Von keinem Ruhm | und Ehre nur, soweit sie Ruhm verneint. Ein Totentanz als Arbeitsjournal des Donnerstags, den 10. März 2022. Darinnen als Motto „Russians“ von Sting.

[Arbeitswohnung, 10.41 Uhr
Sonne, so dankbar für die Sonne
(Kalt darf’s gerne sein).]

Um zwanzig vor sechs mit dem ersten Lied eines der beiden Amselhähne des zweiten Hinterhofes aufgestanden; der Wecker nervte erst, als ich bereits den Orangensaft preßte. Sofort an → die neuen Nachrichten dann | sowie die NZZ gelesen, sogar ein bißchen wieder zu Covid. Und bei Facebook geschaut, wo sich allerlei Kommentare angehäuft hatten, die teils deutlich gegen meine Meinung opponieren, mit einem Akzent auf der Biermann-Auseinandersetzung. Ich schreibe dazu nichts mehr, jede und jeder kann sich→ ein eigenes Hörbild verschaffen. Möglicherweise habe ich mich, aufgeregt, wie ich war, verhört. Ich möcht‘ es gerne glauben. Einige, die es nachhörten, stimmten mir zu, andere bestritten meinen Eindruck. Es ist der Mann nicht so wichtig. Die Bomben fallen weiter, wir werden des Entsetzlichen entsetzliche Zeugen. Und lauter werden → die Stimmen, daß „wir“ da eingeifen müßten; „wir“ meint die NATO, die so klug ist, ebendas nicht zu tun. Auch eine liebe Freundin, die mich bereits um sieben anrief, wollte den Kriegseintritt; wir stritten; sie, weil ich scharf wurde: „Du, ich bin nicht der Gegner!“ S i e ist die gläubige Christin, ich bin entschieden Pantheist und aber vertrat die Position ihres Glaubens. Das ließ uns beide stutzen, fast hätten wir gelacht. Taten wir nicht, die Situation läßt’s nicht zu. „Weshalb willst du, daß irgend etwas überlebt, wenn doch nur großes Elend ist?“ „Weil das Leben heilig ist, auch und gerade das unserer Kinder und der künftigen Generationen. Sowie des Lebens insgesamt, auch der Tiere und der Pflanzen.“

Schon wird spekuliert, daß → Putins Drohung nur bluffe; nicht nur der → Gutachsler Döpfner will das Risiko eingehen und → fordert es sogar; auch DIE ZEIT, siehe oben, → „spielt“ nun mit. Und bei Facebook wird ebenfalls häufig die Meinung vertreten, Putin wolle nur erschrecken und werde den Befehl nicht geben. Nur daß er bisher alles, ich wiederhole: alles, realisierte, was er angedroht hat; manchmal hat es nur so lange gedauert, bis wir’s vergaßen. Doch die eschatologische („Wir kommen in den Himmel, die andren werden ausradiert“) → Verkündigung[1]Als hätte er die → Johannesapokalypse verinnerlicht mit Rußland, bzw. sich selbst, als symbolischem Messias. Dem entspricht die Inquisitionsidee einer „Reinigung durch das Feuer“. des eigenen „Märtyrer“tods im „Waldai Club“, als meinetwegen letzter Alternative, liegt gerade mal dreieinhalb Jahre zurück. Die NATO-proEingriff-Stimmen haben den immer schon falschen Gedanken, es werde nie sein, was nicht sein darf; es ist ein Gedanke auch nicht, sondern Impuls einer nachvollziehbaren Ohnmacht. Darum wird sie irrational, gekleidet in Rationalität wie in des Kaisers neue Kleider.

