Mal ein politisches Wort zu Staat und Kultur. Im Arbeitsjournal des Montags, den 29. Oktober 2018. Dazu die Blasons des weiblichen Körpers.

[Arbeitswohnung, 8.29 Uhr
France musique contemporaine:
Bernard Parmegiani, Pour en finir avec le pouvoir d’orpheè]
Guter Artikel zum Konservatismus >>>> in der NZZ, empfehlenswert sowieso, besonders aber nun, nach dem abermaligen, furchtbares Wort, Sieg der AfD in Hessen; es beruhigt der Erfolg der Grünen nicht wirklich. Andererseits ist, daß es auch in Deutschland, siehe NZZ, aggressiv-regressive Kräfte gibt, überhaupt nichts Neues; sie waren nur vorher von den konservativen Parteien, teils auch den Grünen, sogar in der SPD aufgesogen, gleichsam neutralisiert; immer, i m m e r, ließ es sich an der „Kultur“ erkennen: Parteitage mit marschähnlicher Eröffnungsmusik: Ein Grund, dessenthalben ich die einzige Parteimitgliedschaft, als junger Mann zu Zeiten Willy Brandts, abrupt beendete. (Mit einem Beitritt zur, damaligen, FDP habe ich nur geflirtet, und auch nur, weil mir das Wort „liberal“ so gefiel, worunter ich mir etwas, Freundin, völlig anderes vorstellte als bürgerlich-libralistisches Wirtschaftsgebaren; mein Freiheitsbegriff ist von Landauer und Mühsam geprägt). Die CDU verbot sich mir, sowohl meiner stark SPD-ausgerichteten Familie wegen als vor allem auch weltpolitisch, und weil dieses „christlich“ im Namen steht, unter das ich seit Nietzsche und Deschner den meinen nie hätte setzen können.
Das hat sich geändert; lange zwar wählte ich Grün, es war die Wahl des am wenigsten Schlimmen, bis ich begriff, daß ich mich damit selbst abschaffen würde, also meine Lebens- und Seelengrundlage, eine grundsätzlich pop-ferne Kunst, schädigen. Heute verschenke ich meine Stimme, bekanntermaßen, an die Piraten oder, mit einigem Widerstreben, zeichne mein Häkchen bei der CDU. Das hat vor allem, zumal in Berlin, bildungspolitische Gründe, und ich stehe hinter Merkels wie auch immer sich schließlich komplett verknotetem „Wir schaffen das!“ Wobei ich ihr Erdogan-Abkommen als grauslich empfinde.
Die aber, die jetzt so laut „Deutschland!“ schreien, von deutscher Kultur indes, geschweige ihrer Geschichte, kaum eine Ahnung haben, diese deshalb Anti-Europäer, und schon gar nicht verstehen sie ihre eigene Sprache, sondern haben eine, von ein paar Vokabeln abgesehen, komplett andere als ich – diese sind mir zuwider. Es bestimmt schon lange nicht mehr, sofern sie es j e tat, die Nationalzugehörigkeit die, die zusammengehören – zusammen hören nämlich. Sondern es sind, alleine, die Leidenschaften der Seele: zur Differenzierung der Sprache und der liebenden Arbeit an ihrer Schönheit, also der Dichtung, sowie ganz besonders zur Musik wie zur Kunst-allgemein. Darin ist meine Nähe zu manchen Franzosen, Italienern, Griechen, Polen, Russen, auch Briten, aber auch zu Nichteuropäern, Arabern, Persern, Palästinensi, Israeli, Amerikanern (sowohl der USA als auch der beiden riesigen Kontinente insgesamt), zu Indern und Vietnamesen sehr viel größer, bindender, als zu den meisten Deutschen. Somit ist Zugehörigkeit keine „Frage“ der, marxistisch formuliert, Klasse – einer der berühmtesten Dichter deutscher Sprache war bekanntlich Schuster. Die Grenzlinien scheinen mir vielmehr zwischen direkter Produktion, der Erzeugung also, der Zeugung, und ihrem Vertrieb zu liegen, der den in Deutschland mächtigen Dienstleistungssektor m i t meint, wobei diese Zeugung eben nicht Abbau und Weiterverarbeitung meint, sondern etwas entstehen zu lassen, das es zuvor so nicht gab; sie impliziert die Empfängnis. Hier nähere ich mich wieder Karl Marx, aber ohne Betonung des „Proletariats“. Wie allzu einfach sein Modell von Unter-und Überbau ist, zeigt jeder französische Bauer (paysan, Landmann), der stolz in seinem Wohnzimmerschrank Racine und Molière stehen hat (wo finden wir in Deutschland da Goethe, gar Kleist?) und wie wenig in den vergangenen Zwanzigerjahren die atemberaubenden Kulturveranstaltungen der Arbeitsbildungsvereine am elenden Zustand ändern konnten; das eigentliche Grauen kam da erst noch, das die AfD aus völlig anderen Gründen als der Abwehr der – mythischen! – Erbschuld ad acta legen will, verdrängend nämlich, nicht, ecco, mythisch aufheben. An die Stelle des gewachsenen, archetypisch gewordenen Mythos setzt sie den vergleichsweise jungen, hochkapitalistisch orientierten Mythos des „Volkes“, also eben derjenigen Zusammengehörigkeit, die es, heutzutage zumal, gar nicht geben kann und wahrscheinlich auch niemals so gab. Schon Rom, das antike, kannte als Bürgerschaft nur eine hauchdünne Schicht. Zumal ist, von „deutscher Kultur“ zu sprechen, hochgefährlich, wenn dieser Begriff mit dem der Nation amalgamiert wird. Kultur ist keine Erscheinung des Staats, der allein administrative Funktion hat, regelnde, nicht etwa – von „Schöpfung“ – schöpft. Kunst war immer polygam, und polymorph pervers (damit auch kindlich: selbst, wo sie’s ernst meint, verspielt). Und sie war, ist’s noch immer und bleibt es, radikal auf Vermischung angelegt – somit mit „Volk“ als einem sich-Identischen nicht zu vereinen, nicht einmal scheinbar:

Kein schöner Kind als von Rassen|schande.
Das ist sans filtre die Wahrheit der Kunst.

Béart XX

Mein Wochenende, nun, ging nicht mit Wahlen dahin, sondern in der Versarbeit auf, beinah ausschließlich; dazu kam >>>> diese Diskussion, die mir anfangs sehr zusetzte, auch wenn sie schließlich Aikmaier drehte.  Daß mir immer wieder, seit meinen ersten Veröffentlichungen, Faschistoides unterstellt wird, ist mir so unerträglich, daß ich in der Nacht von Sonnabend auf Sonntag auch deshalb mal wieder mit Bauchkrämpfen rang, schließlich, vielleicht doch noch einzuschlafen, aufgab und mich von vier Uhr bis halb acht Uhr morgens an den Schreibtisch setzte, seltsame Briefe schrieb und an der Béart weiterbaute. Dann tränten die Augen vor endlichem Müdsein so sehr, daß jede Zeile, auf die ich sah, verschwamm. Nun, tatsächlich, konnte ich einschlafen, schlief bis nahezu halb zwölf, „eigentlich“ also mittags halb eins, ach Danke! für die Zeitumstellung, so ging nicht der g a n z e Tag vergebens dahin.
Zunehmend hat sich die XXIII in den Hexameter hineinbugsiert, der ab dem zweiten Drittel des Gedichts nicht mehr „nur“ vorherrscht, den ich nun aber anders auflösen will, nicht wie in den Elegien über den Buchsatz als Prosa, sondern über nach anderen Regeln gesetzte Zeilenbrüche: Sie müssen sinn- und klanghaft sein und sollen dem Korsett des Versmaßes aber nicht folgen, das dennoch erhalten bleiben wird, nur an wenigen Stellen gebrochen: solchen, wo das Maß eine unnatürliche Stellung der Wörter erzwang. Die Folie des Versmaßes aber bleibe erhalten; ideal wäre, wüßte ich über den Hexameter einen zweiten Rhythmus zu streichen, also im Gedicht eine Zweistimmigkeit des R h y t h m u s herzustellen, vergleichbar der thematischen, also melodischen Zweistimmigkeit in Musik. Gelänge mir dies, wär ich glücklich, nicht nur zufrieden.

