Das Arbeitsjournal des Sonnabends, den 17. Februar 2018.

[Arbeitswohnung, 5.32 Uhr
Radio France contemporaine: James Mac Millan, As others see us – Henry VIII pour orchestre]

Seit kurz nach fünf auf. Erster Latte macchiato. Mal wieder Versuch zur Selbstdisziplinierung: Nicht mehr erst nach Mitternacht ins Bett, und also, um Zeit zu schaffen, früh hoch. Wobei mir vorhin die Juckerei geholfen hat, die mich halb wahnsinnig macht; liegen zu bleiben, wäre eh Unfug gewesen.
Morgenpfeife (danach der Morgencigarillo, dann die e’s), im restringierten Laxsound Dampfen. Scharf, an der Pavoni, der Gedanke, ich müsse dringend mit der Serienguckerei aufhören; zwar sage ich mir, damit meine Gegenwart zu leben, was Voraussetzung für auch poetische Gegenwärtigkeit sei, die Wahrheit aber ist wohl, daß ich der Bequemlichkeit auf den Leim gehe, mithin dem Mainstream selbst, der mich auf diese Weise dazu bringt, meine Tage nach Art der Allgemeinheit einzuteilen: ab halb acht/acht is‘ Feierabend. – Dagegen muß ich mich anstemmen.
Gut, gestern war es so „schlimm“ nicht; da hing ich noch um zehn an der Gestaltung dieser neuen Weblogplattform; außerdem hatte ich ein schönes Skype-Gespräch mit meinem Arco-Verleger, der abermals in meinen noch nicht in einem Buch erschienenen Gedichten gelesen hatte und jetzt wirklich gewillt ist, sie zum Herbst herauszubringen – sogar vor dem Herbst, weil der allerdings nicht sehr umfangreiche Band für Veranstaltungen vorliegen soll, über die ich Ihnen, Freundin, erst schreiben werde, wenn ihre Planung in trocknen Tüchern ist. Andernfalls wär die, nun jà, Gefahr zu groß, daß mal wieder jemand intrigiert. Übrigens habe ich für das Buch noch gar keinen Titel, aber mag mich auch diesbezüglich auf Elvira, meine Lektorin, verlassen.
Für die Aeolia, die, wie ich gestern hörte, doch noch nicht in Druck ist, muß heute ein Klappentext geschrieben werden. Ich hätte sie ja lieber ohne sowas, stieß aber auf den von meinem ersten Buch an bekannten Widerspruch. Hingegen mag ich nach wie vor nicht einsehen, weshalb Erklärungen zu einem Buch und gar zum Autor in solch ein, denn das ist es, Objekt mit hineingehören; stellen Sie sich vor, daß gleich neben jedem Gemälde erklärt wird, was es zeigt und wer die Malerin/der Maler gewesen – etwa bei „meiner“ geliebten Annunziata, die wirklich rein für sich „spricht“ (tatsächlich schweigt sie – für sich und – u n s):

Jede „Erklärung“ hier darunter oder am Rande stört; die einzig zugelassene Zutat mag der Rahmen sein. Sie müssen sich einfach auch vorstellen, wie klein dieses auf Holz gemalte Bild ist, 45 x 34,5 cm. (In der Galleria delle Provincie, Palermo, wo es hängt, störten allerdings, als ich es – eigens und nur dafür nach Palermo gereist, 1986 – zum ersten Mal sah, die beiden, tja, Soldaten? erst recht, die mit entsicherten MPs links und rechts neben ihm standen).

Wie auch immer, was für Gemälde gilt, gelte für Bücher genauso, zumal jede und jeder, die und der will, sich über die Urheber auf das allereinfachste im Netz kundig machen kann. Was mir so wider den Geschmack geht, ist die ins Objekt eingebundene Werbung, die Klappentexte bewirken sollen. Um es religiös auszudrücken: Sie e n t w e i h t das Kunstwerk – es sei denn, sie werde zu seinem Bestandteil-selbst – und macht es, eben, zur Ware, nimmt ihm dadurch das Besondere, beugt es in die Äquivalenzform. Jeder Klappentext hebt den Schleier zu Saïs. Ganz ähnlich geschieht es derzeit den Geschlechtern und Ethnien: Nichts anderes will nämlich die Forderung, man(n) habe bei Inhaber:innen von Ämtern nicht zu sehen, ob sie Frauen (gar schöne) oder Männer (schon g a r nicht schöne, geschweige betont männliche) seien, sondern allein ihre Funktion. Wir sollen die sinnliche, nämlich pheromonal bewirkte und damit noch auf die wirkliche Erscheinung bezogene Wahrnehmung ihres Sinnlichen berauben. Dahinter steckt die tiefe Körperfeindlichkeit der Monotheismen, die für den Kapitalismus deren protestantische, weil darin b e s o n d e r s entsinnlichte Auslegung favorisieren. Die sogenannte, unterdessen fetischisierte „Demokratisierung“ drückt an der Brechstange mit; sie wird aus Quanität (Quote), nicht etwa nach Qualität berechnet, die vielmehr als „elitär“ desavouiert wird – und damit werden’s die Eliten. Anstelle den Menschen Bildung zu bringen, wird Bildung ausgedünnt – was an den Grundschulen schon anfängt.

Übrigens bin ich auch kein Freund von Vor- und Nachworten. Bei der Kammermusik war ein solches allein dadurch gerechtfertigt, daß Schulze und ich eine besondere Form gefunden haben, die selbst künstlerischer Natur ist. Auch das aber erkläre ich hier nicht, lesen Sie es, Freundin, selbst. – Ah, schön, dieser Fandango Roberto Sierras, den Radio France grad sendet!

Gut, heute ist nun wirklich der Text zu Eigners Mammut zu schreiben; danach muß ich an die Thetisfahnen. Und nachmittags Konzert: Mein Sohn am – möglicherweise Ersten – Cello, im Waldorfschulorchester. Vorher muß ich mich unbedingt rasieren, ich seh nach Waldschrat aus. Auch frisches Hemd und Anzug sind fällig.

Seien Sie gegrüßt.
ANH

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