Das „Wokeness“ und derie PrimitivierungInn*en des Denkens. Konrad Paul Liessmann bei Nu.at.

 

 

 

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Über Alban Nikolai Herbst

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2 Antworten zu Das „Wokeness“ und derie PrimitivierungInn*en des Denkens. Konrad Paul Liessmann bei Nu.at.

  1. fransummer sagt:

    interessant zu lesen, was der Herr Liessmann schreibt in einer klaren und verständlichen Sprache, ich stimme ihm voll zu, ja, der Herr Bauer, wir sind umgeben von Besserwissern und Erziehern, und diese Leute pöbeln so gern, und sind alles andere als klar und verständlich (wer läuft denn hier mit Scheuklappen durch die Gegend?) – vor Jahren schrieb ich in einen Text mal von Eskimos, eine Dame schrieb mich an und wies mich darauf hin, dass es korrekt „Innuits“ heißen muss, also passen Sie auf, falls Ihnen das mal unterkommt… nie Eskimos schreiben…

  2. Kommentare von Facebook sagt:

    [Von >>>> dort.]

    Jürgen Bauer
    Wahrlich eines der selbstgerechtesten Interviews — quasi die Verdeutlichung des Prinzips Scheuklappe, grade deswegen spannend.

    Alban Nikolai Herbst
    Das müssen Sie argumentativ erklären, sowohl die angebliche Selbstgerechtigkeit als auch die Scheuklappe. Letztres scheint mir etwas zu sein, das dem, der es – zumal als „Prinzip“ – lautgibt, als Spiegelbild so sehr ins eigene Auge fällt, daß er, der Sprechende, ihn, den Spiegel, nicht sieht, sondern es, das Bild darin, für eines der objektiven, nicht etwa eignen inneren Realität hält.

    Jürgen Bauer
    Ich finde, da gibt es nicht viel zu erklären. Ein Satz wie „Identitätspolitik sollte meines Erachtens in der Kunst gar keine Rolle spielen.“ kann nur von jemand kommen, der Zeit seines ganzen Lebens in einer Kultur gelebt hat, in der „Identitätspolitik“ einzig bestimmend war. Denn dass das Feld der Kunst so viele Gruppen und Menschen ausgeschlossen hat, das ist gelebte Identitätspolitik in ihrer reinsten Form. Die Bevorzugung bestimmter Sprecher (ohne :innen) alleine aufgrund ihrer Hautfarbe, ihres Geschlechts, ihrer sexuellen Orientierung. Das Problem dabei nur: Liessmann hat Zeit seines Lebens völlig unreflektiert in dieser Sphäre der Identitätspolitik gelebt, für ihn war sie eben „normal“, sie souelte in der „Kunst keine Rolle“. Und das ist der blinde Fleck – oder das sind die Scheuklappen – die ich meine. Was wir jetzt sehen, ist ja nicht Identitätspolitik. Was wir jetzt sehen, ist dass die unreflektierte Identitätspolitik, die bisher galt, von – sagen wir mal – vielen Identitätspolitiken in Frage gestellt wird. Und natürlich purzelt Herr Liessmann da aus seiner Blase. Und zu sen Scheuklappen – klar habe ich die! Die Frage ist nur, wie man damit umgeht. Ich versuche, meine Scheuklappen zu erkennen, meine Privilegien, meine Vorurteile usw… und damit umzugehen. Liesmann sagt: Die Scheuklappen gibt es nicht, hat es nie gegeben, spielen „In der Kunst keine Rolle“. Und das finde ich nicht nur selbstgerecht, das finde ich von einem Philosophen sogar ziemlich dumm.

    Alban Nikolai Herbst
    „Denn dass das Feld der Kunst so viele Gruppen und Menschen ausgeschlossen hat“: Inwiefern hat sie das? Jede und jeder konnte, wenn man nur wollte, zu einem Buch greifen und es mögen oder nicht mögen, konnte Musiken hören, die eine und einen interessierten – zumindest, solange nicht autoritäre Staatsregierungen und/oder die Kirchen es verbaten. Aber genau dagegen konnte sich auflehnen, wer wollte – selbstverständlich mit persönlichem Risiko. Ohne ein solches ist aber ein Auflehnen auch nicht ein Butterbrötchen wert. Wie ernst wir es meinen, zeigt sich immer daran, was wir wagen, und zwar zuerst einmal individuell, ohne den Schutz irgend einer Gruppe oder „Community“, die, letztere, ja ebenfalls Zwang ausübt, oft sogar zumindest mit psychischer Gewalt. Bis hin zum Mobben. Es läßt sich dies momentan im Kunstbetrieb „gut“ sehen: Wer sich auflehnt, etwa auch das Gegendere nicht mitmacht, wird bestraft, indem er (oder auch sie) nicht mehr vorkommt, schon gar keine Preise oder sonstige Förderungen mehr erhält usw.

