Das melancholisch wohlgelaunte Arbeits- als Erledigungs(1)journal mit der Steuer sechstem, nunmehr abgehaktem Tag, nämlich geschrieben am Montag, den 9. November 2020, dessen Morgenfrüh, wie gestern in die Nacht schon der Abend, voll Goldberg ist, von Tepfer.

[Arbeitswohnung, 7.06 Uhr
Dan Tepfer, Bachs Goldbergvariationen, 2015 in Madrid]
Hinweis und Link verdanke ich Freund Faure; → Ramirer freilich war schon im Bilde, der mir am selben Tag, nur etwas früher, seine Transkription der Goldbergaria schickte, No 1, welcher nunmehr auch seine Improvisationen folgen werden oder seine, im Präsenz, eine durchgehende Improvisation. Das ist nun bei Tepfer auch so: Jeder bachschen Variation auf das berühmte Thema ließ er eine eigene folgen, hören, Freundin, Sie ihn etwa hier:

Welch, dachte ich sofort dazu, schöner Mann zumal! Mein Herz, als Frau,
wär ja schon jetzt gebrochen; schaun Sie beim Spielen nicht nur auf die Hände; sehn Sie, Geliebte, wie die Fasern unter seiner Haut in die Unterarme laufen und dort anders spielen; ein Tanzen seiner feinsten Physis; Panthermuskeln spielen so (musculus heißt „Mäuschen“). Aber nicht nur dies, vielmehr … Wenn Sie die anderthalb Stunden gelauscht und mitge-,im Mäuschensinn,spielt haben, schalten Sie nach London um, → in die Wigmore Hall, und danach dann → in Tepfers Privaträume noch, in denen er zu Covidzeiten nun allwöchentlich einen kompletten, nämlich langen Podcast produziert, den er bei Youtube ins Netz stellt. Und jetzt entfliegen uns die Ohren, wenn wir nämlich wahrnehmen, daß jede seiner, Tepfers, Improvationen auf Bach eine momentane ist, ganz wie der Jazz es will; nichts ist hier notiert, fest“geschrieben“ freilich – durch die Bilder nämlich – schon, bewahrt für Dauer doch. (Wem fiele da, sofern gebildet, → Benjamin nicht ein?) Da Tepfer nun aber auch Musikpädagoge ist, füllt er seine Podcasts mit Erläuterungen, die selbst Massiaen berühren, ja die Modernsten kommen vor, etwa György Kurtàg. Und → hier

ab Minute 38’31
,

baut er ein Musikstück sogar in graphischen Fraktalen auf. Ich konnte vor Spannung nicht anders als zu- und zu- und zuzuhören, wobei die Schlichtheit zudem, in der er auch mit Versprechern vorträgt, ungemein sympathisch ist. Und wie er — Covidzeiten, ecco — zur Anerkennung seiner Arbeitsstreams um die Überweisung von 5 $ bittet (oder, wie er lächelt, mehr); ich werde dem nachkommen, finde es angemessen und gerecht, muß nur noch die Kontoverbindung herausbekommen. Und

wie gesagt, als Frau, ich

Doch zurück ins Goldbergohr. —

So sah’s dann abends auf dem Mitteltisch aus:

Erledigt also, alles (fast). Die Erklärungen, beide (ESt und Umsatzsteuer) gingen nachts noch per Elster hinaus. Wiederum die Pässe liegen da, weil ihre Gültigkeit im Januar ausläuft, ich also neue beantragen und dazu ins Bürgeramt muß, heute um 14.24, ja Sie lesen richtig, „24“. Da macht sich jemand schrecklich wichtig, aber es ist für Berlin ja bekannt, daß um Termine in den Bürgerämtern mittlerweile ein Vierteljahr voraus gebeten werden muß, und man bekommt durchaus keinen im eignen Kiez, mit Covid nun erst recht nicht. Und, nun ohnedies im Erledigungssurfen, eigentlich wollte ich den dringend anstehenden Waschsalonbesuch noch davor einziehen, aber schon gestern merkte ich, überhaupt kein Kleingeld hierzuhaben, und morgens um sieben wechselt einem niemand einen großen Schein, verständlicherweise.
Also mich um kleine Scheine heute kümmern (5er und 10er, am besten jeweils drei) und die „gewonnene“ Zeit für die Dichtung nutzen, die doch arg brach bei mir grad liegt. Einfach nur ein Gedicht, dachte ich eben, bei dem ich Silben zählen muß. Und nach dem Bügeramtsbesuch das Krafttraining hier an den Slings; anders → als gestern lockt heut das Wetter alles andre als hinaus. Neblig, trübe, klamm. Da mag man das TRX-Band

Wahnsinn! Tepfers Prestissimo-Improvisation direkt nach Bachs im Presto,
oberster Link, Madrid, 1h10’19“ — hier fliegen uns die Ohren weg!

