Ukraine-Dialoge XIV: Bereit für den Atomkrieg? Monika Maron | R.I.v.Steglitz | P.H.E.Gogolin | ANH. (Die Sprache der Helden, 5).

[Der vollständige Kommentarbaum → dort bei FB.]

26. März 2022, 12 Uhr

Reni Ina von Stieglitz
(…) Und all die, die den Krieg mit kreischender Stimme herbeirufen, sollten sich an Hiroshima, an den Vietnamkrieg erinnern und sich mal historische Aufnahmen ansehen!! Und all die Stellvertreterkriege, die danach kamen!! Niemand kann so ein Elend wollen. Wenn es noch einen Funken Verstand gibt, lasst diesen Funken lebendig werden in der Welt. Lasst uns nicht handeln wie dumme Jungs auf dem Schulhof. Nach dem Motto: Haust Du mir eine rein, haue ich Dir doppelt eine rein!!

Monika Maron
Es i s t schon Krieg.

ANH
In übertragenem Sinn, etwa „Wirtschaftskrieg“, stimmt das, konkret ist die Aussage, bezogen auf die EU-Länder, falsch. Wäre hier Krieg, würde hier gekämpft, fielen Bomben, schlügen Maschflugkörper ein. Zumal stehen in der Ukraine keine europäischen (NATO-)Kampfverbände unter Waffen, geschweige daß sie in Gefechte verwickelt wären. Allerdings gibt es einige Deutsche, die dort als Söldner kämpfen, darunter → ziemlich unangenehme Typen, aber sie kämpfen da nicht in bundesdeutschem oder irgendeinem sonst europäischen Auftrag, sondern als Privatpersonen.

Monika Maron
Ist ein Krieg, der nicht in Deutschland stattfindet, kein Krieg?

ANH
Doch, das ist er. Aber so gesehen, ist immer Krieg. Deshalb ist die Aussage, es sei schon Krieg, ohne weiterführende Information. Da Sie ihn aber in den Kommentarbaum unter einen Beitrag zum Ukrainekrieg geschrieben haben, wäre er als Kommentar zu diesem also entweder tautologisch, oder er sollte insinuieren, daß h i e r bereits Krieg sei. (Ich schreibe dies weniger Ihretwegen, die sehr genau weiß, was ich meine, sondern für andere Leserinnen und Leser, die indirekte Beeinflussungsversuche nicht so schnell durchschauen. Zur, ich schreibe einmal, „Mechanik“ rhtorischer Manipulationen habe ich → dort ausführlicher geschrieben.)

Reni Ina von Stieglitz
@ Monika Maron: …was für eine Frage! Und wie könnte die Lösung aussehen?

Monika Maron
@ Reni Ina von Stieglitz: Warum maßen sich einige Leute an, das für die Ukrainer zu entscheiden? Die Ukrainer wollen nicht kapitulieren. Und bisher bietet Putin mehr als die Kapitulation nicht an.

ANH
Wo hat Frau von Steglitz der Ukraine die Kapitulation empfohlen? In diesem Kommentarbaum jedenfalls nicht. (Niemand von uns hat das Recht, sowas zu „empfehlen“. W a s wir allerdings sagen dürfen, ist, daß w i r – jeweils eine einzelne, ein einzelner – sie für klüger hielte. Was ich übrigens n i c h t tue. Ich finde nur problematisch, daß Männer zwischen 18 und 60, die nicht kämpfen wollen, nicht fliehen dürfen und also gezwungen werden, wie sowieso, daß es auf „Männer“ gemünzt ist, als wären nicht Frauen ebenso gut, vielleicht ja sogar besser im Kampf. Mich stört dieses patriarchale, zusammen mit dem „heldischen“ „Denken“. Aber auch darüber habe ich schon deutlich geschrieben und habe indes keine Lust, auch das zu verlinken. Wer will, findet es in Der Dschungel sehr schnell.)

Monika Maron
Es müssen nicht alle Männer mit der Waffe kämpfen. Außerdem kämpfen auch Frauen, 20% habe ich gelesen. Aber daß die Mütter mit den Kindern fliehen, ist doch das Vernünftigste, was Menschen tun können, ihre Zukunft schützen. Ich habe übrigens nichts gegen Helden.

ANH
Es gibt keine Helden, und die es gab, sind entsetzlich. Das wissen Sie selbst. Die Kämpferinnen und Kämpfer in der Ukraine sind Menschen, die in Notwehr kämpfen. Und es ist grandios, mit welchem Mut und welcher Bereitschaft sie sich verteidigen. Helden aber sind sie nicht. Wer den Begriff „Held“ verwendet, macht sich zum Täter. (Franz Schubert war gewiß kein Held, Johann Sebastian Bach auch nicht – lesen Sie nur mal seine demütigenden Bettelbriefe oder hören Kagels „St. Bach Passion“ -, aber beide haben für die gesamte Menschheit höhere Werte geschaffen als, wer fällt mir ein?, na gut, der „rote Baron“ oder Montgomery oder Alexander der „Große“. Herakles war ein Meuchelmörder, Odysseus nicht minder, Achill ein Menschenschlächter wie Hektor, sein Gegner. Und und und. Wenn wir uns jetzt wieder dieser Sprache bedienen, ebenso wie, wenn wir „Nation“ – jede ist → auf Krieg gegründet – für einen Wert halten, werden wir Kriege fortsetzen und fortsetzen. Ich selber bin, das wissen Sie, ein höchst kämpferischer Mensch und in meinem Leben sehr viele Risiken eingegangen, auch solche, die den Tod riskierten, aber Krieg lehne ich ab, werde also niemals Krieger sein. Und bin dafür sehr dankbar. Sie, Frau Maron, sind gerade dabei, sich schuldig zu machen, s c h w e r schuldig – wenn auch, was ich sofort zugestehe, aus guten, weil menschlichen und also nachvollziehbaren Gründen.)

Monika Maron
Held ist kein Beruf. – Und wenn Sie mir nun bitte noch erklären wollten, womit ich mich schwer schuldig mache?

Peter H. E. Gogolin
Zumindest mich machen Sie sehr ärgerlich mit diesem Heldengerede, liebe Frau Maron. Ich weiß nun nicht, ob Sie von den Medien noch sonderlich wahrgenommen werden, aber falls nicht, so könnte man das sicher auffrischen. Wie wäre es mit einem Artikel in der ZEIT „Ich habe nichts gegen Helden – Monika Maron zum Ukraine-Krieg“. Das würde doch was bringen, oder hatten Sie das eh schon vor?

ANH
Ich finde Gogolins, mit dem ich sehr befreundet bin, Anwurf nachvollziehbar, aber unangemessen, weil ebenfalls eine ironische Attacke. Sowas bringt uns nicht weiter. – Weshalb aber Sie sich aus meiner Sicht schuldig machen, steht oben schon in meiner Antwort auf Ihr rhetorisches „Es ist schon Krieg“. Solche Aussagen – in diesem Zuammenhangshof – lassen (oder sollen es lassen) etwas fühlbar werden, das noch nicht ist – als etwas, das aber werden solle. Da ich meinerseits dagegen kämpfe, daß es werde, nämlich ein – aus NATO-Verpflichtung – gesamteuropäischer und sehr schnell atomar geführter Krieg, werde ich mit Recht alle schuldig nennen, die ihn riskieren wollen.

Monika Maron
In der Ukraine ist Krieg. Das habe ich gemeint, der Rest ist Ihre Interpretation. Ich gehe davon aus, daß Sie und Ihr Freund Putin auch das Baltikum , vielleicht auch Polen überlassen würden, weil es ja sonst einen Atomkrieg geben könnte. Ich denke, es ist nicht so einfach mit der Schuld und der Unschuld.

Peter H. E. Gogolin
Ich bekenne, ich war ironisch zu Frau Maron, doch finde ich das nicht unangemessen. Für mich ist die Ironie die Verkleidung, die das Licht der Vernunft wählt, wenn im dräuenden Dunkel der Kampfarena die ernsten Argumente aufeinander einschlagen.
PS: Keine Angst um Polen, liebe Frau Maron, Präsident Biden hat es doch heute → zur „heiligen“ Pflicht erklärt, Polen zu verteidigen. Putin soll nicht einmal daran denken, auch nur einen Zentimeter auf NATO-Gebiet vorzudringen. Da ist also alles gut, sonst bekommen wir am Ende noch „heilige Helden“ oder Helden, die ihre heilige Pflicht tun. Und Gogolin in Polen, das Land meiner heiligen Herkunft, wäre dann genauso verwüstet wie der Rest der Welt. Das wollen wir doch alle nicht, oder?

ANH
Daß in der Ukraine Krieg herrscht, haben wir alle gewußt. Wenn Sie es uns noch einmal schreiben, hatten Sie einen anderen – bewußt ungenannten – Grund, als zu informieren, daß er sei. Sie wollen rhetorisch manipulieren. Insofern ist „der Rest“ nicht meine Interpretation. — Und, nein, es ist s c h w e r mit der Schuld, deren Gegenteil, im Fall eines Atomkriegs sowieso, ganz sicher nicht Unschuld ist – ein Wort, das einen völlig anderen (Mit)Bedeutungshof als „Schuld“ hat. „Unschuld“ per se ist sexuell belegt, „Schuld“ nicht (es sei denn, es liegt eine strafbare Handlung vor); Sie sind in Ihren Begriffen leider nicht präzise. – Aber um Ihre Frage zu beantworten: Ja, zur Vermeidung eines Atomkriegs würde ich nicht nur Polen, sondern auch Deutschland Putin überlassen, sogar ganz Europa – allein schon, um das Leben meiner Kinder zu schützen, das im Fall des Atomkriegs vorbei wäre. Es ist dies Vaterpflicht, und Mutterpflicht genauso. Außerdem hieße solche „Überlassung“ ja nicht, keinen Widerstand mehr zu leisten. Der, und zwar auch bewaffnet (ich bin kein Pazifist), ginge selbstverständlich weiter, aber eben „konventionell“. Und von mir mitgetragen. Ein Atomkrieg aber wäre das Ende j e d e r Menschlichkeit, jedenfalls in großen Teilen der Erde. Wie die dann aussähe, haben uns zahllose Dystopien schon vor Augen geführt, woran auch ich selbst mitgewirkt habe. Meine Vorstellungskraft ist zu plastisch, selbst meine, ich schreib mal, „Vorhersagen“, vor allem in dem → Thetisroman, waren zu erschreckend genau, um auch nur das Risiko eines Atomkriegs für eine „quantité négligeable“ zu halten. Wie es offenbar Sie tun. Sollt‘ ich mich da irren, bät ich um Verzeihung.

Sonntag, 27. März 2022, 8.52 Uhr

Monika Maron
Wenn Sie sogar über meine Motive besser Bescheid wissen als ich, können wir das hier beenden.

ANH
Das können wir so oder so. (Ich weiß über Ihre Motive v i e l l e i c h t besser bescheid, vielleicht auch sehr viel schlechter oder auch gar nicht. Also nehme ich Ihre Wörter beim Wort. Was Poeten halt so tun. Doch nebenbei: Es gab durchaus schon Menschen, die über meine Motive besser bescheid wußten als ich oder mir halfen, sie erst zu erkennen. Insofern ist Ihr Argument neuerlich rhetorisch. – Im übrigen habe ich geschrieben: „Sollt‘ ich mich da irren, bät ich um Verzeihung.“ Insofern mein „Bescheidwissen“ schon selber infrage gestellt.) Festhalten können wir, daß Sie einen Atomkrieg inkauf nehmen würden. Und nochmals g e f r a g t: Oder irre ich mich da?

Monika Maron
Sie irren sich.

ANH
Gut.

Über Alban Nikolai Herbst

https://de.wikipedia.org/wiki/Alban_Nikolai_Herbst
Dieser Beitrag wurde unter Hauptseite, Krieg, Ukraine-Dialoge abgelegt und mit , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , verschlagwortet. Setzen Sie ein Lesezeichen auf den Permalink.

7 Antworten zu Ukraine-Dialoge XIV: Bereit für den Atomkrieg? Monika Maron | R.I.v.Steglitz | P.H.E.Gogolin | ANH. (Die Sprache der Helden, 5).

  1. Reni Ina von Stieglitz sagt:

    Ja, über die Sinnlosigkeit dieses Krieges nachzudenken, führt auch zu nix.
    Von Anfang an fand ich die Idee der Einrichtung einer „neutralen Zone“ für praktikabel, inzwischen ist die Krise dermaßen künstlich hochgepuscht, dass selbst das „Schlimmste“ denkbar wird… die Luft in diesem Land (also hier, selbst in Norddeutschland), „stinkt“ inzwischen nach „Krieg und Tod“, frische Luft? Nur noch wenn kräftig der NordWestWind pustet… Soldatentum/Heldentum, mit den Begriffen kann ich nicht wirklich etwas anfangen. Einfach die Waffen niederzulegen, um das Land nicht völlig dem Erdboden gleichzumachen und um Menschen zu schützen, das hätte etwas Gutes.
    Die Folgen dieses Wahnsinns wird Europa in die Knie zwingen, was die Finanzierung der „sozialen“ Verhältnisse angeht…
    GOOD TIMES ARE OVER…RIvS.(c).

  2. franzsummer sagt:

    Wir sind schon im Krieg, da ist schon was Wahres dran, wenn man es grimmig philosophisch ausdrücken möchte. „Der Krieg ist nur die Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln“. Also so gesehen ist vor dem Krieg schon Krieg und nach dem Krieg wieder Krieg. Schon immer ist Krieg und war Krieg. Philosophen sind oft grimmig gegen Menschen an sich. Einmal ist es eine Vorbereitung und dann eine Nachbereitung. Man müsste also die Politik abschaffen, wenn man nie wieder Krieg möchte. Doch wer versteht das schon philosophisch, wenn es um eine ganz normale aktuelle Frage geht: „Würdest du eine Waffe in die Hand nehmen und einen Russen totschießen?“ Ganz zu schweigen davon, sogar einem Atomkrieg zustimmen? Schließt den Himmel!
    Mit welcher Begründung auch immer. Vielleicht so gar mit heiligem Heldenmut die heilige Ukraine verteidigen, egal ob es überhaupt gelingen kann oder nicht, bereit das eigene heilige Blut vergießen. Du fühlst dich dann einfach besser. Also, bis zur Sekunde, wo alles vorbei ist, ein Heldentod sterben. Danach fühlst du wie alle anderen Toten auch, nichts mehr.
    Da sage ich als Pazifist: NEIN. Ich würde mich eher selbst totschießen lassen, aber nie einen anderen töten. Punkt.
    Was mein Kind und meine Kindeskinder angeht, müssen sie es für sich selbst entscheiden. Da bin ich machtlos.
    Politiker, die anderen befehlen, sich zu „opfern“, für die Freiheit, für die Heimat, für was auch immer, halte ich für Verbrecher.

  3. franzsummer sagt:

    Übrigens, was mich gestern verwundert hat, der Präsident der USA sagte gestern über den Präsidenten Russlands, dieser wäre ein „Schlächter“. Neulich erst hatte ja der Präsident der USA ziemlich überstürzt für den Abzug der Soldaten aus Afghanistan entschlossen, wobei leider, leider etliche „Ortskräfte“ geopfert wurden. War das eine Schlächterhandlung? Oder einfach nur etwas, was unter Politikern so üblich ist? Nun, die einen sind Heilige, die anderen nicht, sorry. Ist alles Krieg. Politik.

    • Was ich nun seit knapp vier Wochen immer wieder beschreibe: Auch bei uns wird Propaganda gemacht, teils mit – wie zur Zeit u.a. bei Facebook – → persönlichen Diffamierungen usw. All dies stimmt – und soll es wohl auch – auf einen auch von uns geführten Krieg ein. Wer einen kritischen Ton wagt, wird unversehens zum „Putinversteher“ oder gilt als gegen die Ukraine. Die Ukrainer sind – alle – „gut“, die Russen alle „böse“. Die Wahrheit ist aber komplexer, indes mit dem Nachteil, daß, über Komplexion nachzusinnen, weniger wehrfähig macht, weil man ja totschießen soll. Und denkt man eine Sekunde lang nach, ist man schon selbst totgeschossen. Das zu vermeiden, wird grad trainiert, wenn auch bislang nur rhetorisch.

  4. franzsummer sagt:

    Gegen den Hass

    Jemand hat einen Beitrag in meinem Blog angeklickt. Es passt wohl, da dort auch das Lied verlinkt wurde aus einem andren Grund:

  5. Natascha Wodin sagt:

    Danke, lieber Alban Nicolai Herbst. Sie sprechen mir aus der Seele. (Ich war übrigens dabei, wie Sie mal während einer Lesung von Peter Kurzeck in Frankfurt einen Nikolaus geohrfeigt haben).

    • Danke, liebe Natascha Wodin. An den Nikolaus – ich nehme an, Sie beziehen sich → darauf – kann ich mich leider nicht mehr erinnern. Aber an eine andere Szene in den Entstehungszeiten des Wolpertingerromans, aus dessen Typoskriptfortgang ich in nicht einmal kleinem Kreis privat wöchentlich vorlas. Einer der Diskutanten wandte ein, die Welt sei ein Text (Sie erinnern sich gewiß an diese Zeit) – woraufhin ich abrupt aufsprang, den nicht sonderlich schwachen jungen Mann in die Klammer nahm und mit einem Ogoshi-Wurf zu Boden brachte. „Das also war ein Text“, sagte ich. Hettche, der dabeiwar, kann es sicher noch bezeugen.

      Den Aufruhr danach können Sie sich vorstellen, die halbe Gesellschaft verließ entrüstet meine Wohnung. Die Lehre aber, denk ich, saß.

      (Ich empfinde es als Ehre, daß Sie in Der Dschungel kommentieren.)

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahren Sie mehr darüber, wie Ihre Kommentardaten verarbeitet werden .