    Jürgen Bauer
    Dass jeder Kunst ausüben konnte, ist wohl nicht mehr als ein schlechter Scherz, oder? Dass also Frauen in der Kunstgeschichte über Jahrhunderte nicht vorkamen liegt daran, dass sie es einfach nicht probiert haben? Dass People of Colour keine Stimme hatten, liegt an ihnen selber, sie hätten ja eh gekonnt? Dass Schwule in der Literatur ausgegrenzt wurden (und werden – ich habe die Hassmails) liegt nur daran, dass sie halt zu faul oder blöd waren, Kunst zu machen? Noch verblendeter finde ich den Satz zu Gruppen. Ich bin und war in meinem Leben sehr froh, dass ich den Schutz von Gruppen hatte; dass Gruppen dafür gekämpft haben, dass ich heute nicht mehr eingesperrt werde. Wer hier „Mobbing“ sieht, der (und es ist ja immer der) fällt wohl eher in die „Mimimi“-Gejammere Gruppe. Wer das „Gegendere“ nicht mitmacht kommt nicht vor? In welcher Welt?! Man kann sogar so ignorant sein wie Liessmann, überall große Interviews geben, auf jedem Sender sein „Jetzt erst recht“ zelebrieren – und das ist ein „Nicht vorkommen“?! So sehr nicht vorkommen würden viele Menschen wohl erst mal!

    Jürgen Bauer
    Aber ja, klar – es ist Arbeit, die eigenen blinden Flecke sehen zu wollen. Und das ist jemand wie Liessmann wohl nicht mehr zumutbar.

    Alban Nikolai Herbst
    Und Ihnen offenbar auch nicht. Was Sie hierüber schreiben, ist schlichtweg eingeengter, Pardon, Blödsinn – und, weil ideologioscher, einengender Blödsinn, für den schon das „PoC“-Wort spricht, das ich nicht für viel besser als das halte, für was es entdiffernzierend stehen soll – Blödsinn. Michaelangelo war schwul, Proust war schwul, Wilde war schwul, Britten war schwul. Dies nur als wenige Beispiele. Und seit es – Göttinseidank – die Frauenbewegung(en) gibt, gibt es sehr wohl grandiose Literatinnen, Philosophinnen sowieso. Aber schon in der Antike, um etwa an Sappho zu denken oder, in der Nachklassik, Günderode. Es waren stets weniger als Männer, ja, was an den damaligen Frauenbildern lag. Seit diese sich aber gewandelt haben, spielen gerade Frauen in der Literatur eine sogar hervorgehobene Rolle. Und in afrikanischen Gesellschaften, bzw. Staaten gibt res eine riesige Literatur, um deren „Hebung“ für die westlichen Gesellschaften unter anderem der Peter-Hammer-Verlag, aber auch Einelpersonen wie Iliya Trojanov sich ausgesprochen verdient gemacht haben. Daß all dies nicht sichtbar gewesen sein soll, ist schlichtweg falsch. Wir mußten nur hinsehen.

    Lothar Struck
    Jemandem mit Selbstgerechtigkeit Selbstgerechtigkeit vorwerfen. Geben Sie’s zu: Sie drehen Ihr Fähnchen nur im Wind. Klebrig.

    Lars Hartmann
    „Identitätspolitik sollte meines Erachtens in der Kunst gar keine Rolle spielen.“ Das bedeutet nicht, daß man nicht als Schwarzer oder als Schwuler in der Literatur eine Geschichte erzählen kann – und die vielfältigen Bücher zeigen ja, daß das hinreichend geschieht -, sondern es geht in der Literatur darum, daß sie sich nicht im Beamtenstatus nach Quotierungen organisieren läßt. Und schon gar nicht läßt sich Dichtung im Verfahren eines schwachsinnigen sensitiven Lesens nach unliebsamen Begriffen absuchen, die gewissen Gruppen nicht genehm sind. Weil nämlich literarische Text in einem anderen Modus laufen als ein Sachtext. Wenn dort das Wort „Neger“ steht, so ist es in den meisten Fällen zu streichen – es sei denn, es ist ein Zitat. Wenn aber in einer Figurenrede „Neger“ gesagt wird, dann kann es Sinn haben. Und dieser sinnvolle Gebrauch ergibt sich aus Binnenliterarischem. Ein moderner Sklavenhändler, der auf dem Arbeitsmarkt an Spanien Erntehelfer verscherbelt, wird kaum sagen: „Schafft mir mal ein paar neue PoCs herbei!“ Und in Astrid Sozios „Das einzige Paradies“ ist dieses Wort ebenfalls gut motiviert und sinnvoll. Soviel zur Woko Haram.

    Sabine Scho
    d accord: „Identitätspolitik sollte meines Erachtens in der Kunst gar keine Rolle spielen.“ nur, tut sie es eben, zu meinen, sie hätte es vor den heutigen bestrebungen nicht getan, das erscheint mir ebenso absurd, wie einiges hier zu recht vorgebrachte und beklagte und einiges, das nicht verstehen will, dass mehr als künstlerische güte zu den bestehenden kulturellen verhältnissen geführt hat, immer schon. das ist nämlich die prämisse dabei, die verschwiegen wird, vorher war alles gut und richtig und spannend, jetzt wird es langweilig, aber dem ist nicht so, ich empfinde es anders.

    Alban Nikolai Herbst
    Langweilig würde es erst, wenn „Wokeness“ sich als Norm durchsetzt. Solange es Leute gibt, die sich gegen solche Zumutungen werden oder sie abschütteln, wird gestritten – und also kann es nicht langweilig sein. Erst wenn eine Bewegung stillgesetzt wird, passiert das. – Ob es vorher besser gewesen sei oder nicht, ist eine Frage der Perspektiven, also auch sowohl der Bildung als auch der Erfahrung. Ob es später (in naher oder ferner Zukunft) besser werden wird, egal, ob mit „Wokeness“ oder nicht, ist etwas, das niemand wissen kann. Was aber de facto geschehen ist oder dabei ist zu geschehen, ist eine – für mich – unerträgliche Moralisierung bei gleichzeitiger Entschärfung und zunehmend zugunsten einer, wie man mathematisch sagt, Eineindeutigkeit beschnittener Komplexität der Sprache. Um von ästhetischen Kriterien einmal zu schweigen. Liessmann bringt es schon recht auf den Punkt.

    Sabine Scho
    ich verstehe deinen punkt, was ich nicht verstehe, warum man sich nicht alles genauer anschaut, bevor man darüber urteilt und pauschal etwas wie cancel culture ausruft, wo doch gar nicht so selten berechtigte wünsche sich äußern, ich finde es extrem schwierig, mich ständig auf eine seite schlagen zu sollen, weil ich finde, manchmal muss ich gottfried benn genau so verteidigen wie ich gormann verteidigen muss. und wer halt am generischen maskulinum festhalten will, der macht es halt, meine güte, wo ist das problem, dass man damit dann vielleicht altbacken wirken könnte? nun denn, wer am smoking festhält, tut das auch und will es ja auch unter umständen genau so, es verbietet einem doch keine*r. ich finde das sternchen inzwischen sehr hübsch, arno schmidt hat doch lauter zeichen mitsprechen lassen und semantisch aufgeladen. du kannst und darfst genau so dichten, wie du es möchtest, was andere dazu denken, ist halt ihr ding, aber das ist es immer schon gewesen, jetzt äußern sie es nur auch, das ist halt ebenso erlaubt. es muss einem doch nicht alles gefallen, hat es vorher auch nicht, mir zumindest nicht und es ist doch einiges dazu gekommen, das halt früher gecancelt wurde, es ist schlicht diverser geworden, mag die oder der eine langweilig finden, aber es gibt für all das publikum, man erreicht nicht mit allem alle, das war aber nie anders.

    Wolfgang Asenhuber
    >>>> Pitt Neyfried

    Marianne Blum
    Gott was für ein überflüssiges Statement und ein Herumgewerfe mit Kampfbegriffen. Da ist einer, der sich gerne nicht um andere schert. Das war die Nachricht.