Ein großes Elend wird nicht beseitigt, indem sich ein größres dazuschafft – auch wenn es unerträglich ist, die Bilder dieses Krieges zu sehen und letztlich tatenlos zu bleiben. Greifen wir militärisch ein, drehen wir mit an der Vernichtungsspirale. Von keinem Kind, das hierzulande getötet würde, wird ein totes Kind der Ukraine wieder lebendig werden; vielmehr kommt zu dem einen Opfer ein zweites hinzu. Zu einhundert umgebrachten oder siechenden Kindern kommen einhundert hiesige hinzu, im Fall eines Atomkriegs ein-, möglicherweise zehn-, nein, einhunderttausend, wenn wir in alle dann beteiligten Länder hineinsehn. Auf dreihundert aufgeplatzte Mägen, die Gedärme herausquellend, all die Schreie, jetzt, ja jetzt, addieren sich schließlich fünfhunderttausend. Dieses ist nicht der Weg, uns von einer Schuld zu suspendieren, die wir, ja, schon jetzt, → alle haben. Ob wir hinschaun oder nicht. Ob uns die Wut in den Knochen schäumt und daß wir es nicht ertragen können, wenn dieser Massenmörder siegt. Er wird wahrscheinlich siegen, doch nicht für lange Zeit, ganz abgesehen davon, daß selbst → ein neuer „Duce“sterblich durchaus ist. Und wenn ich – ich spreche bewußt nur von mir – damit auch nur ein einziges Kind retten könnte, würfe ich mich vor ihm in  den Staub. Und fräß ihn zur Wollust des Siegers auch auf. Doch führte meinen Widerstand mit anderen Mitteln als denen des Krieges dann fort. So wird es auch in Kiew kommen. „Kampf, nicht Krieg“ heißt es bei Ernst Bloch. Krieg ist ein, auf jeder Seite, Völkerverbrechen; entlastet sind davon nur die, über die er hereinbrach, ohne daß sie ihn riefen. Entlastet aber nicht in den Mitteln der Wehr.

Die Sprache der Helden wird wieder geführt, der Ehre auf dem Schlachtfeld, wo Ehre gar nicht sein kann, sondern nichts als Mord, und nicht einmal der Täter. Karl Kraus hat dem Krieg sein Spiegelbild → deutlich als Sprache gezeigt. Selbst die Ermordung eines Tyrannen ist nichts, das zu Ehre führte; Notwehr ist kein Ehrakt, sondern Abwehr von Not und im besten Fall ihr Ende. Es wird erneut von Ruhm gesprochen, gerufen, mit Ruhm agitiert, und nicht nur auf der Seite des Aggressors. Die alten Parolen tauchen wieder auf. SIEG ODER TOD. (→ „Lieber tot als rot“ war eine reichsdeutsche Variante, nicht  minder widerlich; in der Weimarer Republik, → Versailles halber,  „Lieber tot als Sklave“. Woraus dann Hitler erstand.) Den gleichen Ton schlagen die Döpfners nun und → Herzingers an, beide sozialisiert in des Axel Springers ideologischer Schmiede. Es ist der thanatische Zungenschlag, der giftige Odem → Cthulhus. Töten für Wotan steht auf den Wappen des ukrainischen → Regimentes Asow. Ich möchte schreien, so sehr will ich warnen. Hier wirkt der Todestrieb, eine  pervers libidinöse Besetzung eines gemeinsamen Unterganges aus, als allgemeiner Verschmelzung, ja Amalgamierung von Menschheit, atomarem, sich zersetzendem Brei, Säuglinge, Kleinkinder, Kinder, Teenies, Jugendliche, junge Erwachsene, Erwachsene, Reife, Alternde, Alte, weiblich wie männlich und alles dazwischen. Die große Verbindung im Tod. Blut, Pisse, Scheiße, Galle, Magensaft, Lymphe, alles verrührt. Vereint im Gestank, Mösen, Schwänze, Ärsche, Brüste, Därme, Speiseröhren, Zähne, Augäpfel, Ohren, Gehirnmatsch. Dies irae dies illa, Solvet saeclum in favilla: Teste David cum Sibylla.

Wenn wir werden, und so wird es, fürchte ich, kommen, Kiew als ein → zweites Grosny erleben, werden wir vor Schande nicht mehr ein noch aus wissen, zugleich aber auch, daß das Kiew-zuvor sich n i c h t aus den Trümmern Londons, Berlins, denen von Paris und Brüssel und auch aus weder denen Washingtons noch New York Citys wieder aufrichten wird und schon gar nicht aus unserem schlechen Gewissen. Doch unsere Kinder, den Göttinnen sei Dank, werden gar nichts verstehen, ihrerseits geängstigt sein, verstört, all das – nicht aber lebenslang traumatisiert, geschweige denn, falls sie noch leben, dieses Leben lang strahlengeschädigt. Sie werden uns eines Tages vorwerfen, wir hätten nichts getan, mag sein. Auch das haben wir zu tragen. Ich wiederhole es: Wir haben sie zu schützen, und sei es mit unserer Schande; wer sie sehenden Auges auch nur dem Risiko – und egal, als wie gering es eingeschätzt wird, Schätzung bleibt es immer[2]Mein Logiklehrer Trapp, am Philosophikum Frankfurt am Main: „Wahrscheinlichkeit hat keine Wahrheitsfunktionalität“ – eines atomaren Krieges aussetzt, ja selbst eines konventionellen, macht sich schuldig noch über die Schande hinaus. Die wir zu tragen haben, ja. Und einige → schätzen das Risiko durchaus nicht klein ein; das kommt hinzu. Ich bin der einsame Warner n i c h t, schon gar nicht in der Wüste.

