt. Dennoch hellt sie die Seele auf, über die La Lionesse und ich soeben auch gesprochen haben. Erwägungen, was denn komme nach dem Sterben.
Anders als sie sehe ich den Zerfall in unsere chemischen Bausteine: Es geht zwar weiter, doch ohne ein Uns. Indessen wir, die Freundin, ihr Gefährte und ich, nachts lange über Mißbrauch diskutieren; sie ist Juristin; über sexuelle Übergriffe an den Arbeitsplätzen und Pro und Contra permanenter ZuRegulierungen. Weinstein und die Gründe.
Wir waren ziemlich verschiedener Meinungen. „Hoffentlich bleibt ihr jetzt Freunde”, bemerkte leicht sorgenvoll der Gefährte.
Bleiben wir und blieben’s.
Resilienzen.
Was sie an Übergriffen am Arbeitsplatz erlebte hatte, hatte ähnlich auch ich erlebt, nur ich halt durch Homosexuelle, denen ich nicht willens war. So daß ich schon mal Jobs verlor, weil ich beim Nein auch blieb. Haltung erweist sich daran, daß wir i m  R i s i k o bestehen, nicht, wenn es Risikos nicht gibt. Deshalb dünkt es mich wohlfeil, wenn nun zehn, zwanzig oder gar dreißig Jahre alte Vorfälle hervorgeholt werden, wie widerlich sie auch gewesen sein mögen. Man und frau haben sich einst gefügt und die Stelle bekommen, von der aus sie Karriere machten, vielleicht sogar Star wurden, und dann erst, wenn alles dies erreicht ist, empören sie sich. Mir macht das lange Zähne.
Verstehen Sie mich, Freundin, recht, Typen wie Weinstein – sofern die Vorwürfe stimmen – gehören aus dem Verkehr gezogen. Hier bin ich ganz einig. Die aber gleichfalls, die wußten und geschwiegen haben. Wir werden nichts aber ändern, wenn sich die Menschen nicht verwahren angesichts von Nachteilen, die sie gewärtigen müssen. „Und nun tat sie etwas, das ihr Leben zum ersten Mal mit greller Plötzlichkeit – langer, langer autorenselbstreflexiver Einschub in meiner >>>> morgendlichen Eckerlektüre – mit Sinn erfüllte. „Nein”, sagte sie nämlich, „Sie können mich am Arsch lecken. Ihre Röhn’gl können mich am Arsch lecken. Die ganze Welt kann mich am Arsch lecken.” Besser ist es auf den Punkt nicht zu bringen. „Sie unterbrach die Verbindung, warf das Handy, wie es eine Figur in Eckers Romanen getan hätte, aufs Sofa und ließ Badewasser ein.” (Fremdkontakt, S.100/101)
So ging unsre Diskussion, bis wir wieder in der Kunst landeten, namentlich Musik, auch wieder Literatur. Erneut >>>> Béart, da war es bereits eins. Gute Kritik dazu: Ich hatte (habe) jus primae noctis juristisch falsch benutzt. Das ist zu ändern. Und n o c h eine Stelle, dort, wo Diotima I das Laken um die Hüften schlingt. Die Freundin, mit rechtsgeschärftem Blick, hörte es sofort. Ich hätte besser Jura statt Philosophie studiert oder Jura und Philosophie: Wie oft ich das in den vergangenen Jahren schon gedacht habe! Ich wäre dann vielleicht nicht (>>>> „Wie es gewesen wäre”) Gemüsehändler, sondern Völkerrechtler geworden.

Morgencigarillo.

*

Und damit Sie, liebste Freundin, den Gemüsehändler auch verstehen, hier das ganze Gedicht:

Wie es wäre.