    Alban Nikolai Herbst
    Ein Künstler, der sich in erster Linie um andere „schert“ anstatt sich auf die Ästhetik, also seine Kunst, zu konzentrieren, macht sich verdächtig. (Frei nach Karl Kraus; ich bringe das richtige Zitat hier aber nicht; suchen Sie es einfach.) – Um ein anderes Zitat, diesmal von Camille Paglia, zu travestieren: Kunst ist kein Spaziergang im Garten der Güte.

    Marianne Blum
    wer hat den was von in erster Linie gesagt, aber wenn einer schon die „wokeness“ ins Feld führt, kann man getrost aufhören zu lesen. (Muss nicht gegendert werden)

    Bettina Frfr V. Minnigerode
    diese Ansicht teile ich nicht nur, ich würde sie noch erweitern. Ästhetik und künstlerischer Ausdruck leben von der Freiheit, keinerlei Beschränkung unterworfen zu werden. Das im Artikel angeprangerte „woke“ Verhalten schränkt Denken und Handeln unzulässig ein in ein Korsett von Korrektheit, das jedem künstlerischen Ausdruck den Atem raubt!

    Michael Johann Bauer
    @ANH: wobei sich die frage mir zumindest stellt, ob man sich nicht sehr wohl um die meinung der anderen sehr viel schert, indem man durchaus plakativ wirkend stellung bezieht, wie wenig man sich darum schert? das eher allgemein, nicht unbedingt auf die spezielle persona hier bezogen. wer sein ding durchzieht, ohne grosz ueber moegliche reaktionen nachzudenken und abzuwaegen, woher kommt dessen tiefes verstaendnis fuer alle moeglichen eventualitaeten inklusive moeglicher trigger fuer andere dann, wenn es ihm doch eigentlich wurscht ist?

    Sabine Gruber
    endlich mal einer, der weiß, daß Studentinnen oder Studenten nicht immer studieren, also nur dann „Studierende“ sein können, wenn sie tatsächlich studieren…

    Jürgen Bauer
    Stimmt, total wichtig, das angesichts der sprachlichen Herausforderungen nochmal zu betonen. Es sind ja alle zu dumm, das zu wissen … wobei, kurz mal warten, vielleicht setzen sie zwischen sich verändernder Sprache und Inklusion nur andere Prioritäten? Nein, kann nicht sein … sie sind einfach dumm und kennen den Unterschied „Student:innen“ – „Studierende“ nicht, das muss es sein. Danke Herr Liessmann fürs Erklären!

    Ina Weisse
    Wohltuend, Alban Nikolai Herbst, angesichts von Cancel Culture und Fehlerkultur.

    Daniela Seel
    Lautet die einfache Frage nicht schlicht: für wen? Wenn sich die allermeisten von dem vom Kunstbetrieb der letzten 500 Jahre Gefeierten nicht angesprochen fühlen und jetzt endlich mal eine Kunst (machen) wollen, die sie auch betrifft, so what? Ästhetische Kriterien sind auch nur Cliquenwirtschaft.

    Sabine Scho
    und zudem weiß es niemand so genau, was gefällt, weil, ja, menschen, die lesen auch selber denken, genau.

    Lars Hartmann
    @Sabine Scho: Ja, das tun Verlage, die auf ein breites Publikum gerichtet sind. Und dann gibt es noch Leute wie Jo Lendle, die im Zeitgeisthintern stecken.

    Sabine Scho
    ick weeß nüsch, wat ihr wollt, echt nicht. bitte einmal positiv formulieren, wer jetzt was für wen wie tun soll, das hat manchmal schon geholfen, geh ich zum friseur, gelingt das ja auch und sag nicht, wissen sie, dauerwelle ist das allerletzte, davon weiß der auch noch nicht, welche frisur mir denn vorschwebt, außer vielleicht keine dauerwelle, aber genau so laufen ganz viele diskussionen in der kultur und ich denk dann immer nur: non lo so.
    und dann wird so getan, als sollte jetzt gleich und sofort allen dauerwelle verpasst werden, koste es, was es wolle.

    Lars Hartmann
    Ohne Frage hat Literatur auch mit Mode zu tun. Das gilt dann im übrigen auch für rechtsidentitäre Literatur, die aufs Blut und den Boden abzielt.

    Sabine Scho
    ja, wenn irgendwer irgendwas mitmacht, ist der nazivergleich immer gleich da, geht euch das nicht selber auf, dass das auch echt schnarch ist. du trägst nike, unter den nazis wäre das…. da ist die jugend aber dann auch schon zur tür raus…
    reiz reaktion reiz reaktion, schon auch ein bisschen öde, DAS ist doch langweilig.
    ja, wir haben alle mal irgendwas mitgemacht und, nein, das hat uns nicht alle zu nazis gemacht.

