Das DTs des 17.8.2022

  • Arbeit an Der Dschungel, selbst gefundene → Zwischenlösung. Danach viel Hilfe von Benjamin Stein; das Bug-Problem aber noch nicht gelöst, doch immerhin eine Menge Fehler schon beseitigt. Brauchte alles etwa den halben Tag.
  • Den sechsunddreißigsten Triestbrief fortgesetzt, bis nunmehr TS-Seite 370. Dazu ständig Netzrecherchen, etwa Motorräder (welches fährt die „eigentliche“ Sídhe? ich montiere hierneben das Bild des Modell ein, für das ich mich schließlich entschied: Moto Guzzi V7, Baujahr 1972 – einen edlen Oldtimer also), außerdem, aus welchem Material besteht die Eingangstürklinke des Tommaseos usw. Muß selbstverständlich in Triest direkt noch mal angesehen werden. Jan Andrea Rossi als handelnde Person eingeführt.

Mit einem dringenden Nachtrag am Tag darauf: Ich habe, nach so vielen Jahren

Brittens Violinkonzert begriffen! Sucht! Hilfe, — S u c h t [1]Kurzes „u“.!

(Und nach dreimaligen Hören — einmal auch mit Hadelich, einer noch nicht veröffentlichten Aufnahme, über die ich vielleicht schreiben werde — hört es mit der Sucht immer noch nicht auf. Schnell also andre Interpreten hören, so viele, wie nur geht. Über Larssohn allerdings, → Triestbriefe, schrieb ich soeben den, ich weiß nicht, ob noch ironischen Satz: „Weit aber wohnt er nicht weg, mit seinem ehemals stärksten Konkurrenten in der cis-Mannschaft der zwölften Klasse, erste Liga des gesamten Gymnasiums.“)

Aber das ist noch g a r nichts —

[Sonnabend, den 6. August 2022
8.11 Uhr
Digitale Konzerthalle, 17. Oktober 2009:
Britten, Violinkonzert, Berliner Philharmoniker, Jansen & Harding]

— gegen den Mitschnitt, den ich gestern nacht noch in der Digitalen Konzerthalle der Berliner Philharmoniker gefunden habe, mit derselben, deshalb seltsam deutlich gealteren Janine Jansen, weil die Aufnahme vier Jahre vor dem oben eingebetteten Youtube-Mitschnitt entstand, nämlich 2009 — die große Frau scheint rückwärts wie Merlin zu leben —, und einem von mir bislang komplett unterschätzten, weil quasi ignorierten Dirigenten, dem ich jetzt unbedingt mein „Verzeihung“ aussprechen muß. Ich habe ihn immer, allein über Äußerlichkeiten, für einen Hugh Grant des Konzertbetriebes gehalten, und nun stellt sich heraus, daß er wie kein anderer an die Seite Teodor Currentzis‚ gehört und wie dieser auf den Dirigierstab verzichtet:

Daniel Harding

Was die beiden mit den Berliner Philharmonikern aus diesem vergleichsweise frühen Brittenstück herausholen, ist atemberaubend. Ich höre die Aufnahme nun zum bestimmt achten Mal, nachts, nach sechs- oder siebenmaligem Hören, brach ich, schwer betrunken offenbar, ab, vom sehr zuvielen Wein, gewiß, doch mehr von dieser Musik, und fing heute früh gleich wieder mit ihr an, nachdem mir in der Nacht noch ein halluzinarisch bewirktes arges Malheur passiert war (ich hatte gestern zwei!mal von den THC-Tropfen genommen, damit ich genügend aß), das ich, wie beim Aufwachen gehofft, eben nicht geträumt hatte. Der kleine Flur vor Toilette und Bad lag voll klitschnasser Handtücher, aber auch der Arbeitsplatz war ein einziges Chaos: die Verlängerungsschnur des STAX-Hörers lose hingeworfen oder heruntergefallen und nicht mehr verbunden mit ihm, der entfernt ebenfalls am Boden lag; außerdem lief noch einer der beiden Computer. Wie bin ich bloß ins Bett gekommen? Ein Filmriß, dessen fehlendes Zelluloid durch diese Musik ersetzt ist, von der ich nicht mehr lassen kann, immer und immer noch nicht.