Die Sprache des Helden wird wieder gesprochen. Ruhm, Ehre, Vaterland. Der mittelalterliche Vasall, der für den Fürsten, und mit ihm, ins Feld zog als Preis für sein Lehen. Leben für Land. Darin schwingt noch die Herkunft des indogermanischen (aspiriert zu sprechen) khel mit, nämlich „Bauer“ und „Wirt“, was freier Bauer meinte, sowie hkal, „harte Haut“ oder „Schwiele“, die noch von wirklichem Arbeiten zeugt, dann mehr und mehr mißbraucht wie auch „Handwerk“ für Krieg, „Kriegshandwerk“ also, wo eben nicht mehr erbaut, sondern rückgebaut wird, niedergerissen. Held Italiens, Held Frankreichs, Held der US Army, Held des Deutschen Reiches, Held der Sowjetunion, überall Erschaffen ins Gegenteil verkehrt, doch unter selbem Namen („Held der Arbeit“ erst rückt‘ es ein wenig zurecht, aber auch da ideologisch: im Hintergrund Waffen, Zerstörung also erneut). Held der Ukraine, Held des russischen Reiches. Und nunmehr Helden der NATO?

Niemand, der etwas vernichtet, ist Held, auch die und der nicht, die sich verteidigen. Sie handeln aus Notwehr allein. Das ist ein Grund zur Trauer, nicht für Triumph. Triumph ist die Zeugung, Triumph ist Empfängnis, jede einzelne je für sich, hinter jeder geschlossnen Gardine, jedem gefallnen Rollo. Triumph ist Orgasmus[3]Zu ὀργάω orgáō „strotzen“, „glühen, „heftig verlangen“., Ekstase[4]Von ἐξ-ίστασθαι, ex-hístasthai: „aus sich heraustreten“, „außer sich sein“, nämlich „über sich h i n a u s!“. Zu zeugen und zu empfangen sind heilige Schöpfung. In diesem Weltall ist Leben so rar, so unendlich kostbar, wir suchen so lang schon nach anderem Leben und können’s und können’s nicht finden. So sind wir allein, und wir bringen uns um. Und wolln jetzt den Alltod riskieren. Wir alle? Nein, wir alle nicht. Aber manche. Und reißen uns mit.

Es kann sein, daß ich mich irre. Es kann sein, daß Putin nicht auf den Knopf drückt oder jemand den Befehl verweigert. Es kann sein, daß ein Eingriff der NATO die Ukraine schützt und nicht die Welt ins Entsetzen stürzt. Ich weiß es nicht. Wär es aber so, wär ich dankbar und bekennte dankbar meinen Irrtum, nennte meine Gründe, verteidigte sie zwar noch immer, denn feig warn sie nie, aber im Wissen, wie falsch die Bedenken gewesen. Und gäbe dies Wissen auch zu. Jetzt aber, noch, vertrete ich sie – auch wenn ich, wie die meisten von uns, so vieles nicht weiß, derartig vieles erfahrend, das einander widerspricht, und nicht, außer wenn ich glaubte, wissen kann, was ist „Verschwörungstheorie“, was nicht. Viele scheinbare Fakten kann ich nicht überprüfen, bin immer auf Lesen und Zuhörn angewiesen, und auf Hinschaun. Allein auf mein eigenes Denken für sich. Niemand nehm‘ es mir ab! Sowie auf Vertrauen, das ich nicht habe noch jemals hatte. Der „öffentlichen Meinung“ ist so wenig zu trauen wie ausgewiesner Experten und vereinzelten Stimmen,  die abseitig wirken, Gründe aber ihrerseits nennen. Dann muß ich die wieder glauben oder nicht. Es ist dies unser a l l e r Situation.

Der Sprache aber können wir trauen. Wenn wir ihr mißtrauen. Es wird wieder die Sprache der Helden gesprochen. Statt dessen an die Botschaft des Christentums denken. An Mahatma Ghandi denken und |

an das ewige Spinnrad.

