Das Karzinom als Geschöpf. Krebstagebuch, Tag 3. Sonnabend, den 2. Mai 2020.

Gestern zum ersten Mal seit der Diagnose hatte ich denn doch unversehens Angst, was die seltsame Hochstimmung, die mich bestimmte, deutlich dämpfte. Allerdings nicht des Karzinomes selber wegen und wegen der objektiv schlechten Aussichten auch dann, sollte das Ding operabel sein und tatsächlich schnell entfernt werden können, sondern als Folge meiner Vorbereitungen — die pragmatisch aber sein müssen. Also: Bestimmen „für den Fall, daß“, wie dann zu verfahren sei. Dazu gehört selbstverständlich, meine Liebsten davor zu schützen, daß plötzlich finanzielle Kosten auf sie zukommen, die sie nicht tragen können, und ich selbst habe ja überhaupt keine Rücklagen. Etwa

(da ich auf keinen Fall verbrannt werden, sondern, wie es in ihrer
wundervollen Klarheit meine Hausärztin formulierte, „meine Energien
dem natürlichen Kreislauf zurückerstatten“ möchte — „zurückerstatten“
trifft es präzise, gerade in den Ober- und Untertönen des Wortes:
Dankbarkeit nämlich)

der für leibliche Beerdigungen deutlich höhere als bei der Urnenbestattung finanzielle Aufwand. Doch es ist mir existentiell wichtig:

– verbrennt mich nicht: Sand wieder werden, ein Einzeller, Wurm, Pflanze, ein Tier, das den Kopf witternd hebt, Schwein oder Ratte, vielleicht eine Schwalbe, vielleicht Mensch sogar wieder, und spürt etwas, das aus dem Früher rührt: kaum schon Empfindung, ein sprachloses Ahnen, unversehen erinnerungslos, doch die Toten atmen durch es hindurch: déja-vu’s, die bewahren
Das bleibende Thier, Neunte Elegie

Ich habe, Freundin, gemeint, was ich vor fünfzehn Jahren schrieb.

