Der Scheidenpilz. Im Arbeitsjournal des Montags, den 6. November 2017. Mit Ralf Schnell und abermals Nienke Jos, sowie einem Eichhörnchen Christopher Eckers.


[Arbeitswohnung, 7.05 Uhr]

Kurze Nachricht von >>>> Ralf Schnell, er habe direkt nach dem >>>> Artikel Andreas Zielckes einen Leserbrief an die Süddeutsche geschrieben, den er mir hier mitsende; offenbar, schreibt er, wollten sie ihn dort nicht abdrucken. Wenn ich möge, könne ich seinen Text gerne in Die Dschungel nehmen.
Da bin ich nun im Zweifel. Was immer ich tue, gilt eh als „pro domo”; stelle ich den Text eines anderen, der sich für meine Arbeit verwendet, unter meinem eigenen Namen ein, und sei‛s nur als Kommentarurheber, verschärft sich das Problem. Wenn er ihn aber selbst einstellte, wäre der Adressat ganz falsch. Deshalb, um es kurz zu machen, aber auf Schnells Argumentation nicht ganz zu verzichten: Er stellt >>>>Meere in eine Traditionslinie des Künstler-, bzw. Malerromans, die mit etwa Heinses Ardhingello (1787) beginnt und über Schlegel, Keller und Hesse bis zu Lenzens Deutschstunde (1968) reicht. In allen diesen Büchern gehe es um die konfliktreiche Auseinandersetzung der Protagonisten mit einer seine künstlerischen Entfaltungsmöglichkeiten beengenden Realität. In Meere habe das Material nun eine Qualität erlangt, die „dem Künstlerroman unserer Tage neue, aufregende Wege weist”.
Soweit wird die Redaktion Schnells Einlassungen noch akzeptabel gefunden haben, nicht mehr aber seinen letzten Satz, eine Empfehlung, die ich hier schlichtweg aus einer Bescheidenheit nicht wiedergeben möchte, die weniger bescheiden ist als mehr eine Frage des Stils.

Die Condylom-Angelegenheit nervt deutlich mehr und mehr. Zwar immerhin geschlafen heute nacht, aber des Juckreizes wegen immer wieder aufgewacht und dann, sozusagen demoralisiert, aufgestanden erst um halb sieben. Im wachen Zustand ist diese Infektion weniger schwer auszuhalten; es zieht sich dann nicht jeder Gedanke um dieses Jucken zusammen.
Nachts hat es mir eine unangenehm-sinnliche Erinnerung aktiviert, die ich tatsächlich vergessen hatte. Als Junge – es gab damals, also anfangs der Sechziger, noch >>>> 70 % mehr Insekten als heute – hatte ich bisweilen Spulwürmer, wohl vom Genuß ungewaschenen Obstes aus – Peter Alexander: des Nachbars – Gärten. Ich erinnere mich auch noch an die Furcht meiner Großmutter vor Bandwürmern. Diese Dinger jedenfalls, also erstere (die zweite, hieß es, bemerke man nur durch Abmagerung), wurden besonders nachts aktiv. Wärme brachte sie zum Wimmeln, so daß ich nicht selten mit unter der Decke vorgestrecktem Hinterteil im Bett lag, mich dabei schrecklich quälte, und fast immer halfen nur Einläufe, also Wasserspülungen, die ich mir selbst, schließlich weinend aufgestanden, auf Klo mit einer Birnspritze applizierte.
Seltsam, daß man sowas vergißt. Gesundheit erfahren wir fast durchweg nur, wenn sie fehlt oder geschwächt ist; sind wir gesund, bemerken wir‛s nicht. Wobei mir die Idee eines, ich glaube römischen, Politikers oder Philosophen in den Sinn kommt, daß wir Ärzte bezahlen, solange wir nicht krank sind; sind wir es, zahlen wir nicht mehr, bis wir wieder gesunden. Wär nach wie vor ein Ansatz und machte die Trennung von Kassen- und Privatpatient restlos obsolet.
Jedenfalls fielen mir plötzlich wieder diese Juckarien ein, und ich kam mir genauso hilflos vor, wie ich es als kleiner Junge gewesen bin. Schon sah ich mich permanente Gänge zwischen Chirurg und Hautarzt unternehmen, so daß ich gar nicht wüßte, wie >>>> meine DTs einzuhalten, zumal mit dem Fahrrad zu fahren, meine vorwiegende Bewegungsweise in der Stadt, momentan nicht, sagen wir, erfreulich ist. Auch das enerviert.

