„Nie ein Teil davon zu sein“: Zurück. ||| Das trauernde Arbeitsjournal des Montags, den 19. September 2022. Auch als Briefe nach Triest, 62.

[Arbeitswohnung, 9.07 Uhr
Hans Werner Henze, Ode an den Westwind (1953)]
Es war einer der für mich schlimmsten, schmerzhaftesten Vormittage, derer ich mich entsinnen kann. Gestern, am Sonntag, den 18. September 2022, einen Tag vor dem, der mir wäre ein  Jubeltag gewesen. Weshalb es gestern so schmerzhaft war, möchte ich nicht erzählen, nur, daß ich vor fast panischer Nervosität nur noch auf- und ablief, hospitalisiert gleichsam hinter den tausenden Stäben, doch die Welt eben wenn nicht im Blick, so doch in meinem gradezu grellen Bewußtsein; sie war noch da, dahinter, aber ließ mich nicht mehr in sie hinein. Dann mußte ich wirklich aufbrechen zur SBahn, mit der dann weiter nach Meidling zum Zug. Besser, noch einmal auf die Toilette. In meiner panischen Hektik drehte ich mich einmal ungelenk herum, es war eng, und schlug mit dem linken Arm derart heftig gegen ich-weiß-nicht-was, daß meine geliebte wunderschöne Girard-Perregaux zersprang — was ich aber erst in dem Örtchen merkte, als ich das Schutzglas zu berühren meinte, es tatsächlich aber das Ziffernblatt war. Und der feine goldene Sekundenzeiger fehlte. Dennoch, der andre Schmerz war größer, dieser, der zweite, jetzt eigentlich nur noch seine nicht mehr symbolische  Materialisierung. Wir krochen nachher, mein Verleger und ich, am Boden herum und suchten. Das Schutzglas lag da, auch die goldene Innenblende. Es ist sehr wahrscheinlich, daß ich den Zeiger mit allem, was hinuntergespült werden auch sollte, hinuntergespült habe. So ist die Uhr nun in Wien verblieben, um zu meinem Uhrmacher gebracht zu werden, den ich zwei Tage vorher längst aufgesucht hatte, weil eine Geringfügigkeit zu justieren war, und der die Uhr ganz nebenbei so sehr auf neuen Hochglanz gebracht hatte, daß ich sie dauernd anschauen mußte. Ohne zu wissen, daß es ein quasi Abschied war, wenn auch da noch eben nur symbolisch. Und noch am SBahnhof Mitte ging ich minutenlang wartend auf und auf, bis ich mich endlich zusammenriß und eine frühere Bahn als geplant nahm. Schließlich im ICE – ein Segen, daß ich reserviert hatte – brachte ich es zwar fertig, meine noch nicht in die Datei überführten Triestnotate in sie zu übertragen, aber alles dieses mechanisch. Denn ich fing an, das gesamte Romanprojekt zu bezweifeln. Dabei war selbst meine Lektorin wie aufgerührt von dem gewesen, was ich ihr in unseren drei Tagen daraus vorgelesen hatte. Nahezu alle, denen ich vorlas, sind es, mein Verleger auch. Aber mit einem Mal war das Buch sinnlos geworden. So geht es mir noch jetzt. Wie ich nun die letzten beiden zu verfassenden Briefe noch schreiben soll, weiß ich nicht. Momentan ist es mir nicht möglich. Was ich könnte, wäre, aber auch das eher mechanisch, die bisher stehende Erste Fassung bereits zur Zweiten insofern ergänzen, als ich die Notate nun nach und nach einbaue, neue Übergänge schaffe, die Orte mit meinen Erlebnissen abgleiche usw., dieses alles ja. Und später dann, wenn damit fertig, die beiden noch fehlenden Briefe ergänzen. Nur daß ich gerade nicht mehr weiß, wozu.
Das Geschehen, das ich Ihnen, Freundin, nicht erzählen möchte – oder soviel vielleicht  doch, daß ich es als einen tiefen Vertrauensbruch empfinde, ja als menschlichen Verrat -, war um so schlimmer, als insgesamt wundervolle Tage vorhergegangen waren, pralle, lebensfrohe, ja begeisterte voller Ideen, in denen auch die Triester Erfahrungen nachschwangen. Nun war es, als würde ich bestraft für sie werden. Wie in büßender Trance trat ich an die zwölf Stunden später in meine Arbeitswohnung ein. Was mir half, war allein, daß als Rezensionsexemplar im Briefkasten diese CD lag, die ich gerade höre, nämlich Henzes Musiken für Violoncello und Orchester. Und ich w e r d e sie besprechen, vielleicht noch heute, wenn ich doch sowieso an den Roman nicht gehen mag, nicht gehen kann. – Lieferbar wird sie ab dem 14. Oktober sein; sie ist noch nicht einmal auf Berlin Classics Website annonciert.