Béart 24 <<<<

Aber erst einmal werde ich heute auch den Gedichtanfang hexametrisch formen, so daß insgesamt der, ich sage mal, Vorguß steht. Danach will ich an den WDR-Auftrag gehen, zudem kam eben eine Mahnung von Faure, dem ich zu Joyce einen Beitrag für die horen versprach, deren nächste Ausgabe er herausgibt. Zusammen mit der Contessa Familienbuch, auch ein Vertrag ist für sie durchzusehen, ist dieser Montag also prallvoll. Nicht zu vergessen, daß ich noch ältere Prosastücke, die es nur auf Papier gibt, tippend in eine Datei übertragen muß, weil sie, diese Stücke, mit in den Erzählband hinein sollen, wir aber auch, Elvira und ich, eine praktikable Grundlage fürs Lektorat brauchen.

Ach ja, weiters zur Béart:
Die Blasons anatomiques du corps femenin sind gekommen. Leider geben sie für mein Vorhaben weniger her, als ich hoffte. Allzu geziert wirkt heut das meiste, von „Brüstchen“ bis „schöner Bauch, so spiegelglatt“; es ist, als wäre Erotik permanent berüscht und trippelte, statt zu gehen, einher. Nicht selten kommt dabei (ungewollt?) Satirisches, mitunter auch Blödelndes heraus („Noch glücklicher ist erst zu nennen, / wer dann auf dir wird liegen können“) oder einfach nur Komisches: „In dir, o Busen, ruht mein Sinn, / Wie wölbst du dich, beginnend unterm Kinn“; auf altfranzösisch: „Doncques, ô Gorge en qui gist ma pensée, / Des le menton justement commencée“. Nur sehr wenig also konnte ich tatsächlich für das Béartgedicht gebrauchen, lernen indessen gar nichts. Allzu regressiv, geradezu verniedlicht, hüpferlt das preziöse Hinsehn, und das, was m i c h antreibt, fehlt komplett: eine Sprache für den erotischen Körper zu finden, ihn analog als Sprache zu bilden.
Meiner Lektorin schrieb ich denn auch: „Imgrunde möchte ich dieses Gedicht wie eine Verführung formulieren, die die Leserin körperlich s p ü r t.“ Ihr Fuß, jeweils, soll liebkost sein und es empfinden. – Das sei, Freundin, als Anspruch vermessen? Ja, aber ja! Daß wir’s wahrscheinlich niemals erreichen, stehe dahin. Aber wir könn‘ uns dem n ä h e r n.

Ihr ANH

P.S.: Zum ersten Mal spiele ich mit dem Gedanken, den Entwurf eines Béartgedichtes in Der Dschungel komplett einzustellen; dazu muß aber, was ich mir vorgenommen habe, zwar noch nicht perfekt, doch zumindest kenntlich sein. Deshalb wird es heute noch auf keinen Fall geschehen, aber vielleicht morgen, übermorgen oder in ein paar Tagen.

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3 Kommentare zu Mal ein politisches Wort zu Staat und Kultur. Im Arbeitsjournal des Montags, den 29. Oktober 2018. Dazu die Blasons des weiblichen Körpers.

  1. xo sagt:

    die seltsamen briefe würden mich wirklich interessieren! ich glaube, literat*innen sind einfach extrem kontrollverliebt, das hängt damit zusammen, wie man seine profession begreift. ich z b bringe selten etwas zuwege, wenn ich nicht vorher umfassemd recherchiert habe, inhaltlich völlig quer zu dem zu liegen, was man vom jaguar wissen kann z b, bereitet mir magenschmerzen, wiewohl ich darum eine sehr langsame produzentin bin, denn bevor ich ein buchprojekt beginne, weiß ich noch wenig vom sujet. genau das lockt mich ja auch rein. mich treibt der dämon der selbstüberraschung, es nicht schon vorher wissen, sondern mir das eigene lehrbuch schreiben, was mir zeigt, so hast du es gelernt, vielleicht lernen es auch andere damit. es ist der versuch, sich seinen radikal eigenen weg zu suchen, um selbst etwas zu verstehen von der welt. darum ist schreiben für mich meine persönliche grundlagenforschung, ich komme mir mit dem schreiben auf die schliche, wie ich lerne, wie ich verstehe, eine art inverte didaktik treibt mich an. auf der einen seite gibt es die wirklichen lehrbücher, auf der anderen seite mich, die es auf ihre weise verstehen möchte und muss. eine art kantischer imperativ mit dem mut zum eigenen verstand, der sich dabei nicht überschätzen will, aber sein so sein, lernen und schreiben dürfen beansprucht. heute fuhren wir mit einem biologen raus, der ein sabbatjahr hier macht, ney fuhr den wagen, er kennt die gegen hier besser, er ist hier groß geworden, er ist jünger und selbst ein tier dieser landschaft, man sollte die menschen und tiere fragen. so möchte ich mich eigentlich in und mit meiner literatur bewegen, wie auf einem fluß in einem kanu mit der strömung, natürlich muss ich anstrengungen unternehmen, damit sich das kanu nicht dreht, ich um die kurven komme, dort anlande, wo ich hin will und nicht dort, wo ich nicht hin will und wo ein jaguar am ufer ruht z b. ich möchte es einfach tun und beim tun lernen. ich bin in einer kultur groß geworden, die diesem, es einfach zu machen und dabei zu lernen, viel skepsis entgegenbringt und viel theorie voranstellt. das ist aber gar nicht das, was mir am schreiben freude macht und warum soll ich mir anderes auferlegen, als diese freude.

