Ukraine-Dialoge XVI: Vor Ausweitung der Kriegszone. ANH || Sofia Ahrendt-Dérous zur nationalen Massenpsychologie. Email-Wechsel.

Sonnabend, 30. April 2022, 13.23 Uhr

Sofia Ahrendt-Dérous[1]*(Name und Orte auf Wunsch geändert)
(…)
Für den Auftritt werde ich Stärkeres brauchen als Rotwein:
Zum 77. Jahrestag des Endes des Zweiten Weltkrieges wünschte die deutsch-russische Gesellschaft Gelsheim ein Symposium mit Fotoausstellung, Vorträgen, Lesungen und Konzerten. Beteiligt werden sollten russische, weißrussische und ukrainische Künstlerinnen und Künstler, und ich wurde beauftragt, einen solchen Abend musikalisch zu gestalten, weil meine Kontakte zur jeweiligen Diaspora, jedenfalls der russischen und ukrainischen, ziemlich bekannt sind. Die Konzerte sollen alle im Barocksaal stattfinden. Nun wollte ich neben selbstverständlich Antikriegsliedern noch etwas sehr Besonderes auf die Bühne bringen, und meine Wahl – die begeistert angenommen wurde – fiel auf Hornungs Arrangement der Lieder eines fahrenden Gesellen für Klavier und Cello. Ich weiß nicht, ob Sie es kennen. Jedenfalls habe ich einige ukrainische Pianisten angerufen, alle hellauf begeistert, wollten unbedingt spielen – bis sie vernahmen, dass der Cellist Russe sei. Für kein Geld der Welt waren sie ab da zu bewegen, die Bühne zu betreten. Auch nicht nach der Information, dass der Mann seit Jahrzehnten hier in Offenbach lebt und nichts mit Putin am Hut hat.
Aber sie werden mich eh mit faulen Eiern bewerfen. Die Gesellschaft rief mich täglich an, erst „Balance russisch – ukrainisch“ dann „ähm vielleicht doch besser nichts Russisches“. Seit Kurzem: „Hätten Sie auch moldawische Musiker?“ Jetzt hoffen sie, irgendwie des Endes des Zweiten Weltkrieges gedenken zu können, ohne Russland zu erwähnen. Außerdem fürchte ich, daß schon für sich Anti-Kriegs-Lieder in einer Woche bereits zu heikel sein könnten, weil natürlich Politiker aufkreuzen und sprechen werden. Es lebe der Weltfrieden. Ob dieser gelingt, wenn Menschen nur noch auf ihre Nationalität, damit ihren Geburtsort und ihre Eltern reduziert werden, anstatt sie für ihre Handlungen und Meinungen verantwortlich zu machen, sei dahingestellt.

ANH
Oh, was habe ich mit diesem Problem zu kämpfen – also publizistisch. Hier grassiert eine fast völkische Stimmung, die vom ukrainischen, wirklich fürchterlichen Nationalismus noch angefeuert wird, für den der Ukraine Außen Kuleba eine ganz besonders gräßliche Stimme ist. Es erinnert an den Anfang des Ersten Weltkriegs inkl dem „Erbfeind Frankreich“, was bei uns jetzt wieder aufkocht. Hat halt „nur“ die Nation gewechselt. In nicht wenigen Fällen ist das auch künstlerisch von hohem Unheil, etwa, wenn Sie sich die → Invektiven gegen Currentzis anschauen (Netrebko und Giergiew sind anders gelagerte Fälle, in der Tat, da bin auch ich für den Ausschluß).
Der beste Freund meines Sohnes ist russischer Herkunft, seine Familie emigrierte vor rund zehn Jahren hierher; seit einem Jahr haben alle die deutsche Staatsbürgerschaft. Hilft aber nichts, der junge Mann wird heftig gemobbt. Das ist etwas, das meine russische Übersetzerin Baskakova → schon vor knapp zwei Monaten befürchtete. Ich hatte ihr ihre Ängste ausreden wollen, weil ich wirklich nicht geglaubt habe, daß so etwas geschehen könne. Und habe mich geirrt.