Ich kann mich nur wiederholen, Freundin. Ein → Abonnement der Digitalen Konzerthalle ist quasi obligatorisch, wenn Sie leben wie ich, um zu hören. (Bis zum 26. August gibt es für Neueinsteigerinnen und -einsteiger sogar noch 10 % Rabatt, wie ich soeben las.)

 

References

References
1 Kurzes „u“.

Als Arbeitsjournal des Montags, den 1. August 2022. Briefe nach Triest, 51. Neuschriften (2): Pläne.

[Arbeitswohnung, 7.54 Uhr
Francemusique Concerts:
Johannes Brahms, Nänie op. 82]
Es war, liebste Freundin, denn doch etwas mühsam, bis die Warterei von AirBnb selbst beendet wurde: Meine → vorgestern gebuchte Unterkunft wurde nicht bestätigt; es kam aber auch keine Nachricht, die mir abgesagt hätte. Also stornierte das Vermittlungsunternehmen, woraufhin ich andere Unterkünfte suchte und dabei bemerkte, daß die erstgewählte in der von mir gewählten Zeitspanne (2. bis 9. September) offenbar ein Belegproblem hatte. Also verschob ich meine Recherchereise zweimal um einen Tag, was dazu führte, daß die erstgewählte Unterkunft jetzt wieder auftauchte, aber in Kombination mit einer zweiten. Da ich keine Lust habe, während meines Aufenthalts das Zimmer zu wechseln, ich will ja durcharbeiten, schob ich weiterhin und — hatte Erfolg. Nunmehr kam auch sofort die Bestätigung, zwar mit 30 Euro pro Nacht etwas teurer als zuvor, aber ja noch immer sehr preisgünstig. Obendrein liegt mein Quartier, via Tigor 14, direkt neben der berühmten Casa dei mascheroni, einem Gebäude phantastischen Jugendstils, sowie nur wenige Schritte vom museo Joyce entfernt, das ich ganz sicher aufsuchen und wo ich, wenn die beiden Bücher nicht schon dort sind, Helmut Schulzes und meine Nachdichtungen als Gastgeschenk abgeben werde. Lustigerweise sieht die, schaun Sie ganz oben, Annoncierung der diesjährigen, nun natürlich bereits stattgehabten Bloomsday-Ausstellung wie eine Szene aus dem Wolpertinger aus — wobei dortige Motive ja nun in den Triestbriefen wieder aufgenommen werden, also die Welten der Sídhe, etwa ihre Tanzkreise. Jedenfalls mit Erleichterung:

Uff. — Danach gleich den Flixbus gebucht, auch wenn die knapp sechzehn(!)stündige Fahrt eine Tortur werden wird. Am 5. 9. um 17.20 Uhr wird es losgehen, ankommen werde ich morgens um 9.10 Uhr. Meine Lieblings-, die sogenannten Panoramaplätze oben ganz vorn waren leider schon wegreserviert, aber ich bekam unten einen Platz, mit, was für mich wichtig ist, Tisch. So daß ich weiterschreiben kann, bis mir die Augen zufallen. Und für 49 Euro ist die Fahrt sehr günstig.

Am dreiunddreißigsten Brief weitergeschrieben, ihn fast fertigbekommen, dafür trotz „meines“ heißen Sommerwetters nicht ein einziges Mal draußen gewesen. Und dann  stockte ich, weil ich mit Orten und Zeiten durcheinanderkam und begriff, daß jetzt der (bei einem Roman normalerweise sehr viel früher eintretende, ich bin ja schon auf Seite 319) Zeitpunkt gekommen war, Romanpläne zu erstellen, also erst einmal eine feste Personenliste mit Geburtsdaten, Berufen usw. sowie eine Liste der erzählten Paare anzulegen:

 

 

 

 

 

 

 

