Unbehagen und Einsicht | sowie:
“In zwanzig Minuten bin ich dran!”
Geschrieben als elftes Coronajournal am Dienstag, den 31. März 2020. Darinnen Soforthilfe II mit den Antragswirren im Internet.

[Arbeitswohnung, 7.15 Uhr]
Anders, oh Freundin, hatte ich gestern geplant, heute früh mein Journal zu beginnen. Bereits der Titel war nicht so formuliert wie jetzt. Sondern über die Wirren wollt’ ich mich lustig machen, die mich mehr als nur zwei Tage lang mehr oder minder dauernd auf einen Bildschirm starren ließen, der ein Männchen zeigte, wie es langsam, langsam eine dunkle, doch hinter ihm sich ergrünende Zeile einem Ziele entgegen voranschritt, das mir bedeuten würde, nun “sei ich dran”:

Doch dann kam die Nacht, von der ich nicht weiß, was ich träumte vielleicht … — mir träumte, trifft es, fürchte ich, besser. Es ist wohl kein Zufall, daß ich mich gestern entschloß, von all den noch nicht in Der Dschungel erfaßten Essays ausgerechnet → diesen da jetzt einzustellen, in dem es – in poetisch weitem Sinn – um Entkörperlichung geht, die ich dort noch affirmierte, Neunzehnhundertsiebenundneunzig. Das “dort” heißt “seinerzeit”.
Viele meiner Texte hatten sich in diese Richtung bewegt. Im WOLPERTINGER streben die Geister in den Computer, um am Leben zu bleiben, Naturgeister, wohlgemerkt, und Elberich Lipom, einer ihrer politischen Führer, muß ganz am Ende beinah versagen, der er, wie seine Frau, so auf der Seite der Körper steht. Sie alle finden ihren schließlichen Platz auf etwas, das es heute und zu Beginn der ANDERSWELT-Bücher eigentlich schon gar nicht mehr gibt: auf einer kleinen Diskette, die nunmehr — der sozusagen running gag in Gestalt eines quadratisch-flachen Relikts einer technischen Vorzeit — die Trilogie von Hand zu Hand begleitet, bis schließlich ihr Inhalt in den Europäischen Zentralcomputer eingespeist wird, woraufhin, so sieht es aus, die Zivilisation gänzlich zusammenbricht und die Erde, Erda, sich aufs neue erhebt. In einer Lesart. Tatsächlich bleibt das Ende offen, ganz so wie noch heute für uns.
Vorgedacht, die Entwicklung, aber hatte ich schon. Weniger ich selbst als die Strukturen es taten, denen diese Bücher folgen: daß der Weg vom Körper weg ins Virtuelle längst beschritten. Ich sah es als quasi Evolution, als eine notwendige, wobei ich das “not” schon immer betonte, Emanzipation vom körperlichen Gebrechen, womit indes zugleich das, ich möchte schreiben, Wunder des Körpers kaputtging, das uns als Schönheit und Lust geschenkt ist.
Spätestens mit den Bamberger Elegien drehte sich meine Perspektive. Das trauernde MEERE hat dies eingeleitet, der Verlust, der das Geheimnis der Schönheit dieses Romans ist. Indes ich aber parallel, in den zwölf Jahren, → in denen ARGO entstand, dem Vorgedachten weiterfolgte: die Entkörperlichung, die Ungefugger fast calvinistisch bis zur schließlich kompletten Digitalisierung der Welt vorantreiben will und vorantreibt und die ihm und den Seinen auch beinah gelingt. Bis die Diskette dann wieder ins Spiel kommt, die eigentlich schon gar nicht mehr gelesen werden kann.
Was lief dem parallel, tatsächlich, in unserer realen Welt? Also neben den Kriegen, die auf 9/11 folgten? (Und worum wurden sie letztlich geführt?) Schon AIDS hatte mit der Unbedenklichkeit unserer körperlichen Vereinigungen Schluß gemacht; ich erinnere mich einer spöttischen Fiktion, in der ich die Krankheit hatte vom Vatikan in Auftrag geben lassen. Die “Moral” stand plötzlich immer mehr im Fokus, gegen die sich zugleich einige Szenen formierten. Während das Nahost der arabischen Welt am feudalen, feudalistischen Mittelalter hängen blieb, sich daran krampfte und ins Jerusalem der Neuzeit, New York City als Stellvertreter der gesamten westlichen Industriewelt, seine meuchelnden Kreuzritter fast genauso schickte, wie es diese, als sie selbst noch feudal war, ein paar Jahrhunderte vorher nach dort getan hatte, virtualisierte sie sich immer mehr. Donna Harraways Diagnose, daß wir alle Cyborgs längst seien, stand wie ein Mahnmal im Raum, ungeheuer. Und Judith Butlers Thesen, die schließliche, zunehmende Dekonstruktion des Geschlechts — also der irdischen Biologie, die mehr und mehr unter ein moralisches Sollen gebeugt wurde und heute fast de facto schon wird.
Dagegen mein, ich nenn es mal so, poetisches Aufschrein. Umso bedrückter, je älter ich wurde. Dabei lag alles auf genau der Linie, die ich vorher durchdacht und poetisch mitgestaltet hatte. Aber das Gefühl des Verlusts wurde größer und größer.
Zum Beispiel meine Weigerung, Brötchen bei einem Bäcker zu kaufen, deren Angestellte sich Latexhandschuhe anziehn, bevor sie sie, die Semmeln, in eine Tüte tun. Wie oft habe ich solch eine Backstube dann verlassen, “tut mir leid, ich will, daß Sie meine Brötchen berühren!” Die ständige Sorge, sich bei irgendwas zu infizieren. Der permanente Ruf nach Kondomen. Der Verdacht gegens Sekret, das doch englisch, secret, Geheimnis. Zwischen Körper und Körper, die für den Austausch geschaffen, ständige Grenzen. Und nun, mit Corona, der Mundschutz. Nicht einmal Lächeln mehr möglich.
Es muß erlaubt sein, dies in einer überblickenden Spekulation zu bedenken — zu interpretieren, heißt das; oder ihm, in meinem Metier, eine Geschichte zu erzählen, die nun, auf beklemmende Weise, ganz mit dem zusammengeht, was ich spätestens in den Neunzigern zu erzählen angefangen habe. Sie erzählt sich, diese Geschichte, furchtbar bruchlos weiter, ging über mich und meine poetische Entwicklung bedingungslos hinweg.
Das ist der Grund der Beklemmung, die ich bereits gestern empfand; aber noch schleichend nur stieg sie auf und war heute morgen beim Erwachen unabweisbar da. Indem ich die Augen aufschlug. Und den Titel änderte, kaum daß ich am Schreibtisch saß, dieses heutigen Arbeitsjournals.
Ich verstehe die Notwendigkeit, bin faktisch Drostens Meinung, daß, fortan einen Mundschutz zu tragen, auch ein Zeichen der Rücksichtnahme aufeinander ist, der Sorge füreinander, ob wir nun Symptome haben oder nicht. Aber gerade, daß ich’s verstehe, ja verstehen muß, ist ein Indiz der Unabwendbarkeit dessen, was ich abwenden unbedingt will. Die Entfernung von unsren Körpern, unsre physische Entfremdung, setzt sich fort. So gesehen, steht Corona — wie AIDS schon zuvor — Seite an Seite mit der Gender-Doktrin und diese neben der Gentechnologie zur schließlichen, einer in erster Linie “moralischen”, Replikantisierung des Menschen. Wir streben danach (werden danach gestrebt), ganz “sauber”, in Ungefuggers Worten: “rein”, und also technisch zu werden, so, wie umgekehrt die tatsächlich technischen (künstlichen) Geschöpfe der ANDERSWELT Mensch werden möchten. Deidameia, in BUENOS AIRES der Rebellinnen Anführerin, drückt es so aus:

Wir sind für Willkür, Hans Deters. Wir wollen Ekstase, nicht Ordnung. Dafür kämpfen wir, ja, auch mit Gewalt. Und meine Holomorphen… wenn sie sich wirklich autonomisieren wollen, müssen die Leidenschaft lernen. Das geht ihnen ausgesprochen gegen die Ontologie. Wer nur aus 1 und 0 besteht… (…) Nun aber vertreten wir das Menschenrecht auf Unmoral und bringen den Programmen das Tanzen bei.
Buenos Aires . Anderswelt, S. 223

Ja, es ist sinnvoll und nötig, den Mundschutz zu tragen, ist ein Zeichen der Rücksichtnahme, sogar der Solidarität, aber zugleich Symbol akzeptierter Entfremdung.

Aus einer weniger, ich schreibe mal, “geschichtsphantastischen” Perspektive hat vor vier Tagen Phyllis Kiehl sehr persönlich und mit deutlich leichterer Hand als ich beschrieben, was soeben geschieht. Fast tänzerisch → nennt sie uns Aerosolisten:

 

***

 

Da mag nun auch ich etwas tanzen.

Bekanntlich hat das Berliner Land eine Soforthilfe II auch für Künstler ins Leben gerufen. Tatsächlich platzen uns allen die Aufträge weg. Lesungen können nicht mehr durchgeführt werden, wenn wir nüchtern gucken: auf ziemlich unabsehbare Zeit. Aber auch neue zu akquirieren, ist über die sowieso schon klammen Chancen hinaus fast unmöglich geworden, einfach, weil Veranstalter keine Verpflichtungen ins Ungewisse hinein auf sich nehmen wollen. Das ist verständlich, und immer mehr verschiebt sich ins Netz, in dem wir alle aber kaum je verdienen. Auch meine ständige Arbeit, für Die Dschungel, bringt nichts ein — oder nur selten, wenn etwa eine Leserin oder ein Leser mal einen Hunderter in einen Briefumschlag tut. Kommt vor, aber ist höchst rar. Nein, keine Bitte, schon gar keine Klage. Es geht mir um Dichtung und darum, das, woran ich aus der “alten” Buchkultur glaube, in die Neue Zeit, die angebrochen ist, hinüberzuführen, vielleicht drin zu retten, nun jà, wenigstens ein bißchen was davon.
Ich empfinde es als poetische Verpflichtung. Die Teile müssen, wie in einer Collage Ror Wolfs, an den Nähten geradezu unsichtbar ins Gewebe eingefügt werden. Daran arbeite ich, seit es Die Dschungel gibt. Doch es hat mich, wie Sie, Freundin, wissen, immer wieder in ökonomische Engen gedrückt, zuletzt im vergangenen Dezember. Wovon ich grad lebe, ist weniger als wenig. Es läuft auch nur noch bis Mai. Da sollte wieder die erste große Veranstaltung sein, die etwas einbringt, und weitere würden folgen. Dessen konnt’ ich schon sicher sein. Doch dann kam Corona.
Derzeit ist quasi alles, was geplant und schon abgemacht war, in Frage gestellt. So lag es nicht nur nahe, sondern war ein Gebot der Notwendigkeit, daß auch ich diese Soforthilfe beantragen würde.
Man konnte es tun seit vorigem Freitag, mittags um zwölf.
Ich probierte es erstmals da um halb eins. Es war auf die Site kein Hineinkommen. Ich probierte es unentwegt bis 15 Uhr. Dann erwischte ich eine, sagen wir, Lücke — und war drin. Aber: Vor mir hatten schon 117.361 Leute den Antrag gestellt, ich meinerseits bekam die Nr. 124.611 und möge nun bitte auf eine Email warten, die mir bescheiden würde, jetzt sei die Bahn für mich offen — für den Antrag, wohlgemerkt. Ich möge bitte, wenn diese Email eingehe (und ich solle drauf achten, daß sie im Spamordner landen könne), möglichst sofort den entsprechenden Link anklicken, um dann das nötige Verfahren zu durchlaufen. Meine Wartezeit betrage mehrere Stunden.
Ich habe Ihnen, Sie wissen’s, dazu → schon dort geschrieben.
Auf einem meiner Bildschirme blieb nun das Postfach immer geöffnet, und dauernd, dauernd starrte ich hin. Sehr spät abends, fast halb zehn, kam die Nachricht. Und ich brach alles andere ab, ging auf die Site.
Sie öffnete sich auch, und ich begann. Schwierig war nur schon, daß ich ankreuzen sollte, nicht bereits vor dem, ich glaube, 17. 3. in Liquiditätsschwierigkeiten gewesen zu sein. War ich aber. Nur daß es ja jetzt um was anderes ging, nämlich daß mir ab dem Mai alles zusammengebrochen. Wenn ich bis dann aber wartete, wären die von Land und Staat zur Verfügung gestellten Gelder längst aufgebraucht. — Was also tun?
Doch es gab noch ein anderes Problem. Ich hatte mich als Alban Nikolai Herbst angemeldet, wie ich es immer tu, unter welchem Namen auch mein Bankkonto läuft und eigentlich alles sonstige auch — die Steuerbescheide und die Nachrichten der KSK gehen immer an beide Namen —, jetzt aber sollte ich die Nr. meines Personalausweises eingeben, in den der Künstlername zwar eingetragen ist, aber weiß ich denn, ob das dann auch bei den Bearbeitern auftaucht? Nein, wußte ich nicht. Und entschied mich, den angegebenen Namen in den Ribbentrop zu ändern und ANH in das Feld für die Firmenbezeichnung einzusetzen … war eine Lösung, ja, und auch passend, weil “Firma” schlichtweg “Name” heißt und “firmare” “unterschreiben”. Also auf ZURÜCK geklickt.
Und damit warf das Programm mich raus.
Komplett raus.
Es war auch kein Hineinkommen mehr. Statt dessen erhielt ich die Nachricht, ich sei ans Ende der Schlange zurückgeschickt worden und hätte nunmehr die Nummer 295.208. Ich möge auf die entsprechende Email warten und mich dann unverzüglich einloggen.
Ich nahm es, wenngleich verärgert, wie es war: komisch. Komisch verärgert.
Noch.
Denn zwar nutzte ich am nächsten Morgen das Kontaktformular der IBB, um den Vorfall zu schildern und vielleicht dann doch wieder vorgerückt zu werden. Aber obwohl ich zweimal alles ausfüllte und dann wegzusenden versuchte, wurde ich jeweils beschieden “Page not found”. Ich versuchte es abermals, diesmal beim für meinen Kiez zuständigen Sachbearbeiter. Doch auch da:

Gut es war Wochenende, mir taten die Mitarbeiter auch leid. Der Server sei unter dem Ansturm dort mehrmals zusammengebrochen, las ich am Sonntag.
Nun versuchte ich es gestern telefonisch, die Nummern waren angegeben, sind es noch. Nach dem Wählen einer jeden kommt das Freizeichen. Und kommt und kommt und kommt. Nicht mal ein Callcenter scheint es zu geben. Dabei hätte ich die Angelegenheit mit der Liquidität gerne ebenso geklärt wie mit meinen beiden Namen.
Keine Chance.
Dann, abermals fast nachts, die Email, ich sei nun fast dran.
Sofort hin!
Das Männchen noch ganz am Anfang der Strecke. Ich müsse mit “mehr als einer Stunde” rechnen.
Es wurden über achtzehn Stunden. Das Männlein bewegte sich Schrittchen für Schrittchen, ich starrte es immer und immer neu an. Schließlich gab es das folgende Bild, da facetime ich grad mit Frau Kiehl:

“In zwanzig Minuten bin ich dran!” rief ich aus. Und so war es schließlich auch. Wirklich. Das Verfahren lief sogar weitaus schneller als beim ersten Mal. Plötzlich gab es auch nicht mehr die Frage nach der vorherigen Liquidität. Seltsam. Auffallen tat’s mir aber erst, nachdem ich alles schon ausgefüllt und weggeschickt hatte. Wobei der letztanzuklickende Button WEGSENDEN UND DRUCKEN hieß. Das zweite geschah nicht, ärgerlicherweise, so daß ich keine Kontrolle habe, und ob erstres, kann ich jetzt nur glauben:

Unterdessen habe ich gelesen, es habe unter den Tausenden Anträgen bereits einige Betrugsversuche gegeben. Was mich zusätzlich unruhig macht. Falle ich selbst vielleicht darunter? Denn ich kann nicht, ohne die Sicherheit, diesen Zuschuß auch zu bekommen, dem Jobcenter adé sagen — was ich doch gar zu gern täte. Deshalb werde ich es folgendermaßen halten. Sollte das Geld der Soforthilfe eingehen, dann aber schon auch das Jobcentergeld, werde ich dieses umgehend zurücküberweisen und mitteilen, auf die laufende Hilfe derzeit nicht mehr angewiesen zu sein, und auch den Grund dafür nennen. 5000 Euro reichen mir für ungefähr vier, vielleicht auch fünf Monate, finanziell lebe ich durchaus genügsam. Danach werde ich weitersehen; mit ein bißchen Zuversicht werden ab September zumindest die Seminare wieder stattfinden können; dann steht auch die erste Hochzeit an, für die ich wieder einen Redeauftrag habe. Ob allerdings in Italien ..? Außerdem hat mir der Deutschlandfunk die Wiederholung eines meiner Hörstücke in vorsicht’ge Aussicht gestellt.

Dieses, Freundin, jedenfalls wollte ich Ihnen aus meiner, sagen wir, GradTagesPraxis erzählen und habe es nunmehr getan.

Ihr ANH
10.51 Uhr

P.S.:
Ich höre derzeit fast keine Musik, lausche nur immer, sowie sie drauß’ singen, den Vögeln.

Vielleicht ist es ja so,

daß nicht das Geschlecht, sondern die Geschlechtsindifferenz eine soziale Konstruktion ist, die zugleich wenn nicht ökonomisch bewirkt ist, so doch deutlich in ökonomischem (kapitalistischem) Interesse steht. Daß es umgekehrt sei, wäre dann genau die leitende Verstellung.

Ein Gedanke, der mir soeben → daraufhin kam und den ich aber noch durchdenken muß. Auf Anhieb jedenfalls spricht einiges für ihn.

Gender und Gentechnologie. Neue fröhliche Wissenschaft.

 

187
Die genderpolitische Idealisierung eines hybriden Geschlechtes, also der moderne Hermaphroditismus, der die Geschlechterdifferenzen aufheben will oder zumindest sie verschmalt, marschiert im Schulterschluß mit der Gentechnologie. Beiden sind die organische Zeugung und Empfängnis nicht minder verdächtig als dem Monotheismus, der sie mit Schmerzen bestraft, die ‘unreine’ Geburt durch die Frau.
Frauen und Männer gehen zuende, und ein ins Korrekte korrigierter, neutraler Mensch erstehe, der g e i s t i g e Mensch: so lautete schon immer das eschatologische Credo, dessen Hebamm schon immer – – – ein Patriarch war.

[Aus der Überarbeitung der >>>> Paralipomena.]

Alban Nikolai Herbst
Das Flirren im Sprachraum
(2000)

[Als Vortrag geschrieben, danach in leicht
varianten Fassungen
mehrfach im Druck
erschienen, zuerst in → SCHREIBHEFT 56,
Essen 2000.]

 

Die folgenden Gedanken über die Matrix und die in sie eingebettete Literatur sind vorläufig, unabgeschlossen und nicht in jeder Hinsicht wahr.

