Beinahe crashten Realität und Fiktion, doch Figur wie Person sind zu gute Fahrerinnen ODER Moto Guzzi V7 gegen Peugeot 504 auf dem Karst. Danach die erste Begegnung der Sídhe mit dem Lenz der Lydierin und daß er lange, lange nicht spricht. (Was er aber statt dessen tut). Briefe nach Triest 57, Neuschriften (6).

 

[Aus dem sechsunddreißigsten Brief:]

(…)

Dabei ist die direkte Luftlinie von Triest nach dem jetzt ebenfalls Kriegsschauplatz Odessa (meine Güte, „Schauplatz‟!) exakt die Nordgrenze des Balkans, auf dem der letzte und extrem barbarische Krieg Europas stattgefunden hat, dieser völkerschlachtende Bruderkrieg im da schon historisch gewordenen Jugoslawien. Was ich erwähne, weil es soeben zu einer zweiten Begegnung kommt, von der ich aber noch nicht weiß, ob sie – und wenn, welche – Bedeutung haben wird. Die Lydierin ist nämlich bereits sieben Kilometer weiter in die Ortschaft Basovizza hinein und von der ss14 abgebogen rechts, als ihr – zu den Seiten der zum Naturpark führenden einspurigen Straße buschhaft dichtstehende, doch hohe Schwarzkiefern und Zedern – Deine türkise V7 entgegenrast, die aber noch nicht zu sehen ist, doch dann aber plötzlich – … Du, im Geschwindigkeitsrausch hochkonzentriert, weit vorgebeugt, so daß Ihr in der weiten, ihrer Schmale wegen dennoch problematischen Kurve einfach nur Glück habt, nicht aufeinanderzuprallen. Denn die Lydierin rast ja genauso; Ihr habt nicht wenig gemeinsam, segensreicherweise genauso die virtuose Technik des Fahrstils. Typisch auch, daß keine von Euch hupt, Ihr guckt Euch kurz nur an, Bruchteile einer Sekunde, Du kannst durchs Visier und die Frontscheibe des Peugeot sehr gut sehen, die Lydierin durch Dein Visier aber kaum, schon habt Ihr Euch je zur Seite gerissen, die Seitenstreifen keine dreißig Zentimeter Waldboden Sand zwischen der weißen durchgezogenen Fahrbahnmarkierung und dem Busch- und Baumbestand, ein Eschenzweig peitscht Dir quer übern Helm, die rechte Seite des Wagens wird bleibend von einem fürchterlich ratschenden Ast einer Flaumeiche bleibend tätowiert … schon habt Ihr, Du das Lenkrad, die Lydierin den Lenker, zurück nach links gedreht und gelenkt und rast mit selbem Tempo weiter, die Lydierin in den Park, Du willst zurück nach Triest. So daß ich fragen einfach muß, mich selbst, denn Du wirst weiterhin Antwort nicht geben, was Du da oben gewollt hast – und mir ein ungeheurer Verdacht kommt. Hast Du vielleicht doch all meine, ich meine Lars’ens, Briefe gelesen, wußtest deshalb von Lenz – mal abgesehen davon, daß Eure Zeitungen bisweilen voll von ihm und der Mauer waren – weshalb Du ihn, vielleicht sogar schon vor Deiner Scheidung, auf einer Deiner Touren suchen gefahren bist, vielleicht sogar mehrfach? Meine Angaben waren doch nur ungenau, Grenzhäuschen, Karst, das konnte ganz von Lazaretto im Osten bis westlich hoch nach Rupa reichen.1 Du tipptest aber gleich auf Rosandra. Und fandest das Haus. Selbstverständlich verrietest Du nicht, wer Du warst; der zurückgezogene Mann hätte damit sowieso nichts anfangen können, ahnt von Lars und mir doch nichts. Aber jetzt wird klar, weshalb die Venere di Trieste – nochmals: nein! nicht die Brunnenfigur – Deine Körperformen, ja selbst Dein Gesicht hat. Und Lenzens Augen, sofort, als Du, die Moto Guzzi neben der Wiese auf ihren Ständer gehoben und den abgenommenen Helm einfach auf den Sitz gestellt und neben ihn die Handschuh gelegt, über den Sandweg herankamst, fingen bereits leicht zu brennen an, als knirschten Deine Schritte sich drin ein. – Du wolltest deutlich bleiben, sonst hättest Du nicht auch noch den Nierengurt gelöst und die schwere Jacke ausgezogen. Daß Du genauso stauntest wie er, verrietest Du nicht. Auch konntest Du an diesem Eremiten, als den Du ihn sofort empfandest, nicht die geringste Ähnlichkeit mit Lars erkennen, anders als mit mir, den Du aber nur von Fotografien her kennst. Es schwirrn ja genügend herum. Nur daß ich nicht entfernt so gebräunt bin.