Wodurch Widersprüche sichtbar werden (und wurden), die bei der nächsten Überarbeitung aufgelöst werden müssen. Bei Romanen habe ich es stets so gehalten, von meinen Figuren quasi je den kompletten Lebenslauf zu kennen, und zwar auch dann, wenn nur wenig davon im Text tatsächlich verarbeitet wird. Doch in mir sind die Figuren dann ebentatsächlich Personen, deren Lebensläufe (teils sogar ihrer Eltern) in mir sehr genaue Bilder formen undauch darüber bestimmen, wie sich diese Figuren insgesamt verhalten.
Ebenso wird es eine Zeitentabelle geben — was umso wichtiger ist, als zwischen dem zwei- und dem dreiunddreißigsten Brief sieben Jahre liegen. Allerdings bin ich mir noch unsicher, ob ich diese Zeit nicht verkürze; es wird sich dies aus dem Fortgang und spätestens am Ende des letzten, des neununddreißigsten Briefes ergeben. Möglich übrigens, daß ich ich ihn bis zu meiner Triestreise bereits geschrieben haben, also im groben mit der Ersten Fassung des Buches schon fertig sein werde. Sollte ich das schaffen, führe ich mit perfekten Bedingungen an die Spielorte. Übrigens müssen auch noch ein paar wenige in Düsseldorf, Frankfurtmain und Zürich präzisiert werden, so, wie ich auch festlegen will, wo in Berlin der Brieferzähler und wo seine Ex wohnen; ich denke da an Friedenau oder Charlottenburg, während Lars, der Bratschist und Komponist, hier in der Duncker quasi in meiner Arbeitswohnung lebt, die aber bei ihm um ein Musik- und ein Schlafzimmer größer ist. Seine Ex und die Zwillinge wohnen wie लक्ष्मी und die unseren einen Kilometer entfernt vielleicht an der Prenzlauer Allee. Mal sehn.

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Briefe nach Triest 50 <<<<

Jetzt erstmal geht es jedenfalls mit Brief XXXIII weiter, den ich heute abschließen will. Draußen, Freundin, sieht’s nach etwas Regen aus, den i c h sogar mir wünschen würde, weil nämlich ihr, der E r d e.

Ihr ANH

Erst barfuß, und aber dann geht es los! Das Arbeitsjournal des Sonnabends, den 30. Juli 2022, sowie Tagebuch des Freitags, den 29. — darinnen Bemerkungen zur Polyneuropathie. | Sowie, nämlich endlich: Beginn des ersten neuen, nämlich dreiunddreißigsten Triestbriefs. Und Buchungen dazu. Briefe nach Triest, 50. Neuschriften (1).

[Arbeitswohnung, 7.17 Uhr
Stille, fast sonntäglich bereits.
Seltsames Vermissen rauschenden Regens.]

D a s sind Töne, die ich vom „klassischen“ Literaturbetrieb nicht nur nicht gewöhnt bin, sondern so noch niemals gehört habe:

Sehr geehrter Alban Nikolai Herbst,

anläßlich des bevorstehenden Jubiläums vom TEXT + KRITIK möchte die edition text+kritik eine Publikation herausgeben mit Texten derjenigen Autorinnen und Autoren, deren literarischem Schaffen und Wirken ein Heft der Zeitschrift gewidmet würde — ein Zusammenspiel jener Stimmen, die für die Redaktion und die Herausgeber maßgeblich die deutschsprachige Gegenwartsliteratur in ihrer großen Vielfalt ausmachen.
(…)
Wir wären mehr als glücklich, wenn es mit Ihrer Beteiligung zu einem schönen Zusammenspiel käme und freuen uns so oder so auf Ihre Rückmeldung.

Hier eingegangen nicht als Mail, sondern ich fand den, um das Wort noch einmal zu strapazieren (es faktisch aber zu ehren), „klassischen“ Brief in meinem Briefkasten, als ich abends von dem Beelitz-Heilstättener Ausflug zurückkam:


Zu dem ich, wie ankündigend-vorgenommen bereits gestern erzählt, selbstverständlich das ausgedruckte Typoskript der Triestbriefe mitgenommen, wenngleich nicht ein einziges Mal hineingeschaut habe; das wäre auch nicht nötig gewesen, sondern es geht um etwas anderes, seelisch-psychisches — eine poetische Einnordung. Sie können, Freundin, von dem ästhetischen Kompaß sprechen, der tatsächlich imaginär, dennoch wegleitend ist („Realitätskraft der Fiktionen“). Auch wenn ich es, das Typoskript, mit der Tasche in eines der Fächer einschloß, das, ähnlich einem Museums- oder Bibliotheksbesuch, den Besuchern des Barfußparkes frei zur Verfügung steht, trug ich’s doch in Gedanken mit mir mit, abgelenkt nur, wenn लक्ष्मी und ich sprachen oder wir mit den Zwillingen sprachen oder eine „Aufgabe“ zu bewältigen war, die Konzentration verlangt, etwa bei Balanceakten, also Gleichgewichtstraining, sowie über Scherben oder, ganz fies, kleine Kiefernzapfen zu schreiten und, was ich besonders genoß, durch nassen Torf zu stapfen, der wie schwarzer Schlick im Wattenmeer ist, in den hinein, schönste Freundin, Sie bis zu den Waden sinken, gefolgt vom Durchschreiten eines kalten Gewässers, das den gröbsten Matsch von der Haut wieder wegwäscht. Was noch haften bleibt, sieht schließlich wie eine hauchdünne Nylonsocke aus. Hier ein noch Stadium davor:


