Fürchterlichkeiten. Friedrich Nietzsches Unentbehrlichkeit des Krieges. Mit einer Aufrüstungsspekulation, für deren Gültigkeit sogar Dreadlocks ein Indiz sind.

 

 

 

Der Krieg unentbehrlich.
Es ist eitel Schwärmerei und Schönseelentum, von der Menschheit noch viel (oder gar: erst recht viel) zu erwarten, wenn sie verlernt hat, Kriege zu führen. Einstweilen kennen wir keine anderen Mittel, wodurch mattwerdenden Völkern jene rauhe Energie des Feldlagers, jener tiefe unpersönliche Hass, jene Mörder-Kaltblütigkeit mit gutem Gewissen, jene gemeinsame organisierende Glut in der Vernichtung des Feindes, jene stolze Gleichgültigkeit gegen große Verluste, gegen das eigene Dasein und das der Befreundeten, jenes dumpfe erdbebenhafte Erschüttern der Seele ebenso stark und sicher mitgeteilt werden könnte, wie dies jeder große Krieg tut: von den hier hervorbrechenden Bächen und Strömen, welche freilich Steine und Unrat aller Art mit sich wälzen und die Wiesen zarter Kulturen zu Grunde richten, werden nachher unter günstigen Umständen die Räderwerke in den Werkstätten des Geistes mit neuer Kraft umgedreht. Die Kultur kann die Leidenschaften, Laster und Bosheiten durchaus nicht entbehren. — Als die kaiserlich gewordenen Römer der Kriege etwas müde wurden, versuchten sie aus Tierhetzen, Gladiatorenkämpfen und Christenverfolgungen sich neue Kraft zu gewinnen. Die jetzigen Engländer, welche im Ganzen auch dem Kriege abgesagt zu haben scheinen, ergreifen ein anderes Mittel, um jene entschwindenden Kräfte neu zu erzeugen: jene gefährlichen Entdeckungsreisen, Durchschiffungen, Erkletterungen, zu wissenschaftlichen Zwecken, wie es heißt, unternommen, in Wahrheit, um überschüssige Kraft aus Abenteuern und Gefahren aller Art mit nach Hause zu bringen. Man wird noch vielerlei solche Surrogate des Krieges ausfindig machen, aber vielleicht durch sie immer mehr einsehen, dass eine solche hoch kultivierte und daher notwendig matte Menschheit, wie die der jetzigen Europäer, nicht nur der Kriege, sondern der größten und furchtbarsten Kriege — also zeitweiliger Rückfälle in die Barbarei — bedarf, um nicht an den Mitteln der Kultur ihre Kultur und ihr Dasein selber einzubüßen.

Man könnte aber auch von einem selbstregulativen Prozeß der Natur sprechen – dort, wo der Mensch sich überhebt. Er, der Krieg, bringt dann b e i d e Seiten um, uns — darin die Ukraine, wie sie es verlangt, als, ja, europäischen Staat selbstverständlich enthalten — u n d die russische Nation, die zu einem kulturell wichtigen Teil ebenfalls Europa ist. Hier wird nicht mehr geschieden, Tsunamis differenzieren so wenig wie Erdbeben und Sandstürme. Auch Hoffnungsträger, etwa mein Sohn und seine Generation, werden darin zerrieben, zumal sogar Bewegungen wie Fridays for Future, diese etwa vermittels → des Ausschlusses Ronja Maltzahns, kräftig daran mitwirkt. Der humanistische Fortschritt frißt seine Kinder, wenn die Barbarei an ganz anderer Stelle, als wir sie vermuten und analysieren, also außerhalb unsres rationalen Vermögens, der Wirkgrund eines Krieges ist, jenseits nämlich menschlicher Schuldkategorien. So daß auch das Wort „Barbarei“ nicht verfängt. Anders als er selbst und als wir es glauben, ist der schuldige Putinist dann gar nicht bewußter Akteur, sondern exekutierendes Mittel, das, hat es den matrisch bewirkten Naturzweck erfüllt, m i t hinweggerissen wird. Wobei sich dieser Gedanke darüber klarsein muß, daß hinter dem Prozeß kein gestaltender Wille, sondern eine – eben matrische – Struktur steht. „Matrisch“, nicht deterministisch, weil die überdies nicht distinkten Determinanten nicht zeitlich-kausel wirken, sondern in – ecco überzeitlichen – Rückkopplungsschleifen, Rückkopplungszyklen und Rück-kopplungspiralen.
Deshalb wäre, Nietzsches Unentbehrlichkeit des Krieges zu erkennen, die Voraussetzung, ihn entbehrlich werden zu lassen und endlich aus der Welt zu schaffen, und dann tatsächlich für immer — hingegen der jetzt wieder aus dem fast schon Vergessen gehobene Abschreckungswille ihn als jederzeit denkbar in der Gegenwart hält. Wir müßten diese Dialektik überschreiten, um das, was wir als Tragik fühlen, zu neutralisieren. Denn was gedacht wird, das geschieht. — Das Grundprinzp begreifen. Dazu gehört nicht der konkrete einzelne Schreckensfall, sondern etwas weit darüber hinaus. Ein gewissermaßen kosmologisches, wirkendes dynamisches Prinzip, das unter anderm nötig machte, etwa die Pandemie mit dem Ukrainekrieg zusammenzudenken.

