Achtzehn Villen. Das Arbeitsjournal des Montags, den 11. Dezember 2017.


[Arbeitswohnung, 7.14 Uhr
Jarrett, Wien 1988
Zweiter Latte macchiato, zweiter Morgencigarillo]

Etwas nervös, liebste Freundin, weil ich von meiner Lektorin noch nichts gehört habe, bin ich nun doch, ich gebe es zu. Aber Jarrett, heute vor neunundzwanzig Jahren ebenfalls in Wien und dort in der Staatsoper klaviermeditierend, spricht mir leise zu: „Du weißt es doch, daß >>>> Sonntag war.” Wie ich auch spüre, daß er zugleich mein musikalisches Sensorium wieder und wieder schärft; solch ein Satz – wie der in meiner gestern verfaßten >>>> Rezension zu Youn Nah Sun – wären mir vor ihm nicht in die Tastatur gekommen: Die Stärke des Kitsches, und n u r seine, sei es, die entgrenzende Radikalität des Gefühls auszudrücken. Es ist ein grundlegender Fehler der >>>> Darmstädter Schule und ihres Primats der Serialität gewesen, dies zu mißachten. Übrigens habe ich es früh geahnt und da schon auch innerhalb der, wenn man das noch sagen kann, „Avantgarde” eine Außenseiterposition bezogen.
Dennoch, als ich eben per Email >>>> ACT und >>>> Q-rious Music den Link zu meiner Besprechung schickte, war mir etwas unwohl, einfach weil ich ungern Verrisse schreibe, gemeinhin, müßte ich es tun, lieber schweige – eine Haltung, übrigens, die ich ebenfalls schon lange pflege. Ich habe, als ich für sie noch schreiben durfte, auch der FAZ bisweilen angenommene Aufträge für Besprechungen wieder zurückgegeben, wenn ich verreißen hätte müssen. Gut angekommen ist das nie. Ausnahmen sind für mich immer Künstler, bzw. Schriftsteller gewesen, die schon so gefestigt, meist sogar berühmt waren, daß eine negative Rezension politische Dimensionen bekam. Auch und gerade Ästhetik ist politisch; eine Überzeugung, an der ich ganz genauso festhalte, weil sie sich über meine nun Jahrzehnte immer und immer als richtig erwiesen hat. Wir können am Mainstream die Verfaßtheit einer Gesellschaft erkennen. Deshalb schrieb ich in meiner gestrigen Kritik am Ende auch von „Gegnerinnen und Gegnern”, wogegen sich im nächtlichen Facetimegespräch scharf die Löwin wandte; allerdings machte sie den Unterschied zwischen Gegner und Feind nicht.
Heute morgen, bereits vor sechs aufgestanden, dachte ich über das Gespräch nach und suchte dann tatsächlich nach einem Ersatzwort, das ich allerdings nicht fand. So ist der Satz unangetastet stehen geblieben.

Doch was mir jetzt so geschieht… Also bereits meine Contessa kam in meinem Leben schon einer Märchenwendung gleich. Und nun erreichte mich gestern nacht die Einladung einer Leserin auf eine afrikanische Insel; dort habe sie für den Januar 18 – in Worten: achtzehn – Villen gemietet und lade mich hier- also damit, mit ihrer Nachricht, für ein bis zwei Wochen ein, dort in der Sonne zu arbeiten; sie sitze da ebenfalls über einem Projekt. Und danach freue sie sich auf Gespräche mit mir, den sie über die nahezu tägliche Lektüre Der Dschungel fast schon zu kennen meine; deshalb sei sie auch überzeugt, daß dieses Zusammensein gutgehen werde.
Ich habe der Dame, nennen wir sie Esther Lieberman-Mâcon, zugesagt. So daß ich nun also den Anfang des Berliner Januars, der bekanntlich den November bis in den späten April hinein immer weiter noch fortsetzt, auf der Insel zubringen werde, einer, für die selbst Laurence von Arabien sein Herz geöffnet hätte – zum Unverständnis aller Wüstenbewohner. Denn diese lieben nichts so sehr wie den Regen, aus dem freilich selben Grund, der uns verkühlte Nordostler in das pralle Licht hineinzieht. Eigenartig eigentlich, daß es zwar sogenannte Wirtschafts-, aber keine – oder so wenig – Wetterflüchtlinge gibt, und wo d o c h, da werden sie als Wirtschaftsflüchtlinge denunziert, anstelle ihre Seelennöte zu verstehen. Indessen bei >>>> Christopher Ecker heute die Identitäten des Erzählers gleich dreimal wechseln: Erst ruft man ihn um ein Interview an und dann ist er‛s, der es führt und auch ausstrahlen lassen wird, indes sich der Interviewte bedankt. Eine wirklich hübsche Studio über erzählte Perspektiven. Ich frage mich, was hätte er, Ecker, aus diesen achtzehn Villen gemacht?
Toller Titel einer Erzählung, übrigens:


Achtzehn Villen Oder Die Oase


Finden, Freundin, Sie nicht?

In diesen Morgen,
Jarrett ist unterdessen in Madrid,
ANH

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2 Responses to Achtzehn Villen. Das Arbeitsjournal des Montags, den 11. Dezember 2017.

  1. Avatar cellofreund says:

    18 Villen Absolut gigantisch- wenn das wahr ist und nicht Fiktion. Auch letzteres würde ich Ihnen zutrauen. Wenn es aber wahr ist, dann reisen Sie hin. Auf das, was literarisch daraus entsteht, freue ich mich schon.

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