Besonderes Zusammenbeißen der Zähne verlangt allerdings der Gang über die Schalenhälften von Kokosnüssen; da geht’s dann wirklich zur Sache. Was mir ausgesprochen gefällt; लक्ष्मी und ich beschritten den kleinen Parcours denn auch gleich drei Mal hintereinander.

Die Idee zu diesem Ausflug war von i h r gekommen, die in Heilstätten schon einmal gewesen ist — einem für mich auch in anderem Sinn spannenden Ort, weil die sechzig größtenteils noch nicht wiederhergestellten Gebäude für meine Phantasie ausgesprochen anregend sind, zumal sich → allerlei „unheimliche Geschichten“ in sie hineingerankt haben, die mir hätten ganz von allein, also ohne Fremdberichte, einfallen können und naheliegenderweise — um nicht von „genretypisch“ zu schreiben — mit dem Tod zu tun haben. Nun jà, es ist einmal ein Lungensanatorium vor allem zur Behandlung der Zauberbergkrank-heit gewesen, die Menschen wie Geschehen durchscheinend macht: Ich assoziiere sofort das Wort „ephemer“. Sind Sie aber an den Ruinen vorbei, deren Schönheit selbst im Verfall noch berückt, wird es ein Sonntagsausflugsfamilienressort, das so spannender- wie „organischer“weise die Sinnlichkeit von der Konkretion unter den Fußsohlen zur – fernöstlich inspirierten – Versenkung in den Geist führt. Auch dieses, Sie kennen meine Schriften, ist mir nah. Doch davon abgesehen, ist gerade für mich der Heileffekt dieser, sagen wir, Kneipptour extrem. Ich meine, gegen die von der Chemo hinterlassene Polyneuropathie in Unterschenkeln, Waden und vor allem den Füßen. Schon vor einem Jahr, auf der Isola del Giglio, hatte ich erfahren, wie lindernd es ist, dauernd barfuß über spitze Steine, Kiesel, aufgeheizte Felsen usw. zu gehen; nach zwei Wochen waren die Symptome geradezu verschwunden (und kehrten fast sofort, nachdem ich wieder in Berlin war, zurück); ähnlich vor rund einer Woche beim → Lektorat in Bad Fischau, wo ebenfalls dauernd über spitzen Kies zu schreiten war. Da spürte ich Linderung bereits am zweiten Tag. So daß ich nun mit dem Gedanken liebäugle, mir eine barfuß-Kur verschreiben zu lassen; ich hatte eh nach Giglio gescherzt, die Krankenkasse solle mir einen Umzug nach Süditalien und die Wohnung dort finanzieren, es käme sie gewiß weniger teuer als jetzt die ganzen blöden Medikationen, die lästige Physiotherapie usw. Das werkelt alles nur an den Symptomen herum; gewöhn ich mir hingegen für geeignete Gelände barfuß zu gehen an, würde ich sie wahrscheinlich komplett loswerden. Und die Vorstellung läßt mich zufrieden lächeln, dennoch in Anzug und Krawatte zu gehen. Es gibt einfach sexy „Widersprüche“. Fast immer reagieren sie mit Natur auf Natur.
Dazu indes auch seelisch. Schon in Wien gab es ja → diesen Moment, unversehens wieder Familie zu sein — wozu, eine Frau zu „haben“, unbedingt gehört —, einen Moment mithin, in dem ich spürte, wie sehr es mir fehlt. Gestern, die Fotos zeigen es, erneut… auch wenn unser Großer jobhalber leider nicht mitkommen konnte — „nur“ eben während einen vollen Tag, von indessen dem ich jetzt wahrscheinlich so ausführlich erzähle, um mich auf den dreiunddreißigsten Triestbrief schon mal einzuschreiben — um den Fluß herbeizuverführen, den gute Erzählungen in meiner Sprache bewirken, ihn anzulocken, er möge in die Sätze fahren, die mir, geht es gut, stets zu so bewegten Innenbildern werden, daß ich am Abend von ihnen wie bekifft bin. Also den friemeligen Überarbeitungsmodus nach den nunmehr fünf Durcharbeitungsgängen dessen, was schon da ist, zu verlassen und wieder großzügig zu werden, in beiderlei Sinn, und im Licht poetischer Grandezza zu fantasieren. Was später dann, logo, ebenfalls wieder kleinteilig durchgearbeitet, kontrolliert, korrigiert, kurz: perfektioniert werden muß. Noch aber ist es wieder die Zeit der poetischen Freiheit. Sie werde ich nun auskosten, wobei … erst einmal ist für Anfang September die Reise nach Triest zu buchen, sowohl Hin- und Rückfahrt als auch AirBnb. Vorher indes will ich ins Bad und hernach mich kleiden. Woraufhin ich bei meinem Änderungsschneider noch ein bißchen was abolen muß, weil er sich ab Montag zwei Wochen lang im Heimaturlaub erholen wird — ich gönn es ihm von Herzen