Aber das war es nicht, was meine Stimmung unversehens drückte. Sondern die Formulierung der → Vorsorgevollmacht, in der bestimmt wird, der entscheiden soll, wenn bei der OP etwas dergestalt schiefgeht, daß ich in einer Verfassung erwache oder eben nicht erwache, in der ich im juristischen Sinn nicht mehr selbst urteilsfähig bin. „Machen Sie sich klar,“, hatte meine Ärztin gesagt, „daß so etwas auch bei ganz banalen Operationen vorkommen kann. Irgendetwas mit der Anästhesie, das schiefgeht. Da muß es keine Schuldigen geben, wir können Risiken niemals ausschließen. Und dann ist es wichtig, daß jemand da ist, die Entscheidungen für Sie und in Ihrem Sinn zu treffen.“ Außerdem sollte gegenüber von mir benannten Personen die ärztliche Schweigepflicht aufgehoben sein, was umso wichtiger ist, wenn ich selbst halt nicht in der Verfassung bin, etwas zu entscheiden. All dies muß ich vor der Operation festgelegt haben. Ansonsten, im Fall der nicht mehr Geschäftsfähigkeit, bestimmt ein Gericht.
Und da eben bekam ich Angst. Weil ich eben auf keinen Fall würdelos gehen will, sondern, wie ich gestern schrieb, als stolzer Mann, nicht als sabberndes, nur noch komatöses Ding, von dem im übrigen niemand weiß, ob es – und wenn es, was dann spürt. (Daß ich den Einsatz mein Leben künstlich verlängernder Maschinen ablehne, habe ich in der Patientenverfügung juristisch geregelt). — Wie unheilvoll, dachte ich, wenn ich tatsächlich nicht klar aus der OP wieder aufwache und dann eben nicht mehr den Weg gehen kann, den ich im Zweifelsfall, bei klarem Verstand, gehen würde? Einfach, weil ich dann ans Bett und auf der Station festgebunden bliebe. Das nämlich können meine Lieben dann nicht mehr bestimmen, daß ich den Freitod wählen darf (am innigsten in ihrem Beisein, mit ihrem Einverständnis, sie sind um mich herum, wir verabschieden uns, jemand hält noch meine Hand, dann nehm ich die Tablette …).
Diese Vorstellung, daß meine seelenutopische Idee in solchem Fall auch objektiv nicht mehr möglich wäre, drückte mich wirklich nieder, und ich brauchte etwas Zeit, das starke Unbehagen wieder von mir zu schieben. Wobei es um den Tod-selbst, also mein mögliches Sterben, gar nicht ging. Dem sehe ich nach wie vor mit Ruhe entgegen. Aber es schlossen sich weitere „Fragen“ an.
Zum einen hörte ich von mehreren Freundesseiten, ich solle mich nicht mit dem Sterben beschäftigen, sondern all meine Kräfte auf die mögliche Heilung konzentrieren, um die inneren Selbstheilungskräfte zu aktivieren — etwa nach dem Ratschlag eines Freundesvaters, der mich, mit der nüchternen Bemerkung „hilfreich“, → auf Simonton hinwies. Nun müssen die Fälle aber geregelt sein, ansonsten ich meine mögliche Hilflosigkeit schon vorverlegen würde; außerdem tut es mir gut, etwas und Klares zu tun. Es erhält meine Selbstbestimmung. Nochmals, wie ich es sehr oft schon schrieb: Ich will ein freier Mann sein und so dann halt auch gehen.
Aber ich dachte weiter. Bei Simenton steht, man solle darauf meditieren, die innere Ruhe zu finden und sich mit dem aussöhnen, was einen gequält. Man solle, mit anderen Worten, einverstanden werden. Dazu die nicht ganz von der Hand zu weisende Einschätzung, daß der Krebs ein Zeichen sei, „etwas sagen“, den Betroffenen mitteilen wolle. Man sei mit etwas zutiefst uneinig, das behoben werden müsse. Und da fragte ich mich, ja du meine Güte, wie soll ich es denn beheben? Was mich in den letzten fünf Jahren immer wieder in die Depression geschickt, war nicht zu ändern, es ist zu spät. Nicht also, daß ich nicht gern lebte! Ich lebe nach wie vor rasend gerne. Aber es bedeutet eben auch weitere Qual, weitere Verletzung, Mißachtung, Mobbing – in Hinsicht auf das, was das Zentrum und die Bahn meines Lebens war, also: in Hinsicht auf meine Dichtung. Das Bewußtsein, daß die Anerkennung ihrer Bedeutung verweigert bleiben wird, und zwar massiert und absichtsvoll, machte es mir plötzlich schwer, mir freudvoll vorzustellen, in was ich zurückkehren würde, wär denn der Krebs „besiegt“. Hatte ich nicht ohnedies schon mehrfach mit dem Gedanken an den Freitod ge,nun jà,“spielt“? Und Abstand von ihm letztlich nur genommen, weil ich meine Lieben seelisch nicht schädigen wollte, und, klar, weil ich keine Ahnung hatte (und habe),wie zu gehen, und zwar rein praktisch. War es nun nicht sogar so, daß mir der Krebs diese Verantwortung abnahm und von sich aus, für mich, was nötig ist, in die Wege leitet? War vielleicht dies der Grund für die seltsame Erleichterung, die ich seit der Diagnose gespürt habe — wie da von Nun auf Gleich alle Depression von mir abgefallen war? Und mehr noch. Wenn geheilt, wohin außerdem kehrte ich zurück? Meine Rente wird um fünfhundert Euro betragen, meine Bücher bringen, wenn sich nicht (was extrem unwahrscheinlich ist) entscheidend etwas ändert, so gut wie keine Tantiemen ein, und erst recht ist auf andere Art, etwa Verfilmungen, aus ihnen keinerlei Einkunft zu erwarten; vom Rundfunk – über Jahrzehnte meine ökonomische Grundlage – kommen schon seit fünf Jahren keine Aufträge mehr; Literaturpreise wird man mir nicht verleihen und Stipendien mir verweigern (wobei für einen Fünfundsechzigjährigen mit einem solchen Werk ein „Stipendium“-schon-selbst imgrunde eine Kränkung ist); kurz — es ist die Altersarmut, was mich erwartet. Lebte ich auf dem Land, dann ginge das wohl hin. Doch in der Stadt? Und, genauso schlimm, die körperliche Vereinsamung: nie wieder erotische Liebe erfahren. (Hier gilt erneut: Mit Geld im Hintergrund ließe sich dem begegnen, ohne aber nicht.) — Woher und wozu die Selbstheilungskräfte also beziehen?

