III, 461 – Dualismo

Es ist fatal: ich lebe seit nunmehr einer Woche (obwohl ich im Zeitgefühl ein “seit zwei Wochen” habe) mit dem Eindruck, die Brotarbeit ebbe ab (in einem Reimschema müßte es wohl abba|cd heißen), und ich könne ohne “schlechtes Gewissen”, sozusagen gutwissentlich so lange im Bett liegen bleiben, als es mir laut Eigenermächtigung frommt. Rien à faire. Dennoch stehe ich derzeit gegen neun/halbzehn auf. Dann braucht es immer noch eine gute Stunde, ehe ich in Gang komme und den funktionierenden Homunculus hervorzaubere oder einfach nur -bringe.
So gab’s auch über Ostern einen Monolog über Beethoven oder vielmehr seine Schwägerin Johanna (von einer Freundin vermittelt — und Komplimente für die Übersetzung freuen einen natürlich (dazu schon allet bezahlt und unter Dach und Fach) —), einen gerichtlichen Mahnbescheid. Es folgte prompt eine Datenschutzerklärung.
Und heute, wo ich dachte… wieder mal ein Probiotikum-Text.
Anderes gleitet dabei etwas in den Hinter-, dafür “Star Trek” (derzeit abends) in den Vordergrund  — etwa die neulich ventilierte Übersetzung von “Dualismo” als Ergänzung zum “König Bär”, ein drittseitiger, von mir aber angenommener Vorschlag (erst heute dazu gekommen, etwas mehr in diesen Dualismus einzudringen):

Darum der trüb gestimmte
Reigen meiner Gedanken,
Mal sanftmütig und rosig,
Mal gewalttätig und schwarz;
Darum dumpf und im Überdruß
Das Anlegen der Metren,
Um die Verse zu fesseln.

Alles sieben mal sieben. Bei „neunundvierzig“ dachte ich gerade an die Menge der Zähne. Aber es scheinen eben doch nur siebenundvierzig zu sein. Nicht unbedingt eine Zahl, auf die ich derzeit komme, denn einen weitereren verlor ich spontan um Palmsonntag herum, nicht ohne zu protestieren. Daß er mich dann auf einfache Berührung hin von selber verließ, war eine teilweise Erleichterung: Ich muß nicht sofort zum Zahnarzt (Victoria Regia… die Website funktioniert, die gefundene Referenz weiß aber nichts von Öffnungszeiten). Was mir in diesen Wochen nicht als wirklich erstrebenswert vorkommt.
Dazu die Idee, mich mit dem “Partigiano Johnny” zu beschäftigen und dessen sehr introvertierten, mit englischen Einsprengseln gespickten Duktus, in den Fenoglio seine tatsächlich erlebte Partisanenrealität kleidet, mitten in einem piemontesischen Winter. Einiges vorangebracht, aber noch nicht genug.

Parkplatzlücken und Zahnlücken. Ja, ich schaue aus dem Fenster und registriere die Parkplatzlücken. Obwohl mein Auto seit etlichen Tagen seinen festen Platz hat, auch sein Nachbar hat sich seit geraumer Zeit nicht mehr bewegt. Dennoch gibt es Momente, da sprießen Personen auf dem Platz hervor. Die Lust, dann hinunterzugehen, ist nahezu unwiderstehlich. Und zu sprechen. Das funktioniert mittwochs, wenn der Bioladen gegenüber auf Vorbestellung Gemüse ausgibt, die ein Bauer aus der nahen Umgebung bringt. Und ich bestelle selbst, auch einfach nur, um ein Gefühl von Begegnung zu haben. Ansonsten der regelmäßige Gang zum Tabakladen. Aber da eher eine Daseinsvertrautheit als -nähe.

Auf andere und doch vergleichbare Weise wie die Schlangen hielten sie [die Träger] einen beim Wegsuchen im Weg- und Steglosen von den Finger- bis zu den Zehenspitzen wach, verhinderten die – besonders für einen Alleingeher – so fatalen Voreiligkeiten, bildeten eine Art Rüstung der Besonnenheit, leiteten einen und spurten einem vor auf dem, in der Sierra jedenfalls, einzig ergiebigen Mittelweg, dem zwischen Schwerkraft und Beflügeltheit.
Handke, Der Bildverlust.

