Zwischenbemerkung. Krebstagebuch, Chemo IV/Tag2, Krebstag 63.

[Arbeitswohnung, 18.10 Uhr
Gerald Finzi, Let us garlands bring op. 18]

Ich sitze, → wie angekündigt, an der Marah-Durimeh-Erzählung, nur daß mir gerade, nach gestern den vierten Chemo-Infusionen, die Konzentration sehr schwer fällt, ich mich auch dauernd langlegen muß, zwar mit dem Text vorankomme, aber alles sehr, sehr langsam für meine „normalen“ Verhältnisse. Hinzustörten, bzw. stören auszufüllende Formulare wegen des Lehrauftrags, der mir ab Oktober für die Universität Bamberg zugesprochen wurde und die dringend zurückgeschickt werden müssen. Außerdem war heute auch noch die „Pumpe“ in die ontologische Praxis zurückzubringen, die, also jene, mir seit gesten mittag über vierundzwanzig Stunden das Fluorouracil eingetröpfelt hat, das mir nun von Zeit zu Zeit eine leichte Übelkeit bereitet. Wird sie stärker, lege ich mich hin, lausche der Musik und harre so aus, bis es wieder besser geht.  Dabei kann ich allenfalls, doch auch das nicht flüssig, denken, nicht indes so formulieren, daß es auch gleich getippt werden könnte.

Morgen vormittag allerdings, so hoffe ich, wird die Durimeh-Erzählung in Der Dschungel stehen und für Sie zu lesen sein. Bitte entschuldigen Sie die Antriebsschwäche.

ANH
[Finzi, Adagio espressivo]

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10 Responses to Zwischenbemerkung. Krebstagebuch, Chemo IV/Tag2, Krebstag 63.

  1. Avatar Gaga Nielsen says:

    (da hätte man jetzt gerne diesen etwas kitschig aufgemachten neuen Umarmungsbutton von fb)

    Vor wenigen Tagen erzählte ich einer jungen Freundin (die hier auch ab und zu liest, aber so unregelmäßig, dass kein Verlass darauf ist, wie nun ihr Kenntnisstand ist), von der Reaktion auf die Erwähnung eines Kommentierenden vor vielen Wochen der Möglichkeit, man könnte aufgrund der Diagnose einen Schwerbehinderten-Ausweis/-Status beantragen und bekommen. Ich nahm das als flammendes Beispiel für ein bewusst kultiviertes vitales Selbstbild, das eine bedauernswerte Opferrolle ausschließt. Was ich so sehr verstehe. So sehr. Daran muss ich gerade denken, wenn ich diese Entschuldigung lese. Da möchte man dann doch einfach mal über den Kopf streicheln…

    • Eine Opferrolle nicht zu akzeptieren, dazu genau gehört auch die Entschuldigung für etwas, das man nicht oder allenfalls sehr indirekt zu verantworten hat: Man nimmt sich die Verantwortung, macht sie sich zueigen – und enteignet damit den ursächlichen Prozeß. Dadurch verliert er an enorm an Macht, und zwar auch dann, wenn er sie weiter ausübt. Nur hat er jetzt einen Gegner und nicht leichte Beute. (Ein bißchen ähnelt die Dynamik derjenigen japanischer Kampfarten: deine Chancen steigen, je stärker dein Angreifer ist. Denn du leitest seine aggressive Energie in die Ausführung deiner Verteidigung um – die somit selbst zum Angriff wird.)

      Dafür über den Kopf gestreichelt zu werden, wäre ein heftiger Übergriff, weil es total unangemessen, für den Gestreichelten ehrlos nämlich, ist.

  2. Avatar Gaga Nielsen says:

    Das war die Benennung eines Reflexes aufgrund großer Identifikation, kein Ausdruck von Mitleid, keinesfalls! In dem Sinne, wie ich mir selbst gerne mal über den Kopf streicheln würde, wenn ich gerade in den Krieg ziehe…

  3. Avatar Gaga Nielsen says:

    P.S.
    interessante Erfahrung übrigens, sich selbst eine zartfühlende Geste zuteil werden zulassen. Fast jeder kennt unendlich viele Varianten von autoerotischer Berührung mit einem eindeutig sexuellen Vibe, aber eine Streicheleinheit wie man sie vielleicht zuletzt als Kind empfangen hat, selbst auszuführen, ist eher unbekannt. Vielleicht wirkt es deshalb auch so stark und überraschend. Ich war beinah perplex, als ich entdeckte, welche Gefühlserinnerungen damit verbunden sind.

