Magenkrebs (Kardiakarzinom). Das nunmehr Coronavölligegal- und erneut, um so dringender, Arbeitsjournal des Donnerstags, den 29. April 2020. Zu Schostakovitschs Cello und Klavier.

 

… und das erste, was ich gestern tat, nachdem ich aus all den Gesprächen
heraus war, war — endlich wieder ein Brot zu backen, also den Teig anzusetzen,
mit eigenem lievito madre. Die erste Ruhephase des Teiglings endete heute
morgen um sechs. Dann noch zweidreimal falten und weitere drei Stunden Treibzeit.
Den Backofen vorheizen, den hellen Laib hinein — und voilà:

 

Jetzt muß er nur noch etwas bräunen.

 

 

 

[Arbeitswohnung, 6.18 Uhr]
Schostakovitsch, Sonate für Cello und Klavier d-moll, op. 40 (→ Schwestern Hack)]

Nein, Geliebte, ich bin völlig ruhig, sehr klar. Auch jetzt noch, am Morgen darauf. Nach dieser Diagnose, meine ich. Denn, wie ich gestern einer Freundin sagte — ich telefonierte nachher, whatsappte, facetimte quasi unentwegt; mit meinem Sohn und लक्ष्मी sprach ich persönlich hier bei mir; nachdem ich kurz nach Mittag schon zu dieser hinübergeradelt, kamen sie und er abends gegen 22 Uhr zu mir und blieben bis fast eins  … also wie ich der Freundin sagte: “Meine Depressionen? Die kann ich mir nun nicht mehr leisten.”
Es ist bizarr. Sei dem Befund bin ich als ich zurück. Was ist zu planen, wie ist zu strukturieren, was muß ins Auge genommen werden? Das beschäftigt mich. Und der erste Gedanke, der mir, der Gastroenterologin gegenübersitzend, kam, als sie den Befund – genauso nüchtern, unverbrämt, ich möchte sagen: ohne auf meiner Glatze Locken zu drehen –, war: Dann bekomme ich auf jeden Fall die Béarts noch fertig.

Doch der Reihe nach.
Gestern früh → also erst die Magen-, dann die nach sechs Jahren für mich zweite Darmspiegelung, für die mich die Ärztin ein bißchen übers Ohr hieb. Denn wieder hatte ich mich auf eine Anästhesie nicht einlassen wollen, weshalb sie einen Kompromiß vorschlug: hinwegs betäubt, rückwegs klar. “Dann können Sie den ganzen Weg der Sonde durch den Darm noch am Bildschirm sehen.” Fand ich okay, → meine erste Koloskopie war ja in der Tat, ich schreib mal euphemistisch, “anstrengend” gewesen, allerdings auch – wegen der geradezu surreal-utopischen Bildwelt, in die ich hineinsehen durfte – rauschhaft; wenn Sie mögen, lesen Sie die Erzählung nach (ich habe sie dazu noch einmal verlinkt). Und das genau, die quasi psychedelische Form- und Farbwelt, hatte ich in Speiseröhre und Magen wiederholen wollen. Das Organische war mir immer ein Wunder, und ist’s mir noch jetzt, da es sich, sozusagen wider sich kehrt, wider also gegen mich.
Die Wiederholung gelang nicht, ich war ausgeknockt. Noch guckte ich, wie immer voller Neugier zu, wie mir der Bioport gelegt wurde. Dann tröpfelte schon das Narkosemittel in mich rein. Das nächste, was ich hörte, war ein fernes, tja, “Plaudern” der beiden behandelnden Damen. Na, kann so schlimm ja nicht sein, dachte ich und fragte, als ich erwachte: “Und wann die Magenspiegelung?”
“Wieso, die ist schon vorbei.”
Grrr. Und daran, auf den Bildschirm zu schauen, hatte ich, als und während ich erwachte, komplett vergessen, mich statt dessen über das Geplauder der Damen im Wortsinn amüsiert.
“Wann werden Sie abgeholt?”
“Abgeholt? Nebbich! Ich kann alleine gehen. Außerdem steht mein Fahrrad vor der Tür.”
“Das geht nicht, aus juristischen Gründen. Dann müssen Sie ein Taxi nehmen.”
Was mir vor allem zu teuer gewesen wäre, aber auch objektiv so lächerlich war, daß es an Peinlichkeit grenzte. Ich meine, einen halben Kilometer, nicht mehr … Aber, dachte ich, red du nur. Und erstmal sollte ich sowieso nach nebenan auf die Liege, um die Narkose auszuschlafen.
Nur daß ich sie schon gar nicht mehr merkte. Fünf Minuten hielt ich hinter dem vorgezogenen Vorhang die Liegerei aus, dann schaute ich nach meiner Ledertasche, in der die ADA steckte — und begann zu lesen. Wo war mein Stift? Ah, da.
Doch ich kann im Liegen nicht lesen, konnte es, seit ich ein Mann bin, nie. Ich muß sitzen, am besten an einem Tisch und auf einem harten Stuhl. Also ließ ich die Beine lesend baumeln.
“Wie? Sie sind schon wach? Gibt’s doch gar nicht!”
“Gibt’s, is’ immer so bei mir.”
“Na dann gehn Sie besser ins Wartezimmer, wo Sie auch mehr Licht haben. Ich brauche noch eine halbe Stunde, dann besprechen wir alles.”
Noch ahnte ich nichts.
Eine ungefähr sechzigjährige, wirklich Dame betrat das Wartezimmer, eine schöne Frau von großem Chic, vielleicht ein wenig streng um die Lippen. Sie setzte sich. Und nach einem Blick auf ihre Füße konnte ich nicht anders, als leis gesprochen auszurufen: “Was sind das für schöne Schuhe, die Sie da tragen!”
Wahrscheinlich war schon das wieder genderincorrect, denn sie reagierte nicht einmal. Nur ihre Lippen zuckten an den Enden noch ein Stück weiter hinunter – als wär mein Kompliment eine Beleidigung gewesen, die frau am besten ignoriert.
Gleichwohl, ich sah sie nach wie vor an, zog mein Notizbuch hervor und schrieb die Frau mir ab. Beschrieb den Silberschmuck und die deutlich echten, in ihm eingefaßten Steine, die Haute Couture der schmalgeschnittenen, nur bis zur Hüfte reichenden Jeansjacke und dann den auffällig schmalen Schnitt der Lippen. Und ihre, obwohl sie niemals zurücksah, hellen, schmerzerfüllten, spürte ich, Augen. Als ich schon aufgerufen wurde