Es ist einfach nur grauslich. Im Juni wird → meine erste Übersetzung auf Russisch in Sankt Petersburg erscheinen, der Roman „Traumschiff“. Ein Bekannter fragte mich, was ich denn nun machen würde. „Na, das Buch annoncieren“, erwiderte ich. Und er: „Laß das sein! Man wird Dich sonst einen Putinfreund nennen.“

Sonntag, 1. Mai 2022, 9.48 Uhr

Sofia Ahrendt-Dérous
… erstaunlich, wie austauschbar der damalige Fanatismus mit der Moral unserer Zeit ist. Mittlerweile denke ich, dass Politiker, die moralisch argumentieren, eine Bankrotterklärung abgeben. Ein hohes Über-Ich macht immun gegen gute Argumente. Und genau das ist m.E. der Grund, weshalb moralische Argumente bevorzugt werden. Dagegen würden dieselben Staaten auf der Kritikliste stehen (China zu allererst, natürlich auch Russland…), würde man sie nicht unter moralischen Gesichtspunkten, sondern unter Risiko-Nutzen/Preis-Leistung, Folgen für uns beurteilen. Aber so ehrlich, zuzugeben, dass immer abgewogen wird, auch die Moral, ist niemand. Solange die Moral dazu dient, Kritiker mundtot zu machen. Es tut mir unfassbar leid für Menschen wie den Freund Ihres Sohnes, genau wie für zahlreiche russische Künstler.

Machen Sie das mit Ihrem Buch! Ganz im klassischen Sinne erzieht gute Literatur den Menschen doch zum Besseren.

ANH
Hoffen wir’s. Aber lesen Sie mal → das (im Anhang), heute in der NZZ.

Sofia Ahrendt-Dérous
Die Verfasserin tut, was sie selbst kritisiert: Sie wechselt geschmeidig zwischen Moral und Schuld und rationaler Analyse. Wie es argumentativ passt. Aus der Annahme „Jeder ist potenziell schuldig“ (denn das ist Tolstois eigentliche Aussage) folgt nicht automatisch ein „russischer Humanismus“, der konsequent in hemmungsloser Täterschaft mündet. Jeder Psychologe würde bestätigen, dass ein Betrachten des eigenen Täterpotenzials die notwendige Bedingung ist für Transformation desselben. Niemals die Tabuisierung und Verdrängung.
Soweit der erste Schritt. Ob weitere und welche Schritte aus der Erkenntnis folgen, dazu hätte derjenige die Wahl, der sich bewusst mit seinen Abgründen auseinandersetzt. Mit dem Phänomen und den Bedingungen dafür, dass Menschen um den ganzen Erdball zu Kriegsverbrechen fähig sind, sogar ohne dass sie vorher Tolstoi lesen, haben sich etliche Forscher beschäftigt. Mir haben Theologen erklärt, dass aus den Texten der Johannes-Passion eine „direkte Blutspur nach Auschwitz führt“, weshalb man sie umschreiben müsste. Gerade Werke von hoher Qualität eignen sich hervorragend für Missbrauch, eben weil sie so wirkungsvoll sind.“

P.S.: Tolstoi bemitleidet Natascha in „Krieg und Frieden“ in keiner Weise mit vollem Herzen.

ANH
Ihre Argumentation paßt exakt auf meinen Instinkt. Auch in diesem Text wird ein „russisches Böses“-an-sich konstruiert und damit ein Strich durch eine gesamte Kultur gemacht, fett in rot oder schwarz.
Das Allertollste: Weil Juli Zeh, die ich politisch wichtig, aber poetisch extrem überschätzt finde, → Habermas‘ Offenen Brief an Scholz mit erstunterzeichnet hat, hat jetzt ein Kollege gefordert,sie aus dem PEN auszuschließen, weil sie gegen die Charta verstoße. [Habermas hat g e g e n die Lieferungen schwerer Waffen argumentiert und, was wohl der Stein des „Anstoßes“ ist, postuliert, daß die „zweite Grenzlinie (…) das Maß an Zerstörung und menschlichem Leid unter der ukrainischen Zivilbevölkerung“ sei. „Selbst der berechtigte Widerstand gegen einen Aggressor steht dazu irgendwann in einem unerträglichen Missverhältnis.“ Und moralphilosophisch erklärt er die Ansicht für falsch, „dass die Entscheidung über die moralische Verantwortbarkeit der weiteren „Kosten“ an Menschenleben unter der ukrainischen Zivilbevölkerung ausschließlich in die Zuständigkeit ihrer Regierung falle. Moralisch verbindliche Normen sind universaler Natur.“]
Jetzt hat das halbe sowieso schon kriegstaumelnde Deutschland auch noch Schaum vor dem Mund.