nicht um Draußenäste schlingen …

Ach so, es sieht so aus, als hätte Trump nun doch verloren, auch wenn sein Sohn zum — ist’s zu fassen? — „totalen Krieg“ gerufen habe. Und in der Tat, gewonnen haben die Republikaner ja nun irgendwie doch. Vielleicht aber läßt sich die tiefe Spaltung der Vereinigten Lande europäisch beheben: Wir nehmen einfach die Küsten dort zu uns, im Osten runter — weil’s sich so reimt bis runter, sagen wir, Boston —, vom Westen Kalifornien insgesamt, so haben wir mehr Meer, und Emmanuel Macron heißt unser Präsident. Zum Ausgleich bekommen drüben die das merryalte Brexit-England, wobei noch nicht klar ist, wie es sich rein geologisch von Schottland trennen läßt, aber da könnten wir plattentektonisch den Staat New York gut an- und also einnähen. Die Trumper blieben so für sich; allerdings wären noch die Indianer vor den Rednecks des mittleren Westens zu retten, deren – jener! – Reservate sich aber gut auf den Balkan umpflanzen ließen; es ist ja zutiefste Weisheit gewesen, die bundesdeutschen Karl-May-Verfilmungen der Sechzigerjahre im untergegangenen Jugoslawien zu drehen, also die mit Winnetou und seiner süßen Schwester Versini. Nun wird die Weisheit Prophetie — und wir, wir könnten uns endlich um unser Altes Europa kümmern, anstelle dauernd auf die USA zu starren. Ums nämlich mare nostrum, ohne daß es gar nicht wäre. Geboren wurde der in New York City lebende Dan Tepfer in übrigens — Paris.

Ihr melancholisch wohlgelaunter
ANH

 

 

Alban Nikolai Herbst

Über Alban Nikolai Herbst

https://de.wikipedia.org/wiki/Alban_Nikolai_Herbst
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3 Antworten zu Das melancholisch wohlgelaunte Arbeits- als Erledigungs(1)journal mit der Steuer sechstem, nunmehr abgehaktem Tag, nämlich geschrieben am Montag, den 9. November 2020, dessen Morgenfrüh, wie gestern in die Nacht schon der Abend, voll Goldberg ist, von Tepfer.

  1. Avatar Franz-Josef Knelangen sagt:

    Da habe ich vor ein paar Tagen Evgeni Koroliov für mich „entdeckt“ und höre gerade seine filigrane Interpretation, und jetzt kommt mir dieser vitale Tepfer dazwischen (obwohl ich finde, dass man ihm anhört, bei dem Spielen der Originale mental schon auf dem Weg zur sich anschließenden Interpretation zu sein). Und wenn man, vorsichtig, wie man wird, nachschlägt, hat ANH den Koroliov schon vor Jahr und Tag in den Dschungeln verewigt und *unter demselben Datum* eine mir bis dato unbekannte Dallapiccola-Aufnahme mit einem meiner Götter, Sergiu Celibidache. – Ich geb’s auf, Hase und Igel ist ein Waldspaziergang dagegen!

    • Nur bin ich für den Igel nicht – darf das Wort in Zeiten totaler Correctness noch verwendet werden? – bauernschlau genug, bloß mit all meiner Neugier verfallen, mit Leidenschaft nämlich der Kunstmusik. Und dieser eine Ihrr Götter hat >>>> Mahler nicht sehr gemocht, den wir beide aber sogar mehr als schätzen. Ist von Ihnen mein Eindruck und weiß ich von mir.

      Ihr Argument zu Tepfers Interpretationen finde ich sehr nachvollziehbar, nicht aber als Gegenargument, eher sogar im Gegenteil.

  2. Avatar Franz-Josef Knelangen sagt:

    Ja, Mahler ist ein blinder Fleck bei Celibidache, er empfand seine Symphonien als zerrissen und seine Themen „aus zweiter Hand“ – Zitatismus – aber ein Celibidache, der Mahler nicht dirigiert, weil er dessen Musik mit seinem Ansatz, One-Pointedness, im Anfang ist das Ende, Reduktion, die eine „Eins“, das eine „Ja“ zwischen den vielen „Neins“, nicht zusammenbringen konnte, ist mir lieber als viele, die heute Mahler dirigieren. Currentzis hat mal auf die Frage, warum es so wenig schlechte Bruckner-Aufnahmen gebe, geantwortet, dass man ein Verhältnis zu Bruckner haben müsse („to be connected“), um ihn zu dirigieren, und das Bedauern darüber geäußert, dass das für Mahler offensichtlich keine Voraussetzung sei.

    Und natürlich stimmt es ja auch nicht ganz, weil Celibidache mit Brigitte Fassbaender die Kindertotenlieder aufgeführt hat, die jetzt in der MPhil-Reihe auf CD zur Verfügung stehen.

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