“Was meinen Sie”, fragte ich, “bösartig oder nicht?”
“Bösartig. Brauchen Sie erst mal Zeit, um es zu verarbeiten?”
“Was soll ich verarbeiten? Was ist, ist.” Ich war von Anfang der Eröffnung an komplett ruhig. Nicht die Spur von Panik. Die Béarts, war das erste was ich dachte, bekomme ich auf jeden Fall noch fertig. Diese Sicherheit machte mich enorm gefaßt. Später kam da noch anderes hinzu. – “Wie gehen wir vor?”
“Als erstes müssen Sie in die Klinik zur genauen Bestimmung der Tumors.”
“Und um herauszufinden, ob er bereits gestreut hat.”
“Ja.”
“Welche Klinik empfehlen Sie?”
“Sie haben zwei Möglichkeiten, entweder die Charité oder das Sana-Klinikum in Lichtenberg. Bei jener gibt’s das Problem, daß nie jemand ans Telefon geht, wenn man einen schnellen Termin ausmachen will. Zu Sana hingegen habe ich persönlichen Kontakt, weil ich dort lange Oberärztin war. Ich kann diese Kollegen nur empfehlen.”
“Dann rufen Sie an.”
Sie hatte den Hörer bereits in der Hand, sprach mit dem ihr vertrauten Kollegen. “Montag früh?” Blick zu mir. “Gut.”
“Wie lange werde ich bleiben müssen?”
“Zwei Nächte. Der Tumor wird rundum untersucht, CT, nochmals Spiegelung, allerdings mit Ultraschall kombiniert. Markerbestimmung undsoweiter. Am Mittwoch können Sie bereits wieder hinaus. Da findet dann die Therapiekonferenz statt.”
Auf der, wie ich nachher im Netz las (ich las da viel, viel, viel), die möglicherweise beteiligten Spezialisten die bestmögliche Behandlung bestimmen und danach vorschlagen.

Ich war entlassen. Nach meiner Begleitung fragte niemand mehr, und keiner wollte mich noch in ein Taxi setzen. Ich war quietsch-wach, nahm nach Hause das Rad und las erst einmal den Arztbrief, den ich für die Klinik mitbekommen hatte. Auf dem Überweisungsschein stand, also steht, “Karzinom-Magen, G.” Der Arztbrief spezifiziert es:

In Inversion Kardia morphologisch mit einer großen circumferentiellen Läsion wie Kardiakarzinom.

Das Fiese an dem Ding war (ist), daß, wenn es gestreut hat, die Bauchspeicheldrüse betroffen ist, was, ich weiß es nur zu gut (zu schlecht), bedeutet, mein Leben währt noch ein halbes Jahr. Und wieder dachte ich: Da bekommst du die Béarts auf jeden Fall fertig. Alles andre allerdings … Nun gut, wir wissen es noch nicht.
Nunmehr Statistiken gelesen. Nicht schön:

Aufgrund der zumeist sehr späten Diagnosestellung ist die Prognose schlecht und die 5-Jahresüberlebenschance liegt nur bei < 20% der Fälle.