Sofia Ahrendt-Dérous
Dann sind die Kollegen gefragt, sich dagegen zu wehren. Sie können es sicher besser formulieren als Tischler, Maler oder Eiskunstläufer. Diese Diskussion hätte unser Land schon längst gebraucht. Wenn man einen kulturellen Unterschied finden möchte, liegt er möglicher Weise im – grob gesagt – „Hinschauen zum Bösen, als Teil des Selbst ein stückweit Akzeptieren“ (was der Autor vorschnell als „russischen Humanismus bezeichnet, denn er überspringt die Wahlmöglichkeit, mit der Erkenntnis umzugehen) versus  „mit voller Moral deckeln“. Das Christliche Gut-Böse steigerte sich spätestens nach Ende WK II in Deutschland zur ewigen Schuld. Die interessanter Weise genauso wenig Wahlmöglichkeit lässt.
Die Moral führt zu einer Abspaltung, welche – ich bleibe dabei – in Tabuisierung endet und somit ein sehr starkes weil verdrängtes Täterpotenzial trägt. Dagegen steht die Möglichkeit, im Bewussten sämtliche Hemmungen fallen zu lassen. Unterm Strich: Bewusstes Tätertum gegen unbewusstes. Fragen Sie mal einen Psychologen, welches die größere Wucht hat.

ANH
Im Krieg wird unbewußtes Tätertum (ich nenne es einmal „Täterpotential“) i m m e r zu bewußtem und deshalb dann zu, aus sozusagen psychischer Notwehr gewolltem – eine Dynamik, die umso leichter in Gang zu bringen ist, als der Gegner („Feind“, ecco) als nur-böse gilt, und je weniger Bildung die einzelne Soldatenperson hat, wobei „Bildung“ vor allem Differenzierungsvermögen bedeutet. In psychologischen Massenzuständen – strukturell erst einmal egal, ob während eines Raves, eines Fußballspiels im Stadion oder in der, sei es gefühlten, sei es tatsächlichen Kriegssituation – heben sich auch entwickelte Differenzierungsvermögen mehr und mehr auf, bisweilen sogar unmittelbar. Sofern man diesen Massenrauschzustand nämlich w i l l. Wer Massenzustände scheut oder gar fürchtet, ist da eher gefeit.

References

References
1 *(Name und Orte auf Wunsch geändert

6 thoughts on “Ukraine-Dialoge XVI: Vor Ausweitung der Kriegszone. ANH || Sofia Ahrendt-Dérous zur nationalen Massenpsychologie. Email-Wechsel.