Ihr ANH

P.S.:
Es gibt im Barfußpark ein riesiges, aus Holzlatten, Ästen und Reisig erschaffenes — nun jà, der Diminutiv geht fehl, weil es eben so groß ist — Maskott“chen“ namens Waldemar. Was an dem Troll fasziniert, ist, daß er je nach Blickwinkel entweder lächelt oder eine Traurigkeit vermittelt, die sehr verständlich wird, wenn Sie sich den ausgetrockneten Zustand des Waldes anschauen. Hier ruft doch alles nach Hilfe. Weshalb ich, als ich dieses Journal begann, das Rauschen draußen fallenden Regens vermißte, obwohl die derzeitigen Temperaturen für mich selbst ideal sind; jetzt, mit 25 Grad, find‘ ich’s sogar a bisserl kühl und sehne wider alles ökologische Bewußtsein die nächsten 35 herbei. Mit aber zunehmend schlechtem Gewissen.


***

[16.15 Uhr]
Ein, scheint es mir, wunderbares Angebot gefunden, unterm Strich für 27 Euro pro Nacht, zentral gelegen mit einem für dieses Buch wirklich passenden Eingang:

U n d diese Unterkunft, ein Einzelzimmer in einer 160-qm-Wohnung, deren Salon mitnutzbar ist, liege auch noch nahe der Piazza dell’Unità d’Italia, auf der die Venere di trieste steht, auf die sich der Roman immer wieder bezieht. Vor Ort werde ich jetzt nur noch gucken müssen, ob ich für die Suche nach Lenzens oben im Karst befindlichen Grenzhäuschen werde irgendwo eine Vespa mieten können. Aber erst – auch, bevor ich An- und Rückreise buche – muß ich die Bestätigung der Unterkunft abwarten; als Mail bekam ich nämlich erstmal nur dies:

 

Bene. So geht es – und Barenboims Mahler VII starten – nun wirklich endlich los:

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Briefe nach Triest 49 <<<<

Wien 3: Und dann zu je einsfuffzich der Abschiedscafé Mitte. Als Tagebuch im Arbeitsjournal des Montags, den 25. Juli 2022. Mit einer enormen Wende in Triest. Briefe nach Triest, 48. Wiederaufnahme, Überarbeitung 8 (vierter Durchgang).

 

Foto ©: Wikipedia

Draußen Platz nehmen vor der offenen Zugangshalle der Züge. Espresso und Café sind ausgezeichnet. Ich nur, ausnahmsweise, kurze Kahkihose, kurzärmliges Khakihemd und Chucks, sie sieht nach Hawaii aus, wir müssen beide lachen. Da der Junge, gewachsen ist er, fällt mir stürmisch um den Hals. Das hatte ich nicht erwartet, bin von Glück geflutet. Immer wieder, auch als ich die zwei zum Bahnsteig bringe, sucht er meine Nähe, umarmt mich noch und noch; kurz gehen wir Arm über Schulter. Vater wieder sein.
Die beiden steigen ein, finden ihren Platz. Ich, außen, lege je meine Hände an die Scheiben, sie darunter die ihren. Der Zug ruckt kurz, setzt sich in Bewegung, und ich winke.
Lange, sehr lange in dieser Intensität nicht mehr gehabt: Wir waren kurz Familie.

