Wer war Gudrun?

Fand ein altes schlechtes Gedicht, das mit den Zeilen endet

nicht verzichten
bis es von selber geht,

und ein zweites, nicht weniger schlechtes, das offenbar im sehr selben Zeitraum entstanden ist und mit den Zeilen beginnt

fort, fort ist sie
gegangen,

und frage mich nun: Wer ist diese Gudrun gewesen, dem der erste Text gewidmet war? Mehr noch, ihr Name steht sogar im Titel.

Sie muß mir bei Bramstedt begegnet sein, einem Flecken zwischen Syke und Bassum, wo ich damals lebte, wenn auch nur für ein Jahr. Das Gymnasium besuchte ich in Syke, bevor ich dort gefeuert wurde und zur Realschule Bassum wechselte, die mir eines Rektors wegen, des vormals Pfarrers Hermann Quast, zu einer nahezu erlösenden Erfahrung wurde: Er, zum ersten Mal jemand, nahm mein Schreiben ernst, machte sich nicht drüber lustig, verübelte mir sogar meine schlechte, weil unlesbare Handschrift nicht, sondern fragte mich: „Kannst du Schreibmaschine schreiben?“ Nachdem ich dies selbstverständlich bejaht, schloß er mich für Klassenarbeiten in einen gesonderten Raum ein, drehte tatsächlich von außen den Schlüssel herum – was aber nicht schlimm war, denn verheißend stand eine wuchtige Maschine drinnen auf dem Schülerpult, daneben lagen leere Seiten. Nach über zehn Schuljahren schrieb ich meine erste Eins.
Er, damals schon, ich spreche von 1973, lud zu Zusammentreffen junger Menschen ein, heute nennen wir das Workshop, in denen erste eigene Texte vorgetragen und besprochen wurden (bei mir warn es bereits viele), teils von der Gruppe gelobt, teils auch heftig verrissen. Dabei war der Begriff „Creative writing“ damals noch gar nicht bekannt, jedenfalls nicht in Deutschland, schon gar nicht auf dem Lande.
In dem Zusammenhang, denke ich mir, ist Gudrun mir begegnet. Ich habe kein Bild, erst recht kein Lächeln, nicht mal einen Geruch. Eine Leerstelle aus sechs Buchstaben – und den zu vielen der schlechten zwei Gedichte.

Wieso schmerzt mich dies jetzt? Vielleicht weil sich aus beiden Texten nicht mal ein einziger Vers herauslösen läßt, um ihm mit anderen, neuen Versen doch noch poetisch Bedeutung zu geben – außer freilich dieser jetzt, daß ich drüber schreibe. Denn um die leere Gudrun – das Vakuum, zu dem sie mir geworden – leuchten unversehens Erinnerungskörper auf, die es in wahrscheinlich stabilen Bahnen umkreisen, andernfalls sie mit hineingezogen worden wären oder würden, anstelle aus ihm aufzusteigen, wie es nun der Fall ist: Da war ein eh’mals naher Freund, der ebenfalls schrieb und Bernd hieß. Ich brachte ihm Gustav Mahler nah, von dem ich damals rundum überwältigt. Ich erinnere mich seines, Bernds, Satzes: „Die Dritte, ja, vertehe ich. Die Zweite aber gibt mir nichts.“ – Fahrenhorst, Bernd Fahrenhorst? Nein, Fahrenhorst war ein naher Ort. (Und ist es, seh ich grade, noch …)
Da war, gegenüber der Bäckerei, der Schüler heimliche Raucherecke. Einer, immer, stand Schmiere. Und in die schmale Kammer, die mir im alten, reetgedeckten Bramstedter Gesindehaus zugewiesen war, das sich, wenn auch nur eine Häfte, mein Vater allein mit seinen Händen wieder aufgebaut hatte, ohne jedes Geld, kam zweidrei Wochen lang ein Mädchen und zeigte mir scheu seine Brüste, die ich, alles andre als ein Van, nicht ganz so scheu berührte. Wir saßen nur, lagen nie, schon gar nicht aufeinander. Und schnell war eine ganz Andere da, die heute eine beachtete Künstlerin ist, Sabine Wewer, und der ich dieses Heft voll meiner schlechten Gedichte danach gewidmet habe. Meine in Bremen lebende → Omi und sie liebten sich sehr. Immerhin ist eines daraus, also der schlechten Gedichte, in viel spätere Strophen eingeflossen: Es lagen Spinnenweben über den Lampen —. Doch das entstand erst, eben, in Bremen.

Gudrun aber? Keine Ahnung. So gar, gar keine Ahnung.

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One Response to Wer war Gudrun?

  1. Avatar Dr. Gunter Möbert says:

    Der unvergessliche Mitscherlich sprach zu martialisch vom Kampf um die Erinnerung. Danke Alban für die erneute Teilnahme Gelegenheit. Gunter aus Frankfurt

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