Zum Tod Werner Söllners (10. November 1951 – 19. Juli 2019). Anstelle eines Nachrufs.

 

Er ist, was er sucht, was nicht bleibt –
ein Teil von der Kraft, die ihn treibt.
Elblauf (1988)

1

Die bunten Fähnchen sind alt geworden
Daß wir die Geschichte waren, du schriebst‘s
Was blieb außer Stoff, der nun schon zerfällt

Fadenscheinig die Fältchen
in unsre erwachsnen Gesichter
aus diesen Wimpeln gewoben

auf denen Verirrungen standen
die sich für Hoffnungen hielten
und ernst warn und tapfer

beidseits am Flußrand

2

Wir sind wohl unsere eigene Grenze
Sie läuft durch uns gleich mehrfach hindurch
Das Herz ist ein Posten im Anstand

die Alben nicht aus der Elbe zu lassen
die Elbe nicht zu den Alben zurück
vor denen der Lunge so bang ist

Nach ihnen sehnt sich alleine das Kind
beidseits am Flußrand, wären wir bunt
wie wir waren

geblieben

3

Unterwegs so wenig berührt
von drüben

Hüben gestanden
geführt

hat uns von drüben
ein Wehen gerührt

das sich als Wellen und Fluten
ins Meeresmünden spürt

in das sich die Flüsse verbluten

4

Wir winkten mit bunten Fähnchen am Rand
und bohrten die Zehen in Sand
am Strand, den das Wasser sich nahm
das uns trennt

Wer von uns kennt, was kam
Wem löst die Scham, die uns brennt
den Fuß aus dem unsichren Stand
in dem verlorenen Kindheitsland

 

5

und ziehen eiserne Nägel
sich aus dem Tod
Der Schlaf des Trommlers, 1992

Du hast von Trommlern geschrieben, die schliefen
als sie, kein Hunger nach Brücken
herüberriefen

als könnt sich das Ziel vor dem Ursprung bücken
als es noch Kind war

das aus Sand eine Burg baut
der einmal fester Stein war

Du fragtest die Mäuse nach Brot
Die Fähnchen flatterten laut
Es wehte wie sie unser Haar

Von da nach hie kein Boot

ANH
Variationen auf zwei Themen von Söllner
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