Freundin, ich weiß, bei solchen Themen zuckt uns die erhabene Bürgerlichkeit, die erhaben natürlich gar nicht ist, aber doch so tun möchte, als ob sie es wäre – es ist quasi das Gegenstück zu ihrer Vorstellung von Intimiät, hinter der ein Primat des Abstrakten, nämlich Nicht-Organischen, steckt, das die Organe und ihre physische Matrix als „nieder” desavouiert. Der Geist als ein Reines – daher auch das Widerstreben, bei psychischer Erkrankung einen entsprechenden Facharzt aufzusuchen; daß man beim Internisten gewesen sei, erzählt sich vergleichsweise leicht, nicht hingegen die Konsultation eines Psychiaters, der möglicherweise harte Medikamente verschreibt. Indessen Therapien auch modische Qualität annehmen können; denn hinter ihnen steht die Idee, es heile der Geist auch sich selbst. Was ihn dann wieder rein macht. So bleibt die (patriarchale) Vergötzung des Geists als Widersacher des Körpers unangetastet, ohne den er nun aber nicht wäre.
Wie schwer empathisiert eine nahste Freundin neulich ausrief: „Der Scheidenpilz… ich sag dir nur, der Scheidenpilz! Er kann einen wahnsinnig machen!” Tausende sind betroffen, drüber gesprochen und geschrieben wird rein anonym. Und die Löwin heute früh, als ich ihr von meiner ja doch auch vorhandenen Skepsis erzählte, meinen derzeitigen Zustand öffentlich zu formulieren: „Wer so sehr den Fokus auf den Körper legt wie Sie, wer so sehr beglückt über Geschlechtlichkeit schreibt und die Organe besingt, weibliche wie männliche, muß auch von ihren dunkleren Seiten erzählen und sie mittragen” – eben auch in die Literatur. Wobei es darauf ankommt, sie, die Organik, nicht unversehens zu schmähen, ihre (ich wiederhole es: patriarchale) Abwertung also mitzumachen.

Mir fällt dazu eine Erzählung ein, die ich neulich gehört oder gelesen habe, ich weiß leider nicht mehr wo. Ein japanischer Ehemann erfährt von der Untreue seiner Frau. Sie läßt aber von ihrem Geliebten nicht. Das quält ihn. Doch der Gedanke, sich deshalb zu trennen, kommt ihm nicht. Im Gegenteil.
Nun ist sie eines Abends bei dem anderen wieder und wird die Nacht über bleiben. Was er weiß. Und er steht in der gemeinsamen Wohnung, steht mitten im Zimmer, schließt die Augen und konzentriert sich, konzentriert sich auf seinen heftigen Eifersuchtsschmerz, um diesen inneren Ausdruck einer höchster Lebensintensität zu genießen.
Geben Sie zu, liebste Freundin, wie beeindruckend das ist: von welch einer reifen Wahrheit!

*

Nachdem meine gestrige Arbeit getan, weiter >>>> in der Jos gelesen:

Jos Einsamkeit der Schuldigen


Sie ist fürwahr eine Romancière! Mit völlig leichter Hand führt sie ihre Personen ein, charakterisiert sie knapp, führt dadurch weitere Ebenen ein, baut ein richtiges Erzählgerüst, ohne daß wir es aber merken (es sei denn, man liest analytisch wie ich). Frappierend ist, wie sie in Junia quasi eine Ich-Perspektive indirekt einbringt; ich selbst hätte dieses „Ich” so auch belassen, also den Riß zwischen auktorialem und subjektivem Erzählen als bewußte Irritation der Leser:innen zu einem Motor des Textes gemacht. Aber ich lese ja einen Unterhaltungsroman, für den sich dergleichen gemeinhin verbietet; da fiele es spätestens dem Strich des Lektors zum Opfer. Deshalb ist es höchst geschickt, wie Frau Jos hier operiert; es genügt der Klappentexthinweis, sie selbst, die Autorin, sei mit dem Mountainbike verwachsen, an dem halt auch Junia hängt. So denken wir das Autobiografische ungenannt mit, was wiederum zu einer gestärkten künstlerischen Authentizität führt.
Meine Einwände sind eher sprachlicher Natur: „das Neubaugebiet, was die Weide verdrängt hatte”, „daß er nicht sagen könne, worin das Geheimnis läge” (ohne daß eine Kondition folgt) usw.; Kleinigkeiten also. „Wenn sie abends ins Bett gingen, öffneten sie die Haustür.” Na jà, eben nicht, sondern bevor sie es taten; besser wäre ohnedies „zu Bett”, „ins Bett” meint, wenn es zwei tun, zumindest etwas anderes mit.
Doch insgesamt sind solche Stellen nicht zahlreich und werden fast völlig von dem Sog übersprudelt, den dieses Buch auf uns ausübt, auf jedenfalls mich. Es ist eine ziemlich gute Alternative zu Serien. Ich werde also weiter darin lesen, indessen Christopher Ecker, n‛oublier pas >>>> la lecture du matin, heute zu einem Mädchen wird, das seine Herkunft erfährt:

Ecker Andere Häfen (amazon)

Eine wunderbare kleine Erzählung, die sich in einem Eichkatzerl geradezu personalisiert: „das leuchtend rote Fell, die langen, grotesk menschenähnlichen Finger mit der Nuß vor dem weißen Brustlatz, die kleinen,” und jetzt kommt‛s!, „nagetierhaft irren Augen.” Es wisse aber, dieses Mädchen, nicht, „warum ich dir überhaupt schreibe.”
Nagetierhaft irre Augen.

