III, 443 – Visitatrici und ein vom Bahnhof gesuchter Reisender

Jetzt im September ist es doch nicht mehr so einfach, nur mit dem T-Shirt am Schreibtisch zu sitzen. Von offenen Fenstern mittlerweile ganz zu schweigen, nur die Tür zum Hof darf noch offenstehen, sobald die Nachtkühle etwas verflogen. Also machte ich mich auf die Suche nach etwas Passendem. Aber die Klamottenberge gaben nichts her: alles zu dick oder zu dünn. Als ich die Küche mit der offenen Tür zum Hof betrat, stand direktemang davor eine junge Frau. Sie schaute nicht in die Küche, um irgendeine merkwürdige Neugier zu befriedigen. Der Blick war hierauf gerichtet (angeheftet draußen am geschlossenen Türflügel):



Ich grüßte. Zunächst die Frage, ob das hier eine Privatwohnung oder was immer auch sonst sei. Eine ähnliche Frage war mir neulich schon gestellt worden, als ebenfalls Frauen im Hof auftauchten, allerdings um die eine Wohnung im oberen Teil zu besichtigen, die  nach wie vor zum Verkauf steht. Vielleicht wird ja solch ein weißer Fleck mit Text darauf auch als Firmenschild wahrgenommen. Wer weiß. (Meinerseits könnte es unbewußt tatsächlich auch einer solchen Funktion entsprechen). Dahinter steckte aber wohl eher das Ausfragen einen potentiellen Nachbarn.
Die Wohnungssucherinnen interessierten sich allerdings nicht für den Text.
Die junge Frau von gestern indes las ihn sich nach ihrer Frage halblaut vor, dann nochmal halblaut die italienische Übersetzung, die ja nicht besonders schwer zu bewerkstelligen ist. Sie wirkte auch sonst völlig unbefangen. Senz’altro ammirevole.
Dann war sie schon halb im Weggehen, noch so etwas wie ein Kompliment für den Hof. Halb also schon im Wegdrehen fragte sie mich, ob ich Deutscher wäre. Ich fiel buchstäblich aus allen Wolken und sagte es auch. Die Anzahl der Jahre, die ich hierzulande schon bin, beeindruckte sie nicht weiter. Man höre es trotzdem, meinte sie. Ein Frage noch zum Brunnen, darüber, was man wisse über diesen Gebäudekomplex. Ich selbst weiß keine Fakten. Ich verwies lediglich darauf, daß auch Reste einer Kapelle vorhanden seien.
Ob sie das erste Mal in Amelia sei (es kommt ja gelegentlich vor, daß herumlaufende Touristen auch mal ihre Köpfe die Hoftreppe hinauftragen (allerdings auf dem Hals und nicht unterm Arm). Nein, sie sei aus Amelia, sie arbeite unten im Museum. Damit ging sie auch schon.
Ich hätte antworten können, daß ich auch in einer Art Museum arbeite. Gewisse Staubschichten ließen schon auf historische Stratifikationen schließen. Weniger indes die Spinnweben, die ich vor einem Jahr eliminiert habe, wenigstens die offenkundigsten. Diese Sammlung baut sich gerade erst wieder auf.


Dann fand ich doch noch eine passende Bedeckung: ein Schultertuch. Letztes Jahr im September an der Autobahnraststätte gleich hinter der Europabrücke unweit Innsbruck Richtung Italien gekauft (das T-Shirt, la folie di una notte d’estate). 


Morgen (Sonntag) wäre ich ja gern nach Rom gefahren aus anderen als den sonstigen Gründen in den letzten Jahren nunmehr (Schwarzgeld einkassieren und gleich wieder weg), aber ich hatte nicht die Rechnung mit den üblichen Übersetzer-Wochenenden und auch mit meinem derzeit asymmetrischen Gesicht keine gemacht. Der Zahnarzt hatte lediglich ein Antibiotikum verschrieben, um zu sehen, ob es abschwillt. Tut es aber nicht. Nächster Termin am nächsten Dienstag. Mit dem Risiko einer Extraktion.
Und so wird es dann morgen sein:

Le train disparu,
la gare part en riant à
la recherche du voyageur.

Char, Rückkehr stromauf (Handke: “Ist der Zug verschwunden, macht sich der Bahnhof lachend auf die Suche nach dem Reisenden.”)

III, 442 – ta sottise particulière

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