Sofort indessen regte sich der Widerspruch, und zwar abermals: mein Werk. Immer und immer wieder das Werk. Wenn die BÉARTs jetzt auf nicht nur US-amerikanisch, sondern auch Französisch erscheinen, was ja so geplant und in die Wege schon geleitet ist, dann komme ich endlich, endlich aus dem kleinen, kleingeistigen, kleinseelischen, zutiefst provinziellen deutschen Literaturbetrieb heraus, dann eröffnen sich tatsächlich Möglichkeiten, einfach weil meine Art zu schreiben nach Deutschland gar nicht paßt, weil sie in sehr vielem mehr romanisch als deutsch ist, südlich ist, wo man mir weder meine Haltungen noch meine Liebe zur Eleganz noch meinen angeblichen Machismo auf diese verklemmte Weise übelnimmt. Dann, ja dann ist vielleicht vieles, vieles offen, neu. So neu sogar, daß von „jugendlich“ gesprochen werden könnte. Und wenn die BÉARTs im Ausland Aufmerksamkeit erzielen sollten, vielleicht sogar weiten Zuspruch, dann könnten die anderen Bücher, die im deutschen Sumpf verschlammten und nach wie vor keine Luft darin kriegen, nachziehen … Noch sind sie nicht erstickt —
Und genauso unversehens, wie mein seit der Diagnose, das genau ist das Wort, aufgestiegenes Hochgefühl in sich zusammengefallen war gestern, kam es abends da zurück. Alleine deshalb, alleine wegen der Chance. Und daß ich dann aber doch noch die offenen Projekt abschließen, vollenden könnte, die Triestbriefe, mir im Wortsinn ein Herzensbuch, und den alten Destrudo-Roman, die Neapelerzählung, ja vielleicht sogar den Friedrich zumindest angehen … ! Dafür, ja, lohnte es sich. Also kommt her, ihr Selbstheilungskräfte!

Gespräche mit zwei meiner Verlage schlossen sich an. Elfenbein sicherte mir zu und schrieb’s mir dann noch mal, sowohl den WOLPERTINGER als auch DIE VERWIRRUNG DES GEMÜTS, von 1983, ins Programm aufzunehmen, also neu aufzulegen —unsicher zwar, aus Finanzierungsgründen, wann, aber doch auf jeden Fall, und ebenso, daß meine Lektorin dafür beigezogen würde (es sollte besonders an der Verwirrung stilistisch einiges bearbeitet werden). Und Arco will den New-York-Roman ins Programm nehmen, wahrscheinlich auch die SIZILISCHE REISE. Was noch allerdings mit einem möglicherweise Rechteproblem verbunden ist. Sei’s drum. Doch wie auch immer, kämpfen, kämpfen!

Und dann, ja dann … schon morgens war es mir aufgefallen, daß ich mit meinem Karzinom sprach.  Nicht nur in लक्ष्मीs , mit der und dem Zwillingsbuben ich nachmittags einen Spaziergang durch den vor lauter leuchtendem Mai herrlichen Park unternahm, ein bißchen esoterischem Sinn, den Finger aufzulegen und „heile“ zu sprechen, sondern ich fing an, es in ein richtiges Gespräch zu verwickeln. „Hör zu, du mußt jetzt schrumpfen.“ Und die ganze Zeit überlege ich, welchen Namen ich ihm gebe. Seltsam sowieso, daß ich, anders als es meinem Stil entspricht, das, nun jà, „Ding“ einfach duze. Es wäre angemessener, dachte ich erst, es zu siezen, um unsere Distanz klarzustellen. Aber ich spürte, daß „das Ding“ zu mir gehört und ein Ding keineswegs ist, sondern ein Geschöpf, das vielleicht selbst nur leben will, sich dabei aber den eigenen Humus weggräbt — auch darin nicht so verschieden von mir selbst: mit nämlich ganz derselben Radikalität.
Auch kann ich’s, vor allem morgens nach dem Aufstehen, deutlich fühlen. Ich fasse hin, taste, spüre es, merke, wie es lebt. Vor allem, weil es sein Verhalten geändert hat, seit es, so meine Innenstimme, gemerkt hat, daß es nicht mehr unbeobachtet ist. Nämlich kann ich wieder schlucken, ohne daß die Bissen an der Enge hängenbleiben. Aber statt dessen tut, habe ich geschluckt, diese Enge weh und auch der Magen gleich darunter. Als würde „das Ding“ protestieren, weil ich weiteresse. Sein Protest ist dieser Schmerz, der aber durchaus aushaltbar ist, fast eine Lappalie. Und über den Tag breitet sich das Ding (ich brauche wirklich einen Namen, vielleicht „Otto“, nein, das ist der Mops; oder … weshalb denn nicht weiblich? Hm —) als etwas ermüdendes Völlegefühl aus und strahlt sowohl hinunter als auch nebenan gen Herz, an dem die Speiseröhre anliegt. Es will mich, merke ich, erschöpfen, einfach den Widerstand ermüden. Der nunmehr grad zurückkam. Mein Trotz war immer eine meiner Stärken.