Sie werden, Freundin, verstehen, wenn ich jetzt noch nicht, obwohl ich es vorhatte, von meiner Triestreise erzählen kann, nicht nur nicht mag. Da muß erst dieser Schatten weg, der seit gestern morgen drüberliegt. Aber vielleicht kann ich zumindest ein Notat zitieren, das ich als quasi Briefentwurf für meine Lektorin in der kleinen, mir vom Arco-Verleger empfohlenen „Degusteria“ km 0 in mein Notizbücherl geschrieben habe, wobei ich – weil es, hätte ich ihn abgesendet, ein Privatbrief gewesen wäre – Klarnamen hier umerfinde. Und merke unvermittelt wieder, wie gut es mir tut, die Trauer auszu… — nein, mir m e i n e Trauer auszuschreiben:

(Settembre 9, sera)
[1]Nur zur Erläuterung. Wenn im Notizbücherl Seiten durchgestrichen sind, bedeutet das, die Texte seien bereits in die zugehörige Datei übertragen worden. Erst danach, in aller Regel, erfolgt die … Continue reading

Was ich gerade erlebe, habe ich erst ein­mal zuvor erlebt – als ich damals „Meere‟ schrieb. Ich bin völlig allein, es schnürt mir die Luft weg; zugleich bin ich in rasender Gesellschaft meiner „Figuren‟. Sie sprechen zu mir, wider­sprechen oder geben mir recht – doch alles ganz von oben herab. Indessen begründet. Ich darf nicht einmal ihre Wohn­orte aussuchen, alles tun sie selbst, einfach, weil ich genau sein will und muß. Die Sídhe wohnt jetzt dort (→ Bild) schon we­gen des Caffès San Marco gleich unten nebenan ( Bilder). Für mich selbst heißt das, ganze schon fertig gewesene Strukturen noch ein­mal (fast) völlig umzuwerfen. Und aber wer mir hel­fen könnte, hält sich – aus nachvoll­ziehbaren Gründen – zu mir in Distanz. Mit sowas muß man(n) leben können. Unterm Strich bleibt eine insofern eigenartige, aber schwere Einsamkeit, als ich ja ständig in Ge­sprächen bin – aber eben mit Figuren. Wenn die bei einem schlafen, ist da keine Wärme und kein Pulsen der Haut. Dies ist wohl das einsamste, den Rest eines Lebens allei­ne zu schlafen und allein aufwachen zu müssen. Was ich tu und arbeite weiter an dem Ro­man. Der nicht tut, was ich will, sondern mir vor­schreibt, was sein Interesse ist. Für mich ein ziemlich wilder Spagat. Bislang habe ich aber al­les „gepackt‟. – Helmut gestern in Skype: Er habe meine Pläne gesehen und nur gedacht, „unmög­lich, sowas zu schaffen. Niemals!“ Ihm mache das eine ‚riesen‛ Angst. – Mir auch. Nur daß er auf die Angst hört und es nicht angeht, indes ich es da erst recht tu. (Das ist meine Verbindung zu Jessir, dem Kriegsberichtfotografen. Wir sind uns nah. Nur deshalb darf ich – ethisch Mariannes Geschichte verwenden und die ihres einstigen Partners. Wie Corinnas davor.) | Ich sitze hier und denke: Gleich breche ich zusam­men. Aber das werde ich nicht, sondern erfüllen, was ich mir vorge­nommen habe. Es gibt in mei­nem Leben für Schwächen keinen Platz; ich könnte denn meine Arbeit nicht zuendebringen.
Kopfhaut (wenn Haar darüber) ist
nie braun, sondern immer hell. (Bei Wei­ßen).
Immer noch in diesem „Risto­rante‟:
Die Menschen sind ein Zusammen­hang. Was aber, wenn jemand in keinen ge­hört? Ich gucke es mir an und finde es so toll – doch kann daran nicht teilnehmen. (Ich fühle keinen Neid, nur Zunei­gung, aber auch, nie ein Teil davon zu sein.)

***

Daß die russische Übersetzung des Traumschiffs, Корабль-грёза, jetzt erschienen ist, wissen Sie → seit vorgestern und ahnen, denke ich, meine Ambivalenz, die vor allem darin besteht, mich freuen zu wollen, es aber angesichts des Krieges nicht zu können. Was gegenüber Tatiana Baskakova ein fast schreiendes Unrecht ist, zumal sie von allem Anfang an eine entschiedene Gegnerin Putins war und es nach wie vor ist. Ich kann wirklich nur Abbitte leisten und innig auf Zeiten hoffen, die es wieder möglich machen, stolz darauf zu sein, in Vladimir Nabokovs bis zu seinem Tod geliebte Muttersprache übersetzt worden zu sein — und mit welcher poetischen Akribie! Allein die fast einhundert zusätzlichen Seiten Kommentar sind eine Ehrung. Und dennoch, dennoch, dennoch. Dagegen an will ich aber doch wenigstens die Würde zeigen, das Buch auch zu annoncieren, selbst wenn ein befreundeter Kollege mich schon vor Wochen gewarnt hat: „Wenn du das tust, warte nur, wie schnell sie dich einen Putinfreund nennen werden.“ Habe ich je aus egoistischen „Karriere“gründen besser mal den Mund gehalten? Nein. Es soll sich auch nicht ändern:


Ihr ANH

***

___________________
Briefe nach Triest 61 <<<<

References

References
1 Nur zur Erläuterung. Wenn im Notizbücherl Seiten durchgestrichen sind, bedeutet das, die Texte seien bereits in die zugehörige Datei übertragen worden. Erst danach, in aller Regel, erfolgt die Einbettung in das Typoskript. Wobei ich während der Übertragung aus der Handschrift meist schon umformuliere und/oder aus der Erinnerung ergänze, die von der Wiedervergegenwärtigung aktiviert wird.