Wär ich Gemüsehändler geworden
morgens die fremde Frucht ganz anderer Hände
abends Kolonnen dürrer Zahlen, sorgsam
dazwischen das Leben
vermittelt zwischen der Erde
vermittelt unter den Nägeln den Schmutz

ein Händler oder von Stoffen
ungereisten der fernen Gestade
Planeten, fremden, nahster Geschichte
der tauschte Perlen nicht, doch Wechsel
und säß im Büro, dem das dumpfe Geheimnis
fehlt der Kontore, das Jungens, ihr Düsteres, prägte

und entfaltet sich nie
kennt nur die Sünde im Schatten
der feucht nach Scheune und Flecken
stockigen, riecht an Wänden, die schimmeln
oder in Glätte eingehen, gläsernen Fernblick
auf ferneres Glas vor Autobahn und Forstbetrieb

bis in die Adern und Venen gecleant
ein leicht debiler Alter, der schließlich
die Toten in seinem Keller vergessen
und sich befriedet hat mit den Zeiten und Nachbarn
den Rasen zu mähen nicht vor halb vier
und vor halb drei nicht kleine Mädchen anzufassen

ein Essen auf Rädern zupft ihm die getragenen Slips
in die mit Fischbeinstangen gerührte Suppe
des Soldaten der ich gewesen wäre vielleicht
mit Knarr‘ und Knauf und in dem Koppel Liebchens
Schamhaar, frisch fürs Feld, es duftet noch, gemäht
und in das Giftgas längsgeringelt wie längst ich

der Kapitän auf Großer Fahrt durch Hospitäler
die weißen Achselstücke flattern vor den Schwestern
die mit Flügeln an den fahlen Hauben schnell
erregt aus meinen Blicken segeln und beschämt
lassen sie sich schlagen nachts, um wieder Frau
zu werden zwischen den Beinen die Demut

zwischen den Zähnen den gekreuzigten Sohn
wär ich die blutende Grätsche des Heiligen Geistes gewesen
wenn ich ein solcher Fischer, wenn ich sein Treibnetz wär
mich selber auszuwerfen Tag um Tag in jeder Welle
Falle für Leiber die im Silber sterben – solche Laibe
nähren mich, während ich mich treibe.



Der Engel Ordnungen



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3 Kommentare zu Resilienzen. Das Arbeitsjournal des Sonnabends, den 4. November 2017. Nach dem Freundesbesuch.

  1. diadorim sagt:

    Mal was ganz anderes, was mir immer nachhallt, sind die Andeutungen zu Deinem Vater und seinem quasi autarken Leben. Ich war kürzlich in den Deichtorhallen und der Alec Soth Ausstellung. Ein großes Faible von mir sind amerikanische Fotografen (Evans, Winogrand, Friedlander, Shore, Eggleston etc). Diese Menschen, die Soth interessieren, die mit dem scared rabbit syndrome, in den Höhlen in the middle of nowhere, im Wald, im Mississippi Delta. Es ist schon ein Motiv bei Schiller, wer keinen Platz findet in der Gesellschaft, flüchtet in die Natur und Outskirts, oder wird dorthin verdrängt, meist eine Mischung aus beidem. Und ich dachte an das, was Du von Deinem Vater schriebst, hättest Du nicht Lust, seine Geschichte aufzuschreiben? Dieser Film über und mit Soth weckte wieder große Sehnsucht in mir nach Kalifornien, denn dieses Gefühl in den Wüsten dort konnte ich sehr gut nachvollziehen. Wenn Du mal ne Stunde Zeit hast schau Dir: somewhere to disappear an https://vimeo.com/195695255 Und da ich ja weiß, dass Dir amerikanische Titel nicht so lieb sind, es gibt auch einen sehr guten russischen Fotografen, der diese Themen umkreist: Danila Tkachenko http://www.peperoni-books.de/escape1.html Mich hat der Wenders Film Paris/Texas mit gerade mal 16 schon fasziniert. Eine Jugend und zelten an Baggerseen war auch immer ein bisschen Ausstieg.

    • Nein@diadorim, die Geschichte meines Vaters möchte ich nicht aufschreiben, zumal ich 2/3 erfinden und zu tief in die Gülle aus Nazi & Napola eintauchen müßte, also noch mehr, als ich eh schon fast lebenslang tat, das Unheil recherchieren. Anders wäre die Romanfigur, zu der mein Vater dann würde, nicht zu verstehen.
      Was über ihn zu sagen ist, habe ich speziell in der zwölften der >>>> Bamberger Elegien und auch in >>>> Meere gesagt.

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