Fast mehr schon als Skandal: Denn jetzt geschieht eben d o ch, was Baskakova gestern befürchtete

und mir → d o r t geschrieben hat. Die Privatpersonen, in diesem Fall russische Künstlerinnen und Künstler, sollen in Schuld- und Sippenhaft genommen werden, obwohl sie sich gegen diesen Krieg unter Inkaufnehmen eigner Gefährdung teils sogar öffentlich wehren.

Ukraine-Dialoge IV: Email Tatjana Baskakova/ANH (Übersetzerin und Autor 2)

Татьяна Баскакова, 1 марта 2022, 12.15 вечера

Ja, Albano, auch die russische Uebersetzung ist → schon da. Meine letzte Publikation aber ist eine

Aufforderung der Zeitschrift Vsesvit[1]„Die ganze Welt“,
Kiew,
28. 2. 2022
an Kulturinstitutionen und Übersetzer der Welt, internationale
literarische Agenturen, Residenzen, Abteilungen von Übersetzungen

die bereits von einer Reihe anderer ukrainischer Institutionen unterschrieben wurde und worin gefordert wird:

– Schluß zu machen mit allen Formen der Übersetzungen russischer Literatur und alle sonstigen Übersetzungprojekte mit Rußland abzubrechen;

– Schluß zu machen mit allen Residenzen [für russische Künstler], auch mit Einladungen von russischen Schriftstellern und Übersetzern zur Mitarbeit mit Welt-Autoren, [jetzt und] in Zukunft;

– Schluß zu machen mit allen Formen der Unterstützung russischer Übersetzer, [und zwar] in der ganzen Welt;

– Schluß zu machen mit allen Seminaren, Konferenzen, Gesprächsrunden und Diskussionen, die der Übersetzung von russischer Fiktion, Non-Fiktion [sowie von] Poesie  und Dramen usw. gewidmet sind.

Dazu habe ich erklärt, daß dies ein großer Fehler[2]Baskakova übersetzte mit „Irrtum“; das aber ist es ja nicht, sondern bewußt so gemeint; deswegen von mir durch „Fehler“ ersetzt. ANH ist.

***

ANH an Tatjana Baskakova, 18.47 Uhr

Das halte auch ich für einen riesigen, zumal unmenschlichen Fehler. Wenn Sie zustimmen, stelle ich auch das, mitsamt meiner Email hier, morgen in Die Dschungel und verteile es auch online an die deutschen Literaturhäuser usw. Denn sonst wird ja d o c h die Bevölkerung abgestraft. Das darf nicht sein.
(Bin grad, nach dem ersten Schock, wirklich wütend. Es muß unbedingt verhindert werden, daß jetzt – als erst einmal psychologisch nachvollziehbare, aber eben gänzlich bodenlose Dynamik – eine Art „Gegen’rassismus'“ seitens der Ukraine gegen Rußland entsteht.)
A.
P.S.: Schicken Sie mir zu Vsesvit bitte noch ein paar Daten, inkl. Adresse der Website?
Татьяна Баскакова, 1 марта 2022, 19.16 вечера
Lieber Albano,
ich weiss nicht, wie genau man das macht. Vsesvit ist eine ukrainische Zeitschrift
fuer auslaendische Literatur.

