Arbeitsnotat. (Die Brüste der Béart, 27.) Statt eines Arbeitsjournales.

[Arbeitswohnung, 8.30 Uhr]
Jetzt habe ich’s doch nicht mehr ausgehalten und den Ofen angeheizt. Nach etwas Qualmerei zog er dann auch, und nu‘ ist es warm. Zuvor allerdings habe ich meine Begleiterin wieder umsetzen müssen; auf es Ofens Abdeckplatte wär ihr sonst das Gesäß geschmolzen – und Verbrennungen insgesamt sind ja nicht, was man gern auf der Haut hat.
So sitzt sie nun, diese Namenlose, wieder schräg links hinter mir und kann mich beoachten, was sie, fürchte ich, auch permanent tut, indessen ich selbst dies nicht kann, jedenfalls nicht, wenn ich mich auf meine Arbeit konzentrierte.

 

 

Die mich nun vor folgendes Problem stellt, sogar ein grundsätzliches für die Kunst:

In der NXXIII, dem Fußbewunderungs-ICE-Gedicht liefen die Verse rhythmisch immer mehr dem Hexameter zu und enden auch in ihm. Da ich aber eine, sagen wir – und sei’s nur des Vorscheins – Altertümlichkeit auf jeden Fall vermeiden will, hatte ich sofort den Impuls, den Zeilenbruch zu stören, also ihn nicht nach dem sechsten Versfuß zu setzen, sondern an völlig anderen Stellen, deren Kriterien ich mir aber erst finden muß.
Nun ergibt sich hieraus einerseits, daß nunmehr die Hexameter absolut streng gebaut sein müssen, keine z.B. trochäischen Schummeleien bzw. „Freizügig“keiten enthalten dürfen. Ansonsten gäbe es für Leser:innen keine Möglichkeit mehr, die Form zu erkennen; andererseits frage ich mich, wer erkennt das Formspiel denn überhaupt noch? Dabei bedarf seine Herstellung nicht nur äußerst kunstfertigen  Geschicks, sondern ist vor allem extrem zeitaufwendig. Wenn vom Publikum aber gar nicht mehr unterschieden werden kann, was geformt ist und was nicht, geschweige denn, wie, leiste ich dann nicht eigentlich eine komplett unnötige Arbeit? Oder gilt tatsächlich eine Kunst jenseits einer sofort voraussetzbaren Wirkung, ihr „für sich“? Ist, wer dem folgte, bereits Don Quixotte?

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Béart 26 <<<<

Ich muß jetzt endlich die Sommer- gegen die Winterkleidung tauschen; die eine wird aus den blauen Plastetüten, in denen sie zusammengelegt verstaut warm, herausgenommen und zur Entknittrung  ausgehängt, die andere gefaltet und hineingetan. Darüber dürfte gleich einige Zeit verstreichen, zumal noch vorher, liebste Freundin, Mottenschutzstreifen zu besorgen sind.

ANH

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22 Kommentare zu Arbeitsnotat. (Die Brüste der Béart, 27.) Statt eines Arbeitsjournales.

  1. xo sagt:

    „Wenn vom Publikum aber gar nicht mehr unterschieden werden kann, was geformt ist und was nicht, geschweige denn, wie, leiste ich dann nicht eigentlich eine komplett unnötige Arbeit?“ interessante frage. nur, was heißt ‚unterscheiden‘ dabei? und erkennen? muss ich das wissen, beim lesen? ich glaube, man kann das alles einsetzen, wenn man versteht, was so ein metrum bewirkt. das existiert ja auch, weil ein sprachrhythmus eine bestimmte wirkung erzielen kann. der alexandriner wird ja auch gern für dialektische gedankengänge benutzt, wegen seiner rhythmischen zäsur z b. darum muss ich ihn nicht erkennen und kann ihn auch ganz blind benutzt haben, aber wenn ich um seine wirkung weiß, kann ich ihn eben auch bewusster einsetzen. unnötig ist die arbeit nie, wenn sie einem selbst freude bereitet.