    Lars Hartmann
    „bitte einmal positiv formulieren, wer jetzt was für wen wie tun soll“ Autoren sollen gute Bücher schreiben. Autoren sollen etwas machen, was künstlerisch bzw. im Sinne der Ästhetik bisher nicht dagewesen ist. Literatur ist kein politisches Manifest. Denn ansonsten könnte man ja ein Manifest einfach schreiben: irgendwas mit „Steht auf, sag nie mehr Kanacke!“ oder so ähnlich oder anders. Parolen eben. Kunst aber macht keine Parolen. Man lese Dostojewski, man lese Kafka, man lese Doderer, man lese Bolaño, man lese Herbst. Und über diese Fragen entscheiden am Ende eine gute und ins Werk einsteigende Kunstkritik (nicht Feuilleton und irgendwelche Literaturmenschen).

    Sabine Scho
    eine spielart der literatur ist sehr wohl auch das politische manifest, oder?

    Lars Hartmann
    „reiz reaktion reiz reaktion, schon auch ein bisschen öde, DAS ist doch langweilig.“ Wer mit der einen subjektiven Befindlichkeit kommt, muß eben auch damit rechnen, daß, im Sinne der Hegelschen Furie des Verschwindens, die nächste subjektive Befindlichkeit kommt. Und deshalb eben geht es um ästhetische Kriterien.
    Und was das Mitmachen betrifft: man sollte junge Menschen schon früh an Qualität heranführen. Und dies geschieht eben über eines: lesen, lesen, lesen.

    Sabine Scho
    gut, wer stellt denn diese kunstkritik?

    Lars Hartmann
    Kommt darauf an. Die besten Stücke Brechts waren nicht die, wo er politisch simpel war. Was von der 1968er Literatur, die politische Parolen ausbrachte, hielt bis heute? Eher nicht die „Klassenliebe“. Ähnlich wie die Sag-mir-wo-du-stehst-Literatur der DDR. Auch da blieben andere Werke.

    Sabine Scho
    ich finde, ich mach gar nicht so viel falsch, genau das versuche ich doch und genau das macheen auch viele meiner kolleg*innen, hefter, cotten, marquardt etc pp.
    ulrich plenzdorf: kein runter, kein fern!

    Lars Hartmann
    „gut, wer stellt denn diese kunstkritik?“ Gute Lehrer. Und das hängt leider sehr von der Person ab und auch von den Aufnehmenden. Davon ab, daß Kunst und das Erkennen von Qualität eine Sache von wenigen ist.

    Sabine Scho
    und die würden jedes sensitivity reading überstehen, ohne darum langweilig zu sein.
    und den caravaggio würde ich auch nicht verhängen: amor als sieger, ist doch klar. aber hegel hat auch schon den sogenannten kostümstreit miterlebt, so neu ist das nicht, da sah man in den griechischen allegorien nämlich auch nur noch schlicht nackte!
    womit man gar nicht mal so unrecht hatte
    und berninis jesus haben sie auch schon mal einen latz umgeschweißt und die heilige teresa, donnerlittchen, kamma alles heute noch sehen!
    das alles begleitet die künste, seit es sie gibt, ich versteh die sorge nicht wirklich, es ist vielleicht auch das, was sie brauchen, eben.

    Lars Hartmann
    „und die würden jedes sensitivity reading überstehen, ohne darum langweilig zu sein.“ Auch hier wieder: eine Verwechselung. Es geht nicht darum, daß Bücher diesen Schwachsinn überstehen, sondern daß das Verfahren als solches nicht geeignet ist und allenfalls etwas für amusischen Geister ist. Ein Autor, der ein Wort streicht, weil es Leser verletzen könnte, sollte vielleicht Krankenpfleger werden, eine ehrenhafte gute Arbeit nebenbei, aber nicht Autor. Davon ab, daß Verletztsein leider ein schlechtes Kriterium für Kunst ist. Denn wer gestern noch nicht verletzt war, kann es morgen sein. Hinzu kommt das Tocqueville-Paradoxon: je sensibler eine Gesellschaft auf Rassismus oder Ungleichheit reagiert, desto mehr Ungleichheit und Rassismus entdeckt sie. Im deutschen Mingelland ist man gerne verletzt. Wer sich als Autor dem unterwerfen will, soll das gerne machen. Nur wird am Ende dabei keine gute Literatur herauskommen.