A., 9.44 Uhr

***

Mein Abendzug zurück nach Berlin geht um 18.43 Uhr, also erstmal die SBahn bis Meidlingen, danach wird in den Intervity umgestiegen, der bis Gesundbrunnen durchfährt. Deshalb konnte ich mit den zweien nicht mit; zuviele nicht planbare Zugausfälle auch der ÖBB. Ich wäre allzu nervös gewesen. Dazu kam, daß gestern eine riesige Wende in der Planung der Triestbriefe geschah; etwas Unheimliches, das mir einfiel, enorm Konsequentes, aber halt auch Übertritt – genau in dem Sinn, in dem auch das Traumschiff Übertritt war. Es riecht nach einer Blasphemie, doch ist sie unabwendbar. Symbolisch gesprochen, riskiere ich mich selbst. Daran will ich gleich weiterarbeiten, muß ich weiterarbeiten. All das ist nicht ohne Irre; der Weg wurde frei, als ich einen Fehler in den Briefdatierungen bemerkte und versuchte, ihn zu beheben. Er streckt sich in der Zeit nach vorne, aber auch nach hinten. Und weil es hervorgehobene Daten sind, Daten eines wichtigen Festes, mußte für die Verschiebung eine Überleitung gefunden werden. Ich stand im Hausflur die Pfeife rauchend am Fenster, neben mir das Glaserl Wein, als der Schauer über mich ging.
Zurück zu meinem Verlegerfreund, der über Druckfahnen saß. „Du, ich habe da plötzlich eine Idee, die aber ganz gespenstisch ist.“ „Erzähl.“ (…) „Das ist es!“ „Aber es ist unheimlich.“ „Aber es i s t es.“ — Jetzt muß ich Spuren legen und Übergänge schreiben. Auch das noch, bevor ich den Erzähler beginnen lasse, meinen dreiunddreißigsten Brief zu formulieren. Der dem sechsundzwanzigsten Brief nun neu voranzustellende Übergang, den ich gestern nacht noch notierte, klingt einstweilen so:

 

Es war, schöne Frau,

28. Dezember, montagmorgens 6.15 Uhr

Stille seit über einer Woche – etwas, das aber, Sídhe, mit Dir nicht zusammenhing, sondern mit den Feierlichkeiten. Sie mögen getrennt sein, Sarah und Lars, doch gegen alle Unbill haben sie selbst in zerstrittensten Zeiten daran gehangen, Larssohn ein Zuhause zu bewahren, das auch eines ist. Mein, also Lars’ens, letzter Brief datiert vom 22., ab dem 23. war das Fest vorzubereiten, da ist für anderes nicht Zeit. Und auch ich selbst war durchaus verhindert, Judiths und der Zwillingskinder wegen, die von ihren Elten noch weitergehend abhängig sind, als der schwer – aber klug – pubertierende Larsson es ist. Ich also auch hatte mich um meine Familie zu kümmern, Du, so weit weg, fielst, verzeih, in den Hintergrund weg. Vielleicht wäre es anders gewesen, hättest Du nur ein einziges Mal reagiert – wobei ich unterdessen denke, diese Pause jetzt habe Dir die Hoffnung gemacht, es fände mit meinen Briefen vielleicht überhaupt ein Ende. Dem, wie Du jetzt liest oder zumindest zur Kenntnis nehmen wirst, ist nicht so. Denn wie wundervoll auch immer ein gemeinsam verbrachtes familiäres Weihnachtsfest ist, so wenig hält es danach den eigentlichen Erfordernissen, schon gar den Entwicklungen stand, die sich seit den Trennungen – einerseits Lars’ens von Sarah, andererseits Judiths von mir – geradezu notwendigerweise ergeben haben. (…)

*******

Wien 1: Schlußlektorat in Bad Fischau. Die ersten beiden Tage. (Als Arbeitsjournal des Donnerstags, den 21. Juli 2022.)

 

 

 

 

 

Anderthalb Stunden Besprechung und ggbf. Veränderung, eine dreiviertel Stunden schwimmen, anderthalb Stunden Besprechung und ggbf. Veränderung, anderthalb Stunden schwimmen, anderthalb … — Vom morgens ab etwa 10 Uhr (Hinfahrt ab Wien Mitte 8.43 Uhr) bis etwa 18 Uhr; rückgekehrt gegen halb acht abends.
Temperatur der Luft bis 38°, die des Wassers 18.