Gestern abend vorm Tommaseo. Briefe nach Triest 61.

Das TOMMASEO ist mein, sofern es sich während der → Triestrecherchen einrichten läßt, allabendlicher quasi Meditationsort, an dem alle Personen des Romans verkehren, die hier leben — teils allerdings, ohne sich zu kennen; eine Konstruktion, aus der sich durchaus witzige Situationen ergeben, die ich dort hockend ersinne. Es ist dies nebenbei eine kleine Anspielung sowie Erinnerung an das (leider nicht mehr existente) Berliner SILBERSTEIN der Andersweltromane; allerdings ist das TOMMASEO für die Triestbriefe nicht ganz so zentral, eher ein Nebenschauplatz – was, „Schauplatz“, Sie bitte wörtlich nehmen möchten, liebste Freundin. Denn genau gegenüber, im neben der Molo Audace nordnordöstlichen Hafenbecken, springt nicht nur die Lydierin kopfvoran in das Wasser, sondern genau gegenüber und in diesem grandiosen Licht steigt eine Gesandte der Venere di Carsomare aus der See und schickt sich an, zu der so rätselhaften Statue zu werden, daß sie in die depositi des Museos Revoltella verbracht werden muß, aus denen sie noch später unter noch rätselhafteren Umständen wieder verschwindet.

***

Heute beginnt der vierte Recherchetag und damit zweite Abschnitt meiner Reise. Denn um zehn Uhr werde ich, muß vorher allerdings noch tanken, den geliehenen Wagen wieder abgeben und also alles übrige zu Fuß erledigen. (Ich bin tatsächlich derart eng getaktet, daß ich längere Arbeitsjournal oder überhaupt welche kaum schreiben kann. Doch können Sie die Reise über meine „Stories“ bei Instagram verfolgen.)

Ihr ANH
Via Tigor 14, 7.11 Uhr

______________
Briefe nach Triest 60

Figur im Eingang des Hauses meiner Unterkunft.

Der Recherche dritter Tag. Briefe nach Triest 60: Planänderung.

Da einiges bereits am Vortag erledigt sowie hatte Sconicos Orto botanico carsiano, als ich gestern nach dem Besuch der Grotta gigante gegen 16 Uhr ankam, bereits geschlossen. Er ist, anders als ich voraussetzte, nur halbtags geöffnet.

 

 

Also:


>>> Briefe nach Trriest 61
Briefe nach Triest 59 <<<<

Um 16.20 Uhr Aufbruch zur Triest- und Karstrecherche vom 6. September morgens bis zum 13. mittags zur Weiterreise nach Wien. Briefe nach Triest 59, Planungen & Pläne.






***

___________________________
>>>> Briefe nach Triest 60
Briefe nach Triest 58 <<<<<

Das Wäschewasch- und später erst Arbeits-, nämlich weiteres Reisevorbereitungsjournal des Sonntags, den 4. September 2022.

[Waschsalon Eco-Express, Danziger 7, 8.45 Uhr]

Na, da is‘ ja mal wieder einiges zusammengekommen:

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

[Arbeitswohnung, 11.06 Uhr
Keith Jarrett, solo Sun Bear III, Nagoya 1976]
Und sauber alles wieder zurück:

 

 

 

 

 

 

 

 

 

(Jetzt die im Waschsalon bereits vor-zusammengelegte Wäsche in die Regale einordnen. Ein halber Tag geht tatsächlich immer drauf; andererseits wissen Sie ja, Freundin, daß ich, weil ich so viel Zeug habe, diese Prozedur nur alle anderthalb bis zwei Monate verrichten muß. Erster „Grad“messer ist stets mein Rucksack: Läßt sich de facto nichts mehr reinstopfen und auch draußen nichts mehr dranschnallen, ist es soweit. Der zweite sind meine Unterhosen; das ist aber nicht ganz so verläßlich, weil ich die vortags getragenen Boxershorts gelegentlich mitwasche, wenn ich unter der Dusche stehe; dito die Socken. Zum dritten wasche ich – wie heute – gerne vor Reisen, einfach weil ich den Rucksack, in dem die Schmutzwäsche verwahrt wird, dann für seinen eigentlichen Lebenssinn brauche. Reisen, ich und dieser Rucksack sind eines, jedenfalls wenn sie länger als drei Tage dauern. Do hat ihn mir vor bald vierzig Jahren geschenkt; ein so professionelles Stück, daß → der Hersteller es sich leisten konnte, auf sämtliche Nähte und sogar die Reißverschlüsse eine lebenslange Garantie zu geben. Bis heute mußte ich sie nie wahrnehmen; nur zweimal – dazwischen ein jahrelanger Abstand – brach einer der Kunststoff-Klinkverschlüsse, die indes sich sehr einfach ersetzen lassen. Und ich wiederhole, was ich bisweilen gerne sage: „Alt werde ich sein, wenn ich nicht mehr mit Rucksack reise.“ Rollkoffer sind mir ja allein schon wegen der Geräusche suspekt, mit denen sie mich besonders auf Kopfsteinpflaster quälen, und an jeder Treppe werden sie zu echtem Ballast, während sich mein aufgehuckter Rucksack auch dort allerbestens tragen läßt. Abgesehen davon, daß man mit einem Rollkoffer auch nicht Fahrrad fahren kann.)