    • @Xo:
      Welche „Briefe“ meinst Du? Die „Blasons“ sind eigentlich Bemalungen von Wappenschildern; den folgenden voran – es wurde im 16. Jahrhundert richtiggehend Mode – hat Clément Marot den Begriff auf diese Versform übertragen. Ich gebe Dir das schmale Büchlein gerne, wenn Du wieder zurück bist.

      Zum anderen: Exakt das ist, was ich an Deiner Arbeit enorm schätze. Großartige (Selbst)Darstellung!

  2. xo sagt:

    nein, deine briefe: „aufgab und mich von vier Uhr bis halb acht Uhr morgens an den Schreibtisch setzte, seltsame Briefe schrieb“. ich bin ja nicht von ungefähr ein fan dieses deines arbeitsjournals, weil das eben genau dieses hinabstromern am eigenen lebensfluß so schön vollzieht. daneben gibt es aber eben auch noch den anh, der eben in einem ganz klassichen sinn autor ist, davor schon war und es auch weiterhin sein will. den fand ich eigentlich meist nur halb so interessant, aber das geht mir mit anderen autor*innen ja oft ganz genau so. ich mags halt eben dann, wenn jemand sich neue wege sucht, sich treiben lässt. oft begreife ich deine bücher auch eher invert, sie sind der stoff für das, was hier geschieht! und es liegt ja wahrlich nicht an dir, wenn ein markt darauf noch nicht so wirklich zu reagieren weiß. manchmal denke ich sogar, du bist ein mönch, du erlegst dir lauter exerzitien auf, selbst bei der feier des geistfernen körpers. sehr vergeistigt fühle ich mich eigentlich auch eher selten. du erziehst dich immerzu, stehst früh auf, gibst dir strenge strukturen, ich weiß, ganz frei gewählt ist das nicht, du bist wahnsinnig gut organisiert, andererseits würde ich dir wünschen, du verbrächtest mal hier draußen ein jahr im wahrlich gerade noch kühlen pantanal – im august, wenn es trockener ist, steigen die temperaturen auf 42 grad, jetzt dürfte deine wohlfühltemperatur sein: 36 feuchtwarme gräder. ich glaube einige autor*innen zu kennen, die würden damit nicht glücklich, du machst für mich aber im guten sinn einen unglaublich anpassungsfähigen eindruck, ich habe nicht selten gedacht, ach, es waren autor*innen bei mir in brasilien, die konnten damit vielleicht gar nicht so viel anfangen, aber hättest du uns mal besucht, wüsste ich, du hättest das alles einigermaßen vorwissensfrei in dich aufgesogen und auch genossen. viele andere autor*innen fühlen sich jenseits ihrer komfortzone erst mal sehr unwohl und applizieren gleich ihr ganzes kritisch-theoretisches wissen auf land und leute, das kann ich verstehen, aber dabei übersehen sie viel, sehr viel. ich brauch auch erst mal ein bisschen zeit, um mich einzugrooven und einen völlig anderen modus hochzufahren, aber dann ist es so ein großartiges gefühl, zu denken, das könnte ich jetzt auch für länger leben, so ein leben und ich glaube, dir ginge das sehr ähnlich und dann wunder ich mich manchmal über das, was du dir so alles auferlegst im leben und im schreiben und frage mich, macht es dich glücklich, oder machte was anderes dich glücklicher? und ließe sich das irgendwie arrangieren? ich gehör zu der seltenen spezies leser*innen, die autoren eigentlich ungern leiden sehen und ihnen zum gelingen ihrer arbeit alles, wirklich alles gute wünsche und dass es sie glücklich macht.

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