ANH

P.S.: Ja, auch dieses ist ein Arbeitsjournal. Nur will ich’s so nicht nennen.

Alban Nikolai Herbst

Über Alban Nikolai Herbst

https://de.wikipedia.org/wiki/Alban_Nikolai_Herbst
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9 Antworten zu Das Karzinom als Geschöpf. Krebstagebuch, Tag 3. Sonnabend, den 2. Mai 2020.

  1. Avatar Ute Stefanie Strasser sagt:

    Man gibt aber doch auch, wenn man seinen organischen „Nachlass“ verbrennen lässt, Energien zurück ! Nichts geht verloren.

    • Nein, das meiste des Körpers – seine Essenzen – wird verbrannt, wobei man dann auch noch dabei mittut, eigens CO2 zusätzlich in die Atmosphäre zu blasen. Bei einigen Millionen Toten, auch „normal“ Gestorbenen, ist das durchaus ein Posten. Für die Erde (fast hätte ich jetzt, weil ich’s auch so fühle, „Mutter Erde“ geschieben) geht aber zum Beispiel der wesentliche Stickstoff verloren. Osmose geschieht kaum noch.
      Aber ich weiß, es ist für jeden eine Frage der, letztlich, inneren Religiosität. Da ich nicht daran glaube, daß es eine Seele ohne den Körper gibt, verbleibt sie für mich nach dem Tode in ihm – und fließt dann zurück in den Kreislauf. Selbstverständlich ist auch das ein Glaube, aber eben der meine. Ganz sicher werde ich in der nächsten Zeit speziell hierzu noch einiges schreiben.