***

[19.47 Uhr
Keith Jarret, solo live Bordeaux 2016]

So, jetzt auch die „Mitnehmliste“ fertiggestellt und ausgedruckt:

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Falls mir noch etwas Zusätzliches einfallen sollte, werde ich es per Hand nachtragen. Bis morgen mittag soll dann alles gepackt sein. Aber dieses Journal beschließe ich hiermit.

ANH

Es ist gestochen! Im Arbeitsjournal des Sonnabends, den 3. September 2022, drei Tage vor Triest und Karst. Mit Erläuterungen des weiteren Tattoo-Votiv*plans.

[Arbeitswohnung, 7.58 Uhr
Keith Jarrett, solo live Shelburne, Vermont 1977]
So hab ich vor Triest nun selbst d a s noch hinbekommen; die Grundform des Tattoos ist gestochen. Jetzt muß es vier Tage unter der Schutzfolie ruhen, die ich also in Triest abziehen werde, am Dienstag. Und gleich nach meiner Rückkehr aus dann bereits Wien, wohin ich unmittelbar nach Triest weiterreisen werde, wird es weitergehen. Denn die Idee ist ja, daß aus den Spiralarmen der Triskele immer wieder Ranken herauswachsen werden, die dann auch Blätter tragen — bis sich ein komplettes Bild ergeben haben wird, das ich aber ebenfalls sich weiterentwickeln lassen möchte, ein quasi-organisches work-in-progress. Und wer weiß, was meiner Tattoo-Künstlerin alles noch einfällt. Ich muß ihr nur meine Vorstellung übermitteln, daß ich ihr die größtmögliche Freiheit gebe – für sie möglicherweise ungewohnt, weil Fotorrealistin. Was sich an diesem Tattoo sehr gut erkennen läßt, das meine Vorlage präzis realisiert hat, aber nicht, wie ich wollte, über sie hinausgegangen ist. Doch wie genau Elena gearbeitet hat, ist auf der Vergrößerung trotz der Folie sehr gut zu erkennen (dieses Bild entstand unmittelbar nach Fertigstellung im Studio):


Sehr gut ist die von mir so gewollte Haarstruktur zu sehen, aus der dann später die Ranken heraus in die Zwischenräume wachsen sollen. Was jetzt witzigerweise wie eine dritte Brustwarze aussieht, also die Erhebung unter dem Triskelenzentrum, ist übrigens der Bioport; am Ende des oberen Spiralarms erahnen Sie außerdem den kleinen ebenfalls unter der Haut liegenden künstlichen Zuführungsschlauch, den Elena ziemlich raffiniert mit dem Spiralarm verband. Aber die eigentliche Wirkung insgesamt wird sich wahrscheinlich erst erkennen lassen, wenn die Folie abgezogen sein wird.
Elena, ja. Ich hatte bis gestern ja nur von ihr gehört. Und wie fast fassungslos war ich, als sie mir dann entgegentrat; vielleicht fünfundzwanzig Jahre, allerhöchstens achtundzwanzig alt, entspricht sie dennoch frappierend dem von mir so verehrten Frauentypus: eine sehr schmale, geradezu fragile Figur mit ausdrucksvoll schmalem Gesicht unter dunklem Haar; für eine Frau erstaunlich breite, bewußt so gepflegte Augenbrauen, schmale Hände an nahezu zerbrechlich wirkenden Handgelenken, die Unterarme ein einziger sehniger Traum; wenn sie spricht, hingegen, die Stimme, sie ist kräftig, selbstbewußt – und wie hinreißend, daß sie während des Stechens immer wieder – es lief eine Musik, die ich unter Rockpop einordnen würde – nicht zu singen, nein, aber doch mitzusummen begann. Welch eine innige Konzentration! Überhaupt war die Prozedur alles andere als schwierig auszuhalten, im Gegenteil wogen die Berührungen – auch weil sich Elena immer wieder mit einem Arm auf meiner Brust und meinem rechten Unterarm abstützen mußte – jeglichen, nun jà, in Häkchen, „Schmerz“ so sehr auf, daß es meinetwegen hätte noch Stunden so weitergehen können und ich es wirklich bedauerte, als alles nach knappen zwei vorbei war. So viel körperliche Zuwendung war mir lange nicht mehr vergönnt gewesen, organisch pulsierende, warme Berührungen. Einmal, als sie meinte, bereits fertig zu sein, und mich das Ergebnis im Spiegel begutachten ließ, zögerte ich die Prozedur noch einmal hinaus, bat darum, die Spiralarme noch etwas breiter anzulegen und das Zentrum etwas mehr zu betonen. So daß ich immerhin eine weitere Viertelstunde gewann. Übrigens läßt es sich für meine Empfindung von „stechen“ nicht eigentlich sprechen; es kam mir eher wie ein leicht schrammendes Ritzen vor, dem der Brummton des schmalen Tätowier-… — ich möchte es –stifts nennen … entsprach. Wie entscheidend Klänge für mich sind, zu denen Geräusche unbedingt gehören, wissen, Freundin, Sie ja.
Einhundertfünfzig Euro wollte der Chef nachher von mir haben, dreißig weniger, als er kostenveranschlagt hatte. Ich legte zehn für Elena drauf, bat ihn, sie ihr zu geben, weil ich selbst, es zu tun, für übergriffig hielt und nach wie vor eigentlich jetzt noch halte. Solche Bakschischs sind immer etwas von oben herab, streichen die Augenhöhe durch, die mir gerade bei einem solch intimen Prozeß wichtig ist, als den ich diese „Liegung“ allezeit empfand. Ich fühlte, Elena zu beschämen, steckte ich ihr Geld zu, sie vielleicht sogar zu beleidigen. Aber er, der Chef, bat mich, es ihr dennoch selbst zu geben. „Sei sicher, sie mag es mehr, als wenn ich es ihr gäbe.“ Und so geschah es denn.
Jedenfalls ein weiteres Lebenserfahren für mich, n o c h etwas durchaus berauschend Neues, wie es seit meiner OP vor heute fast genau zwei Jahren und einem Monat nun schon so oft bereitgestanden und gewartet hat, daß ich mich darauf einließ.