    Sabine Scho
    amen

    Lars Hartmann
    Und wenn ich Ihnen mit Ihnen zusammen Plenzdorfs „Die neuen Leiden des jugen W.“ unter dem Aspekt des Klagemingelns untersuchen wollte: ich wette, da kämen wir aus dem Streichen nicht mehr heraus: Scheinwerferaugen bei einer Frau? Will der Frauen mit Autos vergleichen? Streichen.

    Sabine Scho
    vielleicht ja doch hier und da.

    Lars Hartmann
    „aber hegel hat auch schon den sogenannten kostümstreit miterlebt, …“
    Genau. Diese Leute gleiche evangelikalen Sittenwächtern.

    Sabine Scho
    ich kenn DIESE leute nicht, ich fürchte mich nur auch gar nicht vor ihnen, ich war immerhin da, als die alice salomon hochschule ihre beweggründe vortrug, nette menschen und ich mag die avenidas trotzdem noch. geht beides. just try.

    Lars Hartmann
    ich sage es mal so: Gelungene Kunst ist meist eine Sache für die wenigen. Und wie schon Wolfram Siebeck wußte: der Deutsche hat leider – zumindest in der Tendenz – einen Hang für die Pumpsküche.

    Sabine Scho
    die welt ist kein hort der ausschließlichkeiten, wo zum schluß zwei verliebte suizid begehen müssen, wenn sie kinder von zwei verfeindeten lagern sind, echt nicht.
    von der pumpsküche zum plumpsklo. ich kenne DEN deutschen so wenig, wie DEN italiener, muss ich gestehen, ich kenne auch DEN mann nicht, selbst friseure haben mehr als EINEN kamm zum drüberscheren, die guten zumindest .

    Lars Hartmann
    Sabine Scho Ich lese DIESE Leute: Sie heißen Stokowski und Schick, sie finden sich in dem identitären Blog 54 Books. Ob es nette Menschen sind oder nicht interessiert mich nicht. Manche sagen, daß auch Sellner und Lichtmeß nette Menschen sind. Alexander Gauland übrigens auch. Er hat als der Verlag Stroemfeld/Roter Stern die Hölderlin-Ausgabe nicht mehr finanzieren konnte, damals zu einer Spendenaktion aufgerufen und selber dafür Geld gespendet. Tja, so ist die Dialektik des Nettseins.

    Sabine Scho
    wir rennen doch alle immer und ständig mit so bekloppten vorurteilen durch die gegend, aber sobald wir menschen wirklich kennenlernen, merken wir doch, sie sind immer kontingent und das ist doch das spannende.
    stokowski schreibt sehr unterschiedliche und unterschiedlich gute kolumnen, berg auch und schon wieder die nazis zum vergleich, dit dreht sich.

    Lars Hartmann
    Im übrigen gelten Gedichte am Ende immer noch ästhetische Kriterien. Und wenn die Mehrheitsmeinung gelten sollte: dann gute Nacht für Theater und Kunst im öffentlichen Raum. Auch das sollten sie beim sogenannten öffentlichen Volkswillen ebenfalls mitbedenken.

    Sabine Scho
    wenn die mehrheitsmeinung beschließt, das künstler*innen auch von was leben können sollten und dürfen, weil sie viele arbeitsplätze stellen und erhalten, dann schließe ich mir ihr gerne an.

    Lars Hartmann
    Strohkowski hat bisher leider nur provokanten Blödsinn geschrieben. Wenn man den Unterschied zwischen einer intelligenten Frau und Stokowskis sehen will, dann sehe man sich das Gespräch mit Flaßpöhler an. Wer übrigens Rechtsbrüche bei der Antifa lustig und gut findet, sollte dann bei Kritik an Rechtsbrüchen von Quer“denkern“ und Identitären vorsichtig sein. Der Rechtsstaat ist nämlich keine Cafeteria.

    Sabine Scho
    ich bin null interessiert an lagerbildung, ich lese halt die groove und so…

    Lars Hartmann
    „aber sobald wir menschen wirklich kennenlernen, …“ Das mag alles sein. Nur ändert das nichts daran, daß deren Argumente falsch sind. Höcke und Kubitschek sind ja nicht deswegen am Ende prima, weil sie privat dufte Typen sind.
    Ich lese auch vieles. Ich gehöre keinem Lager an. Ich betrachte Aussagen und Argumente.