Fünf Jahre immerhin bedeuteten, auch die Triestbriefe bekomme ich fertig. Den Friedrich allerdings … Es sei denn, formulierte ich später in Facetime, ich schiebe alles beiseite, was ich mir an Recherchen vorgenommen hatte, und schreibe “einfach” runter, allein auf der Grundlage der ANDERSWELT-Poetik, die ich ja nun eh beiziehen wollte. “Fünf Jahre, in Ordnung”, dachte ich. “Das sind noch zweieinhalb Bücher.” Hatte ich nicht, ahnend, das ganze letzte Jahr poetisch vor allem damit zugebracht, meinen literarischen Nachlaß zu sichern und es sogar hin und wieder in DER DSCHUNGEL genauso ausgedrückt? Denken Sie, Freundin, daran, daß ich sogar dazu überging, die alten DSCHUNGELBLÄTTER hier zu integrieren, aber auch nach und nach sämtliche Texte aus meinem ersten, dem Weblog bei Freecity. Auch das, auf jeden Fall, will ich noch beenden. Sie glauben nicht, wie meine Sicherheit sich da noch einmal festigte. Nicht die Spur mehr von Niedergeschlagenheit, dieser mutlosen Hilflosigkeit, von ich noch neulich geschrieben habe und die mich dazu trieb, mich ganz von mir aus, unabhängig von Corona, zu isolieren. Sondern Klarheit, ein Ziel vor Augen, den Gegner vor mir sehe, anstatt daß er sich ständig im Nebel aus Gesagtwerden, Ignorieren, schweigendem (“klandestinem”) Mobbing verbirgt. Mit dem ich derart viel Erfahrung habe. — So bizarr es klingt, diese Diagnose ist für mich wie eine Erlösung, auch – oder eben, weil – ich die sehr möglichen Konsequenzen deutlich vor Augen habe. Ansehen können, was dich bedroht. Es benennen können. Und meinem Instinkt erneut vertrauen. Denn hatte ich’s nicht schon gewußt?
In der Tat. (Seltsames Idiom, das einen Zustand als aktiv sieht). “Es ist auffällig”, sagte die Gastroenterologin, “wie absolut genau Sie mit dem Finger auf die Stelle gezeigt haben, auch wie exakt Sie, was da passiert, beschrieben haben.” Ich hatte ihr beim Vorgespräch mein Gefühl geschildert, daß sich genau der Ausgang der Speiseröhre in den Magen verengt anfühle, weil nun fast immer, schluckte ich, die Nahrung da hängenblieb, und wenn ich zum “Rutschen” nachspüle, ist es, als stünde die Wassersäule noch zwei Sekunden lang drauf, bevor sie den Bissen dann doch noch, mit einem quasi Plumps, unter sich in das Verdauungsbecken fallen läßt. Tatsächlich ist es so, daß sich der Tumor wie eine Wulst um die Kardia gelegt hat und sie langsam zudrückt.
Daß es mich dort erwischt, ist außerdem kein Wunder. Mein Magen war seit Kindheit meine “Sollbruchstelle”. Wann immer ich mich in einer als ausweglos empfundenen Situation befand, weil sich objektiv gegen sie nichts ausrichten ließ, ich also hinnehmen, mich “abfinden” mußte, reagierte ich mit meist einen Tag lang anhaltenden schweren Krämpfen. Im Schnitt einmal pro Jahr, selten öfter. Gewissermaßen kämpfte ich auf diese Weise immer weiter, nun allerdings nach innen. Da nun aber rein lebensgeschichtlich mein Zeithorizont zu nahgerückt ist, um noch, was immer meine Kraft gewesen, gegen Ignoranz und Mobbing Hoffnung und Trotz  zu stemmen, wird dieser Innenkampf genauso eng: deutlichstes rien ne va plus. Dazu, es ist mir völlig bewußt, die Raucherei — Nikotin abuses, da gibt es keine Diskussion. Aber ich bedauere ihn nicht, auch jetzt noch nicht. Denn er hat mir für meine Arbeit gedient; andere Autorinnen und Autoren brauchten Alkohol, sehr viel Alkohol, wieder andere Drogen. Wer unter Tage arbeitet, bekommt die Lungenkrankheit stets präsentiert. Doch anders als die meisten Kumpels habe ich mir meine Arbeit frei gewählt und wußte, was sie bedeuten könnte. An Hölderin zu denken und an Kleist, auch Kafka, viele andre.
Zum anderen bin ich genetisch vorbelastet. Meine Mutter starb an Krebs, mein Vater, schon mit 62, starb an Krebs, mein Großvater, mit knapp siebzig, starb an Krebs, meine Großmutter starb an Krebs. Mein Leben im dauernden Widerstand, fast durchgehende, vor allem dann seit MEERE, Erfolglosigkeit – womit ich nicht eine poetische, sondern fehlende Anerkennung meine und vor allem versagten Respekt. Poetisch ist mein Leben von Erfolg gesegnet. Auch deshalb bin ich jetzt so ruhig und seit gestern mir, also dem Rang meiner Dichtung, völlig gewiß. Es kann und muß nun darum gehen, sie zu sichern, ihr, nicht mein Überleben zu sichern. Nur mein Sohn noch kommt an Bedeutung dem gleich.
Deshalb ist dringend mit meinen Verlagen zu reden. Sie müssen, wenn es gelingen soll, zusammenarbeiten. Mit Arco sprach ich gestern schon.
Aber erst einmal rief ich nacheinander die Frauen an, die ich liebe. Und als ich Phyllis Kiehl erzählte, ich sei unsicher, oh ich in DER DSCHUNGEL über den Krebs schreiben solle – eine Frage, die sich mir auch wegen Herrndorfs ARBEIT UND STRUKTUR stellte — allzu groß ist die Gefahr, daß mir nun auch noch Nachahmung vorgehalten wird —, antwortete sie, wenngleich einigermaßen erschüttert (alle, mit denen ich sprach, waren so erschüttert; ich hatte den Eindruck, der einzige ohne Not sei ich selbst): “Das mußt du sogar. Du darfst die Ästhetik Der Dschungel jetzt nicht zerstören.”
Also, meine Liebste, werd ich hier den Verlauf der Krankheit miterzählen — “mit”, weil es zugleich dabei bleiben wird, daß ich wie stets über Poetologie schreiben werde, mit der Krankheit vermischt, wechselseitig ineinandergebettet; und alles andre bleibt ebenfalls beim “alten”, seien es die Auseinandersetzung mit nicht von mir selbst stammenden Werken wie derzeit die Nabokovlesen-Serie, seien es die Überlegungen und Kritiken über Musik, seien es die eingestellten Entwürfe meiner eigenen, primären literarischen Arbeit. Doch der Krebs, bis zu welchem Ende auch immer, wird fortan stetig dabei sein. Eine wahre Dschungel halt; wäre ich Herrndorf, würde ich sie allerdings in MÖGLICHKEITEN UND VERMISCHUNG umbenennen. Ein feiner Buchtitel übrigens:

Möglichkeiten und Vermischung
Die Dschungel. Anderswelt
2003 –20??

(Wär aber ein dickes Buch.)

Gut, meine Lektorin anrufen, die nach meinem Ableben meine literarische Nachlaßverwaltung mit sämtlichen Befugnissen übernimmt, also die Ansprechpartnerin sowohl für meinen Sohn, der mein Erbe sein wird, als auch für die Verlage sein wird. Dann schon mal eine Liste sämtlicher Paßwörter anlegen, damit sie Zugriff auf DIE DSCHUNGEL hat, und die Struktur auf meinem Computer übersichtlich genug gestalten, damit sich andere drin zurechtfinden. Aber noch keinen Zeitplan erstellen; das ist erst sinnvoll, wenn ich nächste Woche den tatsächlichen Umfang und die genaue Art des Krebses spezifiziert weiß. Wenn er bereits gestreut hat, muß anderes und anders geplant werden, als wenn ich noch die fünf, vielleicht sogar zehn Jahre (also fünf Bücher) vor mir habe.

Das also meine Situation. Wobei eines sicher ist. Nämlich werde ich mich nicht auf eine Chemotherapie einlassen; ich habe im nahen Umkreis zu oft erlebt, worauf sie hinausläuft. Es wäre kein lebenswertes, weil eben unstolzes Leben. Ich möchte gehen so, daß meine Lieben eine deutlich konturierte Erinnerung haben — um es “incorrect” zu sagen: als ein Mann. Im Zweifelsfall werde ich, wie Herrndorf tat, den Freitod wählen:

So, Sohn, vernarrt bin ich ins Leben; ich ginge freiwillig eher, als daß ich’s beklagte.
Das bleibende Thier, Neunte Elegie

Allerdings habe ich dafür einen anderen, ich sage einmal, Traum, den ich aber hier aus verschiedenen Gründen jedenfalls noch nicht erzählen will. Im übrigen gibt es auch immer noch die wenn auch sehr unwahrscheinliche Möglichkeit, daß ich einigermaßen heil aus der Geschichte herauskomme. “Leg nachher, wenn du schlafen gehst und liegst”, sagte लक्ष्मी gestern nacht zum Abschied, “einen Finger auf die Stelle und sprich in dich “heile” hinein. Werde dir dieses “heile”s gewiß.”

Ihr, um 8.35 Uhr,
ANH,
der heute vormittag einiges zu erledigen hat. Es ist ein paar Empfehlungen zu folgen, über die ich auch mit meiner Hausärztin sprechen muß.

[Schostakovitsch, Sonate für Viola und Klavier op. 147,
aufs Cello transponiert: Schwestern Hack.]

 

Die CD wurde mir gestern zur Besprechung geschickt; sie ist noch nicht auf dem Markt, wird erst ab 5. Juni zu erhalten sein
In op. 147 singt berückt Freund Hein.

*

Ecco!:

 

Apfelbäume. Im Coronajournal des Freitags, den 13. März 2020.

[Arbeitswohnung, 11 Uhr]