Und spätabends rief Freund Sascha an, ob ich nicht auf einen Absacker schnell noch rüberkäme, es gebe Neuigkeiten … So saßen wir von halb dreiundzwanzig bis halb vierundzwanzig Uhr bei Bier auf seinem Balkon und plauderten. Er werde noch einmal Vater … – was er sich so lange schon gewünscht hat … Mich durchfuhr erneut ein Glücksgefühl mit einer nur ganz leisen Beimischung Schmerz, weil mir dergleichen nicht vergönnt gewesen ist und nach der Chemo nun auch vergönnt gar nicht mehr sein kann. Doch sowieso, Sascha ist ja fast zwanzig Jahre jünger als ich, da läuft es in den Bahnen der schönsten Natur; bei mir, jetzt mit siebenundsechzig, wäre picassohin/picassoher leicht ein Hautgoût denn doch dabei, zumal der Krebs erst nach drei bis fünf Jahren als geheilt gilt. Die finanzielle Enge kommt noch drauf, die – wenn ich mir ansehe, wie wenig Engagements und sonstige Aufträge ich überhaupt noch bekomme – möglicherweise noch zunehmen wird; damit, daß eines meiner Bücher plötzlich Geld abwirft, ist sicher nicht zu rechnen; zu sehr liegt meine Arbeit neben dem Mainstream auch in der Literatur, und viele gute Kräfte sind nachgewachsen und fordern ihr Recht, zurecht. — Nein, Freundin, ich bin nicht im entferntesten niedergeschlagen, lebe gerne wie seit je und mit derselben Leidenschaft, was aber nicht bedeutet, sich etwas vorzumachen. Abfolgen sind natürlich.

So, jetzt mal ins Bad, dann kleiden, heute wieder Anzug, dann Besorgungen tätigen, auch und gerade für Triest. Die Planung für den Aufenthalt ist abgeschlossen; wahrscheinlich am Montag stelle ich die Pläne ein. Morgen wird es den wieder nötigen halben Wäschewaschtag geben, und vielleicht schaffe ich es ja doch, wieder etwas am siebenunddreißigsten Triestbrief weiterzuschreiben. Wichtig ist es aber nicht, hat Zeit bis nach Triest, wenn ohnedies einiges wird umgeworfen werden müssen.

Genießen Sie den Sonnabend. Wie, o Freundin, ich es ebenfalls tun werde, der in Musik doch jetzt schon schwimmt.

Ihr ANH

[10.02 Uhr
Keith Jarrett, solo live Budapest Oktober 2007]

_______________________
*) Ja! „Votiv-“ statt „Motivplans“!

Der Tag des Bioporttattoos mit einer Piaggiorückschau auf gestern. Als Arbeitsjournal des Freitags, den 2. September 2022.

