(…) no sign of remaining pathology“: Krebstagebuch. Freitag, den 10. Juli 2020, am Morgen vor der, abends, Charité. Zweiundsiebzigster Krebstag, Chemo IV/Tag 10. Sowie zum Büchnerpreis für Elke Erb.

[Arbeitswohnung, 7.45 Uhr. 74 kg.
Alfredo Casella, Violinkonzert op. 48]

Diese Nachricht nachts, um 2.50 Uhr, von einer befreundeten Ärztin, die eine wiederum ihr befreundete Radiologin hinzuzog, indem sie ihr den Link auf das Iso-Image schickte, das ich von der CD der → Computertomographie des Mittwochs angefertigt und in meiner HidriveCloud archiviert habe:

I have seen the CT scans of dear Mr. Alban Nicolai Herbst. I saw no sign of remaining pathology. Stomach wall is very irregular, but there is no prominent thickening resembling cancer and no pathological lymph nodes apparent in the scan. There is a small pulmonary nodule in the apical segment of left lower lobe, it seems benign in origin but it must be carefully observed in the follow-up (size control is essential). PET/CT scan can be more useful in the follow-up. I could not see no other macroscopic pathology in the body parts scanned.

Schweigt, mußte ich mich unmittelbar fragen, Liligeia deshalb? Oder sind ihre Nachrichten nur unsichtbar — so wie jetzt sie selbst es offenbar ist? So sehr sich unter der Chemo geduckt … Und Faisal, gestern zu Abend in der Nefud, zitierte ausgerechnet Biermann: „Wer sich nicht in Gefahr begibt, kommt darin um.“ Aber es regnet gerade zu stark („junge und alte Hunde“, schrieb ich eben meiner Lektorin, „komplett wahllos durcheinander“), um die Wüstenbilder glaubhaft hervorzulocken; ich hänge besser den Trenchcoat heraus und wechsel den Anzug von hell auf cardingrau. Außerdem, Freundin, ich erzählte es, glaube ich schon, rasiere ich mich allmorgendlich strikt gegen den verlorenen Bartwuchs an; auch dies ein Gebot meiner Haltung. Wobei mir die Chemo einiges Haar nun doch gelassen hat; der Körper ist weiterhin, wenn auch leicht durchschüttert, befellt, ebenso sind noch die Augenbrauen zu erkennen. Übern Daumen gesprochen: Was sich bewährt hat, hält sich querköpfig fest, läßt nicht los. Indessen, was wegrasiert wurde, wächst nicht mehr nach. Vorerst. Bis die Zytostatica aus den Gefäßen wieder raus sind.

Und was, wenn Lilly — weg ist? Seltsam, es wäre, als ob mich was betröge. Ich bin jetzt so sehr in diesem Abenteuer drin und auch libidinös mit der Krebsin verwachsen, daß mir „ein Leben nach dem Krebs“ geradezu entleert vorkäme … ein bißchen entleert, bene, lassen wir mal, Herr Schröder, die Merkel im Dorf. Und außerdem werde ich schnell etwas finden, um die vermeintliche Leere zu füllen. Doch Li soll irgendwie dabei sein. Auch wenn  sie wirklich fort ist. Wobei sich das erst in den kommenden fünf Jahren erwiese. Meine spezielle Tumorin länger als diese fünf zu überleben, gelingt bislang nur 20 Prozent ihrer Wirte.  Doch fünf Jahre sind fünf neue Bücher; ich könnte also selbst in diesem Fall noch einige mir wichtige Projekte zuende bringen.

Ah propos, das will ich auf keinen Fall vergessen: Der diesjährige Büchnerpreis geht an Elke Erb. Welch großartige Entscheidung! Hier stimmt nun einmal alles: Kunst, politisches Engagement und feinstes Können. Denken Sie dagegen mal an das horrende Mißverhältnis (und wohl auch -verständnis) des Büchnerpreises seinerzeit an Martin Mosebach. Ungünstiger konnte ein Pflugschar nicht wieder zum Schwert gemacht werden.
Ach, ich gönne es Elke Erb so sehr, die ich verehre, seit ich ihrer Dichtung zum ersten Mal begegnet bin – übrigens in ihrer Nachdichtung (aus dem Georgischen) des persischen Epos Wīs und Rāmīn. Die Dschungel gratuliert also aufs herzlichst hochachtungsvollste.

***

Da nun nicht mehr wir uns Aqaba nähern, sondern dieses selbst uns entgegen- gleichsam –galoppiert, muß ich zusehen, vor unserm Aufeinanderprall mit den → Béarts tatsächlich fertig zu sein, was für heute erstmal bedeutet: für die Lektorin alle noch nicht eingesprochenen Entwürfe, zehn sind es noch, aufzunehmen, zu schneiden und zu ihrer Verfügung in die Cloud hochzuladen. Damit werde ich wohl bis zum Abend zu tun haben, bzw. bis zum Aufbruch ins Virchow/Charité. Sollte ich früher fertig werden, setze ich mich weiter an die finale Béart-Nr. XXXIII. Bis spätestens Montag muß endlich auch sie lektoratsfertig sein. Also. Ein bißchen Ruhe meinem → Röhrerich, genannt voll Achtung Rih.

 

ANH

 

 

(Siehe auch → dort.)

This entry was posted in Arbeitsjournal, Hauptseite, KREBSTAGEBUCH and tagged , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , . Bookmark the permalink.

2 Responses to (…) no sign of remaining pathology“: Krebstagebuch. Freitag, den 10. Juli 2020, am Morgen vor der, abends, Charité. Zweiundsiebzigster Krebstag, Chemo IV/Tag 10. Sowie zum Büchnerpreis für Elke Erb.

  1. Avatar franzsummer says:

    Gratuliere, ich würde das so nennen: „verhaltene Freude taucht auf“. Sie warten natürlich den Montag ab, aber sollten sich vielleicht schon mal einen guten Tropfen organisieren, vielleicht eine Zigarre dazu. Das liest sich so, als wenn der englische doc, dessen Nachricht in der Nacht auftauchte, sich auskennt.
    Konnten Sie danach noch schlafen?

    • Na ja, ich las es erst gegen Morgen. Insofern … – Über den guten Tropfen können wir reden, die Zigarre allerdings, ach, so gern ich wollte … doch, wenn ich nur einmal stolpere, bin ich sofort im Rauchen wieder drin, was der Lis und ihrer Töchter halber wirklich nicht angesagt ist. So sehr ich die Zigarre auch genösse. (Ich war vor zwei Jahrzehnten bereits einmal Nichtraucher geworden – sieben volle Jahre lang. Und dann, eines Silvesters, nachts, Blick hinunter aufs Brandenburger Tor, Jungs und Mädels von COHIBA, „Möchten Sie probieren? Welches Format? – Gerne.“
      Mehr muß ich, fürcht ich, nicht erzählen.)

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahren Sie mehr darüber, wie Ihre Kommentardaten verarbeitet werden .