Nun aber, Freundin, an die literarischen Routinen zurück. Weiter mit >>>> Thetis (es gibt doch einiges, was ich für die Ausgabe Zweiter Hand verändere; allerdings sind es fast durchweg Feinheiten; bisweilen akzentuiere ich die Rhythmisierungen, bisweilen revidiere ich ein Bild, nur selten kommt mir ein Satz zu steif vor: dann formuliere ich grundlegend um). Und weiter mit der Transkription der Gesprächsaufnahme für das Familienbuch der Contessa. Das Tonbandprotokoll der bisweilen chaotisch durcheinandergehenden Stimmen ist ebenfalls ein Lehrstück über Erinnerungen: wie verschieden sie blieben und sich aufeinander abzustimmen versuchen. Aber auch die Art unsres Sprechens, wie alle Grammatik durcheinandergeht, oft mitten im Satz weggebrochen wird und wir uns dennoch verstehen, weil wir das Fehlende, ohne daß wir es merkten, ganz aus uns selber ergänzen. Merken tun wir es erst, wenn wir mit solchen Abschriftarbeiten befaßt sind.
Was lehrt mich dies für zu schreibende Bücher?

Wir lernen aus Abwesenheiten. Etwa, daß ich derzeit in keiner ökonomischen Sorge mehr lebe. Ich merke es kaum noch. (Selbst der nun eingegangene, höchst günstige Steuerbescheid kam mir wie ein Wunder nur kurz vor). So daß ich nun meine Formklammer habe: Es ist das gleiche wie mit Gesundheit. Was sie ist, erfahren wir, wenn sie fehlt.

Ihr
ANH

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4 Kommentare zu Der Scheidenpilz. Im Arbeitsjournal des Montags, den 6. November 2017. Mit Ralf Schnell und abermals Nienke Jos, sowie einem Eichhörnchen Christopher Eckers.

  1. (Bin ziemlich gespannt, ob mir Facebook, des genannten Scheidenpilzes wegen, den dortigen Link auf hier unangetastet läßt. Brustwarzen nein, Gewalt aber ja – weil ihre Darstellung „kritisch“ sein könnte, so die offizielle Erklärung -, perpetuiert ziemlich deutlich das patriarchale Bewertungssystem – mit, so wird argumentiert, „Rücksichtnahme“ auf User-Idiosynkrasien.)

    • diadorim sagt:

      Also in Berlin klebt so ein rosa Aufkleber für ein Mittel gegen Scheidenpilz beinahe auf jeder Café und Kneipentoillette, dass man sich just in dem Moment recht verrenkt auf dem WC verhält, wo man ihn sieht. Scheint doch weit verbreitet zu sein. Mir reicht ne Blasenentzündung, umzu wissen, dass dann nicht mehr viel geht, außer Wunsch nach Wärme und literweise Heißgetränke. In Brasilien und in Finnland gibt es ja die gute Erfindung der Arschdusche (sie heißt vermutlich anders, ist aber genau das, ein kleiner Duschkopf, der direkt neben dem WC hängt, viel sinnvoller als ein extra Bidet) und ich bin der festen Überzeugung, dass das eine der genialsten Erfindungen der Menschheit ist. Und ich war hier in manch einem Baumarkt, es gibt sie in Deutschland nicht. Mit so einer Arschdusche blieb einem manches Leiden erspart, ich schwörs! Denn das WC lässt sich zusätzlich mit diesem Ding noch sehr sinnvoll reinigen, man kommt in alle Ecken damit und mir ist es ein Rätsel, dass die Arschdusche nicht längst in jedem Haushalt Standard ist, sie kostet nix, die Wasserzufuhr wird vom Waschbecken aus angezapft. Einfach genial. Papier verteilt nur die Bakterien gut, Papier ist eigentlich sehr kontraproduktiv, warum sagt einem das kein Arzt, ist die Klopapierlobby zu stark?

    • @diadorim zu Toilettenpapier. Du hast vollkommen recht. – Ich selbst, schrieb ich ja des öfteren bereits, verwende seit meiner ersten Indienreise kein Klopapier mehr, habe aber solch eine Dusche hier auch nicht, sondern nehme, wie die meisten Inder:innen, ein Wassergefäß; mit einer Hand gieße ich, mit anderen (der linken, indische Prägung halt) säubere ich. Nach etwas Übung kippt man auch nichts mehr daneben.
      Als eine afghanische Geliebte mitbekam, wie ich mit Entleerung umging, rief sie voller Erstaunen aus: „Du bist ja so sauber wie wir!“ In der Tat gelten im orientalischen Raum „Westeners“ nicht zuletzt des Klopapiers wegen für unreinlich. – einmal ganz abgesehen von den fliegenden Papiermüllen an Goas, seinerzeit, einfachen Stränden (die keine Kanalisation kannten); nur Goa hier genannt, weil sich die Westeners dort ballten.

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