Jetzt ist mir fast ein bißchen, Geliebte, als müßte ich für meine → Dekadenzpolemik vom 4. März eine Art Abbitte leisten, da nun die Zahlen so über mich und uns alle hinweggehn — Broßmann hatte mit seinem → Einwand völlig recht — und ich zudem Christian Drostens kluge und umso bedenkenswertere → NDR-Poscasts aufmerksam verfolge. Ich möchte jedem gerne raten, es ebenfalls zu tun. Dennoch halte ich an meiner Grundspekulation fest, füge indessen weitere Wägungen hinzu, etwa K. U.’s vielleicht nur auf den ersten Blick zynische Bemerkung, Trump habe ja eigentlich recht: “Die Natur” löse die Probleme schon selbst … Nicht ohne etwas zu schaudern, erinnere ich mich an einen Standardsatz meiner Mutter, demzufolge Naturkatastrophen ganz so wie Kriege “das Gleichgewicht wiederherstellen”; dies bei Corona nun, insofern vor allem alte und gesundheitlich angeschlagene Menschen die Krankheit nicht überleben oder doch geringere Chancen haben, sie schadlos zu bewältigen. Da wäre dann das Überalterungsproblem der westlichen Gesellschaften unversehens vom Tisch. — Ja, ich bin mir bewußt, selbst ein Teil davon zu sein. Und selbstverständlich habe ich gestern abend und heute früh darüber ein bißchen gegrübelt, ob ich nachher wirklich zu einer mir nahen Kollegin und ihren Kindern fahren sollte, für die ich neuerdings einmal wöchentlich koche, was ihnen – in beiderlei Sinn – gefällt, zumal in der Schule eines der beiden ein Coronafall aufgetreten ist, woraufhin sie nun auch geschossen wurde. Ja, ich werde fahren und kochen, hier ist Isolation gegen notwendige Nähe unbedingt aufzuwiegen.
Dennoch, selbst ich, der Risikobecircte, fange nun damit an, mir zu überlegen, ob die Gründe gut genug sind, die Arbeitswohnung zu verlassen, wohl wissend zugleich, welche auch politischen Folgen, um von den sozialen zu schweigen, solche Gedankengänge haben oder haben doch könnten. Ich erwische mich jetzt sogar mit ihnen, wobei es mir gar nicht so sehr um mich selbst geht als mehr darum, nicht meinerseits Gefahrenherd für andere zu werden. Beginnt man damit aber einmal, kann gar nicht mehr ermessen werden, worauf es schließlich hinausläuft. Es widerstrebt mir also zutiefst. Denn ich habe mir einzugestehen, nicht nur wehrlos zu sein, sondern akzeptieren zu müssen, daß Widerstand gegen einen Virus etwas durchweg Abstruses, ja Lächerliches hat. Es wäre so, wie wenn ich einen Tsunami beschimpfte — als hätte der einen Willen und wäre von Absicht geleitet. Tatsächlich hat Sabine Scho mit ihrer Bemerkung recht, wir seien der Natur egal, und zwar schlechterdings deshalb, weil sie kein denkendes, geschweige fühlendes Geschöpf ist, sondern nichts als determinierter Prozeß. Hingegen meinen Gegnern bin ich nicht egal, sie verfolgen ein Ziel, und gegen das kann ich mich stemmen. Der Virus aber “will” nichts anderes, als sich so umfassend wie möglich zu reproduzieren. Survival of the fittest. Und um dies zu tun, steckt er uns an, eine nach dem anderen, exponentiell. Viele, wahrscheinlich die meisten von uns, werden es überleben, viele andre aber nicht. Insofern sind die Isolationsmaßnahmen mehr als nur sinnvoll, ebenso wie es die radikale Einschränkung der sozialen Kontaktmöglichkeiten ist.
Auf der anderen Seite wächst das Rettende auch. Wie furchtbar wäre es, liebste Freundin, hätten wir nun das Internet nicht? Es sind die sozialen Netzwerke, die nun das Soziale wirklich bewahren. Kommunikation wird nicht erliegen — völlig anders, als es noch vor dreißig, ja zwanzig Jahren der Fall gewesen wäre, als auf die neuen Medien wütend eingeschlagen und ihrethalben Belsazars Flammenschrift, des Unterganges unserer Kultur nämlich, allenthalben loderte. Und auch dieses, ein Hinüberschwappen der menscheigenen, unserer also, Bedürfnisse vom “Realen” ins Netz sah bereits THETIS voraus und beschrieb es ebenso wie, daß “Neue Krankheiten entstanden und alte, urvordenkliche, aus dem Vergessen” stiegen (S. 35). Nein, Freundin, ich hätte sehr gerne unrecht gehabt …
Ja, das Rettende wächst mit, wir sind sozial nicht unvorbereitet. Etwa wenn gestern abend Simon Rattle die Berliner Philharmoniker vor leerem Saal dirigierte und dieses Konzert in der → Digitalen Konzerthalle unentgeltlich zu sehen war. Ähnlich hält es die →Lindenoper und halten es andere Häuser anderwärts. (Ich habe das Glück, mit meinem kleinen Tonstudio hier über einen kleinen eigenen imaginären Konzertsaal zu verfügen, der mich fast in originaler Qualität hören läßt.) Oder wenn mir vorhin die Damen des Literaturhauses Fasanenstraße schrieben, die → Hölderlin-Veranstaltung werde stattfinden, allerdings in Form eines wahrscheinlich live-Streams, den wir dort dann aufnehmen würden; jede und jeder, die und der weiterhin mitmachen wollten, würden begrüßt.

