Ähnlich einer heilenden Hand. Das Arbeitsjournal des Mittwochs, den 8. November 2017.


[Arbeitswohnung, 7.24 Uhr
Latte macchiato, Morgencigarillo]

Ich solle auf jeden Fall viel Zeit mitbringen und nicht später, wiewohl die „Akut”-Sprechstunde erst um 16 Uhr beginne, dort ab Viertel nach drei sein. So werde ich dazu kommen, ein längeres Stück >>>> in der Jos zu lesen. Dann hat der Besuch auch sein vordergründig Gutes; über das Hinterngründige sprech ich hier nicht oder nur soviel, daß ich nun doch nervös bin. Zahnarztbesuche, immer, stecke ich mit Links weg, bekanntlich; nicht der Schmerz ist es, vor dem ich mich fürchte. Aber nicht zu sehen, nicht bei Bewußtsein zu sein. Sie wissen, Freundin, wie ich >>>> seinerzeit bei der Leisten-OP darauf bestanden habe zuzugucken; in den OP-Raum ließ ich mich auf dem Schiebebett sitzend schieben. Ich wollte mir, das Ziel ins Auge nehmend, jeden Gang einprägen, durch den ich da, kann man das sagen? fuhr? und im Blick nicht allzeit nur die Decke haben, mit ihren kalten Lampen. Selbstbestimmung solange wie möglich.
Meine ganze Angst vor der Kindheit. Noch heute ist mir schleierhaft, wie man sie sich schönreden kann. Es war, unterm Strich, die beklemmendste Zeit meines Lebens, auch wenn sie rauschhafte Phasen hatte, nämlich immer dann, wenn ich in meine inneren Welten floh, die ich nach außen aber projezierte und also wirklich durchstreifen konnte – ob es ein Wald war, ob‛s das damals noch Urgestrüpp des Braunschweiger Franzschen Feldes oder das Wehr an der Oker waren oder die seinerzeit die Stadt durchziehenden Brachen und Ruinen, die ich mit Geisterwesen belebte. Die Wahrheit ist: S i e belebten mich.
Daß ich als Erwachsener einen, wie immer auch „postmodern”-komplexen, >>>> Elfenroman schrieb, also Elbenroman, wen wundert‛s? Sehr möglicherweise stammt meine Gegnerschaft zum literarischen sogenannten Realismus aus derselben Quelle, meine Neigung zur Phantastischen Literatur sowieso.
Einerseits bin ich also nervös, mit einer Spur von Furcht darin, andererseits aber auch froh, daß diese Angelegenheit nicht weiter nur immer auf der juckenden, nässend-schmerzenden Stelle tritt, auf den Stellen, Mehrzahl, also. Wobei die Furcht (vielmehr ein Instinkt) sich auf meine Ahnung bezieht, daß mich der Arzt ins Krankenhaus einweist. Nämlich die Nacht war schlimm. Doch Krankenhäuser sind Orte der Ohnmacht.
Um drei nahm ich endlich einen Rat der Löwin an. Im Kühlschrank liegt seit längerem eine Kompresse, die sie einmal besorgt hat. Ich klemmte sie zwischen die Arschbacken, und wirklich, die Kühlung schenkte mir zwei Stunden Schlafs. Sie hatte sogar etwas Liebevolles, ähnlich einer heilenden Hand, die sich auflegt. Das, für irgendeine Szene eines spätren Romans oder einer Erzählung, unbedingt vermerken. Die Hand einer Geistin, herausgeholt aus der Banalität von Kompressen.
Ich schlief wie umarmt.
Es ist ohnedies nicht menschlich, alleine zu schlafen; wenn ich gesund bin, schlafe ich immer zu zweit, auch wenn die Nähe, in die ich, wenn alleine, mich bette, nach wie vor eine elbische ist.

Nach den Erfahrungen allerdings mit meinen eigenen Kindern mag ich, was ich über Kindheiten schrieb, doch gerne modifizieren; nur haben halt s i e eine लक्ष्मी zur Mutter, und einen Vater, der‛s sein will, auch. Zudem sind insgesamt die Zeiten andre geworden, der politisch-erotische Korrektheitswahn nun hin oder her. Ich finde sogar den musikantischen Mainstream erträglicher als die verklemmte Schlagerunseligkeit meiner frühen Jahre. Auch tut die Freiheit einiges hinzu, die uns das Internet gibt; für jede Neigung gibt‛s ein Zuhause, für eine jede Sehnsucht. Imgrunde ist das Netz ja selber ganz elbisch; es ist nur konsequent, daß es auch Dunkelalben gibt. Zensieren und/oder regulieren wir sie, dimmen wir gleichfalls das Licht.
Und noch eines muß ich relativieren. Wenn ich krank war, war ich auch als Kind aufgehoben, jedenfalls bei meiner Großmutter, indes meine Mutter auch dann nicht wirklich Zeit hatte, aber notgedrungenermaßen, Sie wissen schon: eine geschiedene Frau in den Endfünfzigern, frühen Sechzigern, mit zwei Kindern, allein… gesellschaftlich eine Hölle. Zu deren Herrin sie sich aufschwang, einer zumindest, allein durch ihre Leistung. Wie sehr mich das geprägt hat, weiß ich erst seit meiner Analyse. Ihr allein, meiner Mutter, wahrscheinlich ist es zu verdanken, daß meine Schreiberei (die eskapistisch Geschwärme gewesen) zu einem Werk werden konnte. Gefallen freilich hat es ihr nie. Zu wenig production, also Geld… und das öffentliche Ansehen? – Nun jà, Freundin, Sie wissen, wie es darum bestellt ist.
Jetzt habe ich dreimal hintereinander das Wort „allein” geschrieben. Allein, allein, allein. Soviel zur Kindheit, der meinen. „Schauen Sie nicht immer zurück”, sagt die Löwin. „Bilanzen zieht man, wenn überhaupt, erst mit achtzig.” Da springt >>>> meine Morgenlektüre ihr bei:

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„Die erste Bilderreihe zeigte, wie er ein Handtuch mit kaltem Wasser befeuchtete und seinen heißen Leib darin einwickelte. Die zweite zeigte, wie er mit beiden Händen sehr flüssigen Kot von den Schenkeln wischte und unter fließendem Wasser durch das Siphonsieb des Zimmerwaschbeckens drückte.” Genau das tut, wer Bilanz zieht.
Dennoch, interessant bleibt der Gedanke, aufgehoben zu sein, wenn man krank ist. Ich kann von Glück sagen, daß sich mir das nicht als Muster eingeprägt hat; für Hypochonder geradezu ein Erklärungsschlüssel. Es stand halt, liebste Freundin, mir | stets eine Elbin zur Seite.

Wolpertinger dtv


Ja, man muß diesen Satz rhythmisieren.

*



Auch ein andrer Satz hallt nach. Es sind aber zwei.
In den beiden Stunden tiefen Schlafs, von denen ich erzählte, träumte mir ein gutes Gespräch. Ich weiß aber nicht mehr, ob es mit (von?) einer Frau oder einem Mann geführt wurde. „Sie haben jetzt Ihr Werk hingestellt, das bleibt unverrückbar. Kümmern Sie sich j e t z t darum, reich zu werden.” – Es war dies eine insofern spannende Einlassung, als es umgekehrt nicht funktioniert hätte (oder funktionieren würde; o b es funktionierte, sei für diesen Gedanken einmal „ganz außen vor”). Auch Rimbaud wäre nicht zuerst Waffenhändler geworden und ein Dichter erst nachher. Ich spreche von Dichtern, Dichterinnen, nicht von Schriftstellern, die mehr oder minder von faktischen Realien leben. Wir hingegen leben von den Elben, die gerade mir schon >>> im Vornamen sitzen; nein, die Freunde, die mich benannten, haben das nicht gewußt. Die Dinge lassen uns, schreibt, als er jung war, Benjamin, ihre Namen geben. Ist es ein solcher, also Name (und nicht etwa „Begriff”), seien sie bei s i c h, ganz so wie wir. – Übrigens ist „Alb”, las ich eben, auch das alemannische Wort für „Alm” gewesen.

Weiter mit Thetis. Und wenn ich vom Arzt zurückkommen werde, geht‛s wieder an das Tonprotokoll für das Familienbuch der Contessa.

Die Sonne, schönste Freundin, scheint.
ANH

P.S.: Jemand, die nicht genannt werden möchte, rief wegen >>>> Maria Evans v. Krbek an. Mein kleiner Nachruf lege nahe, sie sei von eigener Hand aus dem Leben geschieden. Das sei mitnichten wahr; ein „abgelegter Freund” habe es so in Umlauf gebracht. Sie, die Anruferin, glaube vielmehr, Maria sei ermordet worden. Doch lasse sich das nicht beweisen. In jedem Fall möge ich umformulieren. Dran werde ich gleich etwas kauen.

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4 Kommentare zu Ähnlich einer heilenden Hand. Das Arbeitsjournal des Mittwochs, den 8. November 2017.

  1. jarousski sagt:

    Heilende und mordende Hände heute? Die heilenden Hände zwischen Ihren Arschbacken will ich nicht kommentieren.

    Die von Ihnen erwähnte Ermordung schon. Könnte es sein, dass Sie in diesem Falle Ihre gewohnte Scharfsinnigkeit vermissen lassen und nicht bemerken, dass Sie hier benutzt werden, um ein Gerücht zu streuen?

    Und wie romantisch: Eine ungenannt bleibende Sie weiß von einem zurückgewiesenen Freund. Es wäre fast zum lachen, wenn es nicht so klischeehaft billig wäre.

    Vorsicht, sonst könnten Sie länger daran „zu kauen“ haben, als Sie glauben. Denn der einzige, der diese Mordthese hier mit Namen verbreitet, das sind Sie.

    • @Jarousski zum Gerücht. Wenn Sie mögen, geben Sie mir ruhig zu beißen. Da ich die ungenannt gebliebene und weiterhin – es sei denn, es müßte tatsächlich gekaut werden – so bleibende Dame kenne, mache ich mir wenig Sorgen, zumal ich selbst die Mordthese nicht glaube. Erwähnenswert, schon aus literarischen Gründen, fand ich sie aber doch. Daß meine, sagen wir, Informantin von einem zurückgewiesenen Freund weiß, ist übrigens höchst naheliegend. Indessen, wie dem auch sei, es gefällt mir gerade für Maria außerordentlich, daß sie noch posthum in eine Art Roman gerät; er hätte ihr äußerst gefallen und bringt sie im Himmel noch einmal zum Leuchten. Falls er bei Ihnen heut klar sein sollte, schaun Sie hinauf: vielleicht, daß Sie ein Licht entdecken, das Sie zuvor noch niemals gesehen.

  2. wavefeather sagt:

    eben
    völkerrecht ?
    völker
    sie taugen bestimmt geanuaso dazu wie zu kfz-recht.
    sie sind eben kleinklein, ein fuxer, kein fux, baby
    undlieben wölfe wie füxe fressen

    naja, wie fauna.

    baby als du damals mit dem fahrad radelste und später der einzige aud der hand sein wolltest, da war ews doch schon klaa.

    alles mögliche sein wollen aber nicht wirklich kooperativ
    angebiedert an europa, ein fuckin whitey

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