  1. Zum Artikel von Oksana Sabuschko in NZZ:
    Ihr Versuch, die russische Literatur pauschal anzuschwärzen, zu „annullieren“, scheint mir unverschämter Quatsch zu sein.
    Die Soldaten von Putins Armee, die sich jetzt in der Ukraine als Kriminelle verhalten, waren nicht durch die russische Literatur belehrt. Im Gegenteil: In der letzten Jahrzehnten versuchte die russische Regierung immer wieder; den Literatur-Unterricht in Schulen möglichst zu primitivisieren, immer wieder waren neue Diskussionen in Gang, welche klassischen Autoren aus der Programm ausgeschlossen werden sollen.
    Früher, in meineR Jugend, war die Verbreitung – in Samizdat – von verbotenen Autoren ein wichtiger Teil der Dissidenten-Bewegung. Und verboten waren, z. B., viele Werke von Fjodor Dostojewski. Warum denn? Weil er für damalige Macht zu gefährlich war. „Die Dämonen“, ein Roman über Sergei Netschajews Gerichtsfall von 1873, ist meines Wissens die trefflichste Kritik an der Sowjetischen und Putins Ideologie, ihres Kerns: der Idee, das für einje bessere Zukunft der Menschheit (oder, in Putins Fall, der „Russischen Welt“) alle Mittel legitim sind und die Leben der einzelnen Menschen so belanglos, dass sie geopfert werden können.
    Dieser Roman am trefflichsten – aber im Grunde jedes bedeutende Literaturwerk – subvertiert die totalitaristische Ideen, weil es vom Gesichtspunkt des (oder der – verschiedenen –) Einzelnen aus geschrieben wird und gegen die Pauschalierung von Leben wirkt.
    Ein deutsche Dichter, Alfred Döblin, schrieb über Dostojewski:
    „Ich war nun vierundzwanzig Jahre alt und studierte Medizin. … Damals also fielen mir Dostojewskis Raskolnikow und einige Nietzschebücher in die Hand. Ungeheuer regte mich der Raskolnikow auf. Es war weit mehr als die Erregung bei der Lektüre eines spannenden Buches. Nein, es war überhaupt nicht Roman-Lektüre, das Gebiet der Literatur überhaupt war überschritten; und nicht einmal gesprengt wurden hier literarische Grenzen. Ich war nach Hölderlin und Kleist auf ein neues Gebiet geführt. Der Raskolnikow war ein Ereignis; er gab eine Wirklichkeit, wie der Hyperion eine war. … Und dieser Blitz waren Dostojewski und die Gespräche Raskolnikows und die Brüder Karamasow und dann die Genealogie der Moral…“
    Man kann, denke ich, mit ähnlichen Gefühlen für sich die Welt von Tolstoi entdecken. Aber darüber möchte ich jetzt nicht schreiben.
    Ich erinnere mich, daß die Perestroika, diese kurze Periode von Freiheit, eigentlich mit der gierigen Lesung von früher verbotenen (vor allem russischen) Autoren begann. Alle Menschen – überall – lasen. Und ich, obwohl ich damals materiell in sehr schlechter Situation lebte, kaufte mir dennoch einige wahnsinnig teure Bücher – sogleich, als ich sie sah. Und diese ersten für meine Existenz wichtige nBücher, die ich unbedingt zu Hause haben wollte, waren: Altes und Neues Testament (früher waren sie auch verboten) und die Gesamtausgabe von Fjodor Dostojewski.

    1. Liebe Tatjana Baskakova,
      Danke für Ihren schönen Text. Er deckt sich so sehr mit meiner eigenen Erfahrung mit der russischen Literatur, dass mir bei der Lektüre die Tränen kamen.
      Aus diesem Grund, vor dem Hintergrund dieser Erfahrung mit der Literatur, habe ich mir 1994 am Arbat Dostojewskis Gesamtwerk gekauft, sowie u.a. eine zweibändige Joseph Brodsky-Ausgabe, alles auf Russisch, obwohl ich sie gar nicht lesen kann. Und ich bin in Omsk gewesen, in dem Lager, in dem Dostojewski inhaftiert war.
      Das kennzeichnet aber mein Verhältnis zur russischen Literatur, und das werde ich mir auch von Putin nicht zerstören lassen. Lassen Sie uns weiter für die Literatur kämpfen.

      1. Lieber Peter Gogolin, danke für Ihre Antwort!
        Dieselbe zweibändige Joseph Brodsky-Ausgabe — damals (ungefähr) — nahm ich mit, als ich nach Hospital musste. Das und das allererstes Buch, das ich übersetzte. Frances Yates. The Rosicrucian Enlightenment.

        1. Die zweibändige Brodsky-Ausgabe hatte als Cover ein Bild, wo er auf seinen Koffern auf der Straße saß.
          Und das Buch von Frances Yates über die Aufklärung im Zeichen des Rosenkreuzes liegt vor mir.
          (Ich würde Sie gern einmal in meiner Bibliothek begrüßen.)

          1. Danke, ich möchte sehr gerne Sie einmal treffen, in der (privaten) Biblithek — um so mehr!

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