  2. @Xo:
    Dies war immer meine These, ja, daß Metren gemerkt werden. Ich bin mir nur mittlerweile nicht mehr sicher, und zwar, weil Metren über den Klang existieren, nicht etwa über ein rein begriffliches Lesen. Metrische Texte müssen also gesprochen werden, laut gelesen, es sei denn, Leser:innen haben die Fähigkeit, die Musik der Partituren in sich tatsächlich zu hören, deren Notenlinien allein ihre Augen verfolgen.
    Und: Dieses „Merken“ ist letztlich – Wiedererkennung. Damit sie wirkt, muß also Kenntnis bereits dagewesen sein. (Etwas tatsächlich komplett Neues würde nicht erkannt, sondern erst sehr viel später, wenn es auch von anderen mehrfach genutzt wurde, so daß sich ein Muster ergibt, das zum kulturellen Code gehört.)

  3. xo sagt:

    die frage dabei ist doch nur, ist dir das wichtig, dass sie gemerkt werden und in welcher art ge- oder bemerkt? hat sicher auch mit leserfahrungen zu tun, ja, aber vielleicht auch mit was viel ursprünglicherem. seit ich zurück aus dem pantanal bin, fehlen mir die vogelstimmen sehr, die bewirken auch was. ich hab mich noch nie so klanglich verarmt in meiner umgebung gefühlt. heute morgen um 5 gab es wieder dieses spatzenkonzert, von dem ich oft geweckt werde, ziemliche punk-band, und ich merke, das klingen anderer lebewesen ist mir wichtig und wert und löst etwas aus. semantisch verstehe ich sie ja auch erst mal nicht. das verbindet vielleicht per se unverständliche, aber klangliche dichtung mit etwas ganz anderem als menschlicher intentionalität. und ich war total fasziniert von diesem vogelstimmenimitator und mit was für einer freude er das betrieb. wir sind hier auch so stark von einem bestimmten begriff des lernens geprägt, der immer gleich wissen meint, dass ich oft denke, aber wir lernen eben auch ganz unwissentlich und das interessiert mich gerade.

  4. Ich l i e b e Spatzenpunkbands, obwohl ich ja nun kein Anhänger von „Punk“ und ähnlichen Musikrichtungen bin. Aber es ist das (vermeintlich – Vorsicht, Anthropomorphismus! Lo so) Anarchische, was Sperlinge schon seit meiner Kindheit zu meinen Lieblingsvögeln machte. Im Traumschiff haben sie nicht grundlos solch eine Rolle.
    Aber zur eigentlichen Frage: Im Mitgang meines Ausschlusses aus dem Markt- und Erwähnungsliteraturbetrieb (was Preise usw. einschließt) wird immer wieder unterstellt, ich verstünde meine Sprache nicht zu setzen, kurz: ich könne nichts. Genau deshalb, ja, ist mir wichtig, d a ß gemerkt wird. Wenn ich schon als misfits, nämlich als ein zu meidender Unhold, gelte, muß beim genauen Hinsehn offenbar sein, daß ich eben d o c h etwas kann, bzw. konnte – die Fragestellung wird spätestens nach meinem Ableben entscheidend für den Fortbestand meiner Arbeiten sein. Jetzt, da ich deutlich älter werde, fängt es notwendig zu brennen an, und nur mit viel Glück werde ich vielleicht einmal zu jenen gehören, die „vergessen“ wurden und dennoch von jemandem neu gefunden werden, die und/oder der auf sie hinweist. Dies wird aber nur dann geschehen, wenn die Be“herr“schung der Form unbezweifelbar ist.
    Ich habe immer zu denjenigen Künstlern gehört, die wirken wollten, deshalb kann mich ein Satz wie „unnötig ist die arbeit nie, wenn sie einem selbst freude bereitet“, weder beruhigen noch sicher machen – wobei es mit der „freude“ ohnedies eine Sache für sich ist. Viele Texte werden errungen, sie fallen einer/m nicht einfach zu; schon die Arbeit selbst ist oft ein Kampf gegen die eigene Bequemlichkeit. Gemessen an den durch sie erzielten Einkünften, also am ökonomischen Wohlergehen zur Lebzeit, ist Dichtung fast nur durch eben eine Wirkung gerechtfertigt, die deutliche Folgen zeitigt. Sie muß in späterer Dichtung, die nicht mehr von diesem Künstler-selbst stammt, Spuren hinterlassen. Bei öffentlich viel Diskutierten, gar solchen im „Kanon“, ist diese Möglichkeit eher gegeben als bei (mit Absicht) Verschwiegenen, und daß „man Glück hat“, darauf ist nun wirklich kein Verlaß.

