Puck schreibt mir.

 

… und ich möchte darauf antworten wie in einem Dialog; Bongartz und ich literarisierten das Verfahren in → INZEST ODER DIE ENTSTEHUNG DER WELT (Schreibheft 58): Man schreibt sich jeweils in die These des anderen hinein.Verschriftlichtes Gespräch.

Doch vorher eine Bemerkung zu den meisten der hier bisweilen eingehenden „Kommentare“:
Wenn sie rein persönlich gehalten sind, mag ich sie nicht freischalten, weil sie dem Weglogbuch einen privaten Charakter gäben, den ich heraushalten will. Beistandserklärungen, Mutmachereien usw. mögen mir derzeit seelisch guttun, aber sie haben in einem Öffentlichen Tagebuch so wenig zu suchen wie mein eigenes Geseufze. Es hinge immer Peinlichkeit daran. Deshalb nehme man es mir nicht übel, wenn ich solche Zuschriften „unterdrücke“. Verweisen sie jedoch auf Links, die etwas zu den Themen beitragen, mit denen sich das Weblogbuch herumschlägt, oder diskutieren sie sie, dann laß ich sie öffentlich werden und reagiere vielleicht auch. Es geht hier nicht um Freundschaft oder Beistand, sondern um die flirrenden „Sach“verhalte.

Also Puck schreibt mir zum → Weblogbuch vom 28. Oktober:

männer haben keinen körper.
sie haben stattdessen den willen zur macht, mit dem sie materie sich unterwerfen, für sich zurichten, für sich zähmen, für sich „veredeln“ … wollen, so das naturprogramm.

Ich glaube ein „Naturprogramm“ nicht. Vielmehr ist „Männern“ ihr Körper einerseits Materialisierung von Kraft, von Energie; andererseits hat er den Mangel, nicht gebären zu können. In der frühesten Phase des Kindes ist die „Mutter“ allgegenwärtig; der Vater – auch als Bild – tritt erst in die Gegenwart das Kindes, wenn sich sein Intellekt rührt, den es aber, weil er „trennt“ (Individuation), als schmerzhaft erlebt. Ja, der Vater schiebt sich zwischen die vom Säugling als Geborgenheit erlebte Einheit von Mutter und Kind. Umgekehrt erlebt aber auch der Vater das Kind als jemanden, der sich zwischen ihn und die geliebte Frau schiebt.

Das ist kein bewußter Prozeß; ja selbst, wird er ins Bewußtsein gehoben, bleibt der Trennungsschmerz grundierend erhalten. Das übt auf den Mann, von dem Entsagung gefordert ist, eine rein praktische (und notwendige) weibliche Macht aus, welche die nach wie vor mythische der „Gebärerin“ verstärkt. Insofern war die freudsche Idee des „Penisneides“ eine pfiffige theoretisch-patriarchale Abwehrbewegung.

frauen können männer nicht so vergewaltigen, wie männer frauen vergewaltigen können

Das ist natürlich wahr, wenn man auch hin und wieder von Versuchen hört, es dennoch zu tun. Nur scheitert das Unternehmen stets daran, daß sich – anders als der weibliche Orgasmus – eine Erektion nicht „spielen“ läßt; man(n) hat sie oder hat sie nicht. Erzwungen werden kann sie nicht.

sie können es bedingt, indem sie sich dem willen der männer entziehen. einen mann „ficken bis du ohnmächtig wirst“ können frauen nicht, als ganzkörperhaft erotischen. polymorph perversen wesen fehlt ihnen dazu die lust an aufrichtiger direktheit.

Das deutete ich an. Nur: Warum?

direkt formulierte fick-fiktionen lassen sie kalt, weil sie solche seit jahrtausenden als reale und soziale ansprüche an ihr „leben für den mann“ erleben.

