Sahneschnittchen. Das Arbeitsjournal des Sonntags, den 26. Oktober 2017. Mit H. C. Artmann.


[Arbeitswohnung, 9.08 Uhr]

Bin verärgert. Erst um Viertel nach acht auf. Restalkohol, Kopfschmerz, ich weiß nicht, wie lange es gestern wieder ging. Meinen Arbeitsplan nicht einhalten zu können, macht mich unwirsch. Obendrein steht heute nachmittag noch das Lektorat von Gedichten an, mit denen ich überhaupt nichts zu schaffen habe, mehr noch, die mich nicht die Bohne interessieren: Übersetzungen aus dem Jiddischen, das mich n o c h weniger interessiert. – Ich tu?s für den Freund.
Vielleicht kann ich?s wirklich auf den Abend verschieben; heute muß ja nicht gekocht werden. (Die Ente gestern war lecker: „krosse Ente”, „Sahneschnittchen”:: darüber hatte ich mir nachmittags, nach einem witzigen Gespräch mit der Löwin, vorgenommen, heute zu schreiben. Jetzt muß ich`s sein lassen; na gut, hätte mich eh nicht beliebter gemacht).

„Ich sehe ein Liebespaar im Park und könnte kotzen”: Vielleicht der heftigste Satz im heutigen >>>> Morgenecker. „Und auch für die Treue des Labradors, der sich vergewissernd nach seinem Herrchen umsieht, habe ich nichts als Ekel übrig” beschreibt ziemlich genau meine Stimmung. Dabei ging alles, nach einem Umzug, mit nichts anderem los, als daß das Ehepaar nachts Geräusche hörte – dann aber niemals wieder, und das, obwohl die Mischbatterie der Badewanne nächstmorgens nicht mehr mittig, sondern kopfendig angebracht ist. Läßt sich kopfendig schreiben? – Es läßt sich. Aber daß fortan keine Geräusche mehr folgen, ich meine: keine überraschenden, unheimlichen usw. mehr – echt, ü b e r h a u p t nichts Unalltägliches, lebenslang, steht zu befürchten – kann einen zum Misanthropen machen, eine natürlich auch.

Ich gehe auf die Straße, sehe eine Frau, die mir gefällt und spreche sie mit „krosse Ente” an. „He, Sie krosse Ente, gehn Sie mit mir einen Kaffee trinken?” „Und dann”, fragt Sie, „wolln Sie mich braten? Dann vergessen Sie die Küchenschürze besser nicht.”

Der Abend des 25. Novembers. (2017).


Sie könnte auch nachsetzen: „Da kann ich nur hoffen, Ihr Messer ist scharf genug.” So tändeln wir sprachwitzelnd weiter. – Reine Utopie. „Sexist!” würde sie nämlich in der Wirklichkeit zischen, mit ziemlich gewissem Recht. Indessen ich mit „Sahneschnittchen” – dies als einen letzter Versuch, mich zu verteidigen – gar nichts anzufangen wüßte; die laufen im Backofen auch komplett auseinander. In Norddeutschland soll es dennoch gebräuchlich sein oder gebräuchlich gewesen sein. So daß ich jetzt d o c h noch drüber geschrieben habe. Ich mag einfach die Chance nicht verpassen, mich unbeliebt zu machen. (Die >>>> Farce bestand aus den sehr fein handgehackten Innereien, dazu in der Tat braucht man geeignete Messer, und ebenso frau, die mit Kräutern, Gewürzen und Weißbrot zur Masse geknetet wurden, bevor ich sie dann – „bis sie aus dem Hals wieder rauskommt” (: so wörtlich das Rezept) – ins Innere stopfte.)

[Selbstverständlich, Freundin, sagte ich „krosse Ente” zu keiner Frau jemals („zu keiner Frau jemals”: – / – / – / | nur in dieser Rhythmisierung ist der Endsatz verstehbar); daß ich zu keiner „Sahneschnitte” sagte, versteht sich, das muß ich Ihnen nun wirklich nicht schreiben, von selbst. Es geht mir allein um die Möglichkeit. Doch die „Gender”correctness, wenn ich ein freier Mensch bleiben will, zwingt mich dazu, mit Verhaltensweisen herumzuspielen, sie also auszuprobieren, zumindest als Text, die ich zutiefst ablehne.]

was fang ich mit den händen wol an
die mir manch schönes spiel getan?
die werd ich auch abschneiden!
nach soviel liebesstunden ..

h.c.artmann,
>>>> krauchen solls / durch blut und bein / bis in herzens / kämmerlein


Artmann Liebe Lasterhaftigkeit


Dieser Beitrag wurde unter Arbeitsjournal veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

6 Kommentare zu Sahneschnittchen. Das Arbeitsjournal des Sonntags, den 26. Oktober 2017. Mit H. C. Artmann.

  1. Utopie. Ich geh über die Straße, und eine Frau pfeift mir „He Knackarsch!” hinterher. Wär ich belästigt oder geschmeichelt? Wohl eher geschmeichelt. Also drehe ich mich um und frage: „Ja bitte?” „Gehste mit mir ‛n Kaffee trinken?”
    Wie es der Titel sagt. Ich mag mich nicht wiederholen.

    was fang ich mit dem leib wohl an
    der mir manch schönes spiel getan?
    Den will ich in zwölf stücke schneiden ..
    nach soviel liebesstunden ..

    >>>> ebenda, ausgewählt übrigens von einer Frau

  2. Lo sagt:

    Krosse Enten sind meist kopflos und würden durch nochmaliges Braten eher dröge.
    Was aber den schweren Kopf anbetrifft: hier hat unser geschätzter Kollege Nömix heute einen eventuell hilfreichen Beitrag über Kopfverpflanzungen geschrieben:
    https://noemix.twoday.net/stories/1022639108/

    Aufrichtig gute Besserungswünsche!
    Und ja: „kopfendig“ wäre für mich sogar dudenfähig.

    Einen schönen „toten“ Sonntag!
    😉

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.