  4. Avatar Reni Ina von Stieglitz says:

    Man darf das System auch benutzen, wenn es einem dient – hat mit Opferhaltung rein gar nichts zu tun – kann einfach nur praktisch sein, für spätere Entscheidungen – ich beziehe mich jetzt allgemein auf die o.a. Kommentare – jemandem Anteilnahme durch Berührung (sprich Streicheln oder Umarmen) zu vermitteln, möglicherweise sogar Trost und Sympathie auszudrücken –  ist SO MENSCHLICH – ich möchte in meinem Leben auf gar keinen Fall auf solch „empathische“  Gesten verzichten – und deshalb schicke auch ich Ihnen eine „virtuelle Umarmung“ – daran hindern können Sie mich sowieso nicht – aber freuen könnten Sie sich….nicht jedem wird das zuteil….RIvS

    • Eine Umarumung ist etwas prinzipiell anderes, als über den Kopf gestreichelt zu werden; letzteres macht einen zum Kind, also hilflos. Es ist die wie liebevoll auch immer gemeinte Geste Mächtiger gegenüber von ihnen abhängigen Ohnmächtigen, beispielhaft am Verhältnis von Eltern und vorpubertären Kindern zu studieren. Da Kinder ein Bedürfnis nach solchen Zuwendungen haben, ist das Kopfstreicheln in dem Verhältnis angemessen und menschlich sowieso; bei gleich Berechtigten aber ist es genauso unangebracht wie daß ein Mafiaherrscher einem „Untergebenen“ „freundschaftlich“-deutlich in die Wange kneift.
      Ich war – und bin nach wie vor – in der Hinsicht extrem empfindlich, da ich gegen jede Form von Macht extrem mißtrauisch bin. Selbst mir sehr wohlgesonnene Mächtige haben sich stets anstrengen müssen, auch nur meine Akzeptanz zu finden:; zu dünn ist die Grenze in die Korruption. Wer Macht nicht anerkennt, wird aufs Kopfsteicheln mit sofortiger Kampfansage, und nicht nicht nur der „Ansage“, reagieren. (Übrigens ein gutes Modell, um echte von scheinbarer Autorität, nämlich der aufgrund von Macht zu unterscheiden: Wahre Autorität ist niemals übergriffig; Macht-Autorität ist es spätestens dann, und zwar nahezu sofort und aus allen Rohren, wenn ihr kein Kniefall huldigt.)

  5. Avatar franzsummer says:

    Katzen dagegen lassen sich gern streicheln, aber sie bestimmen wie lange und wo. Es ist eine Gnade, die sie uns Haltern (Dienern) gewähren, sie brauchen uneingeschränkte Bewunderung, gern auch mit Leckerlis. Wenn genug ist, dann ist genug, und sie springen einfach fort. Und ja, sie streicheln sich liebend gern selbst, man kann direkt sagen hingebungsvoll.

    Vielleicht gilt das auch für manche Schriftsteller, ich hoffe für Sie nicht.

    Viel Glück bei der nun wohl letzten Etappe der Chemo. Und dann kommt die Op denke ich, die im besten Fall die Krankheit beendet. Wir Leser, smile und bestimmt die Leserinnen, auch die streichelnden, drücken ja alle die Daumen dafür.

    Wenn Sie sich wegen eventueller Nachfolgen als schwerbeschädigt einstufen lassen, ist das ja in einem Sozialstaat Ihr gutes Recht. Aber ich meine, damit sind Sie ja als Schriftsteller nicht unbedingt erwerbsunfähig und nur dann gibt es eine Rente.