    • Findest du es nicht selbst schräg, dass du dich bezüglich des «ist mir wichtig, dass gemerkt wird» im Grunde in die Unterwerfung begibst? Die Kontingenz des (Selbst-)Werts der am Urteil anderer hängt, der beständige internalisierte(!) Zweifel, nicht _genug_ zu sein, als Künstler und als Person. Wenn das zur Hauptmotivation wird, speist sich die Schaffenskraft letztlich aus Angst und Misstrauen gegenüber sich selbst (das wiederum erheblich mehr bremst als dass es beflügelt). Das ist zwar ein starker (notabene: nicht der stärkste!), aber auch extrem fragiler Motivator mit großer Fallhöhe und nicht zuletzt das derart permanent geöffnete Einfallstor für den Schwarzen Hund. Und dabei bist du weißgöttin einer der letzten, der sein Handwerk nicht beherrschte. Du bist kein Schüler mehr, du musst nichts mehr demonstrieren. NIEMANDEM gegenüber. Solange du dich um die Wirkung sorgst, klaust du dir außerdem damit genau die Kraft (und souveräne Unbekümmertheit), die es dir ermöglicht, dein volles Potenzial realisieren zu können.

      • @Broßmann
        Das ist alles leicht und locker gesagt, wird aber sehr problematisch, wenn es der Altersarmut entgegengeht, die sich dann nicht einmal mehr psychisch durch entgegengebrachten Respekt ausbalanzieren läßt. Vielleicht ist das für Nichtkünstler schwer zu verstehen, aber eine Totgeburt nach der anderen in die Welt zu setzen, ist sehr schwer auszuhalten, vor allem eben in einem Alter, das die Hoffnung auf eine Wendung der Verhältnisse unterdessen ausschließt. Und Bücher, die nicht wirken, zumindest gelesen werden, s i n d Totgeburten, jedenfalls erst einmal; das spätere „Glück“ der Hölderlins, Kafkas Kleists und weniger anderer mehr ist ein – eben, rares.

        • xo sagt:

          bei dem wort totgeburt graust es mich eher, das nehme ich sehr konkret, das ist ein nach 9 monaten tot geborenes ausgewachsenes kind. das stell ich mir sehr schlimm vor, wenn man das erlebt hat. noch schlimmer allerdings, wenn kinder jung sterben. queen mary soll 18 kinder gehabt haben und keines ist älter als 11 jahre geworden! furchtbar. aber es soll uns ja auch grausen, aber nicht wahrgenommene bücher, ich weiß nicht, das ist auch sehr schlimm, aber totgeburt, es kann sie noch jeder wieder zum leben erwecken, das ist der unterschied.

          • @Xo und Broßmann:
            Das Wort „Totgeburt“ ist unangemessen und nicht, in diesem Zusammenhang, human, ich weiß. Es ist aber das, was ich oft genau so empfunden habe. Dabei will ich nicht ausschließen, sondern nehme sogar an, daß ich, wäre ich Frau, es tatsächlich so nicht empfunden hätte, wahrscheinlich so nicht einmal würde empfinden können. Das gestehe ich sofort zu, was aber meinem je entstandenen Gefühl nichts nimmt. Als Phänomen war und ist es so da. Und also auch der Schmerz.
            Ich habe einiges dafür getan, meine scheinbar totgeborenen Kinder dann doch am Leben zu halten, etwa indem nun die gesamte Anderswelt-Trilogie noch einmal, und überarbeitet, bei Elfenbein erschienen und dort gepflegt wird oder indem im kommenden Jahr Septime meine bislang sämtlichen Erzählungen herausbringt, damit – neben einigen erstveröffentlichten – auch wieder Texte greifbar macht, deren Erstbücher verschwunden sind. Das ist ein Erfolg ja, ein großer sogar. Insofern, lieber Broßmann, bin ich durchaus dabei, >>>> „f ü r mich selbst“ zu kämpfen. Dennoch ist meine Angst, ja, um so mehr, die, was sein wird, wenn ich nicht mehr leben werde. Dieser Zeitpunkt rückt deutlich näher, und wenn ich derzeit – na jà, schon seit dem Traumschiff etwa – Neues schreibe, so hat es fast durchweg den Charakter von Vermächtnis. Interessanterweise ist es so, seit ich realisieren mußte und damit nach wie vor ringe, daß ich nicht noch einmal Vater werde; mindestens ebenso interessant, daß ich mich meinen Büchern gegenüber als Mutter fühle, als Vater indes durch und durch gegenüber den menschlichen Kindern.

