Brief an einen Freund. Als neunzehntes Coronajournal, nämlich dem des Freitags, den 17. April 2020.


Von G. M., 15. April:

Jungs,
ich versuche es nochmals: die nächsten Tage nur Sonne und also Bier bei mir auf der terrazza? Bin unverändert gesund…

 

An G. M., 16. April:

Guten Morgen, lieber G.,

prinzipiell eine gute Idee – aber ist sie klug?  Nicht selten schaut mein Sohn bei mir herein, der zur Zeit in einer Eisdiele jobbt, also mit sehr vielen Menschen in Kontakt kommt und auch dann, wenn er keine Symptome hat, Überträger sein könnte – und somit könnte auch ich es sein. Ebenso ist लक्ष्मी in eine Ärztinnenpraxis, wenngleich fürs Backoffice, quasi eingezogen worden (sie arbeitet da aber gerne, und sehr gut), und für sie gilt Ähnliches. Da ich auch sie aber sehe von Zeit zu Zeit … Hinzu kommen die Zwillinge, die ihre Freundinnen und Freunde zwar eingeschränkt (immer nur jeweile eine/einen), aber eben doch sehen. Mit der Familie, selbstverständlich, und auch mit Sascha Broßmann, der ja gleich zwei Straßen weiter wohnt, gehe ich das Risiko ein, um nicht komplett isoliert zu sein, was mir an meinem Schreibtisch derzeit ziemlich zu schaffen macht, an dem ich mit DER DSCHUNGEL, die davon wächst und wächst, sozusagen Selbstgespräche halte; nur ist Corona nicht zu unterschätzen. Die jetzigen – gelinden – Lockerungsversuche der Sperren werden, davon bin ich ziemlich überzeugt, die Ausbreitung wieder hochschnellen lassen (Logik exponentieller Entwicklungen) und möglicherweise bald schon zurückgenommen werden müssen.
Ein Ende scheint mir zumindest für noch dieses ganze Jahr nicht absehbar zu sein. Darauf deuten sämtliche medizinischen/virologischen Untersuchungen und Hochrechnungen hin; daß uns die Politik immer nur in quasi homöopathischen Dosen informiert, ist in psychologischer Einschätzung begründet, wahrscheinlich. Ja, die Folgen dieses Virus sind katastrophal, vor allem in politischer Hinsicht, aber, wie ich gestern in
DER DSCHUNGEL schrieb, es hat wenig Sinn, gegen einen Tsunami zu protestieren. Genau dieser Natur-Charakter der Krankheit macht die Situation – vor allem: weltweit – heikel. Ich habe sie in nun mehreren Dschungeltexten mit den Anfangsphasen von AIDS verglichen und deutliche Parallelen festgestellt, die hier nun aber nochmal umfassender sind, insofern unsere Einschränkungen sich jetzt nicht mehr „nur“ auf den Sexus begrenzen, sondern nahezu alle Bürgerrechte betreffen – am deutlichsten sichtbar in autokratischen Staaten, deren, euphemistisch ausgedrückt, „hartes Durchgreifen“ bezeichnenderweise die besten Ergebnisse gezeitigt haben.
Um aber auch politisch wieder handlungsfähig zu werden, muß „R“, also die Reproduktionsrate, <1 sein; das erreichen wir tatsächlich nur über harte Kontakteinschränkungen, die größere Treffen eben ausschließen. Nichts dagegen, mich allein mit Dir oder auch allein mit J. und/oder den anderen zu treffen (da wäre dann das theoretische R = 1); ein Gruppentreffen hingegen finde ich problematisch, so sehr gerne ich auch dran teilnehmen würde. Es wären ja mindestens beteiligt Du, Deine Frau, Dein Sohn sowie drei oder noch mehr der Freunde. Ist da nur einer von ihnen Überträger (ohne es zu wissen; das schließt mich selbst mit ein), haben wir schon ein theoretisches „R“ von > 5 bis x. Rechne das  nur mal auf mögliche weitere Treffen von Freunden anderer Menschen, anderer Familien hoch, und Du siehst deutlich das Problem.

Deshalb eher: nein – so gerne ich es auch anders hielte, schon weil mir hier manchmal zwar nicht der Himmel meiner Zimmerdecke auf den Kopf fällt, dazu bin ich zu wenig Germane, aber subdrepressiv stimmt mich alles schon. (Mal abgesehen von den ökonomischen Folgen; nahezu sämtliche Auftritte sind mir geplatzt, und ob die Veranstaltungen/Seminare, die ab September geplant waren und längst unter Vertrag stehen, stattfinden können, ist mir höchst zweifelhaft. Logischerweise war auch von dem mir angetragenen Bamberger Lehrauftrag jetzt nichts mehr zu hören. Christoph Haacker von Arco geht sogar davon aus, daß auch die Frankfurter Buchmesse nicht stattfinden wird, und ich teile seine Einschätzung. Immerhin habe ich die 5000 Euro Soforthilfe für Künstler bekommen, was mein Leben bis in den August hinein finanziell sichert. Andere Einkünfte aber habe ich nicht.)
Also, ein Treffen zu zweit: jederzeit, sehr sehr gerne. Hingegen zu mehreren würde ich’s nicht verantworten wollen.

Sei umarmt, imaginär dürfen wir ja,
Dein Alban

 

Alban Nikolai Herbst

Über Alban Nikolai Herbst

https://de.wikipedia.org/wiki/Alban_Nikolai_Herbst
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2 Antworten zu Brief an einen Freund. Als neunzehntes Coronajournal, nämlich dem des Freitags, den 17. April 2020.

  1. Avatar Ute stefanie Strasser sagt:

    zum „Hochschnellen“ siehe Martin Eichner = Epidemiologe an der Universität Tübingen, Artikel in der SZ am 31. März

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