    Schwerbeschädigt bedeutet eher Ermäßigungen bei Theater- oder Konzertbesuchen oder so was, aber ich bitte Sie, da schreiben Sie eine Kritik und bekommen noch ein Honorar, oder, smile.

    • „dann kommt die Op, denke ich, die im besten Fall die Krankheit beendet“: Sie ahnen wahrscheinlich, wie gut dies in meinen Ohren klingt. Habe gerade den letzten Beratungstermin zur OP-Entscheidung, also wo ich sie durchführen lassen möchte, für den 10. mit Professor Biebl (Charité) vereinbart, gleich am Montag darauf wird das Gespräch mit Professor Heise (Sana-Klinikum) stattfinden. Grundlage wird die CT vom 8., mithin des kommenden Mittwochs, sein.

      Was allerdings die Kritiken anbelangt, so schreibe ich schon lange keine mehr für Honorare; bei den großen Feuilletons bin ich gesperrt, unterdessen, seit die große Eleonore Büning vom Kleingeist aus der FAZ gemobbt wurde, auch für Musik, für Literatur ja schon lange. Angebote bekomme ich als genderincorrecter Unhold und Gegner der Weltherrschaft des Pops sowie keine mehr; das ist in Diktaturen so, auch in denen der Kulturindustrie. Eine deutliche Ausnahme stellt VOLLTEXT dar, doch da sind die Honorare verschwindend klein, und für die wirklich grandiose Kulturplattform faust schreibe ich wie jede und jeder andere dort ohne Entgelt. Dennoch haben Sie prinzipiell recht, die Pressekarten oft lohnen den Aufwand. Andere bezahlen für den Eintritt, ich arbeite für ihn. Das ist nicht ungerecht, sondern gewissermaßen billig.

  6. Avatar ReniInavon Stieglitz says:

    Ach ja – ich und der Antwortknopf – keine runde Sache —lach–ja, eine Bemerkung zum Kommentar von Herrn ANH-bezüglich dieser „ÜbernKopfStreichelGeschichte „- Hmm… einem Erwachsenen würde ich nicht über den Kopf streicheln, das hat was Absurdes –  ich kann mich auch nicht an solche Streichelaktionen in meiner Kindheit erinnern—-Macht ausüben – in der Erziehung – in festgetackerten Ritualen -mit Sprache übt man auch Macht aus – wenn man ein Kind lobt oder tadelt oder straft mit Worten, Gesten oder Blicken – was gibts für Machtinstrumente Heranwachsenden gegenüber – da ist doch diese Streichelgeste fast zu vernachlässigen -Kinder werden doch oft schon über bestimmte Gesten oder über den bloßen Blickkontakt abgerichtet–da reicht doch der „strafende“ Blick der Mutter, wenn das Kind beim Essen sitzt und die Gabel falsch hält – als Beispiel — so kann man Kinder über „Rituale“ klein machen, klein halten und an ihrer Entwicklung hindern–was für Erwachsene sollen das werden oder sein? Braucht man sich nur umzusehen, die Ergebnisse sind überall brutal sichtbar —-na ja und das mit der wahren Macht–auweia–dünnes Eis – –„natürliche Autoritäten“ werden von verschiedenen Menschen unterschiedlich wahrgenommen–mag sein, dass man objektiv eine „wahre“ Autorität beschreiben kann, aber das subjektive Erleben spricht eine andere Sprache–und „Machtstrukturen“ können dermaßen raffiniert inszeniert werden…..ich bleibe skeptisch—RIvS

  7. Avatar franzsummer says:

    In meiner ersten Ehe hatten wir ein Auto, also ein Auto nach dem anderen, und ich wurde dadurch gezwungen (!) Fahrer zu werden, was ich hasste. Einmal standen wir lange im Stau und es war so heiß, endlich ging es weiter, ich gab Gas… da kam meine erste Ehefrau, neben mir sitzend, auf die Idee mir (mitfühlend) über den Kopf zu streicheln. Ich bekam einen Drehschwindel und setzte beinahe das Auto gegen den Baum. Vollbremsung.

    Von da an weiß ich, wie gefährlich Frauen sein können, die streicheln, nur mal so zwischendurch.

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