Er hatte sinnend auf den drei Stufen gesessen, vor denen er später gefunden wurde; nun erhob er sich langsam. Dieses faltendurchfurchte, wittrungsgegerbte Männergesicht! „Sie also sind dieser Künstler … Il tedesco, nicht wahr?‟ Er zeigte nicht mal mimisch den Willen einer Antwort. „Ah, da ist auch die Mauer.‟ Die zweite war wahrscheinlich noch nicht einmal begonnen. Aber einer der in Arbeit befindlichen Steine lag dem Mann zu Füßen, noch Feldwacke eher als bereits Venus; daneben Meißel und Hammer. – Du standest vor ihm, er stand vor Dir. Immer noch ohne ein Wort wandte er sich um – genauso langsam, wie er aufgestanden war – und nahm die drei Stufen ins Haus hinein. Du hörtest etwas klirren, Glas, schien es, an Glas, dann leise ein Klätscheln, und er kam wieder heraus, ein Glas kühlen Wassers in der Hand, das er Dir reichte. Du nahmst es lächelnd entgegen. O dieses Lächeln! Nein, nicht die Spur eines Flirts, des Mannes Innenwelt viel zu entfernt. Doch spürtest Du, ein Teil von ihr zu sein, angekommen irgendwie, ohne daß es gefährlich war. Also ja, Du warst wohl noch verheiratet. Einem nächsten Lars hättst Du sofort den Rücken gekehrt, selbst noch vier oder fünf Jahre später. – Er setzte sich auf die Stufe zurück, nahm den Wackerstein auf, drehte ihn in den Händen, was Kraft kostete. Die Adern traten auf den Handrücken vor. So also doch noch ein wenig Erotik, die wahrscheinlich aber nicht er spürte, sondern alleine Du. Das Wort „alleine‟ trifft es genau. Weshalb s i e der Grund nicht war, aus dem Du weiterhin dableiben wolltest. Er hob sein Gesicht wieder an, sah Dich an, sah dann den Stein wieder an. Wieder Dich, dann den Stein, wieder Dich. Legte ihn zurück auf die Erde, hob eine Hand, bedeutend, Du mögest so stehenbleiben. Erhob sich erneut, schritt erneut in das Haus, kam erneut zurück, nun mit einem Zeichenblock und einem Stumpf Kohle, Dir abermals bedeutend, daß Du stehenbleiben mögest, so, genauso wie jetzt, und nicht Dich bewegen. Du tatest ihm den Willen. Er fing an zu skizzieren. Doch nach einer halben Stunde schlief Dir das rechte Bein ein. „Entschuldigen Sie, aber es wäre schön, bekäm ich ein Glas Wein.‟ Da mußte er lachen, skizzierte indes weiter. „Mein Bein ist eingeschlafen.‟ Er lachte erneut, nun aber leiser. Dann seufzte er kurz, sah Dir in die Augen, seufzte ein zweites Mal und legte den Block mit der Kohle zu Hammer und Meißel. „Na gut‟, war das erste, was er sprach.

(…)

________________________
>>>> Briefe nach Triest 58

Briefe nach Triest 56 <<<<
>>>> Sämtliche bisherigen Kapitel
________________________
1 Hier eventuell ein „allerdings‟ einfügen: daß man vom Grenzhäuschen eine Stunde wandern muß, um von oben nach unten aufs Meer zu schauen, über Triest hinweg. Das geht befriedigend nur an wenigen Stellen.

Über Alban Nikolai Herbst

https://de.wikipedia.org/wiki/Alban_Nikolai_Herbst
Dieser Beitrag wurde unter Arbeitsjournal, Hauptseite, KYBERREALISM, TRIESTBRIEFE abgelegt und mit , , , , , , , , , verschlagwortet. Setzen Sie ein Lesezeichen auf den Permalink.

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahren Sie mehr darüber, wie Ihre Kommentardaten verarbeitet werden .