Aber es fällt mir derzeit nun noch schwerer, als wegen der “Gender”debatten sowieso schon, in den hymnischen, bewußt verklärenden Ton der → Béartgedichte zurückzufinden, ihn in mir flammen und sei’s nur aufflammen zu lassen; es ist, um es so zu sagen, eine elende Aufgabe, Wort für Wort, und manchmal brauche ich zwei Tage für einen einzigen Vers. Also nehme ich den Ausweg ins “Archiv”, stelle, wie neulich schon erzählt, einen Artikel nach dem anderen aus dem alten Weblogbuch ein, der noch nicht in Der Dschungel erfaßt ist, und manchmal, → wie heute, gehört solch ein Text erstmal wieder ganz nach vorn auf die Hauptseite, weil etwas in ihm gesagt ist, das nach wie vor stimmt, vielleicht sogar jetzt erst vollen Umfangs. Indessen frage ich mich quasi im selben Moment, wen eine zeitgemäße Ästhetik derzeit eigentlich noch interessiert. Ist sie nicht wirklich nur noch L’art pour ‘art? wovon ich seit jeher, grad als Formalist, ein Gegner gewesen? Sind nicht andere “Probleme” ins Auge zu nehmen? Mal abgesehen davon, daß Literatur – als Dichtung – ohnedies kaum mehr von Bedeutung ist.

Und doch. Es ist meine Bedeutung. Sie hat ein ganzes Leben geprägt, also mein bisheriges, das ohne sie kaum denkbar wäre, es jedenfalls jetzt nicht mehr ist. Und wenn ich in Nabokov falle, dann glüht sie. (Wobei dies auch unangenehme Aspekte hat: Wenn ich ihn lese — wie oft habe ich mich da nun schon gefragt, woher ich eigentlich die Chuzpe nehme, auch nur einen einzigen Satz jemals selbst geschrieben zu haben? Welch eine Hybris angesichts → solcher Vollkommenheiten! So ist es mir bislang noch bei keinem anderen Autor, keiner anderen Autorin ergangen, daß ich nicht etwa herausgefordert worden wäre, mit dem Gelesenen zumindest probehalber gleichzuziehen, sei es stilistisch, sei es im Grandiosen eines Entwurfs. Bei Nabokov aber denke ich ständig: Das wirst du niemals schaffen, das ist dir — versagt. | Nun, ich schreibe dennoch, aber halt Silbe nur tastend um Silbe.)
“Schreiben gegen Corona”: Lächerlich, gewiß. Und dennoch gibt’s das Apfelbäumchen, übrigens nicht von Luther. Den hätte Corona gefreut, der Virus wie, na sowieso, das Bier.

Die Nachrichten aus Italien, gerade auch von Freunden, sind beklemmend. Würde es in Berlin ebenso werden, wäre es ein realisierter Albtraum, weil diese Stadt nicht museal ist, imgrunde nicht mal historisch, sondern aus dem Gären des Augenblicks lebt, aus den Szenen, von den Hinzugezogenen, aus dem Gedrängten, auch ihrem Widerständigen, ihrem durchaus amoralischen Elan vital, der zugleich vitalistisch ist und süchtig, diesem Hedonistischen, ob nun Spaß oder gierige Leidenschaft, in jedem Fall Wollen. Berlin hat das Erbe des Paris der Bohème- und Chansonzeit und in der Folge des unterdessen disneyficateten New Yorks der erst 20er, dann 60er Jahre angetreten, nirgendwo sonst treibt der kulturelle Humus solch neue Gewächse wie hier. Das ginge, fürcht’ ich, zugrunde. Daß aus der Dekadenz, ja, die ich weiterhin sehe, sich eine neue Bewegung erhebt wie im Wien zum Ende des 19. Jahrhunderts — eine Bewegung, die aber nicht “deutsch” ist, sondern aus dem Amalgam von Kulturen und Religionen entsteht, für das wesentlich Migration ist, und Vermischung. Was aber auch, zugleich, Tradition meint, abendländischer wie “fremder”, also Strenge, formal, sowohl wie das Spiel — der einen indes wie aller der andren.

Ihr ANH
13.10 Uhr

P.S.:
Was mich allerdings beruhigt, ist, daß Kinder und jungerwachsene Menschen den neuen Virus fast durchweg gut überstehen. Darin liegt, fühle ich, eine wundervolle Hoffnung.

Puck schreibt mir.

 

… und ich möchte darauf antworten wie in einem Dialog; Bongartz und ich literarisierten das Verfahren in → INZEST ODER DIE ENTSTEHUNG DER WELT (Schreibheft 58): Man schreibt sich jeweils in die These des anderen hinein.Verschriftlichtes Gespräch.

Doch vorher eine Bemerkung zu den meisten der hier bisweilen eingehenden „Kommentare“:
Wenn sie rein persönlich gehalten sind, mag ich sie nicht freischalten, weil sie dem Weglogbuch einen privaten Charakter gäben, den ich heraushalten will. Beistandserklärungen, Mutmachereien usw. mögen mir derzeit seelisch guttun, aber sie haben in einem Öffentlichen Tagebuch so wenig zu suchen wie mein eigenes Geseufze. Es hinge immer Peinlichkeit daran. Deshalb nehme man es mir nicht übel, wenn ich solche Zuschriften „unterdrücke“. Verweisen sie jedoch auf Links, die etwas zu den Themen beitragen, mit denen sich das Weblogbuch herumschlägt, oder diskutieren sie sie, dann laß ich sie öffentlich werden und reagiere vielleicht auch. Es geht hier nicht um Freundschaft oder Beistand, sondern um die flirrenden „Sach“verhalte.

