Mahesh & Tussaud’s. Die Verwirrung des Gemüths (1983), Bearbeitung Zweiter Hand für die Neuausgabe bei Elfenbein. Beispiel 5

zum Vergleich:

Buchfassung 1983:

Fast kommt er sich wie einer dieser Krishnajünger vor,

die hier ja auch noch ihr Fett abkriegen müssen mit ihren wal­lenden Jesusbärten und dem schalen Geäug nach irgendwo Jen­seits. Oder die no-future-Typen.

Im Café findet er manchmal noch Ruhe, von den Nachbarsge­sprächen abgesehen. Natürlich, all die Geschwätzigkeit, mit der sie mich einlullen wollen. Aber Laupeyßer hat sich mittlerweile im Weghören geübt. Notgedrungen, sonst platzte mir noch der Kopf. Und auf keinen Fall die Augen schließen: Dann nämlich höre ich’s erst richtig. Nein. Am besten versetze ich mich in die Krümmung des weißlackierten Heizungsrohres neben dem Gußeisengitter links. Oder in die geweißte Oberfläche der Kakao-Kanne, die man ebensogut als Kaffeekanne bezeichnen könnte, weil dieselben Gefäße zur Aufnahme verschiedener Ge­tränke dienen. Kaffao. So ungefähr. – Wie eigenartig war es doch, daß er bei Tag noch ausgehen konnte. Auch mit welcher Arglosigkeit er die Bedienung wahrzunehmen gelernt hatte, als ginge sie ihn nichts an, als atmeten sie nicht einmal dieselbe Luft, und als gehörte sie nicht längst schon hinein, in seine Näherun­gen. Freilich, die Frage nach der Narbe bliebe eben deswegen dringlich. Zur Versicherung der Realität oder was so … na ja, bekannt: Pappkarton. Zumal er sich sicher war. Und doch. Wo Männer Zärtlichkeiten. Ach ja. Ja. Der Hinterkopf. Mein Hinterkopf, der sich vorgestülpt hat, der am Vorstülpen ist. Den Hinterkopf zum Auge machen, zu einem einzigen, weit geöff­neten Auge. Dreiäugigkeit. Und das Hören. Lauschen. Das Füllfederhalterkrabbeln auf dem Marmortischchen. Papierge­kritz. – Saß Laupeyßer also dort vor dem Gußeisengitter der Fenster klotzig wie ein Pappkarton. Und das Jucken am Kinn. Am Vormittag habe ich mir ein Papageienjackett gekauft. Und Socken; grellgelbe und giftgrüne Frotteesocken. Schals wollte ich aber nicht, weil es dazu nun wirklich zu heiß ist. Man muß nicht gleich alles übertreiben. Habe wirklich das Gefühl, zu zer­fließen. Ich bin offenbar ein Madame-Toussaud-Mensch. Und mit jedem der Schweißtropfen, derer mir bereits zahllose im Hemd backen und es dunkel färben, löst sich ein Geruchsparti­kel, platzt im Rollen, verströmt sich zu dicklichem Belag wie Luftfilz, hockt mittlerweile allem auf, was ich berühre und darauf in Nasennähe bringe.

Unten warfen sie Laupeyßer schwungvoll auf den Wellblech­boden des hinten geöffneten Lieferwagens, der war grün wie Laupeyßers neu erstandene Socken. Die Friseurin, jene fette Frau mit dem sprödweiß auftoupierten Haar, beinahe sah sie aus wie Frau Schneider, die sie war, schaute mit in die Blaukittel­taschen gestopften Feistfäustchen interessiert zu. Dieser leben­digen Schwammigkeit einmal untern braungestreiften Rock und dann schnuppern in einer Aufwärtsbewegung des Kopfes neben den Titanenschenkeln! Um des Ekels sich zu vergewissern und daß man noch etwas merkt. Seiner leibhaftig werden, er werden, Ekel sein. Der bröselig scharfe Uringeruch an dieser sauren Sphäre, Schlupfort des Widerlichen an sich. Agnes schmeckte anders,

denke ich mir, schmeckte wie B., an der ebendort sich festzusau­gen voll cremiger Lust ist oder – mit ihrem saloppen Begriff – Spaß. – Doch davon weiß Laupeyßer nichts, noch nichts, wird er niemals was wissen, ist für Falbin vorgesehen, wenn Agnes das noch hätte hören können! Vorgesehen von Laupeyßer für Falbin. Nein, für mich! – Die Befreiung also, die über eine selbstgewählte Paranoia läuft? Absurd? Zugegeben. Gebe ich natürlich nicht zu. Interessiert mich nicht. Interessiert ihn schon gar nicht,

(…)

Neufassung (vor Lektorat), 2022:

(…)

Maharishi Mahesh Yogi. Fast wie einer der Krishnajünger selbst kommt sich Laupyßer vor,

die hier auch ihr Fett noch abkriegen müssen, schon ihrer wallenden Jesusbärte halber und des schalen Geäugs in Richtung auf ein Diesseits als Jenseits, umgestülpte no-future-Typen,

die, diese nicht, noch jene, ins Wallcafé nicht gehen, so daß er, Laupeyßer, hier manchmal noch zur Ruhe kommt. Nerven tut ihn nur die, aufsteigend von den Nachbartischen, schwirrig den Raum durchflatternden Plapperge­spräche. Wenn er sie, wie er früher getan, als ungefähres Hintergrundrauschen nimmt, wird ihm sofort klar, daß eben das ihn einlullen soll. Genau der Zustand, den er ablehnen muß. Deshalb versucht er, sich in einem Weghören zu üben, das sich auf die Störung konzentriert. Auf keinen Fall jedoch die Augen dazu schließen. Sonst platzt mir noch der Kopf. Statt dessen versetz ich mich am besten in die Krümmung des weißlackierten Heizungsrohres neben dem Gußeisengitter. Die ebenfalls geweißte Oberfläche des Kakaokännchens, das sich auch Kaffeekännchen nennen läßt, weil es der Aufnahme beider Getränkarten dient, eignet sich genauso. Kaffaokännchen.

Wobei schon auffällig ist, daß er überhaupt bei Tag noch ausgehen kann. Auch mit welcher Arglosigkeit er die Bedienung wahrzunehmen gelernt hat, ist Erwähnung wert. Sie scheint ihn nichts mehr anzugehen, ja kaum die gleiche Luft zu atmen, kurz, gar nicht mehr ein Teil seinee Näherungen zun sein. Dennoch bleibt die Frage nach der Narbe dringlich, vielleicht umso mehr. Zur Versicherung der Realität oder was so … – Pappkarton.

Er ist sich aber sicher. Und doch. Wo Männer Zärtlichkeiten.

Liegt immer noch da, die Zeitung. Ach ja, jaja, mein vorgestülpter Hinterkopf. Der ist mir wie Gesicht geworden. Jetzt ihn noch ganz Auge machen, आज्ञाचक्र[1]ARBEITS/LEKTORATSNOTAT: Ajna Chakra, Drittes Auge.. Dreiäugig werden, da ich schon ganz Ohr bin. Das Krabbeln der Feder des Füllfederhalters auf dem Papier meines ringgebundnen Notizbuchs. Sogar sein leises Wischen auf dem runden Marmor meines Cafétischs wird laut, eine flache Böenvariante, wenn ich’s ein wenig verschiebe, um bequem wie vorher weiterzuschreiben. So klotzig ist Laupeyßer vor dem Gußeisengitter des Fensters über die Seiten gebeugt. Ein Pappkarton schon selbst. Ich darf nicht dauernd mein Kinn kratzen, hab untern Fingernägeln schon von den Stipschen Bluts die Trauer. Doch gegen die habe ich mir vormittags ein Papageienjackett gekauft. Und Socken; grellgelbe und giftgrüne Frotteesocken. Schals wie Falbin wollt’ ich aber nicht, weil’s für sowas nun wirklich viel zu heiß ist. Man muß nicht alles übertreiben. Ich zerfließe ja schon jetzt. Bin ich ein Mensch Madame Tussauds? Mit jedem Schweißtropfen, derer mir bereits zahllose im Oberhemd backen, wovon es dunkle Flecken kriegt, löst sich eine Zelle, die im Hinabrollen platzt und den Geruch verströmen läßt, einen massiven Filz aus Luft, der mittlerweile als Belag auf allem klebt, was ich berühre und drauf in Nasennähe bringe.

(…)

References

References
1 ARBEITS/LEKTORATSNOTAT: Ajna Chakra, Drittes Auge.

Über Alban Nikolai Herbst

https://de.wikipedia.org/wiki/Alban_Nikolai_Herbst
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