Die Webseite:  Журнал Всесвіт – Home | Facebook

Und hier ist die englische Version:
Журнал Всесвіт Вчера в 17:51 · Звернення журналу “Всесвіт” до культурних інституцій і перекладачів світу
To the World Literary Agencies, Residences,
Cultural Institutions, Departments of translation
February 28th, 2022, Kyiv
Dear colleagues!
Anyone with an ounce of understanding knows that Ukraine is fighting for the entire world from Kyiv to London, from Odesa to New York, from Kharkiv to Oslo, from Sumy to Tokyo…
It is also clear that the Russian people mostly do not support Putin’s insane war on their brothers and sisters (we still want to believe in this), and Kyiv. He is trying to drag Europe back to its bloodstained past, but the world has changed – most people know now we are one family, living on one planet we must unite to protect. We honestly do not believe he can win. Humanity will prevail.
Taking into account the war that initiated Russia destroying Ukrainian territories and killing our civil people, Vsesvit magazine editorial addresses the world cultural community to
– stop any form of translation of Russian literature and break all the translation projects with Russia;
– stop all residence projects including inviting Russian writers and translations for cooperation with world authors in the future;
– stop all forms of translator’s grants for Russia all over the world;
– stop all seminars, conferences, round tables and panel discussions regarding the translation of Russian fiction, poetry, drama, non-fiction, etc.;
These steps will help to stop the war and explain the world that each trace of the Russian culture can be converted into the war reality in the future in the most unpredictable way. We have each day of fighting, more senseless bloodshed, an insane provocation from Putin with his nuclear rhetoric, but also more victories for the incredible Ukrainian army, forcing Russia to talk. Each day we have new deaths including children. The Russian “peace policy” brought death and destruction to our families, homes, cities, and the entire country.
Editor-in-Chief, PhD Yurii Mykytenko
Managing Editor-in-Chief, PhD Dmytro Drozdovskyi
Український інститут книги
Український інформаційний простір
Українська правда
Міністерство закордонних справ України / MFA of Ukraine
Міністерство культури та інформаційної політики України
Буквоїд
Biblioteca Ukraina Più – Milano
Читомо
Unterschrieben haben:
Das Ukrainische Institut des Buches, Der Ukrainische Informationsraum, Die Ukrainische Wahrheit, Ministerium fuer Auswaertige Angelegenheiten, Ukraine, Ministerium fuer Kultur und Informationspolitik, Ukraine, Bukvoid (Buchhandlungnetz?), Biblioteca Ukraina Più – Milano
Es waere gut, wenn Sie etwas zu machen versuchen. Und, natuerlich, duerfen Sie den Text publizieren.

ANH an Tatjana Baskakova, 19.27 Uhr

Das reicht mir schon mal, danke.
Und gucken Sie sich bitte → d a s[3]Bezieht sich auf das hier verlinkte Video der gewaltlosen russischen Soldaten mal eben an. Können Sie verstehen, was die Frau wörtlich sagt, und es mir übersetzen? Dann stell ich es mit der Übersetzung auf die Hauptsite; noch ist der Beitrag verborgen.
*******
 
Der Aufruf dieser Zeitschrift ist ziemlich ungeheuerlich. Es sind, abgesehen wahrscheinlich von ein paar (etwa → an Gergiev und die seit je sowieso überschätzte Netrebko zu denken) nun wirklich nicht die russischen Künstler, die diesen verbrecherischen und sich möglicherweise in ein Völkerabschlachten entwickelnden Krieg unterstützen (um vor der Atomdrohung Putins → entsetzt zu schweigen), geschweige ihn vom Zaum gebrochen haben, sondern ganz im Gegenteil haben sich etliche russische Künstlerinnen und Künstler in hohe Gefahr begeben, ihn, diesen Krieg, anzuprangern. Und dafür will sie die Redaktion dieser Zeitschrift bestrafen, und die Mitunterzeichner wollen das auch? Hier muß europäischerseits entschieden gegengesteuert werden, damit die perverse Dynamik nicht durchschlägt, aus zwei eigentlich Schwester- und Bruderländern einen Geschwisterhaß entstehen zu lassen, der ganze Generationen prägen würde.
Ich bitte meine Leserinnen und Leser, dieses Geschehen weiterzuerzählen und, so Sie ihn haben, bei den deutschen Kulturinstituten jeglicher Couleur darauf einzuwirken, daß solche Proklamationen abzulehnen sind.
ANH, Berlin
2. März 2022

References

References
1 „Die ganze Welt“
2 Baskakova übersetzte mit „Irrtum“; das aber ist es ja nicht, sondern bewußt so gemeint; deswegen von mir durch „Fehler“ ersetzt. ANH
3 Bezieht sich auf das hier verlinkte Video der gewaltlosen russischen Soldaten

24 thoughts on “Fast mehr schon als Skandal: Denn jetzt geschieht eben d o ch, was Baskakova gestern befürchtete

  1. Ich habe sofort eine Protestnote für die → Facebook-Site der Zeitschrift formuliert und dort als Kommentar eingestellt, und zwar folgenden Inhalts (für die deutsche Übersetzung bitte nach unten scrollen):

    Dear colleagues,
    We share your pain, indignation, horror and anger, but not this way. It also affects those who represent the just cause in Russia, at the risk of their lives, who stand in solidarity with you for freedom. Russian culture and literature is rich, as is Ukrainian. Never should they be set against each other. It distinguishes your politicians and people in these days that their struggle for freedom is not accompanied by anti-Russian hate slogans and blanket rejection of Russian. This is one of the reasons of your moral superiority. As a German publisher of Ukrainian and Russian literature, as a publisher of literature of the persecuted and partly of the murdered under Hitler and Stalin, as a publisher of Yiddish voices of Ukraine, I ask you to reconsider your appeal. You are threatening to hit your allies among the Russians: critical intellectuals who are a thorn in Putin’s side. Should the Kiev Viktor Nekrasov no longer be translated because he wrote in Russian? Please let us continue to look closely at who is writing what. There are Russian books that deserve to be translated. And there are such books and authors that we publishers do not want to translate for good reasons. Please, let’s never put a language in clan custody, let’s never make a blanket condemnation of a people and its literature. Let us carry the Russian voices that vote against this war to the world, the courageous voices of humanity and solidarity. Russian civil society needs strengthening so that it can in turn lead the fight against Putin. Arco Publishing House will continue to make no distinction between the origin of its authors, the language of freedom is supranational. Our hearts are with you and we will let your Ukrainian literature speak in German.
    Christoph Haacker, Arco Publishing House

