Immerhin fand ich denn doch – als Arbeitsjournal des Dienstags, den 20. September 2022 – in die Arbeit.

Wenn auch, wie mir vorgenommen, „nur“ mit erster Durchsicht sämtlicher Notatate, immerhin fünfzehn zweispaltige Seiten in 10erPunktSchrift, wobei ich allerdings auf Seite 10 einhielt, als es an die Aufzeichnungen zur Triestreise ging. Damit wird es gleich weitergehen, wenn die beiden jungen Handwerkerherren, die meinen Wasserboiler austauschen werden – womit sie soeben beschäftig sind -, ihre Arbeit zuende gebracht haben werden. Ich meinerseits werde diese Zeit nutzen, um mal wieder mein Instagram zu versorgen – dem Anraten meines Sohnes folgend, mit „Stories“. Im übrigen gab es gestern einen mich überraschenden, fast sogar ein bißchen überrumpelnden Anruf, der → das Geschehen des Sonntagmorgens … nein, nicht aus der Welt räumen, da ist es ja nun drin, sondern erklären wollte. Was zwar allenfalls ansatzweise passierte, aber die Tür lehnte immerhin nur noch an und wurde vermittels noch folgender Whatsappbotschaften zentimeterweise weitergeöffnet. Jetzt braucht es, glaube ich, noch etwas Ruhe und Abstand, dann werden auch meine inneren Wogen wieder einen Pazifik glätten, wie er zur Zeit Magellans ihn begrüßte, so daß er ihm diesen Namensgebung gab. (Es hat ihm freilich nicht viel genützt, brach er doch selber, mit Waffen, den Frieden und kam denn durch Waffen auch um.)

Also die Notate. Folgende fügt sich wunderbar in eines der schon niedergeschriebenen Romanmotive ein:

Hexen haben eine besondere Vorliebe für die Tage, die der Aberglaube als schändlich be­zeichnet, näm­lich Dienstag und Frei­tag. Und in ihnen fühlen sie sich in der Stimmung, unter den Männern den Ver­liebten zu suchen. Und sie führen sie in Ver­suchung. Und so wie die Welt der Sterblichen sehr vielfältig ist, so gibt es auch Menschen, die es wagen, mit He­xen Bekanntschaft zu machen. Man nennt sie Cavalcantes, weil sie, nach­dem sie sich mit den Hexen verbündet haben, in ei­nem teuflischen Wirbelwind mit ihnen durch die Luft reiten. Jeder Cavalcante ist mit Feuer mar­kiert. Auf seiner linken Schulter trägt er den Auf­druck eines Hufeisens.
(Übersetzt aus Pinio Gudi,Storie e legende del Carso)

Im Roman gibt es eine Stelle, in der eine der Hauptpersonen eine Karlsruhe Nacht mit einer nicht ganz geheuren Frau verbringt, die ihn morgens heftig in die linke Schulter beißt. Ganz woanders entdeckt eine aber auf dem Triester Karst am Rand des Rosandra-Naturschutzresservats lebende  sozusagen Parallelfigur genau diesen Biß an seiner eigenen linken Schulter. Diese Szene muß ich nun nur noch dahin ändern, daß die Bißwunde die Umrisse eines Hufeisens zeigt, und schon habe ich eine Karstlegende in den Roman eingefügt. Was ich selbstverständlich nur Ihnen, Freundin, und alleine hier erkläre. Im Roman wird es Anspielung bleiben, aber Lenz (diese zweite Figur) fortan immer mal wieder „Cavalcante“ genannt werden. Ebenso vortrefflich fügt sich in die Karstszenen ein, daß Scipio Slataper diese Landschaft einen versteinerten Schrei genannt hat und des weiteren davon spricht, sie es gar nicht, Landschaft, sondern ein Zustand. Das geht mit dem sich geradezu eremitär zurückgezogenen Lenz exakt zusammen.
Für Triest wiederum, wohin der Karst hinabfällt, und dieser Stadt Bewohner gibt es ähnliche Nähen, etwa der Sídhe zu – ausgerechnet! – James Joyce, wenn wir nämlich →ihre Moto Guzzi V7 an die Stelle des Pferdes seiner geliebten, so sehr noch jungen Schülerin setzen:

The Lady goes apace, apace, apace … […] Pure air and silence on the upland road: and hoofs. A Girl on horseback. Hedda! Hedda Gabler!
(James Joyce, Giacomo Joyce)

Selbstverständlich, auch wenn kaum jemand es merken wird, werde ich hier Parallelen ziehen. Dazu, abermals Lenz – dem meine, merke ich gerade, Empathie weit mehr gilt als dem „eigentlichen“ Protagonisten, Lars -, dennoch durch diesen (in seinem ersten Bratschenkonzert) Anspielung auf Hindemiths → „Schwanendreher„, als solchen er sich selbst sah, nämlich als heimatlosen Spielmann, was aber Lenz sehr viel mehr ist, indem er es lebt – indessen es sich Lars bei aller Liebestrauer doch recht kommod gemacht hat.

Also wenn ich mir dies alles so anschaue, ist eigentlich deutlich, daß sich mein Sonntagmorgensimpuls, die Arbeit an den Triestbriefen einzustellen oder wenigstens erst einmal ruhen zu lassen, längst schon selbst gelöscht hat. Ich bin mir nur noch unsicher, ob ich jetzt erst einmal die beiden noch fehlenden Briefe schreibe oder tatsächlich schon beginne, nämlich ohne sie, die Erste Fassung des Typoskriptes zur Zweiten umzuformen. Es wird sich einiges doch sehr ändern; vielleicht wäre der Text dann eine bessere Vorlage, ihn zuendezuschreiben.

Ihr ANH
[Arbeitswohnung, 12.45 Uhr]

(Die Handwerker sind immer noch da.)

Über Alban Nikolai Herbst

https://de.wikipedia.org/wiki/Alban_Nikolai_Herbst
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1 Antwort zu Immerhin fand ich denn doch – als Arbeitsjournal des Dienstags, den 20. September 2022 – in die Arbeit.

  1. Bruno Lampe sagt:

    „di venere e di marte non si arriva e non si parte“ – Variante: „…non ci si sposa e non si parte“ usw. mit weiteren Varianten, also dienstags (MARTEdì), dem Marstag, und freitags (VENERdì), dem Venustag, ziemlich verbreitet. Also: an solchen Tagen nicht ankommen, nicht abfahren, nicht heiraten, nichts Neues unternehmen.

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