Über Alban Nikolai Herbst

https://de.wikipedia.org/wiki/Alban_Nikolai_Herbst
Dieser Beitrag wurde unter Hauptseite, Krieg, KYBERREALISM, Zitate abgelegt und mit , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , verschlagwortet. Setzen Sie ein Lesezeichen auf den Permalink.

8 Antworten zu Fürchterlichkeiten. Friedrich Nietzsches Unentbehrlichkeit des Krieges. Mit einer Aufrüstungsspekulation, für deren Gültigkeit sogar Dreadlocks ein Indiz sind.

  1. franzsummer sagt:

    Das Übel ist im Militär zu finden, solche Kerle lasen Nietzsche:

    „Meine Herren, wenn der Krieg, der jetzt schon mehr als zehn Jahre lang wie ein Damoklesschwert über unseren Häuptern schwebt – wenn dieser Krieg zum Ausbruch kommt, so ist seine Dauer und ist sein Ende nicht abzusehen. (Helmuth Karl Bernhard von Moltke)“

    Zitat gefunden auf https://www.berühmte-zitate.de

    • Nein, nicht im Militär. Das reagiert, wie es – zurecht, abgesehen → davon – seine Art ist. Das Elend ist zu finden, wo die militärische Position zivil unterstützt oder zumindest bejaht wird.

      Mein und Nietzsches, dem ich den meinen verdanke, Gedanke greift aber viel weiter aus.

      • franzsummer sagt:

        „Der Krieg ist eine viel zu (komplizierte) oder ernste Sache, als dass man ihn dem Militär überlassen sollte“ so ungefähr drückte es mal Tucholsky aus. Sie hören immer noch auf ihre Generäle, wir sehen es täglich in den Medien. Sie haben Recht, es beginnt im Zivilen. Die Generäle wissen es nicht besser.

        • Ich werfe gerade ihnen auch nichts vor. Mein heutiger – ja, → problematischer – Beitrag bezieht sich auf die Notwendigkeit, eine andere – ja, grausame – Perspektive einzunehmen, eine, die weit jenseits dessen wirkt, was wir „freien Willen“ nennen. Wir müssen endlich sehen, wie bestimmt wir sind. Nur dann, vielleicht, kommen wir aus der Bestimmtheit heraus. Genau das meinte Nietzsche, glaube ich, mit dem Untertitel „Ein Buch für freie Geister“. Zu denen, wie unfrei ich real auch bin, gehöre ich. Nicht nur ich, es gibt einige mehr, gerade unter Dichterinnen und Dichtern. Aber wir sind → „misfits„.

          • franzsummer sagt:

            Danke, Sie haben mir nichts vorgeworfen, mir persönlich ist es ja egal ob ich gesellschaftsfähig bin, der Vorteil natürlich, wenn man das Schreiben nicht professionell betreibt, so habe ich ja auch in meinem Blog auf meine Art geantwortet, ich fühle mich frei und amüsiere mich eher, auch über Nietzsche, der als freier Geist durch Berge stürmte, während er Notizen schrieb, dann den Verstand, verlor und seine Schwester verhökerte ihn auch noch an Adolf Hitler, nein, so frei wollte ich nie sein )(lol ich habe aber real auch so eine Schwester, sie dürfte demnächst 90 werden), sorry, Die Figuren in meinem Blog sind alle fiktiv, da ist kein Angriff versteckt an die reale Welt :-), sorry, sollte es so angekommen sein.

        • Bis auf eben → d e n, und das ist erstaunlich genug. Und ringt mir eine irre Achtung ab – von einem Hardliner
          Nach Iwaschows Appel ergibt das so angeblich seltsame langsame Vorankommen der russischen Invasoren eine sehr nachvollziehbare Begründung. Putin, erkennte er das, müßte platzen vor Wut.

        • Bis auf eben → d e n, und das ist erstaunlich genug. Und ringt mir eine irre Achtung ab – von einem Hardliner“
          Nach Iwaschows Appel ergibt das so angeblich seltsame langsame Vorankommen der russischen Invasoren eine sehr nachvollziehbare Begründung. Putin, erkennte er das, müßte platzen vor Wut.

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahren Sie mehr darüber, wie Ihre Kommentardaten verarbeitet werden .