    ((Liebe Kollegen und Kolleginnen,
    wir teilen euren Schmerz, die Empörung, die Wut, aber nicht diesen Weg.
    Er trifft auch diejenigen, die in Rußland unter Inkaufnahme von Risiken die gerechte Sache vertreten, die mit euch solidarisch für Freiheit eintreten. Die russische Kultur und Literatur ist reich, so wie es die ukrainische ist. Niemals sollten sie gegeneinander in Stellung gebracht werden. Es zeichnet eure Politiker und Menschen in diesen Tagen aus, daß ihr Freiheitskampf nicht von antirussischen Haßparolen begleitet wird, und das Russische pauschal ablehnt. Das macht eure moralische Überlegenheit mit aus.
    Als deutscher Verleger von ukrainischer und von russischer Literatur, als Verleger von Literatur der Verfolgten und teils der Ermordeten unter Hitler und Stalin, als Verleger auch jiddischer Stimmen der Ukraine, bitte ich euch, euren Aufruf zu überdenken. Dürfte der Kiewer Viktor Nekrasov nicht mehr übersetzt werden, da er auf Russisch geschrieben hat? Bitte laßt uns niemals eine Sprache in Sippenhaft nehmen, niemals ein Volk und seine Literatur pauschal verdächtigen. Tragen wir die russischen Stimmen, die gegen diesen Krieg stimmen, in die Welt, die mutigen Stimmen der Menschlichkeit und Solidarität. Die russische Zivilgesellschaft braucht Stärkung, damit sie ihrerseits den Kampf gegen Putin führen kann.
    Der Arco Verlag wird weiter keinen Unterschied machen zwischen der Herkunft seiner Autoren, die Sprache der Freiheit ist übernational. Unsere Herzen sind bei euch und wir werden eure Literatur auf Deutsch zu Gehör bringen.

    Christoph Haacker, Verleger))

  2. Das ist sehr gut auf den Punkt gebracht, Christoph Haacker:

    „You are threatening to hit your allies among the Russians: critical intellectuals who are a thorn in Putin’s side.“

  3. Und heute geschah in Italien (Mailand) auch so etwas:
    (ANSA) – ROME, MAR 2 – A course on Russian literary giant Fyodor Dostoevsky which had been cancelled at a Milan university due to Russia’s invasion of Ukraine will now go ahead as scheduled, the university said Wednesday.
    Writer and lecturer Paolo Nori had said the matter at the Milano-Bicocca University was a case of unwarranted censorship and that literature should not be punished due to Russian President Vladimir Putin’s actions.
    „Not only is it a fault to be a living Russian in Italy today, but also to be a dead Russian,“ said Nori, adding that Dostoevsky, author of Crime and Punishment, the Brothers Karamazov and other classics, had been condemned to death himself in 1849 „because he had read something that was prohibited“.
    Announcing the reinstatement of the course, Milano-Bicocca said „we are a university open to dialogue and listening even in this very difficult period which spurs dismay due to the escalation of the conflict.
    „We can confirm that the course will take place on the scheduled days and we will discuss the content with the writer.
    „Furthermoe, the university’s dean will meet Paolo Nori next week for a moment of reflection“. (ANSA).
    https://www.ansa.it/english/news/world/2022/03/02/ukraine-dostoevsky-course-reinstated-after-cancellation_d1a69d23-d37f-4f05-a255-9e3041e63521.html

  4. Ja, ich werde dies den Lesern weitererzählen. Ich werde ihnen erzählen – falls sie es nicht schon wissen – wie empathielos „Kulturmenschen“ sein können, die sich nicht einmal für eine Minute die Verzweiflung derjenigen vorstellen können, die vielleicht bald schon von einem grössenwahnsinnigen Verbrecher niedergemetzelt werden könnten. Ich werde ihnen erzählen, dass diese „Kulturmenschen“ keine andere Sorge hegen, als ihr Geschreibsel, welches ziemlich sicher irgendwann dezent der Nichtigkeit übereignet werden dürfte, ohne Schwierigkeiten publizieren zu dürfen. Ich werde ihnen erzählen von Menschen, die nicht verstehen wollen, dass man mit denen, deren Repräsentanten einem nach dem Leben trachten (und vielleicht einer von ihnen ein Freund des Mordgesellen ist), vielleicht erst einmal nicht direkt grossartige Alibiveranstaltungen ausrichten möchte. Ich werde ihnen erzählen müssen, dass sie diesen Paria-Status für die Deutschen nach 1945 verstanden haben und das ich das auch verstehe und zwar immer noch. Es gibt Leute, die heute noch, 75 Jahre danach, mit Deutschland nichts zu tun haben wollen. Und ich habe das verdammt noch mal zu akzeptieren und nicht herumzujammern.

    Schon klar: Putin ist nicht Russland. Wie Hitler nie Deutschland war. Wirklich? Ja, Die Kollektivschuldthese halte ich für Unfug – nach wie vor. Aber ich verstehe, wenn Ukrainer mit Russen derzeit nicht zusammenarbeiten wollen. Putin will – das ist das erklärte Ziel – die ukrainische Nation und die ukrainische Kultur zerstören.

    Es ist ein Aufruf. Im Gegensatz zu einem Aufruf in Russland ist jeder in der Ukraine noch frei, sich dafür oder dagegen zu entscheiden.

    Ob die ein oder andere Universität nun Dostojewski verbietet oder nicht kann man skandalisieren, wenn man nichts besseres zu tun hat. Diese Idioten gab es übrigens immer und zu jeder Zeit (auch und gerade in Bezug auf Deutschland und seiner Geschichte).

    Putin wird in den nächsten Tagen oder Wochen die Ukraine – was die Erfahrung lehrt – die Stadt Kiew wie in den 2000ern Grosny zerbomben oder wie Hitler Leningrad aushungern. Und ihr armseligen Egoisten lamentiert über einen Beschluss des PEN-Zentrums, als sei es das wichtigste der Welt.

    Noch ein Hinweis auf die „kritischen Intellektuellen“ in Russland: Sie haben nur zwei Aggregatzustände. Entweder sie sind tot oder im Exil und dort vom Leben bedroht (einzige Ausnahme die USA). Sie existieren vor allem als Schimäre in den Köpfen derjenigen, die sich nicht vorstellen können, dass ihre kleine Schreibstube in den nächsten fünf Minuten von einer Granate zerfetzt werden könnte.

    1. Was Sie über die russischen Künstler derart pauschal erzählen, ist ungeheuerlich. Schämen Sie sich, Herr Keuschnig, in Grund und Boden. Mehr noch: Weinen Sie, zerreißen Sie Ihre Kleider, reißen Sie sich die Haare aus – um es biblisch zu nehmen. Dieselben russischen Künstlerinnen und Künstler, die in Rußland derzeit zu Protesten aufrufen und unter hoher Gefahr daran teilnehmen, sollen sippenhaftartig bestraft für etwas werden, woran sie keine Schuld tragen? Finden Sie es auch richtig, daß Nawalny, weil er Russe ist, jetzt einsitzt und vielleicht nicht mehr lange lebt? – Wohlgemerkt, ich spreche nicht von Gergjev, Netrebko und Konsortinnen und Konsorten, sondern von Menschen, deren Existenz schon jetzt problematisch ist.
      Darüber hinaus ist der Vergleich mit dem Hitlerreich geradezu widerlich. Es hat in Rußland kein Kölner Domhotel gegeben, von dessen Balkon herab das Volk gefragt wurde, ob es den totalen Krieg wolle – und niemand, außer wenigen, die daran verdienen, haben die Hand ausgestreckt und im „arischen“ Blutrausch „Jaaaa!“ gebrüllt, schon gar nicht in einem vermeintlich russischen.

      Es ist schon toll, wie so bequem im Speck lebende Leute wie Sie andere, die keinem etwas getan haben, das Elend gönnen. Es ist wahrlich, wär es nicht zum Kotzen zynisch, zum Heulen.

      Und nein, ich bin nicht für diesen Krieg, was Sie mir nun ja vielleicht unterbügeln wollen. Würde zu Ihnen nun passen. Und ja, was Sie da als Unheil skizzieren, wird höchstwahrscheinlich eintreten. Ich bin entsetzt wie Sie und sogar in Panik, aus der mir nur mein permanentes Denken und, in meinen Möglichkeiten, Handeln hilft. Nicht aber, anderen Unglück zu wünschen – außer vielleicht einem. Da James Bond nun tot ist, werden wir sehen, wer die license to kill geerbt hat. Nur kann das leider noch dauern.