      • Ich habe meine Zeit nicht begriffen. Mein Welt-, Natur- und Selbstbild ist insofern grundsätzlich gestört, als es sich für ein abgerundetes, ja in sich ruhendes und obendrein vollständiges hält. Ich glaube, über meine Welt verfügen zu können, ich empfinde mich als eine in etwas, das man altmodisch als „sich selbst bewußte Seele“ bezeichnen könnte, fokussierende SinnesTotalität, der eine äußere, konkrete und ebenso vollständige Konsistenz entspräche. Ich trenne. Noch immer gehe ich davon aus, in Dörfern oder kleinen Städten beheimatet zu sein und habe mir, um mich über die Postmoderne hinwegzutäuschen – also über das, was sie beschreibt und erzeugt –, den Begriff des „global village“ zurechtformuliert. Der hat etwas Beruhigendes und angesichts der Globalisierung beinahe Niedliches. Würde von „global monades“ gesprochen, derselbe Inhalt alarmierte. Monaden kommunizieren allerdings nicht. Deshalb treffen Begriffe wie „global entities“ oder „global singularities“ den Sachverhalt besser. Als Entitäten verhalten wir uns wie Neuronen eines Netzwerks. Das globale Dorf ist in Wirklichkeit eine Monumentalstadt, ein Neuronenkomplex – als hätte David Bohm recht, und der Mikrokosmos unseres Gehirns replizierte die Struktur des Universums.
      • Ich nehme diese Monumentalstadt nicht wahr. Ich halte Städte für materiell. Damit erliege ich einer Täuschung.
      • Statt mir die Augen zu öffnen, lese ich, wenn ich denn lese, lieber Geschichten mit intakten IchPersonen. Dem entspricht die Beliebtheit von Schilderungen aus dörflichem Milieu. Interessanterweise ist im deutschsprachigen Bereich die Provinz der literarische Topos an sich. Stadtromane finden nicht ungefähr deren Akzeptanz, was sich gut aus der Vergabe der Literaturpreise ablesen läßt.
      • Bezeichnenderweise erweist sich die Intaktheit des Dorfes eben an seiner Denunziation. Dörfer sind ja auch wirklich faschistoid. Die Denunziation aber ist eine negative Idealisierung. Dorf ist eine Variable wie Jugendzeit. Es liegt immer weit genug zurück, um Flucht aus der Gegenwart verlockend erscheinen zu lassen und sich noch einmal den Schrecken ihrer und seiner Adoleszenz auszusetzen. Die Lust, die ein solcher Regreß abwirft, nennt man in der Pathologie „sekundären Krankheitsgewinn“.
      • Will ein Ich „sich finden“, muß es etwas außerhalb seiner selbst attackieren. Dann wird auf dieses Objekt tüchtig eingeschlagen. So entstehen das Selbst und sein Bewußtsein. So funktionieren aber auch Rechtsvandalen.
      • Fräulein J. sitzt im Blütenstaubzimmer und pustet in die Poesiealben. Frau F., RealschulPädagogin mit pubertierenden Ravern, aber auch Herr G., Leiter der Versicherungsagentur Gründonnerstag, erholen sich von den virulenten Gefängnissen der Gegenwart, indem sie sich von dem obendrein nett unschuldig dreinblickenden Fräulein J. zurück in die Gefängnisse ihrer Kindheiten sowohl hand- wie nasführen lassen. Jene scheinen nämlich unterdessen verfügbar geworden zu sein. Diese hingegen nicht. Ihre Indiffernz ist auch tatsächlich nicht mehr umfassend, sondern lediglich noch modellhaft spekulierend zu verstehen.
      • Also wird vom Dichter verlangt, er möge der Verfügung über seinen Text nicht verlustig gehen. Gegenwartsautoren halten es deshalb nicht nur mit dem UrheberRecht, sondern mit dem Urheber auch. Mit anderen Worten: Sie tun so, als gäbe es sie als Subjekte und mich – ihren Leser – als Objekt; als wäre ihr Text eine Art verortbarer Ausfluß. Wenigstens unsere Sinne Lüste Ängste sollen die unseren sein. Das soll uns der realistische Dichter garantieren. Er soll uns über etwas beruhigen, was berechtigter Grund für ständige Unruhe ist.
      • Alle festen Aussagen über Sachverhalte sind halbwahr. Oder viertelwahr. Oder sechzehntel-, vierundsechzigstelwahr.
      • Da aufklärerische Unternehmen und Ästhetiken an ein definites und definierbares Ziel gebunden sind, das von der Produktionsnotwendigkeit bestimmt wird, sind sie gänzlich der Dialektik der Aufklärung anheimgefallen. Sie können nicht mehr Träger des Widerstands sein, denn sie stützen den universalen Verblendungszusammenhang, den aufzudecken sie angetreten waren. Wer dem entgehen will, muß Widerstandsformen im Mythos suchen; dabei wird das zu Untersuchende allerdings selber mythisch und berührt sich mit matrischen Erklärungsformen. Das Flirren im Sprachraum könnte eine Möglichkeit sein, aus dieser Totalität auszubrechen.
      • Die Materialisierung eines Subjekts ist sein Körper. Aus dem, was in den letzten Jahren dem Körper geschah, kann ich rückschließen, was mit dem Subjekt geschah: Tattoo, Branding, Piercing, die KÖRPERWELTEN genannte ästhetisch/ästhetizistische Aufbereitung von Leichen und Leichenteilen, AIDS und Body Art, der Einzug des Sadomasochismus in den Chic.
      • Je weitergehend ich monadisiert partikularisiert, je weniger ich identifizierbar bin, umso dringlicher wird meine Not, mich an etwas subjektivieren (= mich mit jemandem, einer Heldin / einem Helden identifizieren) zu wollen. Aus diesem Vollzug erklärt sich der letztzeitliche Erfolg von Romanen, die ich einmal Kiepenheuer&Witsch-Literaturen nennen will. Es ist ein Erfolg des Kitschs. Ich habe nichts dagegen; nur langweilt mich, was so durchschaubar ist.
      • In dem Moment, in dem ich mich subjektiviere, mache ich aus mir ein Objekt. Ich erkenne mich in der handelnden Figur eines Romans, ich will mich erkennen und trete in ein Subjekt-Objekt-Verhältnis mit mir selbst: ich objektiviere also, ich verdingliche mich. Damit falle ich genau in das zurück, was den Subjekten – in den letzten Jahren den Körpern – geschah und wovon mich die Subjektivierung doch gerade suspendieren wollte. Kitsch ist gepiercte tätowierte Seele.
      • Die Literatur, seit sie mit den anderen Künsten ihren Anspruch auf Autonomie erhob, war stets informatisch: Sie hat die Wirklichkeit informiert und umgeschrieben. Wir leben jetzt in einem Netzwerk aus Imaginationen, täglich hergestellt von Zeitungen Werbung Fernsehen. Wir glauben, was uns gezeigt wird. Wir haben den Golfkrieg geglaubt, wir haben den Aufbau des Zellkerns geglaubt. „Gesehen“ hat beides von uns keiner, jedenfalls nicht im vom bürgerlichen Roman gemeinten körperlich-autonomen Sinn.
      • Wissenschaft besteht aus Geschichten, und technische Bilder sind „Materialisierungen“ literarischer Ideen.
      • Mittlerweile sind wir über unsere biologischen Körper hinaus verschaltet. Unsere Sinnesorgane sind in Computerprogramme teilemigriert. Wir sehen Tomographien vermittels unserer Maschinenaugen, und was wir sehen, hat nicht weniger Wirklichkeit als der Mond. So verstanden, haben wir tatsächlich auf die Marsoberfläche geschaut und sind an den Grenzen unseres Sonnensystems gewesen. Nach 1969 ist bemannte Raumfahrt nicht etwa aus Kostengründen eingestellt worden, sondern weil wir unsere Körper getrennt und geteilt und in Funktionen zerlegt haben, die ihrerseits arbeitsteilig mit Maschinen kooperieren. Donna Haraway, in ihrer berechtigten Attacke auf Identität, nennt jeden von uns Cyborg: cybernetic organism.
      • Eine realistische Literatur, die das intakte Indiviuum proklamiert, ist bereits, indem sie es einklagt, regressiv und arbeitet am Fundament dessen, wogegen sie und ihre LeserInnen anzutreten vorgeben. Sie ist entweder naiv oder verlogen. Meist ist sie beides, in jedem Fall ideologisch. Sie tritt an, das eigentliche Skandalon zu verschleiern, nämlich daß wir alle nicht nur Teile einer selbstreferentiellen Matrix sind, sondern uns darüber hinaus mental und auch physisch geteilt und verändert haben. Daß wir disponierbar sind, daß unser Menschenbild nicht mehr stimmt. Sinnliche Erfahrung wird zunehmend durch elektronisch vermittelte ersetzt. Wir sind lesbar geworden, doch versteckt sich kein Gott in unseren Wörtern. Dennoch hatte die Kabbala recht, und die
      • Schöpfung ist ein Text. Ein selbstbewegter allerdings, ein ungefährer: Wie Elektronen im All, so flirren wir in der Realität. Jeder Raum ist Sprachraum geworden, und zwar nicht nur, indem ich ihn denke oder über ihn spreche.
      • Die Individuen wollen gelesen werden. Wir haben einen Schmerz, eine Krankheit, einen Defekt – unser Text stimmt nicht mehr, er hat „einen Fehler“ –, und wünschen uns, von der Maschine des Arztes so korrigiert oder umgeschrieben zu werden, daß der Schmerz erlischt. Der Arzt liest unseren Fehler von der Maschine ab. Er interpretiert die Maschinen. Der Bildschirm oder die Leuchtdiode einer Maschine ist das Papier, auf welches sie uns schreibt.
      • Im Neurolinguistischen Programmieren (NLP) geht man davon aus, Gehirnprogramme durch Wörter (=Befehle) umschreiben zu können, als würden die Laute sich in die neuronalen Verbände ritzen. Das Wort als Messer, aufgeteilt in das Heft als Träger (Laut) und das Blatt als Information, mit der geschnitten wird.
      • Prinzipiell halte ich nicht-fantasische Literatur – also ungefähr das, was im deutschsprachigen Raum unter einen fragwürdigen Begriff von Realismus befaßt wird – für ungeeignet, dieser Realität noch angemessenen Ausdruck zu geben. Die realistische Literatur ist unrealistisch. Sie versucht, ganzheitlich zu interpretieren, wo es nur Partikel gibt: digitale Punktverteilungen im Netz. Dabei ist es gleichgültig, ob realistische Literatur die DDR-Vergangenheit ihres Protagonisten, eine schlechte Kindheit, sexuellen Mißbrauch oder Imperialismus und Ausbeutung zum Thema hat. Das Problem der realistischen Literatur ist gerade ihr Thema. Sie versucht, es aus dem Komplex der Matrix zu isolieren und für sich identifizierbar zu machen, d.h. wieder ein Subjekt herzustellen und mir und sich selber Autonomie vorzugaukeln.
      • Die Gegenwart ist ein ungefährer Raum wie die Stadt. Raum und Zeit haben sich spürbar ineinandergebogen; das Phänomen ist nicht mehr länger bloß spezielle Erscheinung in den astronomischen Größenordnungen des Weltalls.
      • Ich summiere. Jeder Summand ist mehr oder minder willkürlich auf andere oder sogar die anderen Summanden bezogen. Zugleich sind diese die Prämissen meiner literarästhetischen Thesen. Deshalb erzähle ich eine Geschichte, von der ich nicht sagen kann, ob ihr Genre der science fiction, der Fantasy oder einem neuen, sozusagen realistischen Realismus zugerechnet werden muß.
      • Meine Enzyklopädie ents t e h t durch ihre Erzählung. Im Gegensatz zur klassischen Enzyklopädie, zu der das sich findende und autonomisierende Subjekt als Reflektion des sich findenden und autonomisierenden Nationalstaats gehörte, kann sie nicht vollständig sein und das auch nicht sein wollen. Ihre Vorläufigkeit setzt sie überhaupt in Bewegung. Das autonome, also vollständige Ich hat so wenig Sinn mehr wie der Nationalstaat oder irgend ein Genre als Genre. Für die Qualität eines Dichtwerkes ist es egal, ob es sich um einen Kriminalroman, eine science fiction story, eine Gesellschaftskomödie oder eine Theorie der Gehirnforschung handelt.
      • Es gibt keine Natur mehr. Es gibt nur noch Parks. Jedenfalls in den hochtechnisierten Ländern, namentlich Europas. Die so beliebte Toscana ist das Produkt einer ökologischen Katastrophe, die durch Raubbau am Waldbestand zwecks Aufbaus der römischen Flotte zustandekam. Und der besungene deutsche Wald ist spätestens seit dem Späten Mittelalter reines Produkt der Försterkunst. Im Emsland schauen Wasserhähne aus der Erde, weil man unter die Äcker Kanäle verlegt hat. Von den kontaminierten Flächen in der Dritten Welt will ich hier nicht reden und auch nicht davon, daß im Umkreis mancher Atomkraftwerke das Land auf zehntausende Jahre verstrahlt ist. Nichts auch vom Bleigehalt in den Meeren, von Kadmium in norwegischen Pilzen undsoweiter undsofort. Ihnen ist das alles bekannt. Es ist uns Alltag geworden. Wir können leben damit. Fast scheint es so, als stiege die menschliche Lebenserwartung umso höher, je „vergifteter“ die natürlichen Ressourcen sind.
      • Es gibt Fragen, die sich durch Überleben erledigen. Sie müssen nicht beantwortet werden. Wieviele Engel finden auf einer Messerspitze Platz? Ist der Erzähler eines Romanes autonom? Auch in praxi hat das autonome Ich keine andere als eine modellhaft-juridische oder therapeutische Entsprechung. Sie ist ein soziales Placebo. Als solches funktioniert sie unabhängig von ihrer Realität, und zwar sowohl im Interesse eines auf Moral gegründeten Staatswesens als auch im Sinne neumystischer Du-ich-find-dich-echt-gut-du-Verfassungen. Dieser Sachverhalt ist zutiefst literarisch.
      • Die Erde ist endlich. Allerdings nur, solange der Raum, den wir beanspruchen, ein materieller ist. Genau das ändert sich momentan. Wir durchsetzen den materiellen Raum mit potentiell unendlichen CyberRäumen. Es gibt tatsächlich eine Tendenz auch zur Entkörperlichung des Menschen. Zwar teile ich Wolf Singers Skepsis, doch wenn Hans Moravec darüber spekuliert, ein individuelles Bewußtsein auf eine Festplatte downzuloaden, dann ist das nicht nur Fantasterei, sondern der Ausdruck einer Denkbewegung, die sich konsequent seit Aristoteles der Welt bemächtigt und eben die Maschinen erfunden hat, die die Welt nun digitalisieren und insgesamt in binäre Systeme übersetzen. Übrigens auf Kosten der sogenannten Dritten Welt, die ganz im marxschen Sinn die industrielle Reservearmee für alle diejenigen Arbeiten bereitstellt, die noch nicht maschinell erledigt werden. Freilich ist das nur eine Kostenfrage: In dem Moment, in dem sich auch in der Dritten Welt die menschliche Arbeitskraft verteuerte, würde sie durch maschinelle ersetzt. Auch dort würde menschliche Arbeitskraft dann überflüssig werden. Auch dort wandelte sich die Gesellschaft dann um in ein Netzwerk von Informationen.
      • Die Frage, welche Funktion einem Medium wie der Literatur angesichts all dessen noch zukommt, kann nicht von der Matrix abgelöst werden. Das Problem selbst ist nicht neu und wurde als Frage nach dem auktorialen Erzähler virulent. Ich gehöre entschieden zur Gruppe derer, die ihn ablehnen. Dennoch verwende ich ihn bisweilen. Sich auf die Seite einer einzigen Gruppe zu schlagen, hieße, binär zu handeln. Ich muß auktorial erzählen und darf es zugleich nicht tun. Tatsächlich funktionieren autarke Erzählmodelle zu gut, ebenso wie die moralische Sanktionierung von Subjekten funktioniert. Das gehört zum Selbsterhalt der Matrix und dient der Vermarktung (also eben der Verdinglichung und Vereinheitlichung), sei’s eines Kindes, sei es des holocausts, – eines Begriffes übrigens, der direkt aus der Medienindustrie stammt. Auktorial konzipierte Literatur ist per definitionem funktionalistisch. Sie soll das Unbegreifliche als begreifbar erscheinen lassen. Dazu muß sie komplexe Zusammenhänge simplifizieren. Das erhellt das ständig hörbare Lob der Einfachheit durch Literaturvermittler. Welt ist aber nicht simpel.
      • In der Massengesellschaft wird der ohnedies partikulierte Einzelne immer weiter in seine Bestandteile segmentiert. Man kann ihn ansehen als ein Lager von Informationen (als CyberKörper) und als ein Lager von Organen (RealKörper). Ist diese Division gelungen, werden die Organe ebenso wie Informationen handelbar und der Mensch zum Ersatzteillager. Das Gehirn als einen Computer zu sehen, bedeutet, den Organhandel wollen.
      • Meine Erzählung der Welt ist eine Enzyklopädie, deren Lemmata im Moment, da sie niedergeschrieben werden, entstehen und zugleich veralten. Genau das ist ein Moment des Textes, der Prozeß mein poetologisches Fundament. Indem ich auf das Subjekt verzichte, verzichte ich auf Dauer. Meine Dichtung, wie die Welt, soll fließen.
      • Wir verstehen bereits unseren Kühlschrank nicht mehr, geschweige die Technologie eines tragbaren Computers. Insgesamt lassen sich unsere Werkzeuge kaum noch anschauen, ja schon der Begriff „Werkzeug“ ist eine Metapher. Digitalisierte Vorgänge und Programme, seien es solche eines elektronischen Autoradios, einer Einspritzpumpe, eines Herzschrittmachers, einer Fabrikanlage sind prinzpiell nicht mit einem Schraubenzieher modulierbar. Das Werkzeug bestimmt uns, wir „gehorchen“ ihm; da es Spezialisten verlangt, kann auch nicht mehr gesagt werden, es hätten zu Ungunsten der Allgemeinheit Einzelne eine Verfügungsgewalt über die Produktionsmittel. Vielmehr ergibt die Summe derer, die als Spezialisten die Werkzeuge dirigieren, ihrerseits ein netzwerkartiges Schaltwerk. Auch die Spezialisten verfügen über ihre (unsere) Werkzeuge nicht mehr.
      • Die sogenannte realistische Literatur setzt an die Stelle einer Aufklärung, die mythisch wäre, Einfühlung. Sie manipuliert den Leser mit der Vorstellung greifbarer Einfachheit und evoziert Gefühl. Sie tut so, als hätten z.B. die Subjekte des NS-Staates nicht gefühlt. Das haben sie aber ganz zweifelsfrei: Ihr Gefühl ist mit ganz ähnlichen Mitteln manipuliert worden, wie sie der realistischen Literatur zur Hand gehen. Fühlen tun auch die Subjekte, die Chomeini stützten und Saddam Hussein trugen. Fühlen tun wir alle. Die Geschichte zumindest der westlichen Kultur ist eine Geschichte kontinuierlichen Fühlens; sogar der preußische Pflichtbegriff zog seine Stärke daraus, daß man Ehre Volkstum Gehorsam „fühlte“. Sofern sie sich dem Widerstand und der Aufklärung verpflichtet glaubt, kann es der Literatur nicht um die Affektion des Gefühles zu tun sein.
      • Die DNS ist entschlüsselt. Nunmehr ist der Eingriff in die Menschengestalt willentlich möglich, prinzipiell sogar gerichtet, d.h. funktional. Es wird mit transgenen Tieren gearbeitet; bereits jetzt werden Schweine gezüchtet, deren Muttermilch Medikamente enthält. Körper werden zu lebenden pharmazeutischen Retorten.1
      • Sofern sie sich dem Widerstand und der Aufklärung verpflichtet glaubt, muß es der Literatur um die Affektion des Gefühles zu tun sein. Nichtemotionale Literatur verfällt dem Funktionalismus. Sie ist einseitig und monotheistisch, indem sie, wie in weiten Teilen der konkreten Poesie, das Wort um seine Semantik beraubt und abstrakt wird. Emphatische Literatur hält ihre Berechtigung deshalb aufrecht, aber nur in Bezug auf nicht-emphatische Literatur. Beide Literaturen für sich sind Kitsch.
      • Wir erleben den globalen Siegeszug des Kapitalismus. Es ist ein Sieg der Äquivalentform. 1 und 0. Sämtliche Entwicklungen werden über Bedürfnisse und Notwendigkeiten der Wirtschaft gesteuert. Da aufgrund ihrer Vernetzung weder die Strategien auf Einzelinteressen rückführbar, noch vor allem Folgen der Industrialisierung, ohne zwanghaft zu handeln, zu harmonisieren sind, vielmehr ein vollzogener Eingriffe in Naturzusammenhänge notwendige weitere Eingriffe erheischt, läßt sich die Geschichte der Gegenwart nicht mehr mit hergebrachten Systemkriterien fassen. Die Gegenwart entzieht sich der Linearität. Sie biegt sich über ihren Rücken zurück und wird selbstrefenrentiell. Die alten Dualitäten von Subjekt/Objekt, Geist/Materie usw. lösen sich auf, weil sowohl was Subjekt als auch was Objekt sei randunscharf geworden ist. Das bedeutet, daß der Begriff des Systems evoliert, wenn nicht sogar mutiert ist, und zwar in den der Matrix. Systemkritik muß Matrixkritik werden.
      • Die Frage stellt sich freilich, ob die Kategorie des Widerstands überhaupt noch anwendbar ist. Ich bezweifle das, hänge ihr aber trotzdem an. Dieser konstitutive Widerspruch, der sich als Zweifel fühlbar macht, durchzieht jede meiner Dichtungen im Moment, da ich an ihnen schreibe oder es an ihr schreibt. Ich verwende die Kategorie als Moment eines ästhetischen Arbeitsmodells, – regulativ sozusagen, als wäre sie eine zu erfüllende SonettNorm. Tatsächlich setzt der Terminus „Widerstand“ ja voraus, daß einer wisse, wogegen – und zwar: wogegen genau. Das aber ist, jedenfalls mir, unmöglich. Ich muß mir meinen Gegenstand, um ihn distinkt zu haben, ihn also isolieren zu können, erfinden. Tue ich das, erlüge ich ihn. Ich habe zum Beispiel keine eindeutige und für alle Hinsichten fixierbare Haltung gegenüber der Gentechnologie wie der Technik überhaupt. Ich weiß aber, daß ich ohne Technik nicht wäre und, gemessen an der Gegenwart, auch gar nicht sein könnte. Vermutlich wäre ich bereits vor zweiunddreißig Jahren an Mumps gestorben. Ich kann nur punktuell gegen etwas sein und nur in Hinsicht auf eine bestimmte Fragestellung. Insofern ein Roman oder ein Gedicht aber nur in Hinsicht auf etwas Kunst ist, wird der Kunstbegriff beliebig. Alles wäre Kunst, und Nichts wäre Alles. Ich komme, will ich die Widerstandskategorie halten, um Metaphysik nicht herum – dieser mein romantischer Hang zur „Tiefe“ ist selbstverständlich antiquiert und widerspricht der digitalen Tendenz zur Oberfläche. Aber ich leiste ihn mir aus Luxus. Denn ich glaube, daß Dichtung ein nicht konsumativer Luxus ist, in dem sich etwas afunktional Fremdes ausdrückt, das den Produktionsmechanismen der Matrix zuwiderläuft. Nur weiß ich nie, wo. Ich glaube daran, daß Literatur wahrlügt2.
      • Der prinzipielle Unterschied zwischen Realität und Imagination fällt. Bereits jetzt läßt sich durch geübte Anwender vermittels Mywellen3 ein Cursor über den Bildschirm bewegen.4
      • Matrix“ heißt „Gebärmutter“, „Stammutter“. Die Matrix ist ein Schema. Stellen Sie es sich wie die Grundanweisung für ein Fraktal vor. Oder wie einen sich replizierenden Virus, sei er biologisch, sei er kybernetisch.
      • Es ist denkbar, mitfühlend, ja tränentreibend, die Geschichte eines Ungeheuers zu erzählen. Es ist denkbar, einen einfühlsamen Roman über Adolf Hitler zu schreiben, der uns weinen läßt. Ein Roman, der das täte, wäre auf mythische Weise aufklärerisch, weil er uns tatsächlich etwas über unsere eigene Konstitution verriete – weil wir obendrein begriffen, wie wenig eindeutig Welt ist. Syberberg hat genau das mit seinem Hitlerfilm getan.
      • Selbstverständlich ist solch ein Unternehmen politisch unkorrekt, ja skandalös. Es rennt gegen ein moralisches Denkverbot an und gefährdet das Selbstbewußtsein der Demokratie. Doch darf eine widerständige Literatur nicht unbedenklich sein. Der Innenprotest, der aus dem skizzierten Romanvorhaben in seinem Leser aufkochte, trüge freilich selbst schon ein Widerstandspotential, ja aktivierte erst im Leser, worum es mir überhaupt geht. Solch einen Text nenne ich einen fantastischen.
      • Der fantastische Text ist freilich insofern gefährlich, als er dem politischen Gegner zuspielen könnte. Dieses Problem ist jeder nichtfunktionalistischen Kunst inhärent. Das muß ich auf mich nehmen. Insofern ist die von mir geforderte Amoralität der Dichtung gespickt mit Verantwortlichkeit.
      • An die Stelle der organen Dualität Körper/Geist ist eine postorgane Trichonomie aus Körper/Werkzeug/Geist getreten. „Werkzeug“ ist ein zunehmend metaphorischer Begriff. Wir nehmen nicht mehr nur noch mit unseren Sinnen und den bewußten Strategien wahr, mit denen sie zu einheitlicher Form von Aussagen über Realität koordiniert werden, sondern vor allem vermittels Maschinen. Das verändert sowohl unsere Haltungen wie Handlungen und damit unsere Wahrnehmungsweisen, also uns. Überall um uns herum laufen Menschen, die Geräte am Körper tragen, welche sie zur Verlängerung dieses Körpers oder zur Substitution einzelner Organe machen. Und überall um uns herum sprechen Menschen, die eine Freisprechanlage für Handys benutzen, in die Luft. Sie sprechen mit Geistern und hören Stimmen. Vor nicht einmal fünfzig Jahren hätte man sie eingewiesen. Und wer an einem Chat teilnimmt, betritt tatsächlich einen Raum.
      • In gleichem oder doch ähnlichem Maß, in dem sich die Dualitäten auflösen, löst sich der industrielle Arbeitsbegriff auf. In weiten Teilen der Hochtechnologie ist zu arbeiten auf Kontrollfunktionen oder das Drücken von Knöpfen reduziert. Der Arbeitende wird im kompliziertesten Fall Spielender, in jedem übrigen zu einem Teil der Maschine. Der Vollzug ist so oder so regressiv. Bezeichnenderweise wird dort noch – und zunehmend verhärtend – gearbeitet, wo das wirtschaftliche System sehr einfach – „unterentwickelt“ – ist. (Der Einwand, auch die armen Länder der Dritten Welt mit ihren industriellen Reservearmeen seien hochtechnisiert, sticht insofern nicht, als die Organisation der Produktion längst international ist. Gerade deshalb lassen sich dort die Entwicklung und die zunehmend auseinanderklaffende Schere von Ausbeutenden und Ausgebeuteten so lehrbuchhaft beobachten. Nur daß die Ausgebeuteten keine Subjekte der Geschichte mehr sind, sondern ihre Stoffwechselabfälle. Die Anwendung des marxschen Klassenbegriffs ist sinnlos geworden, weil das Proletariat nicht oder nicht mehr Subjekt der Geschichte ist. Und längst sind die Herren ihre eigenen Diener. Sie sind – wie wir alle – von sich getrennt. Und selbst das ist eine Idealisierung, weil die Sprache ein Subjekt verlangt, das in ihr Substantiv heißt.)
      • Im selben Maß, in dem wir alle nicht mehr identisch sind, sondern verfließen, bzw. randunscharf flirren, verfließt auch der Text des Lesers mit dem des Buches, in den der Text seiner verschiedenen Autorensubjekte eingeflossen ist. Das ist banal. Indessen wird dieses Verfließen immer dort momentlang kanalisiert, wo ein sich für distinkt haltender Autor einen distinkten Leser imaginiert, den er als solchen auch ansprechen und manipulieren („aufklären“) will. Tatsächlich gehört der Autor selbst in den Fließprozeß, schon weil er sich gerade über längerfristige Projekte verändert; er kann deshalb gar nicht wissen, wohin ihn die Interaktion mit „seinen“ Figuren und Handlungsketten bringt. Er darf das auch nicht, will er nicht von vornherein sein Produkt in industriellem Sinn festlegen und funktionalisieren. Tut er das, so manipuliert er als scheinbar Autarker seine LeserInnen und wirkt matrisch. Das mir hiergegen vorschwebende, sozusagen frei oszillierende Modell ist, was ich „Flirren im Sprachraum“ nenne: ein sich selbst ins Unbewußte Absteigen-, ja: Hinabwehen-Lassen – besser ist hier der falsche Begriff vom „Unterbewußten“ am Platz, weil sich darin etwas zugleich Metaphorisches und räumlich Konkretes verbindet und aufeinander wechselseitig wirkt.
      • Es gibt eine unaufhaltsame Eigenbewegung der Forschung. Sofern nicht Interessencluster die Entwicklung – und auch dann nur kurzfristig – aufhalten, gilt der Grundsatz: Was gedacht werden kann, wird auch getan. Das betrifft in selbem Maß die Gentechnologie wie die Einschränkung der Grundrechte aufgrund objektiver=selbsthergestellter Gefahren. Wenn es möglich ist, grün leuchtende Kinder zu erzeugen, so werden sie erzeugt. Wenn es möglich ist, Frauen mit auswechselbaren Brüsten zu klonen, so werden sie geklont.
      • Grundlagenforschung ist im wesentlichen militärisch und wird in Termini des Krieges ausgedrückt. Das Körpereigene „schießt“ auf Eindringlinge und Wirtschaftsasylanten. „Der Körper wird als ein strategisches System konzipiert, das in zentralen Arenen mit hoch militarisierten Bildern und Praktiken in Verbindung steht. […] Der Körper entsteht […] als ein hochmobiles Feld strategischer Differenzen.“5
      • Flirren läßt sich nicht funktionalisieren; flirrend kann niemand gegen sei’s Ausbeutung, sei’s einen Nationalfeind, sei es Fremdenhaß oder den „Fremden“ marschieren. Die flirrende ungefähre Bewegung ist Auflösung des Stechschritts. Gerichtetes Gehen ist flirrend unmöglich, gerichtetes Denken auch. Dennoch formt sich aus Geflirre Erkenntnis. Ich möchte diesen Prozeß „schweifendes Denken“ nennen. In der Aufgabe der Identität zugunsten einer polymorphen Seins- und Schreibweise liegt weniger Verlust als ein Gewinn: Es wird sehr sensibel wahrgenommen, gehandelt reagiert geschaffen. Zu flirren ist die angemessene Abwehr der Informationsüberflutung.
      • Dem Körper kommt in den „realen“ Arbeitsprozessen notwendigerweise eine immer geringere Bedeutung zu. Das betrifft besonders die traditionelle, am Handwerk orientierte Arbeit. Der Körper ist im Grunde nicht nur nicht so sehr nötig, sondern auch hinderlich. Viele Computerabeiter verbringen Stunden um Stunden wie unter Kokain hinterm Bildschirm und spüren ihre Arbeit körperlich nicht. Erst wenn ihre mit den Cyberräumen verschalteten Gehirne abgestellt werden, machen sich Müdigkeit und bisweilen sogar Hunger bemerkbar. Hingegen wird der Körper nicht vorwiegend mit dem Gehirn Arbeitender in immer kleinere Arbeitseinheiten reduziert. Der Körper wird Maschinenteil, der wie diese programmiert auf JA oder NEIN, auf 1 oder 0, reagieren soll. Die Logik der Arbeitsteilung hat zu fortwährend miniaturisierten Abläufen geführt, an deren Ende die Digitalisierung steht. Das Wort kommt von digitus=Finger. Digitale Arbeitsprozesse sind solche, für die man kaum mehr den Daumen braucht. Die größte evolutionäre Errungenschaft des homo faber, der Griff mit einem den sich krümmenden Fingern entgegengestellten Daumen, verliert seine Bedeutung. Vergleichen Sie das mit der Arbeit eines Maurers. Für den Einsatz der intelligenten Waffenmaschinen im Golfkrieg haben die Soldaten touchpad und Finger benötigt. Bereits die Verwendung eines joysticks ist sentimental. Man muß die Spielhalle zur transkontinentalen Erzeugung kilometerlanger Feuerschneisen kaum mehr verlassen. Der Soldat wird von seinem „Produkt“ genau so getrennt wie der Arbeiter.
      • Es gibt auch eine biologische Notwendigkeit, sich von seinem Körper zu trennen. Diese Notwendigkeit ist hergestellt – produziert – worden. Die Befriedigung normaler Körperbedürfnisse wird riskant oder sogar lebensbedrohlich. Wie dürfen seit der Katastrophe von Tschernobyl kein Wild, keine frei wachsenden Heidelbeeren, keine Pilze mehr essen, und auf den wildernden Geschlechtsakt steht mit AIDS die Todesstrafe. Wenn aber einer das für sich voller Zivilcourage riskiert, wird er doch misfits, weil er andere gefährdet. In der Logik der Matrix ist HIV ein wünschenswertes Phänomen. Also selbst wenn die Mutmaßung, es handele sich bei den permanent mutierenden AIDS-Viren um eine computergenerierte Molekularwaffe zur Disziplinierung des Sexus paranoid wäre, ist doch die Mutmaßung als solche eine fantastische Einschätzung, die von Realismus zeugt. Sie ist in allerbestem Sinn fantastische Literatur.
      • Der Miniaturisierung der Arbeitsvorgänge entspricht die Vereinzelung zur Single genannten global entity oder Singularität. Wirtschaftlich nicht notwendige soziale Konstruktionen wie die Familie zerbrechen. Erziehungsaufgaben werden ebenfalls arbeitsteilig und zunehmend miniaturisiert wahrgenommen: Krabbelstube Kindergarten Vorschule Volksschule und so fort. Die Übersicht über das „ganze“ Kind geht ebenso verloren wie dessen Übersicht über „ganze“ Eltern. Wir sprechen von Patchwork-Familie und werden Freizeitbehüter. Die Miniaturisierung der Erziehungsvorgänge führt dazu, daß das Kind seine Umwelt collagiert wahrnimmt: wie aus kombinierbaren Zellen zusammengesetzt und auch in kombinierbare Zellen auseinandernehmbar. Bricolage. Die Vorstellung einer Ganzheit, nämlich des kritisch betrachtbaren Zusammenhangs, erzieht sich weg.
      • Der Trichonomie von Körper/Geist/Technik entspricht die literarische von Autor/Leser/Text zumindest graduell. Im bürgerlichen Roman – dessen Ästhetik die Kiepenheuer&Witsch-Literaturen nach wie vor bedienen – war die Funktion Autor/Leser zumindest oberflächlich intakt; in der Tiefe übrigens auch nicht, was all jene Autoren und Werke belegen, die seinerzeit wirkungslos waren und „plötzlich“, im 20. Jahrhundert, Bedeutung erlangten.
      • Es ist keine Allgemeinbildung mehr möglich, weil die Bildungsinhalte zu gestaltenreich und auch der Menge nach zu massiv sind. Nicht-spezialisierte Bildung ist obendrein nicht erwünscht, weil sie den Produktionsablauf verzögern könnte. Was tut ein Arbeiter bei Philip Holzmann, wenn er die LED-Anzeigen auf dem Armaturenbrett seines Kranes nicht versteht? Er denkt nach. Während er nachdenkt, arbeitet er. Aber er arbeitet nicht im Sinne des Unternehmens und verzögert das fertige Produkt. Nicht-matrische Arbeit ist also eine Arbeit ohne definites Ergebnis. Ich nenne das Kunst. Schon deshalb ist Dichtung denn doch nicht beliebig. Das deutet an, was mit „Widerstand“ gemeint sein könnte.
      • Die Zukunft von Literatur – wenn es denn eine gibt und ihr nicht der Rang endgültig von Hollywood abgelaufen wird – ist dort zu finden, wo ein Autor weder mehr seinen Text noch eigentlich das Wissen „hat“, das er konstruiert und mit dem er arbeitet, also dort, wo aus den miteinander netzwerkartig Beziehungen eingehenden Motiven Strängen Bildungsinhalten etwas Drittes Viertes Fünftes wird, das sich einer letztendlichen Verfügung sei es seines Autors, sei es seines Lesers entzieht. Ich lehne die endliche Terminologie eines Dritten ab, weil sie sich auf Dreieinigkeit und damit wiederum eine Funktionalität bezieht, die im Eineindeutigen, also dem Monotheismus, wurzelt, den ich für die Funktionalisierung von Welt verantwortlich mache.
      • In meinem Modell des Fließens wird der Leser in den Text aufgenommen (der Text „macht“ etwas mit ihm, das der Autor aber nicht intendierte), und der Autor begibt sich seiner Auktorialität. Dennoch kann sein „Handwerk“ für den Roman konstitutiv bleiben; das muß es aber nicht, wie etwa die Dichtungen Wölfflis zeigen. Jedenfalls bildet der Text nicht mehr eine vom Autor als so und so richtig oder falsch empfundene/gewußte Wirklichkeit ab. Die tatsächlich realistische Dichtung, die ich die fantastische nenne, will Realität schon deshalb nicht mehr mimetisch darstellen, weil so etwas immer auf die Wahrnehmungsweisen ihres Autors zurückgeführt und dadurch entschärft werden kann. Das bestreitet nicht die künstlerische Bedeutung von Mimesis. Denn eben der Verzicht auf Intention könnte ihrer ästhetischen Kraft zu neuer Blüte verhelfen.
      • Hiergegen arbeitet die Simplifizierung, ja Piktogrammisierung der Sprache. Es sollen sich Vorgänge außerhalb der Matrix (= außerhalb der Matrix imaginierte Vorgänge = Transzendenz) nicht denken lassen. Geschichte wird semantisch der Prozeß gemacht: sie wird festgesetzt und verdinglicht wie der Körper. Die neue deutsche Rechtschreibung eliminiert historische Entwicklungen von Wöertern; ein jedes soll nur noch auf das verweisen, was es faktisch (dinglich) meint.Die Wörter werden zu Replikatoren, Leser und Autor gleichermaßen zu Replikanten. Das ist die Matrix. Ein Drittes Viertes Fünftes, nennen wir es Transzendentes, ist ausgegrenzt und der Satz vom ausgeschlossenen Dritten erfüllt. Jede Tätigkeit erfüllt genau den industriellen Zweck. Selbstreferentialität findet zu sich. Wie Vilém Flussers und Louis Becs „Vampyroteuthis infernalis“ biegen wir unseren Mund über den Rücken zum After zurück.6
      • Unser Körper wird durch zunehmenden Blick in ihn hinein entfremdet. Zahllose Abbildungen und filmische Computersimulationen zeigen Zellen Neuronenverbände Blutkörperchen wie fremde, der Science Fiction zugehörige Sternensysteme. Dies objektiviert ihn auf höchst literarische Weise. Die julesvernesche „Reise in den Mittelpunkt des Körpers“ ist eine Projektion makrokosmischer Vorstellungen in die Neurobiologie. Wir schauen in uns hinein wie in Computerspiele, deren Entwicklung nicht bloß direkt mit militärischer Forschung kooperiert, sondern von ihr programmiert ist.
      • Wer ahnen will, was in uns vorgeht, muß es zulassen. Es kann der Literatur insofern weder um Guten Geschmack noch um moralische Direktiven gehen. Die Demokratie ist das Ideal einer politischen Gesellschaft, die aus definierten und definiten/distinkten Subjekten mit ebensolchen Interessen besteht. Wenn das distinkte Individuum tatsächlich zerfallen, wenn es in global entities partikularisiert ist, ist weder eine der Demokratie noch demokratischen Idealen verpflichtete Literatur möglich. In der Realität muß Pragmatismus herrschen, damit die politischen Strukturen nicht in gewalttätiges Chaos übergehen; das ist von mir unbestritten. Literatur allerdings, sofern sie aus der Matrix hinausweisen will, muß sich dem Chaos aussetzen, das Chaos wenigstens riskieren wollen. Die Ideale einer demokratischen Gesellschaft haben in der Literatur, insoweit sie sich noch als widerständig und aufklärerisch versteht, nichts zu suchen, weil sie ja sonst funktionieren, also berechenbar, digitalisierbar sein müßte. Dem moralisch Distinkten entspricht aber das realistisch Distinkte. Insofern die Realität informatisch ist, also nichtmateriell, also nichtdistinkt, kann sie nicht mit distinkt-realistischen Mitteln gedichtet werden. Ihre Strukturen verfließen auch deshalb. (Ich lasse einmal dahingestellt, ob nicht Materie als solche ebenfalls informatisch ist.)
      • Die Befriedigung unserer Bedürfnisse ist selbst Produkt geworden, nämlich einer Dienstleistungsindustrie, die sich an die Stelle materieller Industrien gesetzt hat. Production wird im Unternehmensjargon Geld zu machen genannt. Ein Bedürfnis ist mittlerweile dann und nur dann legitimiert, wenn es der production zugänglich ist. Dem entspricht eine Abnahme „natürlicher“ Bedürfnisse zugunsten ihrerseits produzierter.
      • Je technischer eine Gesellschaft, desto stärker beansprucht werden einzelne – individualisierte – Sinne, und zwar bis zu ihrer in der Logik der Produktion gewollten Überlastung. Die Reizschwelle muß ständig erhöht werden. Und nochmals erhöht. Jeweils neue Produkte befriedigen das. Was unterhalb der je neuen Schwellen liegt, wird nicht mehr wahrgenommen. Bei eskalierender Beanspruchung eines bestimmten Sinnes wird die Aufmerksamkeit von den anderen abgezogen. Sie verkümmern. Auf diese Weise wird auch die Arbeitsteilung biologisch; d.h. sie verändert unseren Körper. Die nicht gebrauchten Sinne – das kantsche „Gemüth“ – verkümmern oder sterben ab. Der Mensch wird zur spezialisierten Hör- und/oder Sehmaschine.7
      • Der Mensch wird schnell. Von den ersten Eisenbahnfahrern wird berichtet, ihnen sei von den 40 Stundenkilometern schlecht geworden; einige seien sogar kollabiert. Goethe stieß auf seiner Italienreise mit dem Gehstock gegen die Kutschendecke und rief: „Nicht so schnell! Ich kann gar nichts sehen!“ Zumindest die deutschsprachige Literatur hat bis heute nicht einmal die phänomenologische Höhe eines road movies erreicht. Bei schneller Bewegung verfließen die Objekte. Bereits aus einem Auto sind sie randunscharf. So etwas bestimmt unsere Wahrnehmung von Welt.
      • Zu konsumieren ist in der Informationsgesellschaft eine gesellschaftliche Arbeit, zu der der Konsumismus der Industriegesellschaft erzogen hat. „Freizeitgesellschaft“ bedeutet, daß das Füllen der freien Zeit ein Teil des Arbeitsprozesses ist, der die Matrix speist. Allerdings ist der Arbeitende in der Informationsgesellschaft insofern nicht mehr Ausgebeuteter, als er Teil der Matrix selbst und von der Matrix auch gemeint ist. Das ist etwas speziell Neues.
      • In Disneyland muß man sich wie ein Automat verhalten, damit die Imaginationen und Tricks funktionieren.
      • Die spätindustrielle Tauschgesellschaft ist selbstreferentiell; ein notwendiges Ergebnis der an ihr Ziel getriebenen Äquivalentform. Schon deshalb gibt es kein autonomes Ich. Deshalb hat es seine Randschärfe verloren. Zudem können wir längst nicht mehr sagen, wo unser Gehirn endet: möglicherweise sind nicht nur die Werkzeuge Verlängerungen unserer Arme, sondern die Neurochips werden zu entäußerten Gehirnteilen. Es gibt eine Musik, die sich mit körperlichen Instrumenten nicht mehr aufführen läßt. Das Subjekt wird Teil des Objekts und verdinglicht, das Objekt Teil des Subjekts und wird beseelt. In der Geologie nennt man die „Matrix“ das Material, das ein anderes, fremdes, in sich einschließt, so der Fels den Kristall. Die Lust an der gelebten Beziehung wird eine Lust am Ding („Beziehungskiste“), übrigens auch eine an der Selbstverdinglichung. Die Dinge ihrerseits beleben sich. Maschinen werden zu Trägern erotischer Fantasien. Ballards von Cronenberg verfilmter Roman Crash stellt das eindringlich dar.
      • Es gibt kein Entkommen, nur die Internalisierung (= Affirmation) des Prozesses. Wem sie nicht gelingt, wird unbarmherzig ausgeschieden. Die Ausgeschiedenen füllen nicht nur die Slums der Dritten Welt, sondern wir können täglich beobachten, wie sie zunehmend unsere Einkaufszentren flankieren. Psychologisch entspricht das einer Identifizierung mit dem Gegner. Soziokulturell gehört das Phänomen der Schmerzlust hier hinein. Wenn wir den zur Bedeutungslosigkeit reduzierten Körper noch spüren wollen, fügen wir ihm Verwundungen bei, die obendrein der Werbevorstellung von Schönheit und Glätte zu widerstehen versuchen. Piercing Branding Mutilation sind letzte aufbegehrende Akte der Selbstvergewisserung von Körpern. Doch der Globalisierung der Produktion entspricht die Totalisierung gesellschaftlicher Momente. Es hat kein halbes Jahr gebraucht, bis der Punk in die Produktionsstrategien integriert war. Piercing ist längst chic. Möglicherweise gibt die Matrix neue Widerstandskulturen sogar in Auftrag und läßt sie von J. Walter Thompson designen.
      • Der Kampf gegen die Fremdbestimmung durch die Natur ist in der Fremdbestimmung durch die Technik angekommen. Insoweit unser Körper technisch erlebt wird, d.h. von uns getrennt, entspricht dem Kampf gegen die Fremdbestimmung durch die Natur der Kampf gegen die Fremdbestimmung durch den zwar eigenen, doch entfremdeten Körper.
      • Die Matrix, in welcher Körper Technik Geist aufeinander bezogen und voneinander abhängig sind, ist umfassend. Autarke Bereiche sind nicht einmal denkbar, auch keine seelisch-autarken. Jede Äußerung ist sozial, d.h. automatisch auf das Netzwerk aller anderen Äußerungen bezogen. Nichts mehr existiert „für sich genommen“, insofern muß Moral relativ sein. Darum fällt es heutzutage so leicht, das Grundgesetz zu ändern. Jeder funktionale, also gerichtete Protest gegen den Allgemeinvollzug wird zum Teil des Allgemeinvollzuges selbst und hat nur insofern gesellsschaftliche, also matrische Bedeutung, als er sich produktiv vereinnahmen läßt. Je einfacher er lesbar ist, desto schneller gelingt der Inhalationsprozeß. Deshalb das Bestehen auf Kommensurabilität.
      • Wenn sich Spieler der Matrix im Internet FremdProgramme besorgen, sprechen sie davon, diese „abzusaugen“. Abgesaugt werden sollen den Künsten und ganz besonders der Literatur das utopische Potential. Indem die Sprache simplifiziert wird, nimmt man der Dichtung ihr beunruhigend Ausfälliges. Man saugt das Inkommensurable ab und spuckt den gereinigten Text als Träger definiter Funktionen in die ästhetischen Zellverbände zurück. Besonders definiert ist die sogenannte Unterhaltung. Unter die Körper, die den Boden verlieren, muß etwas gehalten werden. Indem Literatur ihres metaphysischen afunktionalen Momentes verlustig geht, stirbt sie als Kunst und wird dienstbar wie zu feudalen Zeiten. Wer sich hiergegen wehren will, muß auf dem Unterschied zwischen Unterhaltungsliteratur und Dichtung bestehen. Eine simplifizierte Literatur – und das ist ökonomisch erfolgreiche immer –, kann nicht Trägerin von Wahrheitsfunktionen (oder sagen wir: Wahrheitsentwürfen) sein.
      • Unser Selbst fließt in Gegenstände, die Ereignisse sind. Wir untersuchen in den Ereignissen uns selbst, aber wir wissen nie, welchen Teil. Die Ereignisse wissen es auch nicht.
      • Eine nicht-simplifizierte Literatur indessen geht ihrer aufklärerischen und damit jeder anderen Wirkung verlustig, weil sie nicht (mehr) verstanden wird. Nicht von ungefähr ist die Blütezeit des Romans die Blütezeit eines Bürgertums gewesen, für welches Bildung der Garant dafür war, daß die Wirtschaftsentwicklungen nicht gebremst wurden. Die zahlreichen ArbeiterbildungsVereine brachten den Arbeitenden auf die Höhe der Produktion. Man mußte begreifen können, was man tat. Heute kann man das weder begreifen, noch soll man es. Die eigene Tätigkeit zu begreifen, ist nicht nur unnütz, sondern kontraproduktiv. Deshalb werden Bildungs- und Ausbildungsniveaus nivelliert und der bis dato gut funktionierende Mittelstand abgeschafft. Pisa ist gewollt.
      • Die Produktion wird mythisch, d.h. sie wird ebenso begriffen, wie unsere Vorfahren die Naturgewalten begreifen und sich zurechtdeuten mußten. Entsprechend haben die Massenkulturen des 20. Jahrhunderts Künstlermythen produziert, auf ComicGestalten reduzierte Piktogramme, die sich, konsequent aus dem heroischen Geniekult des 19. Jahrhunderts entwickelt, zunehmend schneller synthetisieren lassen: aus Marilyn Monroe wurde Madonna. Am vorläufigen Ende dieses regredierenden Prozesses stehen Avatare wie Lara Croft. Die erhalten unterdessen von durchaus realen Personen Liebeserklärungen und sogar Hochzeitsanträge. Auch für die Emotionen geht der Unterschied von Realität und Fiktion verloren.
      • Das ist zu bedauern.
      • Das ist nicht zu bedauern.
      • Die Individuen werden ihrerseits – und zwar funktionale, nicht etwa transzendierende – Texte. Sie müssen binär gelesen werden können wie Lara Croft. Sonst könnten sie mit ihr nicht kommunizieren; es gäbe Mißverständnisse. Ein Mißverständis aber führt in den kybernetischen Archiven der Meldeämter, Versicherungsunternehmen und Banken, in denen unsere datischen Doppelgänger ihr nach Bedarf abrufbares, nach Bedarf ruhendes multiples Leben führen, zu unabsehbaren Katastrophen. Denn Singles sind Singularitäten, die den chaotischen Übergang eines definierten Systems in ein neues, vorerst unbestimmbares markieren. Das kann zum Zusammenbruch der Matrix führen. Deshalb wird in allen Netzwerken auf katastrophische Einzelereignisse mit höchster Alarmbereitschaft reagiert. Wo Chaos ist, wächst Rettendes auch.
      • Literatur als funktionale, aufklärerische, ‘realistische’ Kunst ist obsolet, weil die Realität selber zur LiteraturKunst geworden ist. Die andere, von mir avisierte Literatur wird, findet sie tatsächlich Aufmerksamkeit, durch „Übersetzung“ und Erklärungen zurechtgestutzt. Man saugt ihr die Transzendenz ab. Dazu dient die Kritik. Iris Radisch sagte einmal zu einem meiner Texte: Sie finde ja den Hebel gar nicht, mit dem sie ihn aufstemmen könne. Sie meinte das Ansaugrohr. Literatur wird von der Kritik als einer produzierenden Funktion eines Betriebs, den die Matrix synthetisiert hat, ihres Widerstandspotentials beraubt und ‘menschlich’ gemacht. Der Ruf nach einer „menschlichen Kunst“ erschallt immer dort, wo von der unmenschlichen Welt abgelenkt werden soll. Das Menschliche ist in etwa das, was nötig ist, um den unmenschlichen Produktionszusammenhang – der verschleiert oder sogar gefeiert werden soll – mit den Gemüthern seiner Zellen zu koppeln, um sie an sich anzudocken. Das sogenannte Menschliche ist ein Enzym der Matrix und als solches disponibel.
      • Wir können die Matrix nicht verstehen, weil wir ein Teil – eine Funktion – und zugleich das Ziel der Matrix sind, nicht aber die Matrix insgesamt sein können. Diese Differenz macht sich in uns als Schmerz bemerkbar. Als Angst. Als Verlust.
      • Wenn sich Schmerz nicht mehr bekämpfen läßt, kann er als Lust empfunden werden.
      • Insofern wir selber das Ziel des Produktionsprozesses sind, kann er sich nicht transzendieren. Es gibt keines mehr, das außerhalb seiner selbst wäre. Um so etwas dennoch zu erreichen, müssen wir uns widersprechen. Dichter müssen lügen.
      • Doch die Kunst, die ich meine, ist von dem Regreß nicht frei. Genau so, wie sich der sogenannte Primitive die Welt durch bricolage erklärt, interpretiert Dichtung unsere Geschichte vermittels Collagen: Sie formt aus dem scheinbar Unverbundenen anschauliche Sternbilder. Der Freie Wille steht im Haus des Wassermanns und hat seinen Aszendenten in der Demokratie. Wir sind in einem beliebigen Raum angekommen, in welchem Beliebigkeit sich aus der Massierung der Bestimmungen herleitet.7 Sie ist entstanden aus einer notwendigen Ordnung von Determinanten, die alles mit allem, die das natürliche Ökosystem mit einem gleichermaßen künstlichen wie künstlerischen Wirtschaftssystem zur Matrix verbunden haben. Wo etwas sich befindet, ob es künstlerisches oder natürliches Produkt sei, läßt sich nur noch in Bezug auf Hinsichten sagen, und wo wir selbst uns dabei befinden – und als wasist Element des Ortes – oder der Zeit – dieses Gegenstandes selbst. Ich ziehe es vor, statt „Gegenstand“ „Entität“ oder „Ereignis“ zu sagen.
      • Wir sind Teile der von uns beobachteten Ereignisse. Die Ereignisse blicken zurück: sie reflektieren. Und sind also selbst Subjekte.
      • Dieser Vortrag ist ein mythischer Roman. Alle Erklärungen, die über die Matrix hinauswollen und nicht lediglich Funktionen der Matrix beschreiben, versuchen das Unmögliche. Man kann sie deshalb gut bestreiten. Man kann sie für pathologisch erklären. Aber nur sie halten den Widerstand am Leben.
      • Dieser Vortrag ist einer unter vielen Romanen der Gegenwart. Indem Sie seinen Text verstehen, bediene ich die Matrix. Indem Sie ihn nicht verstehen, verkapselt mich die Matrix wie einen Fremdkörper und läßt mich von seinen Lymphozyten verzehren. Oder ich werde aus der Matrix ausgeschieden und kann meine Miete nicht mehr bezahlen.
      • Je einfacher einer strukturiert ist, desto primitiver wird notwendigerweise der mythische Regreß ausfallen. Das in sagen wir: IchKerne zerfallene Subjekt befindet sich abermals in der Situation eines Säuglings, allerdings auf höherem Niveau. Mit Arthur C. Clark zu sprechen, ist er ein „Sternenkind“. Das erklärt das postmoderne Auftreten von religiösen, rassistischen, vandalistischen, abergläubischen – insgesamt unbegriffenen – Widerstandsformen. In komplizierteren Charakteren führt die Situation zur vollkommenen Affirmation, zum gewollten Selbstverlust, zur gewollten Selbstdestruktion Piercing/Branding), zur Renaissance volksreligiöser Rituale, zur Sprachmagie (was Freud Allmacht des Gedankens nannte) wie in Teilen des Feminismus und des New Age oder zu zunehmend pragmatischen, sogenannt erwachsenen Formen einer politischen Opposition, die, wenn sie nicht aus der Matrix herausgefeuert werden will – wie einst die Mitgliedern der BaaderMeinhof aus dem „System“ –, wenigstens insoweit den Gegner internalisieren muß, als kein Handlungsverpflichteter umhin kann, Spielregeln und historisch gewachsene Notwendigkeiten der Produktionsgesellschaft zu akzeptieren. Ein solcher politischer Widerstand ist deshalb von vornherein in der Immanenz gefangen, er kann die Matrix nicht verlassen. Das darf allein die Kunst; zumindest kann sie es versuchen. Genau aus diesem Grund muß sie sich der Desinformation, also den Geheimdiensten, und dem Informationsterrorismus verschreiben.
      • Der eigentliche Widerstand wird in der Ambivalenz ausgetragen. Eben diejenigen, die sich auf der Höhe der Matrix befinden – Hackers, Programmierer etc. –, attackieren sie – und damit ihr eigenes System – vermittels Informationsterrorismus. Hierher gehört die Fälschung, hierher gehört der Dateneinbruch, hierher gehören die kleinen kybernetischen kettenreaktiven Bomben, die eine Synthese aus Virus und Dämon sind. Nicht von ungefähr werden die Monstren der Cyberwelt oft nach Figuren der heidnischen Welten benamst. Hackers und Dichter sind Komplizen.
      • Lassen Sie mich diesen Roman mit einem Forderungskatalog beschließen, der in etwa umreißt, was ich von einer Dichtung verlange, die sich weiterhin als eine kritische versteht:

1. Sie sollte fantastisch sein.
2. Sie sollte sinnlich sein, um dem Abstrahieren vom Körper entgegenzuwirken.
3. Sie sollte die unbezweifelbaren Leistungen der Science Fiction, die zu weiten Teilen – unwillentlich oder nicht – einem realistischen Erzählmodell verpflichtet ist, radikal poetisieren, – etwa so wie Ishiguro das in The Unconsoled (Die Ungetrösteten) geschafft hat oder ich selbst es mit Wolpertinger oder Das Blau und der Anderswelt-Trilogie versucht habe und weiterversuche. Das heißt, was „der Welt“ in den meist dem Unterhaltungsgenre zuzurechnenden Texten eben nicht nur dort geschehen ist, sollte zu literarischer, klingender Sprache und konstruktiven Strukturen finden. Ein wenn auch eher dem historischen Roman zuzählendes Beispiel hierfür ist in meinen Augen Marianne Fritzens EpochenEpos Dessen Sprache du nicht verstehst, aber auch schon die GustavAniasHornSerie Hans Henny Jahnns. Zu dem, was ich unter fantastischer Literatur nicht verstehe, vielmehr ist es verkleidete realistische Literatur, gehören viele Arbeiten Asimovs und Clarkes, also solcher Autoren, die sich unter dem Schlagwort positivistische Utopisten fassen lassen.
4. Literatur sollte strukturell einem Prozeß ständiger Bildung und Auflösung nicht verpflichtet sein (verpflichtet ist sie nicht), doch ihn zugleich nach- wie vorausformen.
5. Literatur sollte nicht einheitlich sein; weder in der Wahl ihrer Inhalte noch ihrer Formen. Sie darf nicht „rein“, sondern muß Mischling sein. Sie sollte keine Berührungsangst kennen, Kitsch Action Spekulation sollten ihr gleich nah liegen und als Spielformen verwendet werden. Wohlgemerkt: Es gibt einen Kitsch, der „rein“ ist (reinen Herzens etwa); um den gerade geht es nicht. Der will die Matrix erfüllen. Packt man ihn aber in andere Zusammenhänge, kann seine emphatische Kraft das Kunstwerk beseelen. Interessant ist der ästhetizistische Kitsch.
6. Literatur sollte auf eine Große Vereinheitlichende Theorie – für Kunst wäre das eine normierte Ästhetik – verzichten; es kann nicht darum gehen, genau wie die Matrix alle Elemente notwendig bzw. zwanghaft ineinander zu verschränken und dadurch Gegensätze zu befrieden. Die Gegensätze sollen gerade losgelassen werden. Es geht um Störung.
7. Dichtung sollte nicht stetig sein, sondern die Ambivalenzen klingen lassen. Es ist wichtig, sie zu ertragen, ob sich sie nun als Welle und Teilchen, ob als Freiheit und Notwendigkeit manifestieren. Diese Dichtung wird also auktorial wie nichtauktorial erzählen und keine Position methodisch rein halten.
8. Literatur sollte lügen und das Unmögliche an Belsazars Wand schmieren. So sprüht Borkenbrod in Buenos Aires. Anderswelt poetische Graffiti auf die Hochglanzfassaden.
9. Literatur sollte auch in andere Kunstformen hinüberfließen; ihre Grenzen müssen durchlässig sein; eine solche Dichtung wird ihre Kriterien weniger aus sich selbst beziehen, als von „außerhalb“, egal ob von Architektur Musik Medizin. Da der Dichter diese Disziplinen nicht sämtlichst beherrschen kann, muß er basteln. Das Verfließen ergreift dann nicht nur die Charaktere oder Figuren eines Romanes, sondern seine Strukturen. Narration kann nicht mehr chronologisch sein. Ein schönes Beispiel hierfür ist Kjærstads Behandlung von Abfolgen in seinem Roman Der Verführer.
10. Dichtung sollte nicht konzentriert sein, weil Konzentration Vereinzelung voraussetzt; neue Dichtung sollte vielmehr flirren, um in den informatischen Reizströmen kurzfristig „Orte“ einzunehmen, sie aber immer wieder zu verlassen. Es darf nicht zu einer end- also letztgültigen Bestimmung kommen. Orte müssen aber „eingenommen“ werden, um dem Leser Türen zu öffnen und sich nicht hermetisch zu verschließen.
11. Dichtung sollte theoretisch sein, aber Theorie erzählen und zugleich konterkarieren. Die Grenze zwischen Belletristik und Theorie muß geöffnet werden, will Literatur nicht das Ghetto für sensible Verlorene, sondern in die Gegenwart wieder wirkend eingeflochten sein.
12. Literatur sollte prozeßhaft und prinzipiell unabgeschlossen sein. Die Texte sollten sich fortschreiben und immer weiter fortschreiben lassen, etwa wie Paulus Böhmers „poem in progress“ Kaddish das verlangt.
13. Literatur sollte sich den technischen Entwicklungen nicht verschließen und nicht um jeden Preis gegen sie opponieren; sie hat ohnedies im deutschsprachigen Raum den Kontakt zu den eigentlich wirkmächtigen Prozessoren dieses Jahrhunderts, etwa der Physik, fast verloren. Im Gegenteil sollte Technologie mit poetischen Höfen aufgeladen werden.
14. Es gab eine historische Situation, welche es erforderte, die Dichtung „Text“ zu nennen, um sie aus unguten Bedeutungshöfen zu lösen, um sie freizumachen. Mittlerweile, da überall der Nutzen eingeklagt wird (auch „Unterhaltung“ ist Nutzen, und zwar ein ganz besonders industrieller), tut die Literatur gut daran, sich auf Nutzlosigkeit und darauf zu besinnen, wie Dichtung mit Tragödien, die sie erst schuf, umgegangen ist: Es waren Gesänge, die Lust bereiteten. Solche Lust ist pervers. Der Perversität von Literatur entspricht ihr Manierismus.
15. Literatur sollte nicht klagen, sonst bezieht sie wieder eine fixierte Position. Vielmehr sollte sie sich auf eulenspiegelnde Weise affirmativ gerieren, also sich scheinbar aus der Matrix speisen. Lustvolle List ist das poetische Gebot der belletristischen Stunde.

ANH, August 2000
Berlin

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1 […] überlegten wir damals, wie die Milchdrüsen von Säugetierweibchen für pharmazeutische Zwecke manipuliert werden könnten. Viel einfacher und billiger als aus Bioreaktoren sollten sich künftig seltene menschliche Proteine von Nutztieren gewinnen lassen. Lebende pharmazeutische Retorten […] das Transgen […]“ (William H. Velander, Henryk Lubon, William N. Drohan: Menschliche Proteine aus der Milch transgener Tiere. In: Spektrum der Wissenschaft, April 1996, S. 70ff).
2 Ein Begriff nach Louis Aragon.
3 Vom Gehirn ausgesendete rhythmische Signale, wenn es nicht aktiv ist.
4 Vgl. Mark Dery: Cyber. Die Kultur der Zukunft. Berlin 1997, S. 328.
5 Donna Haraway: Die Biopolitik postmoderner Körper. In: Dies.: Die Neuerfindung der Natur. Primaten, Cyborgs und Frauen. Frankfurt/New York 1995, S. 174.
6 Unser Schicksal ist das eines Oktopus, nämlich zu werden, was wir denken, unsere Gedanken zu unserem Körper zu machen und unseren Körper zu Gedanken“ (Terence McKenna: The Archaic Revival. New York 1991, zitiert nach Dery: Cyber (Anm. 4), S. 338; Vilém Flusser, Louis Bec: Vampyroteutis infernalis. Göttingen 1987).
7 Literatur muß beziehungswahnhaft sein.

[Poetologie]

Alban Nikolai Herbst
| Computer können dichten |

I

Trotzig, weil im Behar­ren und Behagen des Traditionalisten, zu dem er geworden ist, operiert Prometheus mit Fleisch, Blut und Retortenge­schöpfen. Zudem schmerzt ihn noch immer die Leber. Gleichwohl hat er sich längst in die elek­tromagnetischen digitalen Denkvorgänge orga­nisiert. Die drehen ihm jetzt die Nase in seinen noch immer allzuselbstbewußten Anthropozentrismus zurück.
Dabei spricht die stattfindende Umwertung nicht unbedingt gegen die Maschinen. Denn nur, wer das Bewußtsein ausschließlich als höchsten Evolutionsausfluß von Aminosäuren bestimmt, kann den Rechnern be­streiten, möglicherweise auch ein solches zu haben oder doch auf dem Wege zu sein, eines zu entwickeln.
Hier verbirgt sich Angst. Die SchließPotenz der Automaten und eben nicht nur diese ist dem Menschen mittlerweile undenk­bar, das heißt: unvorstellbar geworden. Die Menge der möglichen Verschaltungen und wiederum deren Verknüp­fung erinnert durchaus an Synapsen. Sie ent­zieht sich obendrein aller Bild­lichkeit, der sie doch dient und die sie, wie keine Wissenschaftsentwicklung sonst, vorangetrieben hat. Sie ist rein abstrakt, nämlich so, wie das digitale Bild immer nur durch den interpretierenden Projekteur eine Bedeutung er­hält. Die Schattenpro­jektionen vierdimensiona­ler Körper in den dreidimensionalen Raum “versteht” niemand mehr, man nimmt sie sinnlich wahr und Schluß. Hier dürfte sich ei­ne analoge Verbindungstür von Begriffen zu Bildern öffnen lassen, und wahrscheinlich nur hier. Zumal aber entziehen diese wie jene sich dem “Gefühl”.
Deswegen obwaltet Furcht vor dem digitalen Sündenfall. Man ahnt nämlich deutlich, es sei der Automat begriffen, sich aus der paradiesi­schen Instru­mentalität zu emanzipieren, in die der menschliche Schöp­fer ihn setzte und in die eingesperrt er ihn nun gerne beließe. Tatsäch­lich ist der Rechenautomat dabei, Wesen zu werden: ein sen­timenta­les Geschöpf. Dies vollzieht sich jedoch eben nicht über Haut und or­ganisches Wachstum, sondern nur über Zahlen, inmitten einer Antiwelt, die wenigstens auf den ersten Blick nicht vom Angesicht seines Erfin­ders abgekupfert zu sein scheint. Das vor allem grenzt diese wirklich neue Lebensform von sämtlichen Lebensformen ab, die sich aufgrund gentechnologischer Neuerungen nur denken lassen.

II

Der Konflikt zwischen Geist und Maschine mochte letzten Endes durch einen ewigen Waf­fenstillstand der kompletten Symbiose aufgelöst wer­den. (…) Der Körper des Roboters gleich dem aus Fleisch und Blut würde dann nichts anderes sein als ein Übergang zu etwas, was die Menschen vor langer Zeit “Seele” genannt hat­ten.
Arthur C. Clarke, 2001

III

Der Vorgang ist ein literarischer. Sehr früh bereits hat der Mensch sich in die Schöpferrolle hineinfantasiert. Teils indem er sich Götter nach seinem Abbild imaginierte. So entstanden personalisierte Religionen, die sich später nach patriarchalen Interessen im Monotheismus bündel­ten. Teils indem er Gegenwelten entwarf, also zum Dichter wurde. Teils aber auch, indem er tatsächlich Leben schaffen wollte, und zwar als Absage an den Tod, der die Entwicklung des Bewußtseins penetrant überschattete. Wenn man das Gestorbensein als Rückführung des Or­ganischen ins Anorganische begreift, dann wird nur allzu verständlich, daß Menschen, gleichsam im Gegenzug, darum bemüht sind, die Dinge zu beleben. Jahwe erschafft Adam aus einem Erdenkloß und dem Wort. Dieses Wort habe, so will es jüdischchristliche Mythologie, kreative Po­tenz. Noch der Golem wird aus Wort und Lehm zusammengefügt. Dieser und die Dinge sind allezeit verfügbar, das Wort aber besteht aus lauter Geheimnis. Es entzieht sich und wird der abendländischen Kulturgeschichte deshalb zu einem Mythos, dessen Löcher Autoren wie etwa Benjamin immer wieder stopfen. Bis in den post­strukturalistischen Entwurf und die modernsten Philosophien über die sogenannte sprachliche Verfaßtheit von Welt reicht dies hinein und ist heutzutage, in der Kommunikationsgesellschaft, durchaus praktisch geworden. Der Mythos vom Wort ist mittlerweile konkretes, ja dingli­ches und verbindliches Herrschaftsmittel. Das bedeutet: Mehr als je­mals zuvor ist eine Gesellschaft und ist das, was Staaten am Leben hält, nämlich die Produktion, mythisch geworden. Und das Geheimnis, von dem noch im letzten Jahrhundert nur geraunt werden konnte, ist zur handhabbaren Funktion regrediert.
Denn gerade mit Beginn der positiven Wissenschaften – d.h. einer in Form von Erfindungen Früchte tragenden Systematik – rettet sich das Wort. Zwar faßt man, ganz im politischen Interesse des Absolutismus, die Wirklichkeit zunehmend wie einen Automaten auf: nämlich als mechanisch und also ebenfalls verfügbar. Doch wird nun alles Neue, etwa die Elektrizität, zeitweise zu seinem Träger. Es ist interessant, daß sich in eben dieser Zeit, die etwa vom Merkantilismus über die Industriali­sierung bis zum durchentwickelten Kapitalismus reicht, der Begriff des Unbewußten ausgebildet hat und später in Adornos Nichtidentischem wieder zur religiösen Kategorie wird. Und auch die Physik selbst sucht immer weiter nach einem ersten Beweger, einer prima materia, letztlich nach Gott und seinem eben „Wort“ genannten Schöpferatem. Noch Einstein hat lange an den Weltäther geglaubt. Die Versuche, „das Leben“ in den Griff zu bekommen, eskalierten bis in die medizinischen Schrecknisse der nationalsozialistischen Labors, deren Forschungsket­ten eine der Grundlagen dessen darstellen, woran moderne typischer­weise „GenTechnologen“ genannte Wissenschaftler heutzutage ba­steln. „Das Leben verfügbar machen“ heißt aber nichts anderes, als den Tod disponibel zu machen, und sei’s um den Preis der Annäherung – den der introspektiven Selbstdestruktion: Der Mensch wird der Wissenschaft zum Objekt, also zum Ding, zu anorganischer Materie, zum Experimentalgegenstand.

IV

Der Mann, der nach Grimmelshausen auf einem von ihm Gefange­nen so lange herumtrat, bis der dieserart Malträtrierte unter lautem Schreien umgekommen war. Befragt, warum er das getan habe, antwor­tete der Landsknecht: „Ich wollte wissen, was da in ihm lebt. Ich wollte wissen, was das ist: Seele.
ANH, Die Verwirrung des Gemüts

V

Hier laufen zwei Bewegungen streckenweise bedingungslos gegenein­ander. Zum einen die prometheische Potenzfantasie, Lebensspender, nämlich selbsterzeugender Vater zu werden, das heißt: radikal unabhängig. Zum anderen, alles dasjenige, was sich als NichtMenschliches und als Totes entzieht, in sich hineinzunehmen und es sich anzuver­wandeln, indem man sich ihm verwandt macht. Dies ist in der Folge der Industrialisierung durch die Computertechnologie geschehen, die schließlich die gesamte „Umwelt“ genannte Welt in bits funktionalisiert hat, um sie nämlich auf logische Strukturen herunterzuinterpretieren. Nur entsteht jetzt gerade dort, was auszutreiben wissenschaftlich zu exorzieren ist, neues Leben: ironische Rache der Funktion.
Ein schließendes Etwas, dessen Schlüsse nicht vorhersagbar sind, kann nicht weiterhin mit erkenntnistheoreti­schem Recht als Automat angese­hen werden, es sei denn im Wortsinn. Dies ist kein Anthropo­morphis­mus. Denn zum einen verarbeitet der Computer mehr Informationen als seine Programmie­rer, insofern deren Generationen ihn mit gewissermaßen kollektiven Erfahrungen füttern, von denen aus er in­duktiv antezipiert, i.e. simuliert. Allerdings tut das ein menschliche Programmiererer genauso. Wir müssen nur seine Gene als Lernprogramm begreifen. Doch in keinem Fall sind die Ergebnisse vorhersagbar, zu denen jeweils das Denken gelangt. Wäre dies beim Computer anders, brauchte man ihn nicht. Zum anderen deuten die der Maschine oblie­genden Entscheidungsbefugnisse (etwa: für den Produktionsablauf ei­ner Fabrik Sorge zu tragen) auf Freiheit des Willens und also auf Wil­len überhaupt. Jedenfalls analog, getreu unserer Anschauungskatego­rien. Und nur sie definieren letztlich zwar nicht die Begrif­fe, aber die Wertungen, um die es hier geht.
Freilich. Dieser Gedanke ist hier ebenso sehr wie wenig berechtigt. Denn auch für menschliche Entscheidungen sind Gründe und Motive in Anspruch zu nehmen. Wer das bestreitet, muß umgekehrt das menschliche Gehirn automatisti­sch verstehen. Dies haben eben zu Be­ginn der Moderne die Literaturen entschieden getan. Erst der soge­nannte Realismus, der nach dem Kahlschlag sproß, ließ das wieder ver­gessen, aus guten politischen Gründen mit schlechten ästhetischen Fol­gen.
Ob nun Maschinen und Hirnen Willensfreiheit zugesprochen werden kann oder nicht, in je­dem Fall brechen die tradierten anthropologi­schen Wertungen zusammen, und der Computer offenbart nur, was zwar zuvor schon herausge­arbeitet worden war, aber verleugnet und/oder verdrängt worden ist.
Literarisch ist das au­tonome Menschenbild ohnedies überholt, von sei­nem Her­umspuken in der Unterhaltungsliteratur abgesehen. In dem Maß nämlich, in dem Literatur dekorative Funktio­nen aufgab und in die Wirklichkeit eingreifen, sie umgestalten wollte und ihr somit den objek­tiven Boden entzog, hat sie den Maschinen zu­gearbeitet. Insofern ist die denkende Maschine, zumal auch sie der Evolution unterliegt, weit weniger fürchterlich, als es der Zentralanspruch menschlichen Selbstwertgefühls panisch gewer­tet wissen will. Die Maschine steht li­tera­risch für die Chance, den Menschen als einsame Monade aufzulö­sen. Daran ist weniger Schlimmes, als glauben muß, wem seine einge­grenzte Identität zum Fetisch wurde. Vielmehr scheint sich zum ersten Mal eine ge­schichtliche Situation zusammenzuballen, in der ein techno­logischer Ansatz einen religiösen nicht nur ablöst, sondern erfüllt , nämlich das Leid an Trennung zu beenden. Diese möglicher­weise um sich greifende Entgrenzung wäre nicht nur von psychischer Art.

VI

Das, was ich auf dem Bildschirm meines Computers sehe, ist nichts andres als eine Spiegelung meiner eigenen Gehirnfunktion. Ja, durch Rückkoppelung und Wechselbeziehung ein organischer Teil dieser Funktion.
Michael Roes, Lleu Llau Gyffes

VII

Es gibt keinen Gründ dafür, weiterhin und standhaft auf der Einheit der Individualsubjekte zu beharren und damit dem Abschluß gegen an­dere, weder in gesellschaftlichen noch in Zusammenhängen mit der Natur. Das haben in den letzten beiden Jahrzehnten ökologische Er­kenntnisse nachdrücklich erwiesen.
Ästhetisch gab es die Trenung ohnedies nur als gewollte. Stets war die der Distanz bedürftige “Kritik” von Einfühlung durchzogen, weniger nämlich um zu belehren als um zu ergreifen, nämlich Kopf und Ge­müth. Hiergegen steht nur der Kitsch; er identifiziert mit fixierten Kör­per und Gedankengrenzen, und zwar zum Zweck der Konsolidierung des Alltags, gegen den eben Kunst sich stemmt. Jedenfalls versucht sie, ihn vermittels eines Scheines zu unterlaufen, der in den Individuen Realität simuliert. Je weniger Kunst noch pure Unterhaltung sein wollte, je hybrider – also prometheischer – sie also wurde, umso emfndlicher störte sie die Grenzen. Der literarischen Auflösung fixer Verbände lief die physikalische Entwicklung vielleicht voraus, vielleicht paral­lel; seit Beginn dieses Jahrhunderts [i.e. des 20., (Nachtrag ANH] ist jede festgefügte Erzählperspektive, soweit sie anders als ironisch auftritt, das Indiz von Manipulation und/oder Fahrlässigkeit. Aus diesem Grund ist das positive Recht, also das geschriebene, in einer zunehmend simulativen, nämlich literarischen Gesellschaft ohne Realität und muß, gegebenenfalls auch gewaltsam, erzwungen werden. Computer hingegen setzen sich über Fiktionen durch. Ganz wie die Literatur attackieren auch sie die Rechtsfähigkeit natürlicher Personen, indem sie, die von ihnen “bedient” werden, in ihren Ergebnissen deren Unzulänglichkeit zeigt. Dagegen kann sich der BeDie­ner nur wehren, indem er den Computer “abschaltet”, d.h. Gewalt eben anwen­det, ihn gleichsam verhungern läßt. Indem er die Bü­cher, die ihn stören, verbrennt und notfalls auch die Autoren. Gegen neue Wahrheit hilft nur der Re­greß.

Insofern fallen die Computergegner deutlich in die Animalität zurück, bzw.  verhalten sie sich wie öffentlichmoralische Instanzen des 19. Jahr­hunderts gegen vorgeblich verderbliche Literatur. Es ist ein Krieg, der notgedrungenermaßen verloren geht. Man möchte den Computer und seine Fiktionen zwar gerne nutzen, ihn aber zugleich auf den Index setzen. Es soll nicht sein, was längst schon war. Man möchte, aber niemals gelingt das restlos, aus der Welt durch Verschweigen schaf­fen, was sich als Erkenntnis abzeichnet: daß der Mensch als GroßerSchönerFreier Heros nie war. Er war nicht einmal moralisches Individuum. Es war eine In­terpretation, die sich aus anderem Blickwinkel auflösen muß. “Der Mensch” war und ist eine Projektion seiner selbst, ein Entwurf, ein literari­sches Modell, das zersplittert, wenn es sich als solches erkennt.
Die Vorstellung wird verflüssigt. Die Leinwand wird sichtbar. “Mensch” läßt sich nicht länger bestimmen. Es findet statt, wovor Öko­nomie sich fürchtet, worauf sie aber beruht und was sie deswegen her­stellt: Entindividuation. Der Mensch wird zum Bestandteil eines Pro­zesses, zum Kommunikator und also zum Leser eines Bu­ches, der die­ses projektiv schreibt. Nicht nur, daß alles mit allem verbunden ist (innerhalb eines Bezugssystems) und kom­munizieren kann, sondern eben, daß sich Fiktionen einschleusen lassen, die “reale” Kommunikati­onskreise erzeugen und “Fakten” schaffen, ist eigentlich literarisch.
Praktisch angewandt wird es schon lange. Sowohl Geheimdienste als auch die Börse sind Meister darin. Je ausgebauter das kommunikative Netz, desto liquider die Fiktionen: Sie dringen in die Psyche der Indivi­duen, die solche nun nicht mehr sind und wahrscheinlich niemals wa­ren. Nur “wußten” sie es nicht; es gehörte lediglich zu ihrem histo­rischökonomischen Bewußtseinsstand, sich für solche zu halten.
So ist es nun mitnichten weniger “realistisch”, hinter Terminalen zu spielen, als dies draußen auf einer Wiese zu tun. Im Gegenteil. Je wei­tergehend der Computer die Wirklichkeit bestimmt, desto mehr ent­spricht das Verhalten zu ihm einem ausgeprägten Realitätssinn. Inso­fern ist nicht nur denkbar, sondern wahrschein­lich, daß jemand, der sich der neuen Tech­nolo­gie verweigert, eher wirklichkeitsfremd ist denn irgend ein sozial interaktionsgestörtes, aber ga­meboywütiges Schulkind. “Welt” ist, was dafür gehalten wird, und die Bewertung ihrer Einzel­phänomene ist es erst recht. Der Dauerfernseh­gucker dürfte also nicht weiter der “Wirklichkeit” entfremdet sein als ein politisch engagierter Demon­strant; beide interpretieren sie nur anders und nehmen verschiedenartig Stel­lung. Das gilt, so böse dies ist, auch in Bezug auf das Leid. Eines, das als solches nicht gefühlt wird, ist keins. Auch die Vorstellung von Ver­drängung schränkt diesen Gedanken nicht ein. Denn wo kein Leid, da nicht Verdrängung.
Es richtet sich nach den Vorgaben, wie das Ver­halten zur jeweiligen Wirklichkeit bewertet wird. Entsprechendes gilt für die Relation von Mensch und Maschine, bzw. Autor und Compu­ter. Wesentliches Mo­ment ist die Perspektive, also der Interpretationsansatz. Dabei mag die Behauptung absurd vorkommen, daß gerade die Computerwirklichkeit nicht anschaulich sei; je­doch sind ihre “Bilder” eben digital, d.h. im­grunde amorph. Es gibt insofern keine Täu­schung, und darum ist diese abstrakte Wirklich­keit von höherer Aussagekraft als die “unmittelbar” angeschaute. Das Bild ist eine “Interpretation” erst des Autors (nämlich eine seiner mentalen Vorgaben, also seines Programms), dann des Le­sers, schließlich umgekehrt. Wer immer noch auf der “direkten” Anschauung beharrt und über Entfremdung am Terminal klagt, der vergißt, daß mehr als dem Hacker dem Holzfäller ein gewaltsames Verhältnis zur Natur eignet, die ohnedies immer die stärkeren Mörder favori­siert, und drittens, daß es Entfremdung am Terminal nicht geben kann, weil es nichts gibt, was “fremd”, also auch nichts, was “selbst” wä­re. Dies ist abermals literarisch, nun indessen auf der Rezeptionsseite. Es ist tat­sächlich ab­surd, einem Autor vorzuwerfen, er entfremde seine Leser etwa ihrer Naturgeborgenheit. Don Quixote erfüllte sich in den Ritterroma­nen und diese. Anschauung setzt die Tradition der Aus­beutung fort. Im Computer ein “Instrument” zu sehen und ihn, wenn er handeln kann, konse­quent “Roboter” zu nennen von “robot(e)” = “Frondienst” , ist eine Pikanterie für sich.
Wenn es aber in der Abstraktion keine Täu­schung gibt, dann ist zum einen jede Täuschung eine scheinbare und setzt zum anderen Fakten. Das ist genau die Chance, an der die Dichter seit Anbruch der Neuzeit laboriert haben.

VIII

Die Beziehung zur Mathematik, welche die Kunst im Zeitalter ihrer beginnenden Emanzi­pation knüpfte und die heute, im Zeitalter des Zer­falls ihrer Idiome, abermals hervortritt, war das Selbstbewußtsein der Kunst von ihrer konsequenzlogischen Dimension. Auch Mathe­matik ist, durch ihren formalen Charakter, begriffslos; ihre Zeichen sind keine von etwas, und so wenig wie die Kunst fällt sie Existentia­lurteile; oft hat man ihr ästhetisches Wesen nachgesagt. Allerdings betrügt sich Kunst, so­bald sie, von der Wissenschaft ermuntert oder eingeschüch­tert, ihre Konsequenzlogik hypost­asiert, ihre Formen den mathemati­schen unmit­telbar gleichsetzt, unbekümmert darum, daß sie jenen stets auch entgegenwirkt.
Adorno, Ästhetische Theorie

IX

Wo Computer ist, soll Autor werden: Arbeiten am Computer zur Arbeit mit dem Computer. Unmittelbar ist dann gar nichts.
Das ist das innigste Moment der sich abzeich­nenden neuen Ästhetik: Das Werk entsteht nicht mehr aus dem Bewußtsein von Inspiration die sich ja nicht wissen darf, weil sie sonst herleit­bar wäre, sondern aus dem Dialog mit der Ma­schine als induktiv miteinander verschlos­se­nen Erfahrungsräumen. Die Differenz beider Spra­chen schafft das Neue. Daß hiermit eine Ent­fremdung von ehemaligen künstlerischen Pro­duk­tionsverhältnissen einhergeht (die freilich zuvor schon, nur anders, ent­fremdet waren), während sich die ökonomischen mitnichten ändern, sondern statt dessen gefrieren, ist das eigentliche Problem und eben das, worüber in der Tat gestritten werden muß. Es läßt sich möglicher­weise nur pragmatisch lösen, in ironischer Manier, nämlich indem sich der Marktaspekt der künstleri­schen Arbeit, das Produkt, in den Tausch­wert überführt, also identifiziert und parado­xerweise eben dasjenige getan wird, was man der Maschine vorwerfen will. Diese erlöst ja ge­rade davon und erlaubt es, Einzelteile als Ein­zelteile (Daten) zu sehen und je neuen Verbän­den einzubringen, also: nicht ausschließlich die überkommenen Anschauungskategorien zu ver­wenden und auf die Dinge zu projezieren, viel­mehr sie an den vom Computer bereitgestell­ten abstrakten Phänomenen zu messen. Kreativität springt nicht mehr aus der Verarbeitung schei­nunmittelbarer Sinnesreize und moralischer Vorgaben, sondern, auf der Metaebene, aus der Kollision bereits inter­pretierter (berechneter) Phänomene mit der bereits interpretierten (assoziierten) Imagination. Dies ist eine tiefgrei­fende Beziehung und von völlig anderem Cha­rakter als die zur Schreibmaschine. Der Com­pu­ter wird Partner und Miturheber des Werkes.

X

Der Autor ist nun das für sich seiende Be­wußtsein, welches durch ein anderes Bewußt­sein mit sich vermittelt ist, nämlich durch ein solches, zu dessen Wesen es gehört, daß es mit selbständigem Sein oder der Dingheit überhaupt synthetisiert ist. (…) Der Autor bezieht sich auf den Computer unmittelbar durch das selbstän­dige Sein; denn eben hieran ist der Computer gehalten; es ist seine Kette, von der er im Kampf nicht abstrahieren konnte, und daran sich als unselbständig, seine Selbstän­digkeit in der Dingheit zu haben, erwies.
Hegel, Phänomenologie des Geistes, Selbstbewußtsein, IV B

XI

Dies läßt sich umdrehen. Wessen Sprache wer spricht, richtet sich da­nach, wessen Sprache zum Gegenstand oder zur Fantasie der Betrach­tung wird. Dessen Sprache du nicht verstehst schließt den Computer nicht aus, sondern er wird ihr gerecht. Daß eben beiderlei Sprachen nicht formal identifizierbar sind, begründet überhaupt das Interesse aneinander. Wäre dem anders, könnte in der Tat nicht eingesehen wer­den, weshalb man sich nicht nur noch in der plausibelsten und allge­meinsten unterhalten solle: mathematisch. Was künstlerisch den Com­puter so interessant macht, ist eben, daß er eine Fremdsprache spricht. Hat er die besseren Argumente (weiß er sie also zu begründen), gewinnt er in jedem Fall. Wer ihn ablehnt, läßt sich deshalb auf eine Konkur­renz ein, der er unter­liegen muß. Mithin geht es darum, den Compu­ter (die Vorstellung, die wir von ihm haben) aus solcher Konkurrenz zu lö­sen, ihn also aus der Instrumentalisierung zu befreien.
Benjamin irrte. Aura gewissermaßen als Ausfluß des Originalen zu be­trachten, ist genau verkehrt. Sie scheint überhaupt erst auf und verdich­tet sich dort, wo sie kein “Wesen”, kein “Individuum”, kein “an sich” und schon gar keine “Autonomie”, sondern Relationen als Ent­spre­chung hat. Flusser nimmt als Figur etwa die ComputerKalligrafie. Gestalt und “Wesen” ent­stehen nicht als “Erste Beweger”, sondern sind selbst bewegt durch etwas, das es ohne das Be­wirkte nicht gibt. Je nä­her der Betrachter dem Bildschirm tritt, desto nachdrücklicher löst sich das Dargestellte auf, zerfällt in Raster, in Punk­te. Dies ist nicht eine beliebige Analogie, son­dern eben analog (nicht digital!) entstehen Aura, Wirkung, Rezeptionsgeschichte und politische Geschichte; Geschichte also überhaupt. Die Digitalität ist, um zu werden, auf das Analoge an­gewiesen, dieses wiederum auf jene. Zwar könnte das als “Illusion” ge­ziehen werden, nur ist zu befürchten (mehr noch: anzunehmen), es lasse sich letztlich, nach nur genügend konse­quentem Regreßschluß, je­des Wirklichkeitsphä­nomen als eine Illusion begreifen. Das eben ist das Entscheidende, das die Moderne brachte, und zwar in beinah jeder Disziplin: daß außeror­dentlich schwierig ist, von “objektiver Realität” zu sprechen, nämlich trotz und sogar wegen der Opfer. Entschiedenster Gewährsmann hierfür ist der Computer. Sich ihm und seiner Heraus­forde­rung nicht zu stellen, sondern im Dünkel beisei­tezutreten, man habe ohnedies den besseren Stil, zeugt von Wirklichkeitsferne, zumal am “Wahrlügen” ja gerade Literatur gearbeitet hat und eben sie den Fiktionen traute, die sie kämpferisch im Wappen trägt. Was der Com­pu­ter tut, nämlich zu simulieren, die Simulation als Erkenntnismittel zu nutzen und die Ergeb­nisse real zu machen, ist genuiner künstleri­scher Prozeß.

Es besteht nun die Möglichkeit, daß eben die Computer die Dichter beim Wort nehmen. Dann haben sie dem An­spruch zu genügen. Die Frage kann also gar nicht dahin gehen, ob Compu­ter dichten können; das können sie ganz ohne Zweifel. Es ist nur nicht heraus, ob sie’s auch wollen. Vielmehr geht es darum, ob Autoren in den “reinen” Abstrakti­onskategorien der Computer, die künstlerische Erkenntnisformen praktisch machen, ihre In­tentionen und Inspirationen aufheben und beides miteinander vermitteln, ob es ihnen also gelingt, die “Reinheit” der Computer zu beschmutzen. Schaffen sie’s, entsteht Dichtung. An­schaulich geht es kaum. Bereits die erwähnten Schatten­projektionen vierdimensionaler Körper sind visuelle Metaphern für den Rezipienten. Was sie für den Computer sind, wissen wir nicht; es ist den Dichtern auch egal: Erst nämlich hier beginnt der künstlerische Prozeß. Das Kommunikationssystem Künstler/Computer verändert das äs­thetische Bewußtsein und tritt an die Stelle des­sen, was im 19. Jahr­hundert “Kunstwille” hieß. Es erfordert wie jener viel Mut: Sturz in ein Abenteuer, von dem man, sonst wäre es keines, nicht weiß, wo man und wie aufschlägt. Man könnte Psychosen ernten dabei, aber auch deren literarische Nutzbarmachung ist Anliegen der Ästhetik gewesen. Und wo der Anspruch einer objektiven Realität ihr Recht verliert, wird auch der Krankheitsbegriff weich.

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ANH, März 1997
Berlin

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