„Mir steht ein Meer vor Augen“: Aus der Nefud ins Labyrinth der Zeit, nämlich „Vor Aqaba“, 1. Am Sonntag, den 19. Juli 2020.

[Arbeitswohnung.Anderswelt: حراء النفود    | 8.06 Uhr. 75,5 kg.
Sibelius, Zweite Sinfonie (Berglund)]

Er ist, der riesige Bogen über dem Einritt, nicht weiblich, sondern – ohne das Samt der glans penis – männlich-hart, ja eckig erstarrt wie das auf Äquivalenzform geglättete Bauhaus unserer architektonischen postfaschistischen Ära, die mir dieses ungute Gefühl schürt, wenn ich durch die sanierten Straßen Berlins flaniere: sogenannte Klarheit der Oberfläche mit verschwindendem Geheimen, Geheimnis als transparentem Verschwinden, Durchschaubarkeit als Fetisch des homo calculans, verstecklos selbst für die Vögel; Flur“bereinigung“ als Ideal durchmarschierbarer Viertel, wogegen Berlin sich, ach meine tapfer Stadt, immer noch sperrt. Doch Corona machte den Widerstand der Guten, mit leider guten Gründen, still. Deshalb erschrak ich denn doch ein wenig, als ich Röhrerich vorsichtig dem Bogen nähertrieb, der es, Bogen, eben nicht war, vielmehr, und zwar ausgesprochen, an japanische Tori erinnerte, deren Kasagi nicht von ungefähr an das 軍刀 erinnert, was ich hier viel weniger deshalb schreibe, um an → mein Hörstück zu Japan zu erinnern, als weil dies im übertragenen Sinn für das Skalpell des Chirurgen steht, das Lilly und mich nach der Durchquerung des Zeitlabyrinthes in Aqaba unweigerlich erwarten wird. Sogar der Termin steht ja nun fest, 4. August, und es haben sich nun schon Freundinnen und Freunde angemeldet, die zwar auf anderem Wege dort hinreisen werden, als ich es tat, aber halt vor Ort sein wollen, wenn ich wieder erwache. Da, erklärte mir Faisal, auch hierzulande Corona leider einer Rolle spiele, sei immer nur eine Besucherin, ein Besucher auf einmal erlaubt. So telefonieren die mir Nahen nun miteinander und teilen sich Besuchszeiten zu, während ich mich dem Tor weiter nähere, vorsichtig, sehr vorsichtig. aber Röhrerich ist beruhigend ruhig und läßt sich auch vom Meeresrauschen nicht irritieren, das, wie ich vermeine, durch den Bogen zu uns herweht. Und ich rieche Thymian, rieche Lorbeer, rieche Lavendel, rieche Myrte – ach mein Herz geht, Heimat, auf. „In aller Regel“, hat mir die Durimeh gesagt, „gelangen die sich hindurchtrauen an ihre Sehnsuchtsorte. Doch seien Sie vorsichtig: Sehnsucht und Schrecken sind bisweilen dasselbe. Sehnsuchtsorte Schreckensorte – oder der Sehnsuchtsort kann, nicht unähnlich einem Höllentrip im Drogenrausch, von einer Sekunde auf die andere in den Horror umkippen — wie jede  Heimat eben selbst.“ „Wahlheimaten auch.“
Ich erinnerte mich an eine nun über dreißig Jahre zurückliegende Nacht bei Ribera, wo ich, weil die Eisenbahnstrecke unterbrochen war, auf einer brachliegenden Hausbaustelle am Straßenrand. Und diese Nacht, in der schneeweiß oder, wie ich irgendwann spürte, leichenblaß der Vollmond lichthell fror, zu einer wachster Albträume wurde. Ich hörte sogar die Werwölfe unter dem achtelsfertigen Balkon herumstreifen, auf den ich meinen Schlafsack gebreitet hatte. Nein, an Schlaf war nicht zu denken, weil eben nur zu denken gewesen. Kein Auge tat ich zu. Andererseits kennten, so weiter Durimeh, die Zeitlabyrinthe der Nefud nicht ihre Strahlungen — was bedeutet, daß sich, so lange ich darin verweile, die Zytostatica allmählich ausschwemmen werden, die während und nach der Operation eben nicht mehr wirken dürfen, also aus dem Körper spätestens in Aqaba hinaussein müssen. Und aber: – daß es mein Sizilien zu sein scheint, das sich hinter dem Tor mir öffnet! Ach und wo sonst sollte ich das letzte der Béartgedichte fertigschreiben können als eben dort? Und ob ich Catania wiedersehen werde, um Austern auf dem grandiosen Fischmarkt dort zu essen und Seeigelhälften auszulöffeln? Sollte das Zeitlabyrinth solche Erholung bedeuten?