[Arbeitswohnung, 9.47 Uhr
Keith Jarrett, Solo Amsterdam 1983]
Also, Freundin, erst einmal erzählt, daß ich umdisponiert habe. Was folgendermaßen kam:
Punkt 10 Uhr also holte ich gestern die 125er Piaggio, was problemlos vonstatten ging, nur daß das Maschinerl erstmal nicht anspringen wollte, es beim dritten Versuch des sehr freundlichen Verleihmitarbeiters dann aber tat. Ich also in den Sattel, Helm auf, festgeschnallt und los. Womit wir bereits beim ersten Problem des Tages sind, eben dem Helm. Kaum hatte ich ihn auf, war er mir extrem unangenehm – was damit zu tun hat, daß er meinem Sensorium nach die Ohren verschließt; ich hörte alles gleichsam wie weggefiltert, etwas, das ich sowieso nur schwer aushalte. Auch deshalb kann ich nur bei geöffnetem Fenster schlafen, egal, wie warm oder kalt es ist. Überhaupt habe ich ja mindestens ein Fenster immer offen, was eben damit zu tun hat, daß ich, sind Außengeräusche weggefiltert, mich extrem isoliert fühlte. Dies ist so, seit meinen zwei Tagen Einzelhaft im, mit fünfzehn, Jugendknast. Etwas übertrieben ausgedrückt, hat mich damals nicht „traumatisiert“, eingesperrt, sondern von den Tönen der Welt weggesperrt gewesen zu sein. (Aus selbem Grund hat mir die grad vergangene Covid-Isolation überhaupt nichts ausgemacht; solange ich die Welt hören kann, bin ich nicht eingesperrt). Jedenfalls, mit diesem Helm  auf dem Kopf begann diese „Welt“ dann auch, sich derart zu entfremden, daß ich gegen den gespürten Eindruck höchst konzentriert andenken mußte. Funktionierte auch gut, solange ich in der Stadt herumgurkte – was ich etwa eine Stunde lang tat und allmählich sehr zu genießen begann, wie kraftvoll das kleine Maschinchen alles hinter sich ließ, wirklich alles, wenn die Ampel von Rot auf Grün umsprang und ich Gas gab. In diesen Situationen vergaß ich sogar den Helm. Der mir allerdings noch etwas weiteres verunmöglichte, nämlich meine Sonnenbrille auf- und abzusetzen. Durch → die künstlichen Linsen ist meine Lichtauswertung aber nicht sehr gut; bei Schatten muß die Sonnenbrille weg, indessen im scharfen Sonnenlicht drauf. Mit dem Effekt, daß ich sie draufließ, aber sich, fuhr ich in eine Schattenzone ein, meine Weltwahrnehmung zusätzlich, ich muß es so schreiben, „surrealisierte“. Durch konzentriertes Denken und weil meine Reaktionen nach wie vor schnell sind, ließ sich dieser Effekt ausgleichen — bis ich …. ja, bis ich, weil ich zum Wannsee und vor allem weiter in den Glienicker Park wollte, unbedingt … – bis ich auf die Avus fuhr, also auf die Autobahn. Darf eine 125er.
Klar, ich wollte „meine“ Liberty aufdrehen. Und tat es, war im Nu auf 95 km/h.
Nun ist die Avus ein unsägliche 10 Kilometer langes, einfach nur grades Ding, das ich schon, wenn ich Auto fahre, nicht sonderlich mag. Hier aber geschah etwas komplett Neues, das ich bislang nur einmal in meinem Leben erlebt habe, als ich nämlich, alleine wandernd, in den Hochalpen an den Rand eines enormen Kessels kam, der sich gut begehen ließ, allerdings auf einem in die quasi rundum laufende Steilwand eingetretenen Pfad von freilich fünfzig bis sechzig Zentimeter Breite, durchaus genug für guten Tritt und Halt. Aber psychisch passierte etwas Unvorhergesehenes: Blickte ich hinüber auf die andere Seite, wo es ein gut sichtbares Refugio gab, begann ich unversehens die Fähigkeit zu verlieren, Entfernungen einzuschätzen … mehr noch kamen mir diese Entfernungen jede Minuten, nein, viertelminütlich stark variierend vor. Es konnten zwei Kilometer sein, dann wieder zehn, dann wieder fünf … Was in mir eine Art Schwindel erzeugte. Genau der trat jetzt auf dieser beklemmend langen Avus auf. Ich mußte alle Konzentration zusammennehmen, um meinen Kreislauf wieder runterzukriegen, wogegen sich allerdings auch dieser leidige Helm sperrte, der unbedingt wollte, daß ich in einer wie luftdicht verschlossenen Kapsel durch ein Weltall jagte, das nur so tat, als ob es der Abschnitt einer Berliner Autobahn wäre. Hinzu kam, daß sich auch der Straßenrand mal hob, mal senkte, obwohl ich genau wußte, es sei dies eine wenn auch enorme Wahrnehmungsstörung, die übrigens frappierend dem glich, was ich bisweilen erlebe, wenn ich kiffe. Also bloß das Gas wegnehmen! Und tatsächlich, war ich auf siebzig runter, renkte sich die Wirklichkeit wieder ein, abgesehen von der Helmeinschränkung selbstverständlich, die nach wie vor so lästig blieb wie übrigens auch die auf einem Motorroller typische, von mir als komplett unorganisch-verkrampft empfundene Sitzhaltung. Ich bin mir sehr sicher, daß, hätte ich auf dem Gefährt so sitzen können, wie ich auf dem Fahrrad sitze, nämlich quasi liege — bei mir ist der Sattel so hoch eingestellt, daß keiner meiner Füße, wenn ich sitzenbleibe, den Boden berühren kann  — … also daß, hätte ich auf einem Motorrad, nicht -roller ge-ecco!-legen, die meisten dieser Phänomene gar nicht aufgetreten wären. Ich werde das gelegentlich mit einer anderen 125er überprüfen, aber, logo, nicht mehr vor Triest. (Eine gerade Sitzhaltung ist mir auch auf einem Fahrrad nicht möglich; Hollandräder sind für mich ein Horror.)
Ah-und-dann endlich, endlich die Ausfahrt Wannsee! Was war ich über ihre Kurve dankbar, die mir wieder Orientierung gab! Jetzt war auch spontan eine Art Fahrsicherheit zurück. Und ich realisierte zugleich, wie ausgesprochen rücksichtsvoll, ja einfühlsam die Autos auf der Avus auf meine Fahrt reagiert hatten. Dafür ein großes Danke. Selbst die für ihre zuweilige Rangeligkeit verrufenen LKW-Fahrer waren alles andere als selbstbezogen gewesen; ich erinnere mich noch jetzt, mit welch einer Sanftheit sie rechts an mir vorüberglitten, halb die Spur gewechselt. — Ah, der große See, prima. Ob ich mal kurz ins LCB hineinschaue, da ich doch quarantänehalber hatte nicht auf das diesjährige Sommerfest kommen können? Nein, unterbrich jetzt nicht, nutze das jetzt gesammelte Wissen und baue es aus! Also gleich weiter Richtung Potsdam und die erste Möglichkeit rechts in den Pleasure ground des Glienicker Parks, erst Nikolskoer Weg, anderthalbspurig, kurvig auf und ab, ringsum Wald, das brachte richtig Freude jetzt, hier war mein Motorradchen richtig. Kurve, zurück, Moorlakenweg, fast zwei Stunden saß ich nun schon auf dem Brummer (dessen Ventile, übrigens, in den höheren Drehmomenten deutlich klapperten, da sollte jemand mal nachsehn), zwei Stunden also, ich sollte dringend eine Kleinigkeit essen und die innere Aufgeregtheit kühlen. Also mein Gefährtchen auf dem Waldparkplatz abgestellt, gut abgeschlossen, Helm und Nierengurt im hinten aufgebockten Case eingeschlossen und die letzten paar Meter zu Fuß. Wie wunderbar die Lake lockte! Dieses Stück zwischen Jungfern- und Wannsee ist meine liebste Landschaft in Berlin; seit ich zum ersten Mal hiergewesen bin, ging meine Zuneigung nie weg, die, glaube ich, der Ausdruck einer deshalb mythischen Verbindung ist, weil es keinen real-biografischen Grund für sie gibt. — Wie auch immer, ich bekam mein (für das Tässerl ziemlich überteuerte) Pfifferlingssüppchen – „Bitte ohne die Sahnehaube“ -, fand aber keine Muße, wenigstens noch eine halbe Pfeife zu rauchen, sondern es zog mich gleich zur Fortsetzung meines Herumgurkens zur Piaggio zurück – allein, nun sprang das Ding erneut nicht an. Ich versuchte und versuchte und versuchte, heruntergebockt, wieder aufgebockt, ohne und mit kurzem Abschieben usw. usf., kurz es war nix zu machen, immer nur das klackend hoffnungslose Schnalzen der Batterie zu hören. Weshalb ich endlich, aber nicht mal genervt, beim Vermieter anrief. Der freilich fiel aus allen Socken. „Haben Sie das Licht angelassen?“ Was dachte der sich? Außerdem geht es automatisch aus, wenn der Zündschlüssel herumgedreht wird. Egal. „Bitte geben Sie der Maschine noch eine Viertelstunde Ruhe und probieren es dann erneut.“
Ich mach es jetzt mal kurz: Keine Chance. Na gut, normalerweise hätte ich mich jetzt abholen lassen können oder gar ein Taxi rufen – die nächste Bushaltestelle befindet sich erst rund drei Kilometer entfernt an der Hauptverkehrsachse zwischen Wannsee und Glienicker Brücke/Potsdam. Aber die beiden Menschen der wirklich kleinen, sogar halb privaten Verleihstelle werden eh zu kämpfen haben, um über die Runden zu kommen. Nein, hätte ich als empathielos empfunden, egal, ob meine Trainingsexkursion nun den Bach hinunterging. Außerdem würde mir ein Spaziergang durch den Wald ganz gut tun. So daß ich zu Fuß loszuziehen begann, und es war in der Tat eine herrliche Strecke, zumal voller – ohne den unseligen Helm – Naturklänge und Düfte:

Nach einiger Zeit erreichte ich denn die Königsstraße wieder; die Bushaltestelle gleich gegenüber. Blöderweise würde der im 40-Minutentakt verkehrende Bus erst in etwas mehr als einer halbe Stunde kommen. Okay, dann spazierte ich halt zur nächsten Haltstelle weiter, was soll ich hier herumstehen? Und wenn ich Glück hatte, nähme mich auf meinen herausgehaltenen Daumen jemand bis zum Wannsee mit; bis zur SBahn-Sation waren es noch fünf Kilometer …
Ich erreichte den nächsten Halt, jetzt wären es noch fünfzehn Minuten, bis der Bus kam; vielleicht zu riskant, noch einen weiteren Halt weiterzugehen. Also bleiben und brav den Damen raus. – Auto für Auto rauschte vorbei; wahrscheinlich trägt auch Covid zum Unwillen bei, jemanden mitzunehmen. Meine Stimmung blieb dennoch prima. Auch sowas ist ein, wenn auch nur kleines Abenteuer; daß ich heute dem Schreibtisch fernbleiben würde, war ja eingeplant. Als aus Richtung Wannsee ein Wagen herankam und auf der wirklich befahrenen Straße einfach wendete und anhielt. „Ich habe Sie nicht gleich gesehen, dann aber gedacht, man kann diesen Menschen doch nicht einfach so stehen lassen. Wissen Sie, ich komme aus Potsdam und bin genau die Route gefahren, die der Bus nimmt. Aber nirgends war einer zu sehen. Ich schätze, der fällt aus, da würden Sie noch Ewigkeiten warten müssen.“ Und wir plauderten. Die Dame kommt aus Kroatien, lebt aber schon lange hier. Und erzählte aus ihrer Kindheit, wie man in ihrem koratischen Dorf eigentlich aufs Trampen angewiesen war. Die Deutschen hingegen hätten einfach einen ignoranten Blick, jeder kümmere sich nur um sich selber; ihr tu‘ das immer wieder weh, es mit ansehen zu müssen.
Da waren wir schon am S-Bahnhof, und mit einem Mal hatte sich der ganze Tag schon wegen dieser Begegnung gelohnt. Als ich erzählt hatte, daß ich, und weshalb, am Montag nach Triest reisen würde, war sie sofort entflammt. Für sie, in ihrer Jugend, war Triest die Stadt der Mode gewesen … Ich gab ihr meine Visitenkarte, weil sie nun etwas mehr wissen wollte. „Schauen Sie einfach im Internet, da finden Sie mehr als genug.“ Herzlichst verabschiedeten wir uns, und ich nahm die S7 bis Bellevue; das Restchen Weges bis Moabit ging ich wieder zu Fuß und wurde im Präsidentendreieckspark von einer rasend schönen Weide begrüßt:

 

Geradezu, Freundin, märchenhaft schön, nicht wahr?

Der Rest ist schnell erzählt. Anstandslos bekam ich mein Geld zurück und hatte jetzt also immerhin zwei Trainingsstunden umsonst gehabt und alle die anderen Eindrücke. Nein, um mißgestimmt zu sein, gab es keinen Grund. Doch ein wenig erschöpft kam ich mir vor, stieg auf mein Rad, fuhr heim, und als ich hier in die Arbeitswohnung kam, warf ich mich quasi aufs Bett. Anderthalb Stunden schlief ich durch, bereitete mir an der Pavoni einen Espresso (IONIA, immer wieder und nur noch IONIA) – und fing nachzudenken an. Erwog ich meine unterm Strich ja doch Fahrunsicherheit auf der 125er, dazu meine harte Abneigung gegen den Helm sowie die Wirklichkeitsverschiebungen, die mir widerfahen waren, und brachte das in Bezug auf den Umstand, daß für den Zeitraum meiner Piaggiomiete in Triest schwere Regengüsse vorhergesagt sind, dann sollte ich klugerweise, siehe oben, umdisponieren. Und handelte. Die 125er-Buchung zu stornieren, erwies sich als problemlos, zumal sich noch ein sehr freundlicher Mailwechsel anschloß. Parallel schaute ich nach einem kleinen Mietauto, wurde sehr schnell fündig, und warf auch meine Konzeption dergestalt um, daß ich bereits an den beiden ersten Tagen, die noch strahlendes Sommerwetter haben, den nunmehr Cinquecento nehme, der überdies keine fünfzehn Gehminuten von Trieste Centrale, wo ich ankommen werde, entfernt steht, und ich buchte einen weiteren Tag hinzu, so daß ich eben an diesen beiden ersten die Exkursionen auf dem Karst vorziehen und den dritten Tag für weitere Fahrten direkt an der Küste nutzen werde; für die Stadt selbst, dann ohne Auto, werde ich da immer noch vier ganze Tage haben. Und unterm Strich – im Wortsinn – fahre ich sogar billiger. Die beiden Motorrollertage hätten mich 113 Euro gekostet; die nunmehr drei Tage Cinquecento, und zwar Vollkasko inklusive, kosten 127. Den Voucher habe ich schon.
Soweit dies.

***

Und nun heute. In etwas mehr als drei Stunden, um 15 Uhr, werde ich in dem LSD Berlin Tattoo-Studio sitzen (oder wahrscheinlich eher liegen) und mir von der mir noch unbekannten Elena diese Triskele stechen lassen. Hübsch auch, was mir „mein“ Chirurg whatsappte, nachdem ich es ihm gestern angekündigt hatte:

Wobei ich zugeben will, ein wenig nervös s c h o n zu sein; ganz ohne Schmerzen wird’s ja nicht abgehn. Mein Sohn, der wie einige andere höchst interessiert an dem Ergebnis ist, riet mir, ein dunkles TShirt anzuziehen, weil es Nachblutungen geben könne; auf einem weißen „kommen“ die nicht gut (und gehn wahrscheinlich auch schlecht raus). Aber am Montagabend, wenn ich in den Flixbus steigen werde, dürfte bereits alles verheilt sein. Nà, vielleicht, Freundin, trage ich Ihnen heute abend noch ein wenig hier was nach. Jetzt aber diesen Beitrag hinein in Die Dschungel! Und dann die Triestplanung noch mal neu organisieren. Wie sie dann schließlich aussehen wird, werde ich als eigenen Dschungelbeitrag am Sonntag formen, der im übrigen, notwendigerweise, ein Waschtag werden wird.

Ihr weiters gutgelaunter

ANH
[Keith Jarrett, Solo live in Norway 1972]

%d Bloggern gefällt das: