III, 424 – Fish, still out of water (Wien I)

”Spaesato” wie der Fisch auf der Holzmaske, zu der ich gerade hingesehen habe, der die Stelle der Nase vertritt. Ich sollte nachfragen. Aber meinen Gastgeber werde ich bis heute abend nicht wiedersehen, warte stattdessen auf den Anruf eines Anderen, der aus Paris kommend heute in Wien landen wird, wo ich am Sonntagabend angekommen. Nach wie vor gar keine Karte im Kopf. Nur ein langsames Erweitern der Straßenkenntnis auf Rauchspaziergängen, sofern ich nicht unten vor der Haustür stehe, so daß langsam auch schon Gesichter wiedererkannt werden.
“Spaesato” aber auch schon in Amelia, nachdem die letzte Arbeit abgegeben war am Freitagmorgen. Langsames Hineinrutschen in eine Art katatonischen Zustand. Der immer noch fortdauert. Hier in Wien. Unbegeistertes Lesen (Pratolini, Cronache di poveri amanti – Kleine Leute und kleine Gauner in einer 50 Meter langen Gasse in Florenz, in der jeder jeden beobachtet, mit entsprechender Umgangssprachlichkeit, da entgeht mir manchmal etwas, das als typisch florentinisch bezeichnet werden könnte).
Amelia kalt und klar in kräftigen Farben die Landschaft. Am Sonntagmorgen. Pünktlich um acht auf der Autobahn für die 1000 km bis nach Wien. Der Tag war gut gewählt: sehr wenig Verkehr, seltene LKWs. Zwischen Bologna und Padua das Gefühl, es herrsche Sonntagmittagessen-Verkehr. Dann hinter Venedig und später in Österreich lange Baustellenabschnitte (wäre an einem Werktag mit LKWs problematisch geworden). Hinzu kam ab Florenz häufigeres Mistwetter, am schlimmsten kurz vor Wien im schon Halbdämmer. Alles diesig verschleiert. Was auf Google Maps einfach aussah, erwies sich dann als kompliziert und unverständlich, und ich stand schließlich an einer grünen Tankstelle in der Gewißheit, mich verfranst zu haben und nicht zu wissen, wo ich bin in Wien.
Die Straße ließ sich nachfragen, den Rest mußte mir geduldig mein Gastgeber per Telefon erklären. In Etappen. Wieder anrufen an einer anderen Stelle. Zu Fuß die Gegend und ihre Namen erkunden. Statt um acht kam ich um neun an. Passable Verspätung immerhin trotz Irrfahrt.
Am ersten Abend vor dem mit Holz beschickten Ofen erste Lesestunde. Nur mußten wir dann abbrechen, mein Gastgeber hatte einen Arbeitstag vor sich. Am Montagnachmittag mußten Umzugskartons transportiert werden (er räumt seinen Arbeitsplatz, den er morgen zum letzten Mal betreten wird): drei Fahrten insgesamt. Während ich draußen auf die Fracht wartete, eine kleine ältere Frau mit zwei mächtig schönen Afghaner-Hunden: “Schöne Hunde!” entfuhr es laut. Noch an der Haustür drehte sie sich lächelnd zu mir um (natürlich nicht die Hunde). Bei der dritten Tour tauchte sie noch einmal auf, dieses Mal mit einem Afghaner mit hellerem Fell und zwei Dackeln. Da sagte ich dann nichts mehr. Wozu auch?
Die Menschen sprechen auf den Straßen vor sich hin. Die Straßen sind fast durchweg Einbahnstraßen (Walter Benjamin). Man muß sich da erstmal ein Einlesen anbahnen lassen.
Ich habe noch nicht nach der Bedeutung der Maske gefragt (vor fünf Minuten die Antwort: “Ach, das war Zufall.”). In der Zwischenzeit entdeckte ich weitere zwei Fische in der Wohnung. Auch sie “spaesati”, weil außerhalb des Wassers, von dem sie wahrscheinlich nicht wissen, was das ist. Gelegentlich gibt es gesalzenen Fisch zum Essen, der wiederum ohne Wasser sich nicht genießen läßt, ebensowenig wie die Wohnung, ohne nicht gelegentlich in den Einbahnstraßen herumzulaufen, solange noch niemand da ist, was seit zwei Tagen zwar nicht mehr stimmt, aber die letzten 2-3 Tage gehören nicht hierher. Dafür muß ich mir noch eine andere Nummernrevue ausdenken.
Es ist schwierig, ein Tagebuch zu schreiben, wenn man nicht in Amelia ist, dacht’ ich heut’, die Wohnung wieder betretend (nein, man betritt die Wohnung nicht, man windet sich in sie hinein, auch die anderen Bewegungen bedürfen einer Übung in Körperwindungen… hat auch etwas Fischhaftes).


Walter Benjamin, à propos de James Ensor:

Vordem, seit 1880, malt er: das bürgerliche Interieur, Schnee, Kinder bei der Toilette, Stilleben, auf denen etwa Fische schon maskenhaft werden.

Eben. Beim nächsten Mal lassen wir ihn wieder ins Wasser.
III, 423 – Sapore di Sapporo

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