Also Puck schreibt mir zum → Weblogbuch vom 28. Oktober:

männer haben keinen körper.
sie haben stattdessen den willen zur macht, mit dem sie materie sich unterwerfen, für sich zurichten, für sich zähmen, für sich “veredeln” … wollen, so das naturprogramm.

Ich glaube ein „Naturprogramm“ nicht. Vielmehr ist „Männern“ ihr Körper einerseits Materialisierung von Kraft, von Energie; andererseits hat er den Mangel, nicht gebären zu können. In der frühesten Phase des Kindes ist die „Mutter“ allgegenwärtig; der Vater – auch als Bild – tritt erst in die Gegenwart das Kindes, wenn sich sein Intellekt rührt, den es aber, weil er „trennt“ (Individuation), als schmerzhaft erlebt. Ja, der Vater schiebt sich zwischen die vom Säugling als Geborgenheit erlebte Einheit von Mutter und Kind. Umgekehrt erlebt aber auch der Vater das Kind als jemanden, der sich zwischen ihn und die geliebte Frau schiebt.

Das ist kein bewußter Prozeß; ja selbst, wird er ins Bewußtsein gehoben, bleibt der Trennungsschmerz grundierend erhalten. Das übt auf den Mann, von dem Entsagung gefordert ist, eine rein praktische (und notwendige) weibliche Macht aus, welche die nach wie vor mythische der „Gebärerin“ verstärkt. Insofern war die freudsche Idee des „Penisneides“ eine pfiffige theoretisch-patriarchale Abwehrbewegung.

frauen können männer nicht so vergewaltigen, wie männer frauen vergewaltigen können

Das ist natürlich wahr, wenn man auch hin und wieder von Versuchen hört, es dennoch zu tun. Nur scheitert das Unternehmen stets daran, daß sich – anders als der weibliche Orgasmus – eine Erektion nicht „spielen“ läßt; man(n) hat sie oder hat sie nicht. Erzwungen werden kann sie nicht.

sie können es bedingt, indem sie sich dem willen der männer entziehen. einen mann “ficken bis du ohnmächtig wirst” können frauen nicht, als ganzkörperhaft erotischen. polymorph perversen wesen fehlt ihnen dazu die lust an aufrichtiger direktheit.

Das deutete ich an. Nur: Warum?

direkt formulierte fick-fiktionen lassen sie kalt, weil sie solche seit jahrtausenden als reale und soziale ansprüche an ihr “leben für den mann” erleben.

Stimmte das, würde es bedeuten, daß sich Verhaltensmuster und Abwehr- oder Annahmereaktionen genetisch vererben. Ich frage mich, wie das „gehen“ soll. Um in Frauen neue Instinktformen auszubilden, scheint mir das Patriarchat nicht alt genug zu sein; sowas rechnet ja gemeinhin nach Hunderttausenden Jahren. Und für die Vorzeit gibt es Indizien, daß die Machtverhältnisse gänzlich anders lagen. Davon wittert noch bei Thukydides, vor allem bei Cato etwas nach: „Wären sie uns gleichgestellt“, formulierte er in einer Rede vor dem römischen Senat, „dann wären sie uns überlegen.“ Sogar die Urform des gezielten Patriarchats – die, worin es Wort wurde – hält bis heute daran fest: Jude ist einer ausschließlich aus der weiblichen Herkunft.

fe-mina= die frau hat keine seele, keinen geist, keinen glauben …verkündeten im mittelalter die päpste und: “die frau ist das gefäss des mannes”, die brutmaschine für seinen samen.
von eierstöcken und eiern wusste man damals noch nichts, d.h. im samen des mannes war schon das ganze kind enthalten. so auch dann die verteufelung der männlichen onanie als mord.

Das ist bekannt, beschreibt aber keinen anthropologischen Sachverhalt, sondern ist eine Strategie, die Macht von Frauen zu moderieren, die sehr wohl gefühlt und gewußt wird. Dazu gehören ganz bezeichnend die „Kopfgeburten“, bzw. „Kopfzeugungen“, etwa der Pallas Athene aus Zeus’ Schädel (in anderer Version: aus seinem Oberschenkel) und selbstverständlich auch die „Empfängnis“ Mariae durch das Ohr, also das Wort. Indem ich „Wort-Sperma“ erfinde, löse ich den Zeugungsakt von seiner Körperlichkeit, aber nicht, weil mir der Körper unangenehm wäre, sondern weil er – als Spender von Leben – im Vergleich mit dem weiblichen Körper nicht genügt. Ich denke manchmal, unsere gesamte Schrift- und Sprachkultur ist auf diesem Minderwertigkeitskomplex gegründet.

Das wird derzeit um“formuliert“: Die kybernetische Revolution – sei sie auch immer auf 1 und 0 fundiert, also grob eineindeutig – ist in ihrer ästhetischen Wirkung, die gegenüber dem Wort das Bild und gegenüber der „Tiefe“ die Oberfläche favorisiert, eine Bewegung der Mehrdeutigkeit und des Unbestimmten.

(…) Und als Kontrapunkt dazu in einem Gedicht:

Wollust

O Unterschied im Liebesspiele!
Wie kommt es aus ganz andern Quellen:
bei ihr zu sein,
und sie sich vorzustellen!
Denn sie ist nur ein Schein;
doch wenn sie fern, erwachsen die Gefühle.