            Hier eben noch zu dem weniger erhellenden, als mehr das schon Bekannte bestätigenden Text >>>> der Link, den mir Broßmann gestern geschickt hat. An anderer Stelle werde ich gegen den Text etwas einwenden, das nämlich, was an etwas Wesentlichem vorbeigeht – an der Ontologie des künstlerischen Charakters, der, anders als der Verfasser des Artikels meint, eben nicht funktional organisiert ist und sich so organisieren auch nicht notwendigerweise läßt, oft nicht einmal hinreichend.

            • Ich bin auch nicht mit _allen_ Aussagen, die Resch dort tätigt d’accord. Beispielsweise die Überlegung zu einem Äquivalent der «blind Auditions» zur Besetzung von Orchestern hat m. E. aber einiges für sich.

              Die nicht eben geringe Leistung der Studie besteht für mich darin, etwas allgemein geahntes nicht nur klarer und sichtbarer gemacht zu haben (es gibt auch mindestens eine Visualisierung dazu), sondern tatsächlich _evident_. Zwischen dem, was wir glauben, zu wissen, und dem, was wir tatsächlich wissen, besteht nunmal ein erheblicher Unterschied.

            • Aikmaier sagt:

              ein notat zum vortrags-ton des verlinkten textes:

              – ich finde es bemerkenswert, wie resch und andere als ceterum censeo das argument des „es ist eben so“ (auch wenn sie es in verschiedene formulierungen hinein-verbrämen) bemühen, wenn es um die rechtfertigung nicht nur des homo oeconomicus, sondern auch eines angeblichen mundus oeconomicus zu bemühen. – @brossmann: das klingt auch in Deinen beiträgen hier noch durch, obwohl es Dir, das sehe ich schon, um eine andere pointe geht. und in ihr stimme ich Dir bei. es scheint dem dem sog des esistebenso nur schwer zu entkommen zu sein…

              – das massiv wiederkehrende vokabular bei resch: er sei „überrascht“, es sei „erschreckend“, „leider…“ – ja was? nicht allerdings die vermutete allgegenwart marktwirtschaftlicher modelle im kulturbetrieb bestürzt und wird beklagt –– nein!, sondern „erschreckend“ sei, dass künstler nicht ausreichend als oeconomen ausgebildet werden. ein skandal! da es ja „keine qualität gibt“ (hach, diese duchamp-‚deutung‘ von herrn resch – da geht einem das herz auf! „das wird man ja wohl noch sagen dürfen, dass ein urinal keine kunst ist sondern quatsch“), müssen künstler ihr nicht-qualitatives etwas nur recht vermarkten, um eben solche zu sein. kategorienfehler: oeconomik statt ontologie; empirie statt aesthetik. –– aber es fügt sich wunderbar in die entymematische grundlinie (nicht nur) dieser argumentation, die besagt, dass es eigentlich keine sphäre außerhalb des wirtschaftens, des kaufmannstums geben dürfe oder auch nur könne. also muss „gleichberechtigung“ her, ein geist des „jede(r) kann es schaffen“, wenn – ja wenn sie/er/es sich nur gut genug verkauft! es gilt >demokratie = marktförmigkeit<, weil angebot und nachfrage als doppelspitze den besten, gerechtesten souverän aller zeiten bilden. ach ja, und das bitte noch staatlich üppig subventioniert. hurra!
              unterschlagen wird dabei geflissentlich (und der eigenen, auch reschs, profession zum vorteile), dass NICHT ALLE INDIVIDUEN DIE GEBORENEN KAUFLEUTE SIND UND NICHT ALLE ES WERDEN WOLLEN!

              – erweiterung des letzten notats: was passiert, wenn man eine „angeblich“ un-ökonomisch obwaltende sphäre in windeseile auf wirtschaftsstandards umstellt, lässt sich in den letzten jahrzehnten in drei einschlägigen sphären beobachten: (a) universitäten bieten seither den berühmten elfenbein-turm-staub-talar-akademikern keine zuflucht mehr, denn die damen und herren lehstuhlbesitzer_innen müssen eifrig sich selbst und ihre forschung vermarkten, auf einem binnenmarkt (zwar, aber immerhinque!), der herrn resch sicherlich gefiele, müsste er ihn empirisch analysieren. mehr und mehr zur glückssache wird, ob dabei noch wirklich gute oder, je nach fach, auch nur seriöse forschung herauskommt; (b) krankenhäuser, altenpflege, ähnliche sozialeinrichtungen, die primär nach ökonomischen prinzipien inklusive rasanter eigenwerbung und sonniger selbstvermarktung bei gleichzeitiger kostenoptimierung (mit der man wiederum werben kann) funktionieren, werfen sicherlich früher oder später gewinne ab. hurra zum zweiten! ob herr resch & co. aber in dergleichen einrichtungen notfalls sich verfügen möchte(n) oder doch ihr akkumuliertes kapital lieber in alternative etablissements für die happy few tragen wollen – wer weiß? und (c) die großen christlichen kirchen und auch ihre kleinen radikalen splittergruppen sind weltweit auf eigenwerbung im besten marktsinne umgestiegen – manche behaupten, schon seit dem 18. jahrhundert. da wird oeconomischer gedacht als jahrtausende lang. die einzige positive folge, die ich beobachten kann, sind die seit zwanzig jahren anwachsenden esoterik-abteilungen in buchhandlungen, die das transzendenzbedürfnis von zumindest westlich-kosmopolitisch-semiatheistischen, dafür dauergestressten bevölkerungen (andere überblicke ich nicht) weitaus besser zu decken verstehen als die unterdessen zu seelsorgeeinheiten von territoriumsgröße zusammengebackenen ex-kirchen„gemeinden“.
              ob resch & co. aus dergleichen misserfolgs-quoten schließen mögen, dass es womöglich bereiche einer kultur (sagen wir mal: religion, kunst, bildung, gesundheit) geben könnte, die nicht automatisch teil des angeblichen mundus oeconomicus sind? und es vielleicht gar auch nicht sein sollten? –– kaum zu vermuten. es gibt ja keine qualität, außer natürlich jene, die im guten alten spruch liegt: „was nix kostet, kann auch nix wert sein“.

        • Ich denke, du tust sowohl dir selbst und auch deinen Büchern Unrecht, wenn du sie als Totgeburten wahrnimmst. Erstens: sie sind _da_ und erhältlich, sie werden gedruckt. Als misslungen kann man sie auch nicht gerade bezeichnen. Sie erfüllen «nur» deine Erwartungen nicht, das heißt: ihre öffentliche Rezeption und der daran hängende Markterfolg erfüllen deine Erwartungen (und bezüglich der Ökonomie auch die Notwendigkeiten) nicht. Das liegt aber an Aspekten die zum allergrößten Teil außerhalb deiner Kontrolle liegen bzw. so stark mit deiner Außenseiteridentität verknüpft sind, dass das einzige, was dir diesbezüglich helfen könnte, vermutlich schlichtweg großes _Glück_ wäre (was eh der kritischste Erfolgsfaktor im Leben ist, nachweislich). _Qualität_ ist es jedenfalls nicht. Abgesehen davon, dass diese in der Kunst nicht objektiv existiert sondern immer sozial verhandelt wird. Jedes Kriterium, über das wir hier sprechen könnten, ist a) nichtsdetostrotz kulturell bestimmt und b) bei weitem nicht universell. Notabene.: _innerhalb_ des Framings kann man sehr wohl qualitativ argumentieren etc., keine Frage. Nichtsdestotrotz steht und fällt in der Kunst der Erfolg über den Zugang zu den wesentlichen Netzwerken (siehe der Link den ich dir geschickt und bei Bersarin in den Kommentar gesetzt habe). Genau wie im Rest der Gesellschaft auch – wenn dir nicht im richtigen Moment die richtigen Leute über den Weg laufen, kannst du leisten was du willst und kommst nicht weit. Qualität, erst recht, wenn sie sozial verhandelt wird, ist demgegenüber nachgeordnet. Was – siehe Kleist – ja nichts neues ist. Man muss das nicht gutheißen, aber das ist _weltweit_ die Lebensrealität. Evolutionsbedingt ist der Mensch nur als soziales Wesen überlebensfähig (dass das Gefühl, ausgeschlossen zu sein und ähnliche Arten von Verbindungsverlust intensivsten _Schmerz_ auslösen, kommt nicht von ungefähr). Insofern sind die sozialen Mechanismen, die solche Machstrukturen erzeugen auch nicht per se schlecht, im Gegenteil. Das Problem, nicht nur im Kunstbetrieb, ist die niedrige Durchlässigkeit und vor allem die davon geförderte Stratifizierung. Das werden wir hier aber nicht lösen. Worauf ich damit aber hinauswill: deine von dir oben beschriebene Reaktion auf deine Nicht-Teilhabe an diesen Netzwerken besteht daraus, den Kontrollverlust _dort_ durch _noch_ mehr Kontrolle bezüglich der Qualität deiner Dichtung zu kompensieren. __Das ist aber nicht der Stellhebel, der irgendetwas am Ergebnis verändert.__ Vor allem ändert er nichts an dem einzigen, über das du _tatsächlich_ auch noch in Maßen Kontrolle hast: deine Empfindung bezüglich der Situation und deren Bewertung nämlich. Du erhöhst stattdessen wieder den (internalisierten) Druck auf dich selbst, produzierst unter noch mehr Anspannung (jaaaa, du bist Zwängler, ich weiß: du hast die Peitsche und den Arm, der sie führt, hervorragend integriert ;))… und dann? Wird es immer noch nicht gut genug sein. Weil es gar nicht gut genug sein _kann_: Kategorienfehler.

          Ich glaube jedenfalls, der _eigentliche_ Kampf, den du momentan zu führen hättest, ist nicht der gegen dich selbst, gegen den verschlossenen Betrieb und seine Exponenten etc., sondern einer _für_ dich selbst.

          • xo sagt:

            ja, mir hat geholfen, als mir nach klings tod irgendwie sehr deutlich vor augen stand, dass damit nun ausgerechnet der verstorben ist, dessen stimme man ernst nahm, wenn er auch immer wieder von hartung et al heftige kritik bezog, honnefelder und döring und winkels standen hinter ihm und viele mehr, vor allem auch österreich. aber da habe ich sehr klar gedacht, jetzt wird es schwierig für leute wie mich, wenn schrott und grünbein übrig bleiben als leitwölfe. und es wurde schwierig und ich sagte, lass uns das land verlassen, auf mich wartet hier keiner mehr und so war es auch. farben erschien, verhallte weitestgehend, tiere in architektur erschien, verhallte zunächst unbepreist. erst als ich selber die richtige intuition hatte und cord riechelmann bat, die tiere zu moderieren und der zusagte, kam eigentlich alles, was dann gefolgt ist, ins rollen und es war eben niemand aus meinem betrieb, es war jemand von außen! das ist das, was man für sich dabei tun kann, sich woanders umschauen, nicht immer auf die selben schauen, von denen man denkt, von denen muss man es haben. diese knoten lösen sich, wenn man völlig anders die sache angeht und damit auch zeigt, ich brauche euch eigentlich nicht und ich suche mir partner in crime, die ich interessant finde und nicht solche, von denen ich denke, von denen muss ich es haben. ich hatte riesenglück, dass cord wirklich auch gut findet, was ich tue und ich bin so unendlich dankbar dafür. es müssen einfach manchmal die zusammenfinden, denen die eigenen texte viel sagen und die dazu das bessere standing im betrieb haben und was zu verantworten und einen dann fragen, das sind aber schon 3 parameter, die auf einmal zusammentreffen müssen, bevor sich mal wirklich nachhaltig was tut und dann, so kam es mir vor, öffnen sich die tore, weil der verstärker einfach funktioniert. du hast deine verstärker in der literaturwissenschaft und in den verlagen, aber vermutlich gerade nicht in der thematik, das spielt auch eine riesenrolle, tiere in architektur kam ca 5 jahre zu früh, wurde und wird aber jetzt wiederentdeckt im zuge des nature writings, das hat mir den a gerettet und das lässt sich alles nicht planen, das war glück und wie lange es hält, vamos ver.

  5. xo sagt:

    na, ich glaube, der ausschluss passiert weniger extrinsisch, als intrinsisch, ich bin mir nicht so sicher, ob die gründe, die du anführst, wirklich die gründe des auschlusses sind, oder ob sie dir nicht nur besser gefielen. es kann nicht an deiner produktivität liegen. es kann auch nicht an deiner verlässlichkeit liegen, wie viel hörstücke hast du noch gemacht und dazu noch selbst produziert? es kann also nicht daran liegen, dass man dich nicht überall einsetzen könnte. es liegt mutmaßlich wirklich daran, dass dir das richtige publikum fehlt. vielleicht eins, das sonst eher in die oper geht? und das, was in deutschland in die oper geht, sucht aber in der literatur nicht, was es dort auch finden könnte. oper ist ja auch eine gehörige portion distinktionsgewinn durch klassenzugehörigkeitslagerfeuer, was quatscht ist, ein guter freund von mir arbeitet an der oper und der hat nun wirklich schon alles gemacht, viele produktionen der freien szene lanciert und begleitet. aber dieser glanz fehlt natürlich jeder dichterlesung und für dieses format bist du dann wieder zu sehr oper vielleicht. ich vermute, es liegt an einer art verrutschter kohärenz. dichterrinnen, die sich gern mit sich selbst und ihrem liebesleben beschäftigen und zart und zerbrechlich wirken, sind oft auch viel beliebter, als solche, die dieses kohärenzbegehren nicht schüren. wohingegen der poeta doctus auch immer noch beliebt ist, aber eher in so einer art gelahrten studienratsweise und cordanzug. dann gibt es noch ein paar, die wirklich durchgeknallt sein dürfen, das muss aber auch kohärent bleiben. ann cotten ist für mich da die freieste, der man es zugesteht und sie darf dabei so wild sein und so eigen, wie sie ist. etwas, das ich mir für mich immer gewünscht habe.
    errungen wird sicher einiges aber so ein ringen kann ja auch freude machen. ich bin inzwischen nicht mehr der meinung, dass die texte, bei denen ich mich echt gequält habe, sie in jedem fall besser gemacht hätten. sie haben, im gegenteil, eher verhindert, dass ich mich mit freude gleich an den nächsten text mache und ich habe mir überlegt, ok, die welt da draußen interessiert eh nicht, wie es dir dabei gegangen ist, es ist an mir allein, ob ich denken, schreib einfach, wenn es und was dir freude macht, oder schreib nur dann, wenn du dir ganz sicher bist, das ist das, was du schreiben wolltest. bleibt schwierig. aber ich bin mir auch sicher, man selbst erspürt schon, was und warum man gerade nicht gemocht wird, besser, als alle anderen. die frage ist dann nur, wie damit umgehen, ich denke immer noch: ignore the ignorant und wo du sie nicht ignorieren kannst, ärger sie ein bisschen, aber dich nicht zu sehr. leichter getippt, als getan. im grunde denke ich aber immer, der glücklichste zustand ist der des ganz bei sich sein dürfens beim schreiben, drauf geschissen, was andere davon halten. auch wenn man sich unbändig freut, wenn andere was davon halten, aber bei denen, die nix davon halten, hab ich noch immer gedacht, na und, ich habs ja gar nicht für dich geschrieben. aber das ist alles auch fast unabhängig von verteilungspraxis, das stimmt schon, man muss die richtigen leute hinter sich bringen dabei und die richtigen sind, wie überall, die mit dem einfluss und der kohle und die müssen denken, du bist für sie ein gewinn und spot für ihr prestige. so läuft es wohl. geschenkt gibt es wohl eh nix. jeder sucht seinen vorteil bei der sache. die mit einfluß und geld versuchen ja durch dich noch mehr einfluß und noch mehr geld zu generieren. und das sind die signale, denen sie folgen.

  6. @Xo (ff)
    Eines an dem, was Du schreibst, ist sicher wahr – sofern wir „Oper“ stellvertretend nehmen, nämlich insgesamt die europäische Kunstmusik mitmeinen. Daß ich geradezu komplett anders künstlerisch sozialisiert bin (mich selbst sozialisiert habe; mein Elternhaus spielte dabei eine geringe Rolle), hat mich nie zu Gruppen Gleichgesinnter geführt, ich habe also nie Lobby gehabt, wenn auch Freunde und einige andere, die, was ich tat, begriffen. Es war aber geradezu stets gegen den Zeitgeist – will sagen: gegen Gruppenbewegungen, denen ich vom Kindergarten an mit extremem Mißtrauen gegenüberstand, zum einen wegen der historischen Verwickeltheit meiner Familie in den Nationalsozialismus, etwas, das ein „Wir“-Gefühl prinzipiell ausschließt, zum anderen, weil meine Konzentration auf die sog. E.-Künste undifferenzierte Musik nicht ertrug; es gab damals den Begriff noch nicht, aber schon mit fünfzehn lehnte ich den Mainstream-Pop heftig ab – also in der Pubertät. Was dann wiederum meine sowieso schon ständige Außenseiterpositionierung auf das schmerzhafteste verstärkte. Die aber auch gegenüber dem von Dir so genannten „Opern“publikum eine Provokation war, weil ich zugleich die Korruptheit des, sagen wir mal, Bürgertums ekelhaft fand und das auch so zum Ausdruck brachte. Politisch war ich mit meiner Generation durchaus einig; wenn sie aber die Nachfolger der Beatles, und diese selbst, für bedeutende Musiker hielt, wurde mir schlecht. Es war, als würde mir im Beisein von anderen von morgens bis abends Buttercreme in den Rachen gestopft, wie einer Mastgans das Futter.
    In den letzten Jahren kommt verschärfend die Entwicklung der Gesellschaft zu einer Konsensgesellschaft hinzu („gut“ zu beobachten bei der political „correctness“), der ein Außenseitertum nicht einmal mehr pittoresk ist. Der Außenseiter ist nicht mehr warnende oder zumindest interessante Stimme, sondern wird verschwinden gemacht. Jemand wie Faßbinder hätte heute überhaupt keine Chance, erst recht nicht, wenn er heterosexuell gewesen wäre.

  7. xo sagt:

    ich bekomme welche und vermassel es beim ersten mal, weil ich so schlecht unter dirigat arbeiten kann, bzw gar nicht :(. so kanns ja auch gehen und ich würde ja gern anderen genüge tun, aber sobald ich es muss, versage ich.

  8. Das tut mir sehr leid, und ich helfe Dir, wenn Du magst, gerne mal. Ich kann diese wundervolle Arbeit, kenne sie in- und auswendig. Doch in diesem Fall bekomme ich einfach deshalb keine Aufträge mehr, weil zum einem künstlerische Ansätze nicht mehr erwünscht sind (fürs Feature erging beim WDR sogar von „oben“ eine entsprechende Direktive) und zum anderen, weil meine Generation durch eine ganz neue abgelöst wurde – nachvollziehbar, insofern neue Menschen auch neue Beiträger mitbringen, die ihnen näher sind -, ich aber zu sehr für, wie ich >>>> dort schrieb,misfits gelte, um mich dennoch halten zu können. Hier gilt, „Klasse“ im übertragenen Sinn, >>>> Dein Wort vom klassenzugehörigkeitslagerfeuer. In der Tat habe ich s o l c h e Feuer immer gemieden.

    • xo sagt:

      ich fürchte, das wird nicht klappen, es scheiterte ja daran, dass ich dachte und es auch so gesagt wurde, dass ich eine carte blanche habe und dann gefielen entwürfe nicht, wurden als reine skizzen abgetan, da hatte ich den kaffee schon auf und fand auch nicht mehr rein, andere arbeiten standen an und das ganze liegt auf eis seitdem. aber ich entnahm auch einem bericht zu wagners hörstück, dass auch er lange wohl gebraucht hat, vielleicht hakt es also in der zusammenarbeit mit der auftraggaberin ja nicht nur bei mir. es wurde auf einmal sehr bestimmend und fordernd und richtungsweisend und ich hatte weder zeit noch lust mich länger damit zu beschäftigen, die chemie stimmte einfach nicht. es waren ja keine technischen probleme, die regisseurin war schon gefunden, es waren eher probleme im umgang mit künstlerischer arbeit, so wie ich sie verstehe und so wie mein gegenüber sie verstand. es war etwas schizzo, seitdem bin ich vorsichtig, wenn mir jemand sagt, ich hätte alle freiheiten, denn ich hab schon erlebt, stimmt gar nicht, oder zumindest nicht so, wie ich freiheiten verstehe.

  9. xo sagt:

    jetzt lässt sich übrigens gar nichts mehr korrigieren hier im nachhinein, nicht mal mehr unter anzählung, darum bitte ich um verzeihung bei den fehlern.

  10. Pingback: Die Brüste der Béart, No XXIII: Hymnus. Erster Versuch, komplett. | Die Dschungel. Anderswelt.

  11. >>>> Dort jetzt der erste Versuch, und zwar nicht nur komplett, sondern auch vorgetragen.

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