Zur Zahl 13: Briefe nach Triest, 47. Wiederaufnahme, Überarbeitung 7 (dritter Durchgang).

[Aus dem dreizehnten Brief]

(…)

Die Zahl, Geliebte, dreizehn,

Dienstag, 8.25 Uhr
Stan Getz at Montmartre, live 1977

die geliebte 13, Herz, spielt in meinem Denken und darum auch Empfinden eine große Rolle; ich sollte sie ihr auch hier zukommen lassen in immerhin einem Elben­roman, meinem außerdem zweiten. 13 x 28 (ich schrieb Dir schon davon: vom matriarchalen Jahr, das nach Eu­ren Monatszyklen gezählt war). Jedenfalls soll nun wenigstens die Quersumme der Zahl seiner Briefe an Dich ein Vielfaches von drei­zehn ergeben, das Dreifache viel­leicht, um gleichzeitig die andere, nunmehr für L a r s bedeutsame Zahl, die 3, aufzu­nehmen. Schmölzen wir, er und ich, strukturell so in­einander, kämen wir auf neununddreißig Kapitel, was schon vom reinen Ansehn Evidenz hat und deshalb unser Blicken gleichsam zahlenmystisch spiegelt (ich for­muliere dies bewußt nicht | in dem „an sich“ hier zu verwendenden Konjunktiv). Wäre dem so, würde ich mit dem Rohling des Buchs spätestens im kommenden Januar fertig sein, was in seiner Logik bedeutet: mit dem Verarbeitungsprozeß. Ach, lach nur auf, ich weiß ja selbst: Welch ein bizarres Gerüst seiner Trauer! Als ließen sich Verluste be­stimmen … Übrigens spricht die Lydierin schon gleich bei beider erstem Wiedersehen in Triest, und zwar noch vor dem Grottenbegebnis, von den dreizehn Dimensionen, in denen wir lebten; bis dahin hätte Lenz nie gedacht, daß diese Frau phantastische Neigungen hat, wenngleich, wer mit einer Sídhe umgeht, darauf von Anfang an gefaßt sein muß, sozusagen natürlicherweise. Für das Vielfache von Drei­zehn spricht außerdem, daß es in diesem Roman immer auch um ein Kind geht, das sich – außer Jessir (oder hatte ich mich für „Volker“ entschieden, den Namen des exekutierten Freunds meiner Freun­din?) alle Beteiligten wünschen und zu dem es aber nie kommen wird, jedenfalls nicht in diesem Roman. Was nach ihm geschieht, steht in den Sternen.
Freilich, eine Sídhe … Im Gegensatz zur menschlichen Frau hat sie fast jede Zeit der Welt. So kannst Du ruhig bleiben. Alleine Lars, der Vater so gerne eines zweiten Kin­des würde, gerät in die Not seines Endspurts. Wäret Ihr möglich geblieben, hättet Ihr schnell eins gehabt. Du hast ihm sogar den Tochternamen genannt, ich schreib ihn, Lars’ Bitte folgend, nicht hin nein, Liebste, habe deshalb keine Sorge. Aber er hat, dieser Name, Lars momentlang stummwerden lassen. Solch ein Wagnis! Aber daß Du es eingehen wolltest, wirklich eingehen wolltest, schloß Euch fast ebenso eng zusammen wie Eure pheromonale Melange. Du weißt, er hätte sich drauf eingelas­sen, wiewohl gerade er niemand ist, der die mythischen Hintergründe nicht sehr ge­nau, nämlich aus unsern Gesprächen, kennt und also weiß, was da heraufbeschworen worden wäre – zumal ohne, daß er auch nur ahnte, was die Motive, Deine, hinter die­sem Namen sind. Ihr hättet aber sicherlich immer wieder darüber gesprochen und wäret ihnen schließlich, vermute ich jedenfalls, nahegekommen. Bei der Lydierin hingegen sind sie klar. Anders als Du bist, ist sie nicht scheu, sondern emphatisch matriarchal; des­halb ist sie sich auch so sicher, daß das Kind, das Lenz ihr dann – ihrem Empfinden zufolge – verweigert, eine Tochter werden wird. Nicht eine Se­kunde lang, tatsäch­lich, glaubte sie an ein männliches Baby. Während Lenz das Ge­schlecht seines zwei­ten Kindes völlig egal gewesen wäre.

(…)

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Briefe nach Triest 46 <<<<

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