Kurz ist die Gier,
und man ist bald am Ziel
und fühlt nur eben, was man fühle;
das ist nicht viel.
Gern wär man aus dem Spiele,
ist man bei ihr.

Wie bin ich anders aufgewühlt,
ist sie entrückt!
Wie wird sie vielfach neu und nah
und endlos bleibe ich verzückt,
denn sie, sie selbst ist da,
und ich, ich fühle, was sie fühlt!

Karl Kraus

O nah? – : Nie! — Drum weiter so mit der Pointillisierung der Materie, aufrichtiger Alban … anders ist der “Erbschuld” Mann und Weib und Weib und Mann nicht beizukommen … anders als Schikaneder hoffte, werden sie nur durch Pulverisierung an die Idee der “Gottheit” heranreichen, was die auch immer sein oder nicht sein mag.

Das glaube ich auch. Deshalb aber auch mein Erstaunen darüber, daß gerade Frauen das ANDERSWELT-Projekt als ein „männliches“ zu empfinden scheinen und deshalb lieber, so sie’s überhaupt anfassen, schnell beiseitelegen. Und zur „Pontillisierung der Materie“ gehört unweigerlich, auch männlich-sexuelle Perspektiven zu formulieren und weiblich-sexuelle darauf zu spiegeln, wie umgekehrt. Für Leser/innen bedeutet das den Willen, einen fremden Geschlechtsblick anzunehmen. Immerhin ist bei Heterosexuellen ja gerade er es, was lockt, also lüstern macht. Zu oft habe ich erlebt, daß Frauen den „direkten Blick“ ausgesprochen genossen, allerdings im „privaten Bereich“; sie können dort geradezu süchtig danach werden. „Veröffentlicht“ er sich aber, wird er also abstrakt wie ein Bild – wird er Kunst -, dann fühlen sie sich offenbar verletzt und reagieren mit der vollen Gewalt patriarchaler Instrumente und nutzen das Patriarchat, um sich darin zu verstecken. — Bitte gestehen Sie mir zu, daß alles dies hier → anthropologische Arbeitsthesen sind.

 

Poetik & Pornographie: Wo Schmerz war, soll Lust werden.


Sexualität spielt in meinem Gesamtwerk eine herausragende Rolle, allein weil sie die wirkmächtigste Kraft ist, die uns treibt. Tatsächlich garantiert ja nur sie das Weiterexistieren unserer Art, jedenfalls bislang (da ist ein gewaltiger anthropologischer Umbruch im Gang). Kultur hat es notwendigerweise mit sich gebracht, daß Sublimationsprozesse angestoßen werden, die sich scheinbar von “ursprünglichen” Prozessen entfernen, etwa in sogenannten Perversionen, die ja “Umdrehungen”, nämlich Verarbeitungen erlittener Traumata sind: Wo Schmerz war, soll Lust werden. Ist der Schmerz dauerhaft präsent, wird er selber in Lust uminterpretiert. Ein hochartifizieller und genuin menschlicher, zugleich – weil so körperlich – entscheidender Akt, der letztlich an den “Ursprung” gekoppelt bleibt: Genau das erklärt den nie erloschenen Skandal um Pornographie.

Besonders nun an meinem Werk ist, daß ich sexuelle Dynamiken auf politische ebenso wie auf individuell persönliche spiegle. Von allem Anfang meines Publizierens an war dies ein Dorn im Auge vieler Rezensenten. Dabei geht es gar nicht um den Tabubruch, sondern mein Werk ist eines des Zusammenhangs, ich isoliere nicht Themenkomplexe, um sie wissenschaftlich zu untersuchen, sondern stelle ein Bedingungsgefüge her, das die einzelnen Segmente miteinander innig und heftig agieren läßt. Dieses Bedingungsgefüge ist ein Modell der Wirklichkeit, sozusagen eine Hinsicht auf sie, und zwar eine unter vielen anderen. Was tatsächlich “wahr” ist, wird sich – vielleicht – aus dem Betrachten sämtlicher maßgeblichen Disziplinen, nämlich der Künste und Wissenschaften, ergeben. Die Kunst des Dichters besteht darin, höchst theoretische, jedoch semantisch zugängliche Zusammenhänge sinnlich erscheinen zu lassen und dadurch nachfühlbar zu machen. Das Nachdenken über ein Buch ist immer ein Träumen. Dieses für real zu nehmen, wäre paranoid, etwa so, wie wenn ein Schlafender von seinem Nachbarn im Albtraum attackiert wird und ihn nach dem Erwachen gerichtlich dafür belangen will. Ein Dichter denkt beziehungswahnhaft; schon deshalb ist es irrig, was er schreibt, für bare Münze zu nehmen. Der Beziehungswahn ist dennoch und gerade deshalb eine Bedingung dafür, daß ein Werk entsteht; das Dichtung ist immer Hypothese, und zwar eine unter vielen. Das muß sie auch sein, weil es einen VORSCHEIN VON WIRKLICHKEIT herstellt, der sie den Leser als Wirklichkeit empfinden läßt: gefühlte Wirklichkeit.

 

 

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