      1. Ich pauschalisiere gar nicht. Wenn Sie genau lesen würden, könnten Sie das feststellen. Dass Sie das nicht tun, kann man daran erkennen, dass ich Ihnen unterstellen würde, Sie seien für den Krieg. Das ist absurd.

        Navalny ist in der Tat mutig, wie auch die Tausenden Menschen, die in St. Petersburg oder Moskau oder wo auch immer auf die Strasse gehen. Das habe ich nie bezweifelt.

        Nein, die Parallelen zwischen Putin und Hitler sind nicht widerlich. Die Krim war Putins Österreich, der Donbass das Sudetenland. In beiden Fällen habe ich wenig bis nichts von russischen Intellektuellen gehört – außer denen, die dies konnten. Das kritisiere ich nicht, ich stelle es fest. Aber Ihr geschichtlicher Solipsismus ist für solche Dinge nicht empfangsbereit. Schlimmer freilich die Beschwichtiger in Berlin und Brüssel, die glaubten, Putin würde sich damit zufrieden geben. Damit Sie beruhigt sind: Das glaubte ich bis letzte Woche auch.

        Ich kenne eine Person, die lebt in Lviv, ehemals Lemberg. Sie ist Russe, hat aber eine Daueraufenthaltsgenehmigung. Dieser Mensch ist doppelt verzweifelt: Zum einen fühlt sie sich bedroht und zum anderen sagt sie: es sind „meine“ Leute. Sie ist gegangen, weil sie in diesem muffigen Russland nicht leben wollte, aber bleibt natürlich auch diesem Land verbunden. Ich kann ihr mal erzählen, dass sich ein paar Dichter aufregen, dass der ukrainische PEN einen Aufruf verfasst hat. Das wird sie bestimmt beeindrucken.

        Vielleicht gibt es ja einen Stauffenberg in Russland. Aber einer, der Erfolg hat.

        (PS: Ich dachte, es sei der Berliner Sportpalast gewesen.)

        1. Sie beleidigen schon wieder, mein „Solipsismus“, ich darf doch mal lachen, gell? Waren Sie mal in Indien, in der arabischen Welt, in Afrika, einmal querbeet? Haben Sie Erfahrungen? Und „eingesessen“ auch schon? Abermals nein? Ich bin wahrlich erstaunt, aber spiele Ihnen die an der Bande festgebackte Kugel die weiße, Sie wissen schon, nun nachsichtig zurück. Ich kann mir auch nicht vorstellen, daß Sie mal Sippenhaft erlebt haben, oder den Versuch, sie an Ihnen auszuüben. Ich aber schon.
          Doch mag ich mit Ihnen gar nicht weiterdiskutieren, habe kurz, bevor ich Ihren Kommentar las, den deutschen PEN eingeschaltet, der liest den jetzt auch. Dann sehen wir weiter. Morgen werden Sie meinen Brief, der zugleich Antrag auf einen Auftrag ist, hier in Der Dschungel lesen.
          Ohne weitere Hochachtung, was ich schade finde, da ich sie vor gerade Ihnen bislang immer hatte:
          ANH

          Ach so, Sie könnten sogar etwas tun. Kampfbereiten Deutschen steht es frei, zu den Waffen zu greifen und in dem Krieg zu kämpfen. Sollte mein Sohn sich entscheiden, sowas zu tun, ginge auch ich. Und das sage ich nicht so dahin.

        2. Herr Keuschnig, ich bin kein Literat, PEN ist nicht mein Dachverband. Bin bloß ein tendenziell gewaltbereiter menschenrechtelnder alter Intellektueller.

          Alban, Du weißt, wer ich bin.

          Diese Antwort geht an beide.

          Ich halte diesen Aufruf für Notwehrüberschreitung, Herr Keuschnig – etwas euphemisierend formuliert… Das kommt vor, wenn ein zu Unrecht Angegriffener in heiligem Zorn blind wird und überreagiert. Seelisch verständlich. Dennoch setzt man sich damit (nicht bloß juristisch, sondern auch moralisch) ins Unrecht. Auch entsteht so die Gefahr, handelnde Sympathisanten zu verprellen. Also: …respice finem. Mehr mag ich zum Sachverhalt gar nicht schreiben. Meine Haltung zur derzeitigen Lage ist im Übrigen in den Ukraine-Dialogen nachzulesen.

          Lieber ANH – es gibt derzeit Bedeutenderes, als Fehden mit Gregor Keuschnig. Das gerät auf eine persönliche Ebene, paßt mithin nicht zum fürchterlichen Weltgeschehen. Die Breitseiten sind ausgetauscht. Und Deine Note an PEN ist sicher schon unterwegs. Nutze Deine Energie nun wieder für Wesentlicheres.

          Übrigens – in einem haben Sie, Herr Keuschnig wohl eher Recht, wenn ich das mal etwas frei „übersetze“: Den tapferen kämpfenden terrorisierten ängstlichen mutigen Ukrainern und Ukrainerinnen wird derzeit das Handeln von nationalem und internationalem PEN als nicht besonders relevant erscheinen. – Damit will ich nicht ANHs Empörung marginalisieren – aber die Ihre relativieren: Derzeit gäbe es Wesentlicheres und Hilfreicheres zur Unterstützung für die Verteidiger und Verteidigerinnen der Ukraine zu erledigen, als russische Künstler, Intellektuelle und Autoren in Sippenhaft zu wünschen…

          1. Ich habe niemand in Sippenhaft genommen. Mich interessieren nur die Befindlichkeiten von Schreiberinnen und Schreibern (um einmal diesen Unsinn mitzumachen) nicht, wenn ein ganzes Volk vor einem grausamen Mordschicksal steht. Das kann nicht so schwer zu verstehen sein.

            1. „wenn ein ganzes Volk vor einem grausamen Mordschicksal steht.“

              dieses Volk interessiert sich auch nicht für Ihre Kommentare hier im Internet, Herr Keuschnig, warum schreiben Sie diese?
              Wir sind alle fassungslos, wir sind alle nur Zuschauer oder kommen Sie gerade von der Front, wo gekämpft wird? Niemand von denjenigen, die Sie so pauschal angreifen, hat eiue Schuld an der Situation. Herr Herbst hat lediglich angemerkt, dass ein Verbot der russischen Sprache über das Maß wohl ist, bei allem berechtigten Protest gegen Putins Krieg, da müssen Sie nicht beleidigen, sorry für meine Einmischung.

              1. Ja, fransummer, mir ist der innere Widerspruch bei Keuschnig auch aufgefallen, hatte das in meinem letzten Satz an ihn ja auch thematisiert. Als er dann abermals antwortete und inkonsistent zu seinem erneut behaupteten Desinteresse dennoch die russischen Kulturschaffenden wieder erwähnte, juckte es mir in den Fingern, ihn darauf klugscheißerisch hinzuweisen… Wäre ja auch eine gute Gelegenheit für einen Nachweis gewesen, daß sein Vorschlag tatsächlich der Sippenhaft-Dynamik folgt – was er ja verneinte… Doch dann ermahnte ich mich, mich an meinen eigenen Rat zu halten, den ich ANH weiter oben gab: Keine weiteren Kommentare, sonst wird der Disput zum Hahnenkampf und mit unnötiger Bedeutung aufgeladen, alles ist gesagt, es gibt Wesentlicheres, als eine solche Auseinandersetzung mit Herrn K. – Dennoch fiel mir mein konsequentes Schweigen nicht leicht, so weise bin ich nicht, es wurmte mich auch die Ablehnung des Sippenhaft-Begriffs. … Jetzt lese ich Ihre schöne Antwort – und SIE, als Dritter im Streit, können sich dazu ja frank und frei von eigenen Schweigegelübden unkompromittiert äußern – was MIR den Luxus verschafft, nun dankbar und entspannt Schlafen zu gehen. 😉

                Ehre der Ukraine.

              2. Dieses Volk interessiert sich weder für meine Kommentare – da haben Sie recht. Allerdings auch nicht für Ihr wohlfeiles Herumgefuchtel.

                Natürlich ist die Note der Ukrainer moralisch (und vielleicht auch juristisch – wer ist hier zuständig) falsch. Aber wenn man nicht einmal für eine Minute die Situation derer, die so etwas verfasst haben, berücksichtigt, dann muss man schon ein ziemlicher Eisklotz sein.

                1. Woher nehmen Sie das „nicht mal eine Minute berücksichtigt“? Sie lesen nicht genau. Oben steht deutlich folgendes: „Es muß unbedingt verhindert werden, daß jetzt – als erst einmal psychologisch nachvollziehbare, aber eben gänzlich bodenlose Dynamik – eine Art „Gegen’rassismus’“ seitens der Ukraine gegen Rußland entsteht.

                  Ich habe also genau das geschrieben, was Sie verlangen: daß die Situation berücksichtigt wird. Das heißt aber eben nicht, eine falsche und ihrerseits unmenschliche Forderung mitzutragen.

    2. Es ist mehr als wohlfeil, lieber Gregor Keuschnig, kämpfenden Ukrainern ungefragt zu bescheinigen, dass ihnen die Belange von Schriftstellern momentan nicht sonderlich wichtig sein dürften, um es nicht drastischer auszudrücken.

      Aber das war gar nicht das Problem, das Herr Herbst hier zu Recht thematisiert hat. Und das wissen Sie auch.

      Mir scheint, Sie haben viel mehr Gelegenheit gesucht, Ihre grundsätzliche Geringschätzung von Autoren, diesen seltsamen Leuten in „ihren kleinen Schreibstuben“, loszuwerden, deren „Geschreibsel, welches ziemlich sicher irgendwann dezent der Nichtigkeit übereignet werden dürfte“, Ihrer Ansicht nach überflüssig ist.

      Ich kenne russische Autoren, über deren Übersetzungsverbot sich Putin sicher freuen wird. Und dass Sie dazu in Ihrer Überheblichkeit auch noch Beifall klatschen, ist nichts als ekelhaft.

      1. Lesen Sie mal genau, was ich geschrieben habe.

        Mich ekelt diese juristische Überheblichkeit an, mit der man sich hier über Menschen erhebt, die in ihrer Verzweiflung zu Maßnahmen greifen, die man moralisch (und vielleicht auch juristisch) verwerflich sind. Die Menschen sind im Krieg.

  5. Lieber Herr Herbst, ich sehe es ambivalent: ich kann die Ukrainer verstehen, aber sie haben dennoch nicht recht, denn man sollte Menschen nicht in die Sippenhaft nehmen, in dem Sinne, daß man „alle Russen“ sagt. Wenn Ukrainer allerdings solche Russen ausschließen, die den Massenmörder aus Moskau verteidigen, so kann ich es nochvollziehen. Dennoch bleibt der Ausstausch mit den Russen auf der Ebene der Kultur wichtig. Zumal um all derer willen, die gegen das System Putin sind und die den Mörder verachten. Gerade auf dieser Ebene muß man im Gespräch bleiben. Und vor allem muß es darum gehen, die Kräfte des innerrussischen Widerstands gegen Putin zu stärken – auch in der Bevölkerung. Es käme also auf die russischen Künstler auch einiges an Wagnis zu, indem sie den Menschen erzählen, was in der Ukraine gerade geschieht und wie die russische Armee Zivilisten und Kinder tötet.

    1. Selbstverständlich sind Autorinnen und Autoren auszuschließen, die einen Massenmord (oder überhaupt einen Mord, sowie Krieg) rechtfertigen. Darum geht es hier auch gar nicht. Das ist, denke ich, in meinen Stellungnahmen deutlich genug geworden.
      Ich habe gestern dieserhalb einen Brief an den deutschen PEN-Präsidenten geschrieben, der seit eben → online steht. Die PEN-Carta besagt, daß für die Freiheit des Wortes einzustehen ist, es sei denn, es widerspreche den Menschenrechten. Insofern ist der PEN hier exakt die richtige Adresse. Es wird für ihn aber problematisch nun sein, weil wir ja alle auf der Seite der Ukraine stehen, jedenfalls, wie ich es einschätze, die meisten von. Da könnte eine Parteinahme für russische Künstlerinnen und Künstler, Übersetzerinnen und Übersetzer falsch aufgenommen oder für taktisch unklug gehalten werden. Das wäre nachvollziehbar, dennoch aber falsch, den Betroffenen die Unterstützung – und sei es auch nur „einstweilen“ – zu versagen. Der PEN ist allein dem Wort, aus welchem Land auch immer, verpflichtet, nicht strategischen Erwägungen. Russischen Künstlerinnen, Künstlern, Publizistinnen, Publizisten usw. das Wort mitzuverbieten oder ein solches Verbot auch nur mitzutragen, wäre eine wie auch immer „moralisch“ begründete, sozusagen eigen- und öffentlichkeitsmoralgeleitete eklatante Verletzung der Carta.
      Wir werden sehen, wie der Vorstand sich entscheidet.

    2. Ich kann mich nicht erinnern, mit Sippenhaft argumentiert zu haben. Ich finde nur, dass man es dem Ukrainischen PEN (oder wem auch immer) nicht inmitten eines Krieges derart selbstgerecht vorwerfen kann, wütend zu sein und überzureagieren. Es ist eine verständliche Reaktion, die juristisch und moralisch angreifbar ist. Aber darum geht es mir nicht.

      Ich vermag nicht zu beurteilen, welche Autoren von einem solchen Boykott betroffen sind und wenn, dann kann und sollte man auch hier keine Gesinnungsprüfung vornehmen wie etwas bei dem Dirgenten und der Sängerin in Deutschland. Ich glaube nämlich nicht, dass die (sicherlich hoch dotierten) Verträge eine politische Gesinnungsklausel beinhalten. Zumal man über politisch Affinität der beiden Bescheid gewusst hat – sie hatten sie nie verborgen.

      Ich war im übrigen mit meiner Ansicht zur „inneren Emigration“ von Künstlern immer ziemlich alleine. Ich konnte und kann sie nämlich verstehen. Gerade jetzt auch in Russland (und auch China). Von ihnen eindeutige Statements zu verlangen, nur damit wir sie hier im saturierten Westen mit Wohlbehagen zitieren können, ist ein Unding.

      1. @Gregor Keuschnig: Ich denke auch, daß kein Künstler, schon gar nicht in einem Land wie Rußland, wo man nie genau weiß, ob man mit Gleichgültigkeit oder mit Haft bedacht wird, genötigt sein sollte, sein Haltung ostentativ herauszustellen. Wer es macht, ist sehr mutig, aber wer es nicht tut, hat ebensolche Gründe, zu schweigen.

        Mit der Sippenhaft meinte ich auch nicht Sie, sondern eben jenen Aufruf des Ukrainischen PEN. Der mag emotional nachvollziehbar sein, aber er ist unklug. Besser ist in solchen Dingen die Einzelfallprüfung. Und eben, daß kein Geld nach Rußland geht, solange Putin in der Ukraine sein Unwesen treibt. Rußische Kultur und russisches Denken gerade jetzt in den Westen zu vermitteln scheint mir dringlicher denn je. Denn es wird eine Zeit nach Putin kommen. Nicht morgen vielleicht, aber übermorgen.

  6. Darum geht es auch nicht, etwas zu verlangen. Mit welchem Recht dürften wir? Aber es gibt eben die Stimmen, die es von sich aus, mit allem Risiko, tun, und die dürfen nicht mit ausgeschlossen, sondern sie müssen im Gegenteil integriert werden. Nur das gibt ihnen weitere nötige Kraft.
    Ich habe mich → an den deutschen PEN gewandt, weil das Recht des freien Wortes in seiner Carta im Wortsinn grundlegend war und weiterhin ist; jetzt gegen alle russischen Künstlerinnen, Künstler, Literatinnen usw. stillschweigend einen Ausschluß zu unterstützen anstatt deutlich dagegenzuhalten, verstieße gegen diese Carta. Abgesehen davon, daß, was momentan passiert, geradezu völkisch ist, etwas, wovon wir Deutschen nun wirklich wissen, was so etwas heißt und welche Folgen drohen. Hier stehen wir in einer sehr speziellen Verantwortung. Es sind Putin und seine Machtclique, die diesen Krieg vom Zaum gebrochen haben; es ist nicht die russische Bevölkerung, nicht einmal der Teil, der indoktriniert wurde und weiterhin wird. Schon gar nicht aber sind es „alle“ russischen Künstler – von Profiteuren vom Schlage Netrebkos und Gergievs also abgesehen, und es gibt sicher auch „Parteiliteraten“. Das zu prüfen, ist aber eine Aufgabe jeweils einzeln. Ein ganzes Volk zu verdammen, ist selber faschistoid. (Hätte damals die freie Welt Sophie Scholl „ausschließen“ dürfen?)
    Ich bekam vorhin das Protokoll über den Vorgang in einer deutschen Schule, wo ein russischer Junge, achte Klasse, von den anderen niedergemobbt wurde, weil er „russisch“ ist – und der Lehrer deckte es. Wenn wir jetzt schon so weit sind, wird mir noch schauriger als sowieso schon.

    1. Dieser Vorfall ist schlimm und entsetzlich. Freilich: die Kinder können das leider oftmals nicht besser wissen, weil auch von Haus aus oft die Erziehung schon im argen ist. Aber vor dem Lehrer schaudert’s mich. Leider aber ist das etwas, was Kindern häufiger geschieht. So auch vor vielen Jahren meinem Neffen, der von einem anderen Kind geschlagen und bedroht wurde und der das der Lehrerin meldete, die darauf meinem Neffen sagte, daß Petzen sich nicht gehöre. Die Lehrerin kann froh sein, daß ich nicht der Vater des Kindes bin.

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