Stimmte das, würde es bedeuten, daß sich Verhaltensmuster und Abwehr- oder Annahmereaktionen genetisch vererben. Ich frage mich, wie das „gehen“ soll. Um in Frauen neue Instinktformen auszubilden, scheint mir das Patriarchat nicht alt genug zu sein; sowas rechnet ja gemeinhin nach Hunderttausenden Jahren. Und für die Vorzeit gibt es Indizien, daß die Machtverhältnisse gänzlich anders lagen. Davon wittert noch bei Thukydides, vor allem bei Cato etwas nach: „Wären sie uns gleichgestellt“, formulierte er in einer Rede vor dem römischen Senat, „dann wären sie uns überlegen.“ Sogar die Urform des gezielten Patriarchats – die, worin es Wort wurde – hält bis heute daran fest: Jude ist einer ausschließlich aus der weiblichen Herkunft.

fe-mina= die frau hat keine seele, keinen geist, keinen glauben …verkündeten im mittelalter die päpste und: „die frau ist das gefäss des mannes“, die brutmaschine für seinen samen.
von eierstöcken und eiern wusste man damals noch nichts, d.h. im samen des mannes war schon das ganze kind enthalten. so auch dann die verteufelung der männlichen onanie als mord.

Das ist bekannt, beschreibt aber keinen anthropologischen Sachverhalt, sondern ist eine Strategie, die Macht von Frauen zu moderieren, die sehr wohl gefühlt und gewußt wird. Dazu gehören ganz bezeichnend die „Kopfgeburten“, bzw. „Kopfzeugungen“, etwa der Pallas Athene aus Zeus’ Schädel (in anderer Version: aus seinem Oberschenkel) und selbstverständlich auch die „Empfängnis“ Mariae durch das Ohr, also das Wort. Indem ich „Wort-Sperma“ erfinde, löse ich den Zeugungsakt von seiner Körperlichkeit, aber nicht, weil mir der Körper unangenehm wäre, sondern weil er – als Spender von Leben – im Vergleich mit dem weiblichen Körper nicht genügt. Ich denke manchmal, unsere gesamte Schrift- und Sprachkultur ist auf diesem Minderwertigkeitskomplex gegründet.

Das wird derzeit um“formuliert“: Die kybernetische Revolution – sei sie auch immer auf 1 und 0 fundiert, also grob eineindeutig – ist in ihrer ästhetischen Wirkung, die gegenüber dem Wort das Bild und gegenüber der „Tiefe“ die Oberfläche favorisiert, eine Bewegung der Mehrdeutigkeit und des Unbestimmten.

(…) Und als Kontrapunkt dazu in einem Gedicht:

Wollust

O Unterschied im Liebesspiele!
Wie kommt es aus ganz andern Quellen:
bei ihr zu sein,
und sie sich vorzustellen!
Denn sie ist nur ein Schein;
doch wenn sie fern, erwachsen die Gefühle.

Kurz ist die Gier,
und man ist bald am Ziel
und fühlt nur eben, was man fühle;
das ist nicht viel.
Gern wär man aus dem Spiele,
ist man bei ihr.

Wie bin ich anders aufgewühlt,
ist sie entrückt!
Wie wird sie vielfach neu und nah
und endlos bleibe ich verzückt,
denn sie, sie selbst ist da,
und ich, ich fühle, was sie fühlt!

Karl Kraus

O nah? – : Nie! — Drum weiter so mit der Pointillisierung der Materie, aufrichtiger Alban … anders ist der „Erbschuld“ Mann und Weib und Weib und Mann nicht beizukommen … anders als Schikaneder hoffte, werden sie nur durch Pulverisierung an die Idee der „Gottheit“ heranreichen, was die auch immer sein oder nicht sein mag.

Das glaube ich auch. Deshalb aber auch mein Erstaunen darüber, daß gerade Frauen das ANDERSWELT-Projekt als ein „männliches“ zu empfinden scheinen und deshalb lieber, so sie’s überhaupt anfassen, schnell beiseitelegen. Und zur „Pontillisierung der Materie“ gehört unweigerlich, auch männlich-sexuelle Perspektiven zu formulieren und weiblich-sexuelle darauf zu spiegeln, wie umgekehrt. Für Leser/innen bedeutet das den Willen, einen fremden Geschlechtsblick anzunehmen. Immerhin ist bei Heterosexuellen ja gerade er es, was lockt, also lüstern macht. Zu oft habe ich erlebt, daß Frauen den „direkten Blick“ ausgesprochen genossen, allerdings im „privaten Bereich“; sie können dort geradezu süchtig danach werden. „Veröffentlicht“ er sich aber, wird er also abstrakt wie ein Bild – wird er Kunst -, dann fühlen sie sich offenbar verletzt und reagieren mit der vollen Gewalt patriarchaler Instrumente und nutzen das Patriarchat, um sich darin zu verstecken. — Bitte gestehen Sie mir zu, daß alles dies hier → anthropologische Arbeitsthesen sind.