Und noch ein paar Trampelschritte meines Rihs näher
an das Tor. Seltsam, daß das Tier grad gar nicht schaukelt,
mehr Wüstenkorvette denn eine Kogge.

Andererseits kann ich nicht vorhersagen, wie sich → Liligeia verhalten wird. Sie meldet sich jetzt ziemlich nachdrücklich immer wieder: zwei Tage habe ich Ruhe, dann geht der Tumorschmerz wieder los, währt einen halben, in ungünstigem Fall sogar einen ganzen Tag, den weder Novamin noch Cagliostros THC-Präparat mir erleichtert, klingt dann unmerklich ab, und ich habe wieder Ruhe. Leicht übel ist mir ohnedies nur immer direkt nach dem Aufwachen. Wobei ich derzeit extrem viel Schlaf brauche, die für mich höchst ungewöhnlichen sieben bis acht Stunden sind momentan gewöhnlich geworden. Etwas nervig ist nach wie vor die (leichte) Neuropathie, weniger in den Fingerspitzen, dort scheint sie sich zurückzubilden, als in den nun bereits morgens schon, beim Aufwachen, geschwollenen Füßen. Keine Frage eine Strahlungsfolge, von der ich nur hoffen kann, daß sie sich mit der Zeit wieder verliert. Eine Sicherheit dafür gibt es allerdings nicht. Nun gut, erst einmal wird eh → die Große Enteinigung zu überleben sein, die meiner Lillys Protest offenbar so provoziert. Doch könnte da nicht auch die Nähe des Meeres mildernd wirken? Und vor allem, denke ich, werden ihr die Nereïden zurufen, ihre indirekten Schwestern also; das wird sie vielleicht ablenken. Und es mag Sirenen geben, denen ich als Opfer ebenfalls schmeckte, so daß sie zu meiner Krebsin in für sie bislang unversehene Konkurrenz treten; und Lilli ist, so ahne ich, höchst eifersüchtig. Vielleicht aber hat sie sogar Freude an dem, sag ich incorrecterweise mal, Stutenkampf, da sie eben weiß, wie wenig ich als Opfer tauge. Da könnte sie sehen wollen, wie die Schwestern damit umgehn – mit also einem Mann, der weder Frauen mißachtet, gar erniedrigt, sie im Gegenteil wertschätzt und nicht wenige verehrt, noch sein eigenes Geschlecht erniedrigen läßt, schon gar als ein „Sozialkonstrukt„. An dieser zutiefst kapitalistischen Pest sterbe ich jedenfalls nicht. Lieber doch an Liligeia, und eben mit ihr, insgesamt vereint. Woran mich letztlich einzig stört, daß es meine Lieben dann mit der Auflösung der Arbeitswohnung zu tun bekommen werden, eine Zumutung, die ich nicht einmal mir Egalen aufbürden wollte. Aber vielleicht gelingt es ihnen, meinen Nachlaß zu verkaufen, an Marbach etwa, und so für das Schlimmste professionelle Entrümpler finanzieren zu können.

Nur noch zehn Meter. Oder zwanzig? Das Tor wird
immer größer, ich muß schon den Kopf
in den Nacken legen.

 

Sinnbetörend rauscht das Meer heraus.

 

Fasse, Dichter, Dir |Dein’s Herbstes immer noch junges Hochsommerherz.

Schnalzen: „Vorwärts, einfach vorwärts, Rih.“
Nein, ich seh nach den Reisefreunden mich nicht um.
Noch einen Schritt, nur noch einen. Das Tor ist nun Hunderte Meter hoch, und vor mir, ist man hindurch, geht es an der Lavaküste Hunderte Meter hinab. Für Dromedare ist dies kein Land: „Leg dich, mein Rih.“
Nochmaliges Schnalzen, „‚k-‚k-‚k“, leichter Druck mit den Fersen unterhalb des Sattels, und Röhrerich knickt erst die Vorderbeine ein, der Hinterleib senkt sich hernach, und als das Tier am Boden ruht, rutsche ich seitlich aus dem Sattel hinab, klopfe dem treuen Gefährten ein letztes Mal kosend den Hals. Die Freunde werden ihn finden und zu den anderen Kamelen führen. Ich indessen strecke mich, entschließe mich

und bin,

nun endlich,

hindurch:

 

 

 

 

 

ANH

This entry was posted in Arbeitsjournal, Hauptseite, KREBSTAGEBUCH and tagged , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , . Bookmark the permalink.

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahren Sie mehr darüber, wie Ihre Kommentardaten verarbeitet werden .