    Sabine Scho
    mich interessiert flaßpöhler im grunde so wenig wie stokowski, das ist halt die ganze wahrheit, was mich interessiert, interessiert viele eben nun mal weniger, na und. ich will niemanden bekehren, dann interessierts eben nur mich, das neue album von jasss z b. der comic IN, die neue efterklang.
    alle hocken immer um so mal kurz hochlodernde lagerfeuer, das ist markttechnisch verständlich, aber kracht interessiert mich darum nicht einen deut mehr, nur weil alle anderen sich drumhocken, mich wärmt das nicht.

    Lars Hartmann
    Darum geht es aber gerade nicht. Jeder interessiert sich für was anderes. Der eine für die Beine der Dolores, der andere für Opel Manta und eine andere wieder für Till Lindemann. Es geht um die Struktur und das Gemachtsein von Kunstwerken. Das hat auch etwas mit der Debatte und mit Kunstkritik zu tun, wie sie in der Jenaer Romantik entwickelt wurde. Im übrigen auch im Zusammenspiel mit Frauen. Unterschiedliche Stimmen sind dann spannend, wenn sie etwas zu sagen haben.
    Kracht macht gute Bücher. Und deshalb lohnt das Hocken. Daniela Danz macht ebenfalls gute Bücher. Ihr würde ich mehr Publikum wünschen und auch ANH, der dies mehr als verdient hätte.

    Sabine Scho
    ich bin müde, ich wünsche allen, was sie sich wünschen, ich habe mir nie viele gewünscht, aber ein paar richtige wünsche ich mir immer .
    ich bin heute noch eher erschrocken, wenn leute lesen, was ich schreibe, die ich nicht kenne, spooky.

    Lars Hartmann
    Na ja, vielleicht finden wir ja mal eine Gelegenheit, diese Debatte in Live fortzusetzen. Schriftlich in Kurzsentenzen geht sicherlich vieles verloren.
    Zumindest haben wir es hier über einen langen Zeitraum geschafft, uns nicht zu beschimpfen. Auch wenn wir vermutlich von anderen Ecken des Denkens kommen.

    Sabine Scho
    ich kann mich an einen kurzen anflug erinnern , aber, stimmt, geht.
    und die letzten drei male, die ich live wo war, leuchtete die coronawarnapp danach rot, kein scherz, drei mal raus, drei mal rot, trotz 2g plus. live, was war denn das nochma…ääätzend, das soll bitte ein ende haben, ich kann nicht mehr und dieser gerade erst beginnende Winter auch.
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    Corona wird uns wohl noch lange verfolgen. Insofern: Impfen, impfen, impfen, wer es medizinisch kann und dazu dann bei größeren Veranstaltungen einen Test. Und vielleicht muß man am Ende manches eben im kleinen Kreis und auf Risiko machen. Mir ist nur wichtig, daß ich ältere Menschen und Kranke nicht anstecke.

    Alban Nikolai Herbst
    (Ich verstehe nur Daniel Seel nicht., Sie schreibt – neben Schultens und Danz – die schönsten,, darüber hinaus auch noch ästhetisch perfekten Gedichte der deutschsprachigen Gegenwart und versteht dennoch nicht, was ich meine. Oder will es nicht verstehen. – Weil ich – wie laut herausgeschrieen wird – ein Macho sei? – Ich finde genau das tragisch. Alles andere sehr uninteressant.)

    Lars Hartmann
    Na ja, die Urform vom sensitivem Lesen war im Grunde die katholische Kirche. Sie hat sehr genau hingeschaut, ob die Sprache paßte.

    Lars Hartmann
    Na ja, die Urform vom sensitivem Lesen war im Grunde die katholische Kirche. Sie hat sehr genau hingeschaut, ob die Sprache paßte.

    Lothar Struck
    Sie implementierte ja auch den Index. – Da sage noch jemand Geschichte wiederhole sich nicht…

    Alban Nikolai Herbst
    @Lars Hartmann: Ja, die beiden besten meiner Lehrer waren – Jesuiten. Ich habe ihnen extrem viel zu danken. (Beide, übrigens, glaubten nicht an Gott – dafür an den moralischen Imperativ. Sie haben mich extrem gefordert man hätte kaputtgehen können daran. Aber sie spürten, ich hielte es aus.)

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