 

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2 Responses to Puck schreibt mir.

  1. Avatar Puck says:

    Ich glaube ein Naturprogramm nicht.

    wie könnten wir es nennen? naturkultursozialprogramm? — ja, der gebärneid führte zum ursprung des staats, der familie und des privateigentums … mit allen kulturerellen und sozialen folgen … in jüdisch-christlich geprägten breitengraden. schliesslich will mann nicht enden die der gatte der spinne namens Gottesanbeterin: gefressen werden von ihr nach dem begattungsakt.

    So gelesen, ist das Patriarchat also ein Akt der Notwehr? ANH lacht auf

    als es noch keinen staat, keine familie und kein privateigentum gab, in den mythischen zeiten des matriarchats, wurde der erzeuger einfach in die wüste gejagt, der sündenbock, nachdem er in günstigen mondzeiten seine pflicht erfüllt hatte.— war er eigentlich einer für alle, wie bei den pavianen und keilern?

    Ich darf auf meinen Text verweisen, der „Geliebte Männer“ heißt und sich im → Schreibheft Nr. 58 findet.

    Vielleicht sollte ich den hieres konnte passieren, dass er sich jahre später im süssen mondlicht zurückverirrte an den ort seiner hingabe … und von den söhnen, die ja nicht wussten, dass er ihr vater war, erschlagen wurde. da erfand er sich dann einen gott und bald den ritus des opfers der erstgeburt ( opferung isaaks, opferung jesu, opferung der erstlinge aller tiere und feldfrüchte).
    einszweidrei im sauseschritt: der mama-fixierte dichter Rilke riet einem jungen dichter, der sich in liebeskummer- und dichternöten an ihn wandte, davon ab, sich an eine frau zu binden. Sie könne ihn in seiner kreativität nur schwächen, sie sei keine muse, denn: die frau woll das kind, nicht den mann, sie verachte den mann dafür, dass sie ihn braucht, um ein kind zu bekommen.

    Überaus weiblich gedacht. Es hat etwas, das einen einfach nur staunen macht. Rilke wird seine Gründe gehabt haben, es mit den Frauen nicht aufzunehmen… schon eingedenk des orphischen Endes. Nur scheitert das Unternehmen stets daran, daß sich – anders als der weibliche Orgasmus – eine Erektion nicht spielen läßt; man(n) hat sie oder hat sie nicht. Erzwungen werden kann sie nicht.

    dem mann bleibt die möglichkeit, einer frau vorzuspielen, dass seine erektion ihr, der gerade zuhandenden gilt, und nicht einem tagelang verdrückten drang oder einer imaginierten gespielin.

    Das gilt nun für Frauen ganz ebenso, und sie tun dies nicht minder intensiv als ein Mann. Wenn ich jedenfalls meinen Geliebten trauen darf.

    also körperlich kann er so wenig erektion spielen, wie eine frau gebärenmüssen spielen kann. doch welch ein unterschied zwischen moment bei ihm und dauer bei ihr!

    Das halte ich für ein Vorurteil. „Dauer“ betrifft allenfalls geglückte Empfängnis; im Zeitalter der Verhütungsmittel indes nicht mehr.

    sie können es bedingt, indem sie sich dem willen der männer entziehen.
    einen mann „ficken bis du ohnmächtig wirst“ können frauen nicht, als ganzkörperhaft erotischen. polymorph perversen wesen fehlt ihnen dazu die lust an aufrichtiger direktheit.

    Das deutete ich an. Nur: Warum?

    wegen ihrer lust an der dauer gegenüber seinem problem des momenthaften, eruptiven, körperlich nicht spielbaren.

    Das finde ich anthropologisch gewagt. Auch i h r Orgasmus endet und muss nicht notwendigerweise länger andauern als der seine. Du reflektierst hier den ja damals schon ziemlich ideologischen Kinsey.

    ausserdem ist ihr ganzer körper nach seinem momenthaften fruchbringenden ausbruch neun monde lang intensiv und intim mit der frucht verbunden.