Миру Українi
ANH
15.06 Uhr, Berlin

References

References
1 Als hätte er die → Johannesapokalypse verinnerlicht mit Rußland, bzw. sich selbst, als symbolischem Messias. Dem entspricht die Inquisitionsidee einer „Reinigung durch das Feuer“.
2 Mein Logiklehrer Trapp, am Philosophikum Frankfurt am Main: „Wahrscheinlichkeit hat keine Wahrheitsfunktionalität“
3 Zu ὀργάω orgáō „strotzen“, „glühen, „heftig verlangen“.
4 Von ἐξ-ίστασθαι, ex-hístasthai: „aus sich heraustreten“, „außer sich sein“, nämlich „über sich h i n a u s!“

Über Alban Nikolai Herbst

https://de.wikipedia.org/wiki/Alban_Nikolai_Herbst
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5 Antworten zu Von keinem Ruhm | und Ehre nur, soweit sie Ruhm verneint. Ein Totentanz als Arbeitsjournal des Donnerstags, den 10. März 2022. Darinnen als Motto „Russians“ von Sting.

  1. franzsummer sagt:

    „Ich möchte schreien, so sehr will ich warnen. Hier wirkt der Todestrieb, eine pervers libidinöse Besetzung eines gemeinsamen Unterganges aus, als allgemeiner Verschmelzung, ja Amalgamierung von Menschheit, atomarem, sich zersetzendem Brei, Säuglinge, Kleinkinder, Kinder, Teenies, Jugendliche, junge Erwachsene, Erwachsene, Reife, Alternde, Alte, weiblich wie männlich und alles dazwischen. Die große Verbindung im Tod. Blut, Pisse, Scheiße, Galle, Magensaft, Lymphe, alles verrührt. Vereint im Gestank, Mösen, Schwänze, Ärsche, Brüste, Därme, Speiseröhren, Zähne, Augäpfel, Ohren, Gehirnmatsch. Dies irae dies illa, Solvet saeclum in favilla: Teste David cum Sibylla.“

    Ich verstehe Sie ja, Sie wollen bis zum Schluss genau hinsehen und die Häßlichkeit benennen wie sie ist, das ist Ihre Kunst, aber es muss nicht die Wahrheit sein. Ich habe einige Menschen erlebt und mitansehen müssen, wie sieLeid empfanden, das lange Sterben… und zum Schluss ein entspanntes, fast seliges Lächeln der Erlösung im Gesicht, als würde ihnen zum Schluss ein Geschenk zuteil, vielleicht passiert das am Ende der ganzen Menschheit. Ich habe gelesen in dem Link, den sie hier eingebaut haben, dass die großen Atombomben die tausendfache Zerstörungsenergie heutzutage besitzen, wie sie die Hiroshimabombe hatte. Ich glaube nicht, dass auch nur ein Opfer es registrieren wird, ein völlig schmerzvoller Tod wird es sein in o Sekunden zum Sternenstaub. Eigentlich muss niemand Angst haben. Eventuell ein paar der überlebenden Täter in Bunkern, die nicht tief genug sein werden, ja sie müssen leiden, doch das sind nicht wir. Das ist wahrscheinlich die einzige Chance, dass es nicht stattfindet, oder ?

    • Haben Sie Ihren Verschreiber bemerkt? „Ein völlig schmerzvoller Tod wird es sein“; Sie wollten „schmerzloser“ schreiben.
      Aber dieses beiseite.
      Nicht die ganze Welt wird untergehen, wir haben unscharfe Ränder. Da dann wird das Leid sein. Doch auch davon abgesehen. Ich will nicht, daß mein Sohn nicht lebt, will nicht, daß meine Zwillinge nicht leben. Sie sollen im Fluß des Lebens, das die Zeit ist, weiter mit-, sei es -„treiben“, sei es -„schwimmen“; ich will, kurz, daß das Leben weitergeht. Ich möchte neue Lieder von der Erde, mit neuem „Der Abschied“, möchte neue Pettersson Nr. VII, neue Rosenkavaliere und Ulisses‘, nächste The Handmail’s Tales. Ich möchte neues Glück in den Herzen und, was dazugehört, neue Trauer. Und die Gesänge dazu. Ich möchte neuen Aufruhr und neue Befriedung, möchte nächste Liebeskummer und Liebeserfüllung – ach, das erste Mal, daß ein Frau zu mir sagte „Ich will von dir ein Kind“ – und als es dann kam und daß ich’s mit meinen Händen herauszog und, neben der Ärztin, der erste war, der es sah, eher als die Mama – mein Sohn soll das erleben, anderer Söhne solln es erleben, und die Frauen, wie wir, und sei’s nur für kurzes, eines sind in dem, ja, Moment. Und wie s i e Leben geben, nicht nehmen. Ich kann es n o c h „romantischer“ sagen: Ich möchte, daß die Natur angeschaut wird, weiterhin, sie selbst, aller Wahrscheinlichkeit nach, kann es nicht. Schönheit entsteht, indem etwas wahrgenommen wird, dem wir die Schönheit geben, eben weil wir anschauen und unversehens bewundern. Eine Ende von allem nähme das aus der Welt, die dann allein noch blind das Weltall wäre, das leere, in dem, weil sie so langsam vergeht, nicht einmal noch die Zeit sich wahrnehmen könnte. Schönheit braucht die schnellere Zeit, die immer schon „Vergeh“ sagt, aber nicht das Vergehen von allen, die sehen, meint, sondern jeweils der Einzelnen, deren Lebenszeit von anderer Lebenszeiten überlappt wird; ich werde geboren, da leben wohl meine Urgroßeltern noch, die bald sterben, doch noch sind die Großeltern da, dann nur noch die Eltern, und wir, natürlich, und wenn dann wir auch gehen, sind unsere Töchter und Söhne noch da und all der anderen Töchter und Söhne. So geht es fort, bis sich eines Tages die Sonne aufbläht, um danach in sich selber einzustürzen. Aber da sind die Menschen bereits auf andre Himmelskörper verstreut, und mit ihnen ist es, was uns so auszeichnet, Kunst. Manchmal denke ich – wie gesagt, alles sehr (das Wort in naivem Sinn verwendet) – „romantisch“, daß wir, so fühle ich’s, eine Mission erfüllen solln: Wir tragen die Künste ins All, auch → im Sinne Benjamins: „Einen Inhalt der Sprache gibt es nicht; als Mitteilung teilt die Sprache ein geistiges Wesen, d. i. eine Mitteilbarkeit schlechthin mit.“ Was bedeutet, daß unser sprachliches Vermögen auch, durch uns, der Natur, die sonst zum Schweigen verdammt wäre, die Sprache gibt, und zwar ihre, ihre eigene. „Der Mensch allein hat die nach Universalität und Intensität vollkommene Sprache.“ Hier, abgesehen von den entsetzlichen Einzelschicksalen und selbst dann, wenn wir Menschen, wie Sie meinen oder hoffen, ihren Untergang gar nicht erlebten, also nicht bewußt, läge die eigentliche Katastrophe: Daß mit uns auch das Ausdrucksvermögen der Natur insgesamt vernichtet würde. Verse, wie die folgenden, dürfen niemals vergehen, und damit auch die Menschen nicht, die allein befähigt sind, sie auszusprechen (in altem Sinn: sie zu singen):

      In dem salz’gen Schaum der Fluthen
      Mahlen dem Delphin, der Königv
      Unter Fischen ist, die Schuppen,
      Die er silbern träg[t] und golden,
      Auf die dunkelblauen Schultern
      Kronen, und man sah wohl schon
      Aus der wüsten Wuth des Sturmes
      Ihn ans Land die Menschen retten,
      Daß sie nicht im Meer versunken …
      Ist nun unter Thieren, Fischen,
      Vögeln, Pflanzen, Steinen, kundig
      Solche Königs-Majestät
      Des Erbarmens: billig muß es
      Auch bey Menschen gelten, Herr.
      Calderon, „Der standhafte Prinz“

    • franzsummer sagt:

      Smile, danke, schmerzlos für uns, aber extrem schmerzvoll für die überlebenden
      Täter, sie werden leiden, wenn sie einsam sind. Ich bin überzeugt, es wird nichts von der Menschheit übrig bleiben, sollte es einen dritten Weltkrieg geben. Leider auch nicht die Verse.

  2. franzsummer sagt:

    es haben sich schon Wissenschaftler mit dieser Frage beschäftigt, man findet bspw. das im Internet:

    https://www.futurezone.de/science/article228069445/duestere-zukunft-was-waere-wenn-es-keine-menschen-auf-der-erde-gebe.html

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