 

III, 460 – Weichbilder

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3 Responses to III, 461 – Dualismo

  1. Seltsam, Herr Lampe, wie ähnlich unsere Empfindungen zur neuen Kontaktlosigkeit sind, obwohl sich für uns in unseren Berufen eigentlich faktisch nichts oder doch nicht viel verändert hat und jedenfalls meine realen Sorgen in eine ganz andere, eine politische Richtung gehen: Sogar in >>>> DIE ZEIT wird jetzt von einem Wiederstarken der Einzelnationen geschrieben, anstelle den europäischen Gedanken zu festigen (was derselbe Autor in einem ebenfalls in DIE ZEIT abgedruckten >>>> Interview aber tut, interessanterweise).

    • Bruno Lampe Bruno Lampe says:

      Das Interview ist sehr erhellend und spiegelt in ungefähr auch meine Gedanken wieder, vor allem hinsichtlich der Flüchtlingskrise. Da kam auch etwas Unbekanntes auf uns zu, und vor allem osteuropäische Länder schotteten recht bald die Grenzen aus Angst vor “Entfremdung” ab. So ähnlich ja auch die Argumente der Populisten in den anderen Ländern. Auch der Zusammenhang mit 9/11 war mir gekommen. Also die Gefahr einer potentiellen Bedrohung als Begründung für stärkere Kontrollen. Und geht sogar zurück in die Baader-Meinhof-Zeiten: die peniblen Kontrollen besonders der westdeutschen “Zöllner” in den Zügen, die zwischen Westberlin und der BRD verkehrten. Oft genug erlebt. – Was mir eher abgeht: die vormalige Freizügigkeit von uns Europäern. Man war gewohnt, dorthin zu reisen, wohin man wollte, wenn man es denn wollte. Ich darf ja derzeit nicht mal mein Gemeindegebiet verlassen, es sei denn es liegen triftige Gründe vor. Also nicht nur die nationalen Grenzen, sondern was zählt, ist der eigene Kirchturm. Auch wenn der Kirchturm und andere Häusser sich mit Nationalflaggen schmücken. Selbst Italien in sich ist gespalten wie eh und je. Hie die Krisenregion Lombardei (jede Region hat eigene Gesundheitshoheit), dort ein nach wie vor funktionierendes, vom Norden ansonstens verlachtes Neapel. Es werden insofern auch innerstaatliche Differenzen deutlich. Insofern die Infragestellung wirtschaftlicher “Exzellenz”. Immerhin gut, daß Salvini nicht mehr in der Regierung ist, sondern ein bedachter und im Grunde parteiloser Conte die Geschäfte versieht. – Ich glaub’, als nächstes werde ich mir Defoes “Pest zu London” antun. Oder sei’s zu sagen mit Lukrez (im letzten Kapitel von “Über die Natur der Dinge”: “Sodann: Siehst du nicht auch, wie jenen, die es von Haus und Heimat in der Ferne zu uns verschlagen hat, das neue Klima und ungewohntes Wasser zu schaffen machen, weil die Bedingungen des Lebens doch sehr verschieden sind?” Also eher ein Anti-Globalisierungs-Gedanke von vor 2000 Jahren, aber durchaus eingreifend in eine Sicht, die man im Hinblick auf die Entstehung des Virus ins Auge faßt. Man muß natürlich dem Lukrez seine Zeit zugute halten. Aber man weiß dennoch von den Krankheiten des weißen Mannes, die er manchen Eingeborenen zu deren Schaden übertragen hat. Ein weites Feld, und ich gehe schon gar nicht auf Persönliches ein. (Es möge indes durchgehen mein Zähne-Verszähler.)

      • Ich finde darin etwas auch politisch/europäisch Heilsames: nämlich die von mir (und anderen) ohnedies favorisierte Idee, ein Europa der Länder, nicht der Staaten, zu errichten, wobei Länder in weiterem Sinn ein „der Landschaften“ hieße, sich der Föderalismus ganz anders grundierte. So etwas wäre mir Hoffnung. Wir bekämen dann ein, um ein heikles Thema anzusprechen, nicht etwa Spaniern, sondern Katalonien, Kastilien, Extremadura, Andalusien usw. und hätten sogar das Baskenland befriedet; ebenso ließe sich in Italien wie in allen anderen Ländern vorgehen – Ihr Beispiel von Neapel ist famos. Kurz, wir kämen zu natürlichen Grenzen zurück, was sich auf Grundbedingungen besönne und aber sehr durchlässiger wäre, als es jetzt die Nationalstaaten sind. Für eine solches Vorgehen spräche auch die jeweils sprachliche Verfaßtheit; in den Grenzgebieten der meisten Nationalstaaten, wenn nicht aller, werden die Sprachen der direkten Nachbarn quasi schon mitgesprochen; oft wohnen beidseits der Grenzen sogar, und logischerweise, Verwandte.

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