  2. Avatar ReniIna von Stieglitz sagt:

    lange überlegt, ob ich etwas schreiben möchte/sollte (?) – weder bin ich dem „Innenkreis“ (Familie, engste Freunde etc) zugehörig, noch dem „Außenkreis“ (andere Freunde, Bekannte, Nachbarn etc) – sozusagen „AUSSEN“-stehend und dennoch über einige Texte innig verbunden – da spüre ich MEINE „Verwandtschaft“ – starke emotionale Bewegung auch – schwingt etwas mit in diesem FREMDSEIN, was sich noch nicht offenbart hat – – nach dieser sagen wir mal kurzzeitigen Euphorie wieder auf den Boden der Realität aufzuschlagen, „passiert“ unweigerlich – Impuls 1: sich wie Herrndorf die Pistole an den Kopf zu halten und dann auch noch abzudrücken – unfassbare Vorstellung, unvorstellbar wie groß der Schmerz und die Not gewesen sein MUSS, um so etwas zu tun – andere hängten sich auf oder stürzten kopfüber vom Balkon auf den harten Gehsteig – dass sich Menschen so etwas antun MÜSSEN – weil es für den Freitod keine wirkliche Hilfe und Assistenz gibt, finde ich menschenverachtend und grausam – Impuls 2: da die Seele den Körper „rechtzeitig“ verlässt, um ihre Energie im Universum zu verströmen, kann man sich ruhig kremieren lassen – ICH würde das vorziehen, bevor Maden in 3-er Reihen durch das tote Fleisch wandern – Impuls 3: als mein Bruder von dieser Krankheit heimgesucht wurde, der längere Zeit in Österreich lebte, war mir die Aufgabe übertragen, alles zu regeln, von der Vorsorgevollmacht/Patientenverfügung (medizinische Angelegenheiten, finanzielle Angelegenheiten bis zu den organisatorischen Sachen) über den Rentenantrag, Pflegegeldantrag, Schwerbehindertenausweis, Palliativmediziner suchen (auch finden) etc… wir waren ein sehr gutes Team…es lief wirklich alles wie auf Schienen..ich laufe in solchen Situationen zur absoluten Höchstleistung auf… Als mein Bruder nach seiner 12-Stunden-OP aufwachte, war er so zugedröhnt (Narkose), er sah auf einmal 10 Jahre jünger aus, weil alle Muskeln so tiefenentspannt waren und er wollte LEBEN, weil er ja in AT liebesmäßig verbandelt war – nicht zu vergessen die HOFFNUNG auf möglichst vollständige Genesung – mein Bruder begann sich nach seinem KH-Aufenthalt mit Meditation und Selbsthypnose zu beschäftigen (benutzte auch Pendel, Kristalle, Heilsteine, die er während der Meditation dort platzierte, wo der Tumor „wohnte“) – änderte konsequent die Ernährung (strikte basische Ernährung, keine Säurelocker, FASTEN) etc – geraucht hat er bis zuletzt — Impuls 4: ja – ich bin der festen Überzeugung, dass die tiefen, ungelösten Konflikte (wie alt sie auch sein mögen) krank machen „was haben Sie denn so ALLES SCHLUCKEN MÜSSEN???? ich bin sicher, da war manch unverdaulicher Brocken dabei…ich weiß es natürlich nicht…Impuls 5: bitte nicht ans Geld denken, es finden sich Wege – Ihre Freunde könnten Crowdfunding betreiben, damit Sie ihr Lebenswerk vollenden können z.B., und das kann JAHRE dauern, bis Sie damit fertig sind, bei schwerwiegender chronischer Erkrankung wie dieser MUSS notfalls auch die Sozialhilfe das ÜBERLEBEN sichern und bevor irgendein Gericht (in diesem Falle Betreuungsgericht) irgendwas entscheidet, kann man immer die eigene Familie/Freund als Entscheidungsträger voranstellen, man MUSS nicht zwingend einen Betreuer wählen… Impuls 6: ja, diese Idee, sich mit dem/der Krankheit zu „verbünden“, ist eine gute Idee, finde ich…..ja und DUZEN ist hier Pflicht, Sie haben einen Untermieter (der sich einfach so eingenistet hat)- (wieso eigentlich männlich?? egal !), und der sollte mal, wenn er da schon wohnt, den „WerdeWiederGesund“oder: „IchWohnHierNichtMehrLange“ Vertrag unterschreiben – lg. RIvS

    PS: Nüchterne Worte – sorry…

    • Welch ein t o l l e r Kommentar, liebe Frau von Stieglitz! Aber, „nüchtern“? Nein, alles andere ist er als das.
      Dennoch kurz zu den drei Reihen Maden. Ich denke, genau das ist die größte Angst, die wir Menschen haben. Aber da, bitte, lesen Sie Nabokovs Erzählungen in ADA, nämlich des noch jungen Mädchens, das Raupen sammelt und pflegt, übers Puppenstadium hinaus bis zum fertigen Schmetterling (der immer, übrigens, weiblich ist; die Raupe dagegen, immer, ist männlich; ein riesiges Wunder für sich) – und wie da, deshalb komme ich drauf, speziell die maden- und wurmähnlichen Raupen beschrieben werden, ist von zuvor – jedenfalls für mich – unerahnter Schönheit. Kurz, auch die Maden sind für mich Geschöpfe, und sie doch bringen die Metamorphose des verfallenden Leibs in den Humus neuen Lebens zuwege. Und außerdem, gefräßiger als ein Feuer sind auch sie nicht. (Lächelt.)

