Briefe nach Triest, 52. Neuschriften (3). Mit einer Vorbemerkung: Aus dem dreiunddreißigsten Brief.

[Arbeitswohnung, 11.05 Uhr
Gubaidulina, Bratschenkonzert]

Das, Freundin, nach diesen sieben Jahren schwerst zu lösende Problem meiner Arbeitswiederaufnahme des Triestbriefromans besteht darin, daß es mir unmöglich ist, einfach so wie vorher weiterzuschreiben, während gleichzeitig dieses Kriegsmorden  brandet; stets habe ich meine Arbeit auch als eine Zeitmitschrift verstanden: Ohne das Völkermorden auf dem Balkan hätte es “Thetis” nie gegeben, jedenfalls nicht so, wie der Roman heute ist. Anders kann ich es auch mit dem brutalen Stellungsschlachten, einem tatsächlich Völkervernichtungszug, nicht halten[1]Genauso muß auch Corona ihren Platz in den neuen Briefen finden, auch sie uns sommerhalber grad mal etwas in Ruhe läßt.… auf gar keinen Fall. Im folgenden eine Passage, in der ich es schon mal versucht habe und aus der vielleicht ein wenig deutlich wird, wie notwendig ich das Motiv als texttragend einkonstruieren will:

[Aus dem dreiunddreißigsten Brief:]

(…)

Nicht nur ich, Du Elbe, habe das Geheimnis gespürt, das aus dieser entfernt an denSchwanendreher‟ erinnernden Musik weht, die auch tatsächlich eines der Motive Hindemiths zur Grundlage nimmt, nämlich die beiden im zweiten Satz des Stücks in Klänge gesetzten Verse des Volksliedes Nun laube, Lindlein, laube1, was anfangs aber eher in der berückenden Manier Gubaidulinas verarbeitet wird, in die dann pervers so etwas wie Schnittkes sogenannte Polystilistik hineinknallt, die sich zu einem brachialen frühpenderckischen Cluster sozusagen ausflacht, doch aufgebläht zu ungeheurem Lärm. Dennoch spielt die Bratsche mittendrin rasend virtuose Läufe, die bloß kein Mensch mehr hören kann, rein akustisch, meine ich. Die Zimmermann muß auf dem Podium wie die besessene Bratschistin in einem Stummfilm ausgesehen haben, dessen Begleitung aus einem puren Getöse besteht, anstelle vom Klavier zu kommen. Denn nicht nur das eigentlich kleine Ensemble veranstaltet den Krach – es soll im fortissimo ad lib. gespielt werden, und zwar in stark schwankenden Tonhöhen –, vielmehr wurden über Lautsprecher Baustellen- und Verkehrsgeräusche ins Festspielhaus noch hinzuübertragen und aber auch Maschinengewehrsalven, Kanonendonner, Bombeneinschlagskrachen sowie Schreie über Schreie knapp vier Jahre vor diesem unseligen Krieg, der es nämlich ebenfalls sein kann, was Lars mich Dir jetzt wieder schreiben läßt. Er hat es nicht gesagt, nein, wie sollte er? Aber ich kann mir nichts anderes denken, der ich doch selber solch eine Angst vor allem um meine Zwillinge habe. Wie hätte da er gleich nach des bleichen Lurches, wie Bersarin Hartmann ihn nennt, erster Nukleardrohung nicht um Dich fürchten müssen, das ihm, von Larssohn abgesehen, Allernahste? Ich habe nicht den geringsten Zweifel, daß, sollte Rußland diesen entsetzlichen Feldzug verlieren und sich nicht nur zurückziehen müssen, sondern sich nun seinerseits unterlegen angegriffen fühlen, sein Nukleararsenal in Stellung und zum Einsatz bringen wird. Dann wäre das Land zwar immer noch verloren, wir wären’s aber auch und mit uns alles andere. Also liegt es doch nahe, daß Lars durch mich den Kontakt wieder aufnimmt oder es zumindest versucht, und sei es nur, um Dich vor unser aller Ende vielleicht doch noch einmal zu sehen. Selbst, wenn nur ich es wäre, der Dich sähe. Denn wirklich, ich hab jetzt sofort mit dem Gedanken gespielt, nach Triest zu reisen, was ich ja sowieso vorhatte, erinnere Dich, Lars’ens dreißigster Brief[2]Der Link führt auf die erste, nicht die überarbeitete Fassung dieses Briefes, nur daß es nun nicht „im März‟ sein wird, der liegt ja Jahre hinter uns, sondern wahrscheinlich der kommende September. Wenn dies hier ein Roman werden soll, muß ich die Handlungsorte wirklich sehen. Du kennst doch meine Arbeitsweise, wenn Du mich hast sogar doch übersetzen wollen. Hat Lars mich damals angeschwindelt? Unwichtig, übelnehmen könnte ich’s ihm eh nicht mehr.

(…)

1 „nicht länger ich’s ertrag,/ … / hab gar ein traurig Tag.‟

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References

References
1 Genauso muß auch Corona ihren Platz in den neuen Briefen finden, auch sie uns sommerhalber grad mal etwas in Ruhe läßt.
2 Der Link führt auf die erste, nicht die überarbeitete Fassung dieses Briefes

In den Zeiten Covid-19s
Alban Nikolai Herbst spricht
Ein Gedicht für jeden Tag
Zweihundertzehnter bis zweihundertfünfzehnter Tag.
Vierte Serie, zehnter Tag:
Das bleibende Thier

|| Zehnte Bamberger Elegie ||

 

 

Alban Nikolai Herbst
Das bleibende Thier
Bamberger Elegien
Elfenbein Verlag
ISBN: 978-3-941184-10-7

In den Zeiten Covid-19s
Alban Nikolai Herbst spricht
Ein Gedicht für jeden Tag
Fünfundachtzigster bis zweiundneunzigster Tag.
Zweite Serie, Neunundsechzigster bis Sechsundsiebzigster Tag:
Der Engel Ordnungen

|| “Soldaten”
Variationen auf ein Thema von Giuseppe Ungaretti ||

 

 

 

 

Alban Nikolai Herbst
Der Engel Odnungen
Gedichte
ISBN: 3866380070

In den Zeiten Covid-19s
Alban Nikolai Herbst spricht
Ein Gedicht für jeden Tag
Sechsundsechzigster Tag.
Zweite Serie, Fünfzigster Tag:
Der Engel Ordnungen

|| “Erwachsenes Herbstsonett” ||

 

 

 

 

Alban Nikolai Herbst
Der Engel Odnungen
Gedichte
ISBN: 3866380070

Angst ODER Matzneff und die Folgen, die Ursachen wie Zwecke sind. Als Arbeitsjournal des Donnerstags, den 23. Januar 2020.

[Arbeitswohnung, 7.55 Uhr
Tschaikowski, Erstes Streichquartett]

Es ist, derart viel Tschaikowski zu hören (und dabei unerwartete Entdeckungen zu machen, etwa seine wunderschöne Iolanta), wie eine Rückkehr in meine Jugend. Unterdessen habe ich auch seinen Onegin “begriffen”, was einiger Anläufe bedurfte, aber, wie ich Parallalie schrieb, hatte ich das Gefühl, sie → Nabokov schuldig zu sein. (Dazu heute morgen ein → ich-weiß-nicht-ob-Zitat, das mich unmittelbar berührte). Meiner Lektorin wiederum schrieb ich, die gerade hinreißend Woolf/Neuwirths Orlando → rezensiert hat, wie langsam, zähen Vers für Vers, ich mit dem nächsten Béartgedicht vorankomme, kaum also, weil ich versuchte,

über die Marienfiguren, namentlich Michelangelos, die unio mystica gleichsam pantheistisch zurück auf die Erde zu ziehen und d i e s e unio (…) zu besingen. (…) Dazu dann spannenderweise Sure 19: Dort erscheint der verkündende Engel nicht als solcher, sondern als “wohlgestalteter Mann”, mit dem sie sich (tolles Bild) “an einen fernen Ort” zurückzieht”, und beide “erkennen einander”. Im folgenden Vers ist sie bereits schwanger.
Damit dann die sogenannte Tempelprostitution verbinden (…). D a s jetzt alles in ein Gedicht hineinbekommen, aber b i l d h a f t, ohne lehrhaften Exkurs, hat’s in sich.
Und die Nabokovlesen-Reihe tat und tut ein übriges, das Voranschreiten meiner Arbeit zu behindern, allerdings auf hinreißend-mitreißende, zeitweise berauschende Art.

 

Jetzt liegen, zur Madonna, wieder die alten mythologischen Bücher auf meinem Schreibtisch. Auch in der Legenda Aurea will ich nachschauen, die seit → Frank Witzels “RAF”-Buch zu meinem Handwerkzeug gehört. Und zwischendurch, um zu Tschaikowski zeitweise Distanz zu gewinnen, mal wieder Richard Wagner vorgeholt, dessen Kompositionen ungleich raffinierter sind, und komplexer sowieso. Begonnen mit dem Tannhäuser, dem ich noch folgte, auch wenn mich die Verneinung des Venusberges, eine Verleugnung, ärgerte, brach ich den Parsifal dann aber ab: Zu verlogen diese “christliche” Absage an den Körper, als daß mich der berauschende Klang hätte noch halten können, dem ich so viele Jahre angehangen habe, nein, von dem ich mich nicht lösen konnte, noch daß ich’s wollte. Der Bruch, bekanntlich, fand → da statt. Ich habe ihn niemals wieder kitten können. Es ist diese grobe, primitive vorgeblich-Männlichkeit, die auf der anderen Seite ihre Misogynie derart weinerlich geriert, daß ich nur kotzen könnte – schon deshalb, weil sie “der” Gender-Bewegung recht zu geben scheint, die ich als bedrohlich erlebe: nicht nur für mich selbst, viel mehr für unser Menschsein an sich … – und für die Freiheit.
Dies beschäftigt mich derzeit am meisten. Neu ist dabei, daß ich A n g s t habe, Angst, gewisse Sachverhalte öffentlich zu nennen, weil, wer es dennoch tut, sofort zum Underdog gemacht oder als solcher bestätigt wird. Die “Diskussion” ist derart ideologisch, zumal als Mainstream. Das macht die behaupteten Sachverhalte objektiv unwidersprechbar. Wir dürfen zwar noch “sagen”, verlieren aber, tun wir’s, jegliche Anerkennung, geraten außerdem in Umfelder, die zu bedienen uns komplett fernliegt, und werden schließlich an der ökonomischen Existenz bedroht — dieser, weil die Hintergründe ökonomisch sind, auch wenn es niemand sieht oder sehen will. Meine gegen den (Mainstram-)Pop, also gegen künstlerische Simplifizierung, gerichtete Haltung bestätigt ihren Grund.
Die Ablehnung einer quasi im Auftrag geschriebenen so scharfen wie aus rhetorischen Gründen zynischen Polemik kam hinzu und traf mich schwer. Über die Begründung dieses “Nein”s darf ich nichts schreiben, weil sie in einem, so sieht es der Verfasser, an mich privat gerichteten Brief steht; sie ist insofern mit einer Maulsperre verbunden worden, die ich zwar ignorieren könnte, aber nicht will. Was eben mir solche Angst macht. Niemals zuvor hatte ich eine Schere im Kopf. Jetzt hin ich soweit, daß ich – sagen wir: heikle – Texte erst an Freundinnen und Freunde schicke, bevor ich sie veröffentliche, auch solche für Die Dschungel. Ich habe das dringende Bedürfnis, mich abzusichern: “Darf” man dieses und jenes vielleicht wirklich nicht schreiben?
Mir setzt das ziemlich zu.
Etwa der → “Fall Matzneff”, den ich nicht insofern erschreckend finde, als die von Frau Springora erhobenen Vorwürfe möglicherweise berechtigt sind (auch wenn ich zweifle – und zwar aufgrund ihrer eigenen Aussage, sie habe sich von dem deutlich älteren Mann erst gelöst, als sie gemerkt habe, daß er die Mädchen wie Blumen am Wegesrand pflücke; mithin geht es nicht unbedingt um einen Mißbrauch, sondern um eine erlittene narzisstische Kränkung); nicht also um den eigentlichen Grund ist es mir hier zu tun, sondern darum, mit welcher geradezu masoschistischen Freude (gleichsam einer in triumphierende Affirmation umschlagenden “Hysterie”) die Journaille darüber jubelt, daß endlich mit der intellektuellen französischen “Libertinage” Schluß gemacht werde – anstelle daß begriffen wird, wie gefährlich sich derart selbstfeist in der eigenen moralischen Überhebung suhlende Einlassungen sind. Zumal wir wissen, daß es sich bei Pädophilie um einer Neigung handelt, für die die Betroffenen gar nichts können, der sie auch nicht entgehen können; sie können sich nur bemühen, sie nicht zu realisieren. Plötzlich haben wir wieder geborene Verbrecher. Dazu kommt die Unschärfe des Begriffs: Wer ist denn noch “Kind”, und wer ist es nicht? Doch alleine darüber öffentlich zu diskutieren, macht einen, auch eine Folge von #metoo, schon zum quasi Mitschuldigen. Dieses derzeitige und, fürchte ich, immer totaler werdende Klima ist insgesamt ein Zusammenhang, fast schon Matrix selber. Nicht Anstrengung des Begriffs mehr, sondern Wortverbot. Die Gedanken bleiben frei, klar; nur sagen darf man sie nicht.
Ich, der ich pädophile Neigungen niemals hegte (ich hatte oft sehr viel jüngere Frauen, niemals aber “Kinder”, nicht einmal, um mit Nabokov zu sprechen “Nymphen” – außer, als ich selbst noch Jugendlicher war), – ich also muß genau dies mindestens versichern, bevor ich über die Sachverhalte schreibe. Womit aber durchaus nicht gesagt ist, mir werde auch geglaubt. Darum deutlich: “Meine” Frauen, alle, hatten Mösen, die bei Erregung anschwollen wie überreife Feigen, die schon platzen, und der schwere Saft spritzt heraus. Fordernde, unnachgebig ins Grenzenlose sich verströmende Personen, denen man(n) gewachsen sein muß und ich durchaus nicht immer war. Solche sind nun wirklich nicht “nymphisch”.
Des weiteren ist mir, was ich über Matzneff bislang gelesen habe (ohne freilich auf Anhieb überprüfen zu können, ob es auch stimmt), höchst unangenehm; ich mag den Mann also nicht. Dennoch muß ich über “Pädophilie” öffentlich nachdenken können und zu ihr auch eine Meinung argumentieren dürfen, die nicht der allgemeinen entspricht. Genau das gerät momentan nicht nur in Gefahr, sondern ist es längst. Genauso “Gender” als vermeintliche, ausschließlich, soziale Konstruktion. Jeder einfach nur biologische Einwand wird sofort als “biologistisch” denunziert, als wäre er damit faktisch erledigt. Wie wohltuend deshalb, daß ich gestern das dort fand, von einer Frau, die in vielem vermutlich anderer Meinung ist als ich, aber klar und mit überdies hinreißenden Formulierungen d e n k t. Auf dieser Grundlage läßt es sich sprechen, mit Ideologien aber nicht. Wer von uns “recht hat”, das ist ohnedies in ständigem Fluß. Normative Aussagen, zumal in Gesetze gegossen, lassen sich bleibend nicht treffen oder werden Unrecht.
Meinen kleinen, gestern entstandenen Text zur “Pädophilie” werde ich aber trotz meiner Angst einstellen, heute nachmittag wahrscheinlich, nachdem ich gestern zwiefach über ihn diskutiert habe, sowohl mit meinem Arco-Verleger als auch mit Phyllis Kiehl, auf → deren einst so belebtem Tainted Talents der letzte, ein aber spannender, Eintrag, leider schon vom 7. Dezember stammt, also über anderthalb Monate alt ist.
Ein weiteres, liebste Freundin, noch. Eigentlich sollte ich es als Paralipomenon formulieren und werd es vielleicht auch noch tun:

 

Freiheit bedeutet immer, Risiken inkauf zu nehmen. Je mehr Risiken ich ausschließe, desto geringer wird sie. Ist alles gesetzlich geregelt, gibt es keine mehr, g a r keine.
Wer will so allen Ernstes leben?

 

Andererseits ist, die Verbote zu übertreten, ein b e s o n d e r e r Ausdruck von Freiheit; das damit verbundene Risiko macht sie wieder größer als im Zustand des Anythinggoes.

 

Ihr ANH
Tschaikowski, Drittes Streichquartett
 
Nachtrag, 16.45 Uhr:
Siehe auch → dort. Nicht in allem bin ich mit 
Žižek einig, aber darum geht es eben auch gar nicht, sondern darum, ein begründetes Unbehagen zu formulieren, dem er den Begriff einer gespürten revange, also “Rache”, gibt, die als quasi Kollateralschäden auch diejenigen trifft, die alleine ihres Geschlechtes wegen desavouiert werden und weil sie sich einer verlangten Gesinnung nicht fügen. (Daß der Begriff “Rache” angemessen ist, bezweifle ich allerdings, weil er ein bewußtes Schadenwollen auch Schuldloser voraussetzt, wovon man bein den meisten Frauen nicht ausgehen kann, deren Wehrinstrument #meetoo war und ist.)

EXKURS I
Nabokovs Eichhörnchen
Von Andreas Steffens

Zu den Folgen ihrer Zivilisierung durch den Menschen gehört, daß die Welt den Tieren immer weniger bietet, dessen sie als Natur für ihr Dasein in ihr benötigen. Das zwingt den Menschen dazu, ihnen zu geben, was sie in seiner Welt nicht mehr umstandslos auf die ihnen angestammte Weise finden.

Unvermutet – denn menschliche Verzweiflung mündet selten in große Wahrheiten – schien er im Begriff, eine höchst einfache Erklärung des Weltalls zu finden, als er von einer dringenden Bitte unterbrochen wurde. Ein Eichhörnchen unter einem Baum hatte ihn kommen sehen. Mit einem einzigen geschmeidigen Satz erklomm das kluge Tierchen den Rand des Trinkbrunnens und streckte dem näherkommenden Pnin sein ovales Köpfchen mit geblähten Backen und einem reichlich derben Rachengeräusch entgegen. Pnin begriff und nach einigem Fummeln fand er einen Knopf, auf den man drücken mußte. Ihn verächtlich beäugend, begann das durstige Nagetier den kurzen, schäumenden Wasserstrahl zu kosten und labte sich ausgiebig. „Vielleicht hat es Fieber“, dachte Pnin und weinte still und ausgiebig, während er die Verrichtung betätigte und den unfreundlich musternden Blick zu meiden suchte. Nachdem sein Durst gelöscht war, machte sich das Eichhörnchen ohne die geringste Dankesbezeugung davon. Der Wasservater setzte seinen Weg fort, bis der Pfad zu Ende war, und bog in eine Seitenstraße ein, wo er eine kleine Bar im Blockhausstil mit granatroten Fensterscheiben betrat
Vladimir Nabakov, Pnin, S. 63

Die grandios beiläufige Szene markiert den Wendepunkt der Kulturgeschichte, an dem die zivilisatorische Selbst- und Weltverfehlung des Menschlichen in ihre anthropogene Ausgangslage zurückschlägt.
Der Mensch verringert die Natürlichkeit des Tieres, indem er seine eigene hemmungslos auslebt. Nun muß er dem Tier mit den Mitteln seiner Zivilisation verschaffen, was die von ihr zerstörte Natur ihm nicht mehr gewährleistet. Wenn es eine Pflicht zur Rettung der Welt als Natur gibt, dann ist sie darin begründet. Indem der Mensch lebt, bedroht und vernichtet er mit dem anderen Leben, das er vertreibt, was sein eigenes trägt.
Im Zuge dieser Reduktion der Natur auf die menschlichen Bedürfnisse nimmt das Tier menschliche Züge an: Verachtung, Bosheit, Herrschsucht. Die eigene Entnatürlichung des Menschen im Prozeß der Zivilisation zwingt das Tier zur Menschwerdung. Nachdem der Mensch sich damit abgefunden hat, auch nur ein anderes Tier zu sein, beginnt das inmitten seiner künstlichen Weltordnung lebende Tier, zu einem anderen Menschen zu werden. Das Wuchern der Städte zu Megalopolen zwingt es, aus seinen verschwindenden Lebensräumen in die Zentren des Menschenlebens einzuwandern, und seine Nahrung als Abfall seiner Lebensführung zu suchen: Füchse streifen durch die Grünzonen der Siedlungen, Bären schauen über durchwühlte Mülltonnen in Küchenfenster.

Kafka hat diese Tendenz in seiner doppelten Umkehrung der Evolutionsbewegung um ein Jahrhundert vorausbezeichnet. Wenn es eine Menschwerdung des Tieres gab – Rotpeter im »Bericht an eine Akademie« – dann muß es auch eine Tierwerdung des Menschen geben – Gregor Samsa in der »Verwandlung« –, und umgekehrt. Das menschlich gewordene Tier zwingt das Tier gebliebene Tier, sich menschlich zu verhalten: als Herr seiner Bedürfnisse. Die Evolution kehrt in der Phase der selbstgesteuerten zivilisatorischen Fortentwicklung ihres Produktes ›Mensch‹ durch Umkehrung ihrer Bewegung an ihren Anfang zurück. Indem er sich alles auf Erden untertan macht, macht der Mensch sich überflüssig, indem er sich beeilt, den durch die Folgen seiner Weltveränderungen entgleisenden Weltprozeß auf den Nullpunkt vor seinem Erscheinen in ihm zurückzusetzen.

In seinen Tier-Novellen hat Kafka beide Bewegungen jeweils auf der Hälfte ihres Umschlags beschrieben: ein Tier, das menschlich wird, und doch Tier bleibt; ein Mensch, der tierisch wird, und doch Mensch bleibt. In seinem großen Kommentar zur »Verwandlung« stellt Vladimir Nabokov die Verkehrung des Animalischen ins Menschliche als das eigentliche Geschehen heraus, das Gregor Samsa als Verwandlung ins Tier erlebt. Kafkas Kunst besteht darin, auf der einen Seite in Gregors Äußerem als Insekt alle traurigen Details seiner Gestalt zusammenzutragen und zugleich auf der anderen Seite Gregors fürsorgliche, einfühlsame Menschennatur dem Leser klar und lebhaft vor Augen treten zu lassen.
Wesentlich an jedem Ereignis ist nicht, was sich in ihm zuträgt, sondern wie es erfahren wird. Fühllosigkeit kann eine Katastrophe zur Beiläufigkeit herabsetzen, Überempfindlichkeit eine Kleinigkeit zur Katastrophe steigern. Weshalb kollektive Erinnerungen desselben nie dieselben sind. Die Pointe des Fabelhaften der kafkaschen Imagination besteht in ihrem nüchternen Realismus, die Verwandlung eines Zustandes zu beschreiben, der alles ändert, und den Veränderten doch läßt, was und wie er ist, während diejenigen, deren Veränderung ihn seiner Wandlung unterwarf, tatsächlich zu anderen wurden. Die animalische Selbstwahrnehmung des Verwandelten verweist auf die Verwandlung seiner unmittelbaren menschlichen Umgebung, die sie ihm als einem, der darin seinen Platz nicht mehr hat, aufzwang.

Am folgenden Morgen entdeckt die Bedienerin Gregors ausgetrocknete Leiche, woraufhin in der Insektenwelt seiner abscheulichen Familie behagliche Erleichterung eintritt. Hier ist ein aufmerksam und gründlich zu überdenkender Punkt: Gregor wird als Mensch in Insektengestalt gezeigt, und seine Angehörigen sind Insekten in Menschengestalt. Sein Tod weckt in ihren Insektenseelen plötzlich das Bewußtsein, daß sie sich nunmehr ungehindert freuen dürfen.
Nabokov, »Kommentar«, in: Franz Kafka, Die Verwandlung, Frankfurt/M 1986, 88; 103

Wie ganz anders die emotionale Reaktion der Nabokovschen Romanfigur auf die Bedürftigkeit des Eichhörnchens, das ihn voller Verachtung souverän zur Hilfsleistung zwingt. Pnins Tränenfluß ist als Regung kreatürlicher Empathie von zivilisatorischer Sentimentalität für das verhätschelte Haustier so weit entfernt wie die Tierliebe des Unmenschen, der seinesgleichen in Vernichtungslagern behandelt, als wären sie Ungeziefer, vom evolutionären Restbestand eines Verwandtschaftsempfindens zwischen Lebewesen.
Das Tier, das er mißachtet, zeigt dem Menschen, was er nicht ist, indem er im Übermaß ist, was er ist, und nur sein läßt, was ihm entspricht.

Steffens, Januar 2020
Wuppertal

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