An Marcella Fassio. Zum Literarischen Weblog und überhaupt dem „Fiktiven“.

Sehr geehrte Frau Fassio,

haben Sie Dank[1]für Übersendung der Text-PDFs.

Ein paar wenige Anmerkungen:
Vieles dessen, was Sie und andere den Literarischen Weblogs entnehmen, etwa die Selbstkonstruktion des Autoren- und überhaupt Ichs, hat in meiner literarischen Arbeit weit früher als zu der schon späteren Zeit begonnen, in der ich erstmals das Netz „betrat“; erste Versuche dieser Art finden sich bereits im Roman „Die Verwirrung des Gemüts“ von 1983 (der im Frühjahr in Fassung Zweiter Hand neuerscheinen wird), dann, zunehmend sich verstärkend, vor allem in „Wolpertinger oder Das Blau“ ein Jahrzehnt später. Die „Anderswelt“-Romane (1989 – 2013) fußen schon im Entwurf eben darauf. Mit einem eigenen Forum ins Netz ging ich erstmals 2003 (ab 1999 war ich darin hauptsächlich in Chats unterwegs; mit verstellten Identitäten) aufgrund des Drängens einer damals Geliebten, die, deutlich jünger als ich, einen Zusammenhang zwischen Internet und meiner also bereits ausgeprägten literarischen Ästhetik sah. Sie auch hat mir die unterdessen verfallene Website HERBST & DETERS FIKTIONÄRE programmiert, auf der sie im Impressum als eine dieser „Fiktionäre“ auch genannt wird, nämlich Titania Carthaga. Ganz zu Anfang bei Freecity noch, also vor dem Wechsel zu Today, schrieb ich die Einträge tatsächlich wie ein Arbeitstagebuch, ohne montierende, verlinkende usw. Techniken zu verwenden, die mir bei freecity auch gar nicht zur Verfügung standen. Das kam erst – auf Empfehlung Oliver Gassners – nach dem Wechsel des Hosters. „Was Sie da denken“, schrieb er mir, bevor wir uns auch trafen, „braucht eine ganz andere Plattform, eine, auf der Sie es auch möglich werden lassen können.“ Was daraufhin Die Dschungel zentral geformt hat, war aber tatsächlich bereits im Wolpertinger vorgedacht worden und wird dort teils ausführlich von den Protagonisten des Romans diskutiert. Auch die den Literarischen Wegblogs von Ihnen (mit)attestierten Vermischungen der Genres und Medien ist dort schon nicht nur vorfomuliert, sondern auch realisiert – im Rahmen der buchtechnischen Möglichkeiten freilich. Als ich das Netz aber begriffen hatte, wußte ich, hier etwas weitertreiben, vielleicht sogar perfektionieren zu können, das in der Buchform unterm Strich Theorie, also Behauptung, bleiben würde. Aber das Ich überhaupt erst konstruieren zu müssen, als ein nämlich bewußtes und sich bewußt um Autarkie bemühendes, ist mir als Anspruch und Notwendigkeit seit meinen allerersten poetischen Arbeiten, also schon in den späten Siebzigern, als unumgänglich erschienen. „Ich bin meine Kunst …“ habe ich schon mit achtzehn gesagt und bisweilen sogar hinzugefügt: „… und nichts darüber hinaus.“ Mit nur sehr wenigen Abstrichen, die ich damals nicht gemacht hätte, sehe ich es heute nicht anders. Wobei die Vermischung der Medien bereits in Aragons Le paysan de Paris“ (1926 !) vorgeführt wurde, u.a. durch „dokumentarisch“ als Bild oder Satzbild in den Buchtext einmontierte objets trouvés. Vermittels einer im Buch abgebildeten Zuckertüte der ihrerzeit noch existenten DSG habe ich das in der „Verwirrung“ zititert und damit auf die Quelle meiner Ideen hingewiesen. Ebenso richtungsweisend war, für meine Art der Selbstkonstruktion, Aragons nun bereits Spätwerk (ab „Blanche ou l’oubli“).

Auch die Vermischung von „Realität“ und Fiktion ist ein Kennzeichen meiner Bücher lange  vor meinem Eintritt in die Internetsphären (die ich, wie schon geschrieben, durch ausgedehntes Chatten vollzog, wofür ich unter verschiedenen Pseudonymen und Geschlechtern auftrat, einfach, um Rollensprachen zu erlernen, etwa, wie ich als Frau „sprechen“ müsse, um nicht als Mann erkannt zu werden, aber auch als Vertreter unterschiedlicher sozialer Schichten; das wiederum waren dann Grundlagen für meine verschiedenen Sprachverhalten in den Erzählungen und Romanen; daß ich das Netz betrat, war sozusagen eine Art poetischer Feldforschung). Des weiteren hing, daß ich überhaupt einen Blog begann, mit dem Buchprozeß um „Meere“ zusammen, in dem es ja gerade um den Antagonismus privat/öffentlich ging und für den ich von Anwaltsseite verdonnert wurde, mich auf keinen Fall zu äußern. Das tat ich nun scharf widersprechend mit Gründung Der Dschungel. Da ich unterdessen bereits viele meiner allerersten Beiträge, also genau von 2003 mit Beginn des Buchprozesses, in Die Dschungel übertragen habe (damals schrieb ich jeden Beitrag erst einmal in word vor und speicherte ihn, jeden mit einer Ordnungszahl versehen, ab), läßt sich die Geschichte unter der Rubrik >>>> Altblog nachlesen.

Weiters läßt sich auch Ihre Anmerkung Diese Fragmentierung zeigt sich zum einen auf formaler, zum anderen auf inhaltlicher Ebene, da im Weblog immer nur „Bruchstücke der täglichen Erlebnisse (…) notiert werden auf veröffentlichte Tagebücher lange vor dem Internet anwenden; selbst bei solch akribischen Aufzeichnungen wie denen Powys‘ oder Th. Manns bleibt der Charakter des Fragmentarischen erhalten – notwendigerweise, weil sich eine ununterbrochene, zumal mimetische Zeitreihe gar nicht herstellen läßt. Nicht mal der (allerdings eh überschätzte) Knausgård schafft es. Es sind also a  l  l  e Tagebücher, auch solche vor der heutigen Internetära und dem Netz überhaupt entstandene zumindest insofern teilfiktiv, ergo eine Mischung aus „Realität“ und allein durch Aussparung entstandener Fiktion.

Möglicherweise werde ich auch noch zu Ihrem Buch etwas anmerken[2]Diese Replik bezieht sich auf nur >>>> d e n Artikel, muß und will aber jetzt erstmal ans eigentliche Werk – und sei es, auflachend, damit mir mein Ich am Ende nicht doch noch zerfällt, also bevor es tatsächlich, nämlich der Körper, zerfallen wird, weil da dann schlichtweg verstorben.

Herzlich,
ANH

References

References
1 für Übersendung der Text-PDFs
2 Diese Replik bezieht sich auf nur >>>> d e n Artikel

Über Alban Nikolai Herbst

https://de.wikipedia.org/wiki/Alban_Nikolai_Herbst
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