  3. Avatar ReniIna von Stieglitz sagt:

    Lächelt auch – ja, wie Sie schon erwähnten – eine Glaubenssache – ich bin zwar christlich erzogen, wenn man das so nennen will, mein eigener innerer philosophischer Ansatz geht aber eher in die Richtung „Religionen“ zu überwinden —  Religionen sind diese zwanghaften Korsetts, in die man sich stecken lässt, voller „Ge -und Verbote“ – …..Querverbindung zu ADA, klar, faszinierend ..interessant  – was bleibt:  wir  sind bezüglich Metamorphose, was die Geschehnisse nach dem Tode anbelangt unterschiedlicher Meinung —  außerdem hatte ich  wirklich einschneidende Erlebnisse, in Verbindung mit dem „Loslassen“ von dieser Welt – 2013 als mein Vater starb (leider war ich nicht dabei, also im Krankenhaus), saß ich mitten in der Nacht senkrecht im Bett und hatte das Gefühl, das etwas „Helles/Leuchtendes“ im Raum ist (mich geradezu umspült, einbettet in etwas, was ich zunächst nicht begriff)- – zunächst hielt ich das für ein intensives Traumerlebnis, doch als ich am nächsten Tag im KH anrief und man mir (recht emotionslos) mitteilte, mein Vater hätte in der Nacht „seine Reise in ferne Welten“  angetreten – da war mir klar, dass seine Seelenenergie (als Erscheinung in meinem Halbschlaf)  mir DAS übermitteln wollte – meine innere Logik (sprich Haltung zur Bestattung) wird dadurch verständlicher (siehe im  ersten Kommentar) – REINIGENDES, VERZEHRENDES FEUER — ja – und tröstlich – die Bemerkung – Maden seien keineswegs gefräßiger als das Feuer – lach – das  Maden an mir rumknabbern, macht mir übrigens keine Angst, die Seele ist schon längst frei und über alle Berge –  lg RIvS — das tröstet ungemein —  noch ein LÄCHELN (für den Tag)

  4. Bruno Lampe Bruno Lampe sagt:

    Gern gelesene Kommentare, doch Nähe erzeugt plötzlich Ferne. Und meint eine Ferne zu den Worten. Wie die eine Szene in “Meere”, wo das Kind dem Wald zuhört oder zuschaut (nein, die Stelle ist nicht angestrichen, also werde ich sie jetzt nicht finden). Aber das ist auch nur eine Vorstellung, die aus dem Wald herüberweht. Denn es weht ja ständig. Man will ja nicht, daß der Wald plötzlich umfällt und plötzlich eine Stille sich breit macht. Und so lebt man in der Vorstellung von einer Stille, die vielleicht ein Bienchen unterbricht, das versehentlich in die Wohnung gelangt ist. Es reicht, das Fenster zu öffnen, und schon ist es fort und frei. Ja, ich glaube: Es ist das richtige Fürwort. Im Grunde will ich nur sagen: toitoitoi, was den Klinikaufenthalt betrifft. Ich denke, Amelia wird jetzt etwas in den Hintergrund treten, wie Es ja schon geschieht. Affettuosamente, Ihr Bruno Lampe.

  5. Avatar holio sagt:

    Auf Seite 131 findet sich die Szene in meiner Ausgabe (1. Auflage 2003).

    • Meine Güte, holio! (Ein Jemand, der liest …)
      Ich hätte die Stelle selbst nicht gefunden, habe soeben nachgelesen und muß sie hier zitieren, weil ich soeben begriff, wie eng sie mit → Liligeia zusammenhängt (früher also schon, viel früher als die „fünfzehn“, die ich nannte):

      Fichte, Julian Kalkreuth, sitzt auf dieser Alm. Ist allein. Es ist überaus sonnig. Es sind keine Häuser zu sehen, nur rings um ihn, seltsam entfernt. steht Wald. Er sitzt da und schaut. Und aus den Baumwipfeln werden bizarre Gesichter. Die Baumwipfel betrachten ihn, bekommen Schultern und Arme. Zeigen ihm drohend die Finger und grinsen. Das ist sein erster Vampir. Ich habe zurückgerechnet. Höchstens drei kann er damals gewesen sein. Er hat die Warnung nie vergessen, „das ist unheimlich, Fichte“, die Kritik hat bei seinen frühen Geisterfiguren ganz irrtümlich an Goya gedacht. Er ist den Geistern, den Vampiren, begegnet, Irene, persönlich begegnet als Bub und gab ihnen als Erwachsener Form.

  6. Bruno Lampe Bruno Lampe sagt:

    Danke. Ja, genau, diese Stelle war es, die in mir hängengeblieben ist. Und dachte heute selbst, sie sei eine Art Substrat zu dem, was ich heute las.

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