    Sofern es zur Befruchtung gab. Außerdem zeigt jedenfalls meine Erfahrung, dass weibliche Lust sich während der Schwangerschaft durchaus nicht mildert; eher das Gegenteil ist der Fall. Und auch die männliche Lust hindert eine Schwangerschaft absolut nicht. Das Sexualproblem beginnt überhaupt erst nach der Geburt.

    von einem neun monate währenden coitus habe ich auch bislang im tannach nichts finden können, obwohl es dort heisst, dass männer mehrere hundert jahre alt wurden… Methusalem u.a.

    • Überaus weiblich gedacht. Es hat etwas, das einen einfach nur staunen macht. Rilke wird seine Gründe gehabt haben, es mit den Frauen nicht aufzunehmen… schon eingedenk des orphischen Endes. Nur scheitert das Unternehmen stets daran, daß sich – anders als der weibliche Orgasmus – eine Erektion nicht spielen läßt; man(n) hat sie oder hat sie nicht. Erzwungen werden kann sie nicht.

      dem mann bleibt die möglichkeit, einer frau vorzuspielen, dass seine erektion ihr, der gerade zuhandenden gilt, und nicht einem tagelang verdrückten drang oder einer imaginierten gespielin.

      Das gilt nun für Frauen ganz ebenso, und sie tun dies nicht minder intensiv als ein Mann. Wenn ich jedenfalls meinen Geliebten trauen darf.

      also körperlich kann er so wenig erektion spielen, wie eine frau gebärenmüssen spielen kann. doch welch ein unterschied zwischen moment bei ihm und dauer bei ihr!

      Das halte ich für ein Vorurteil. „Dauer“ betrifft allenfalls geglückte Empfängnis; im Zeitalter der Verhütungsmittel indes nicht mehr.

      sie können es bedingt, indem sie sich dem willen der männer entziehen.
      einen mann „ficken bis du ohnmächtig wirst“ können frauen nicht, als ganzkörperhaft erotischen. polymorph perversen wesen fehlt ihnen dazu die lust an aufrichtiger direktheit.

      Das deutete ich an. Nur: Warum?

      wegen ihrer lust an der dauer gegenüber seinem problem des momenthaften, eruptiven, körperlich nicht spielbaren.

      Das finde ich anthropologisch gewagt. Auch i h r Orgasmus endet und muss nicht notwendigerweise länger andauern als der seine. Du reflektierst hier den ja damals schon ziemlich ideologischen Kinsey.

      ausserdem ist ihr ganzer körper nach seinem momenthaften fruchbringenden ausbruch neun monde lang intensiv und intim mit der frucht verbunden.

      Sofern es zur Befruchtung gab. Außerdem zeigt jedenfalls meine Erfahrung, dass weibliche Lust sich während der Schwangerschaft durchaus nicht mildert; eher das Gegenteil ist der Fall. Und auch die männliche Lust hindert eine Schwangerschaft absolut nicht. Das Sexualproblem beginnt überhaupt erst nach der Geburt.

      von einem neun monate währenden coitus habe ich auch bislang im tannach nichts finden können, obwohl es dort heisst, dass männer mehrere hundert jahre alt wurden… Methusalem u.a.

      Die Sufis „arbeiten“ dran. Lach. Aber „zu“ oft habe ich erlebt, daß Frauen den direkten Blick ausgesprochen genossen, allerdings im privaten Bereich, sie können dort geradezu süchtig danach werden.

      logo: sie können darauf ja auch direkt antworten oder nicht antworten, wie es ihnen gefällt. da gibt es eben keine weiteren augenzeugen, die sie als männerverderbende huren oder männermordende heilige ( gottesanbeterinnen) öffentlich anklagen können.

      Das ist genau das Problem. Und zwar auf b e i d e n Seiten. Ein Mann, der eine Frau deshalb mißachtet oder gar ächtet, ist schon ziemlich dumm; er ächtet danmn nämlich seine eigene Lust. Und solange Frauen vor solcher Ächtung Angst haben, füttern sie ihrerseits die patriarchalen Verdrängungsmuster und halten sie am Leben. Wir leben in der westlichen Welt des XXI. Jahrhunderts, und Autorinnen wie Millet zeigen deutlich, dass der Offenbarung eigener Lust durchaus keine Sanktion folgt… eher folgen neidische Achtung und Begehren. Auf die sie ja nicht eingehen müssen. Mut ist gefordert, meine Damen. Und, meine Herren, Wahrhaftigkeit.

      genug davon

      Einverstanden. Einstweilen. Sozusagen verfügungshalber.

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